MORRISSEY / DOLL & THE KICKS – Offenbach, Capitol (09.06.2009)

Geschätzte Lesezeit: 6 Minute(n)

Konzert: Morrissey
Ort: Capitol, Offenbach
Datum: 09.06.2009
Zuschauer: ausverkauft (vielleicht 1.200)
Dauer: Morrissey gut 75 min, Doll & The Kicks 35 min

"God bless all of us, especially me!" wünschte Morrissey und beendete damit das erste Konzert der Deutschland-Etappe seiner Years Of Refusal-Tour im wundervollen Capitol in Offenbach.

Für mich war es nach Esch-sur-Alzette das zweite Konzert des größten britischen Sängers innerhalb weniger Tage. Meine Skepsis, ob er wieder fit sein würde, hatte Morrissey in Luxemburg weggespielt. Jetzt zweifelte ich eher, ob mich die gleiche Setlist nicht langweilen würde; spätestens für mein drittes (und letztes) Konzert in Köln fürchtete ich das. Bei der bisherigen Tour hatte es wohl keine Variationen gegeben, aber mir hatte das Programm in der Rockhal in Esch hervorragend gefallen, also fuhr ich mit ordentlicher Vorfreude in den für mich neuen Saal. In Offenbach hatte ich bisher nur Konzerte in der Stadthalle gesehen, die ein, nunja, zweckmäßiger Bau ist. Das Capitol strahlt dagegen wie ein heller Stern über einer eher tristen Umgebung.

Über ein Foyer (mit italienischen Zitaten an den Wänden – ich weiß leider nicht, aus welchem Werk stammend), erreicht man einen neoklassizistischen Kuppelbau, in dem bis zu den Pogromen vom November 1938 die Synagoge Offenbachs untergebracht war.

Innen waren wir verblüfft, wie klein und gedrungen der Innenraum ist. Ein herrlicher Saal für Konzerte! Man merkt in jeder Ecke, daß der Bau Mitte der 90er Jahre als Musical-Theater genutzt worden war. Überall gibt es kleine Treppchen und irgendwelchen Schnickschnack – und es war damit genau so, wie die Bilder es versprochen hatten – der perfekte Ort für ein Morrissey Konzert! Wäre der Sänger in einem weißen Anzug aufgetreten, hätte man den Innenraum aber auch für den Ballsaal eines Kreuzfahrtschiffs halten können.

Ich tue mich schwer, Zuschauermengen zu schätzen. Zumindest der Innenraum erschien mir aber viel kleiner als das Kölner Gloria oder der Mousonturm in Frankfurt. Durch die vielen Plätze oben waren dann vermutlich doch 1.200 bis 1.500 Zuschauer da, gefühlt waren es aber höchstens 500 oder 600.

Pünktlich um acht begannen Doll & The Kicks, die mir in Esch überraschend gut gefallen hatten. Die Band aus Brighton spielte auch heute wieder ein knackiges, gut halbstündiges Set, das gut ankam. Problematisch ist sicherlich die für viele nervige Stimme der Frontfrau Doll (nachnamenlos), die punkig-schrill ist. Ich bin nicht viele und hatte meinen Spaß. Als Referenz wird häufig Gwen Stefani genannt; mich erinnerten Doll & The Kicks eher an schrillere Long Blondes oder Siouxsie oder die Yeah Yeah Yeahs. Im Vergleich zu den New Yorker "Punks" um Karen O waren Doll und ihre drei Kollegen aber klarer Punktsieger!

Am besten gefielen mir Roll up the red carpet und Rising sun (oder son?). Und Dolls Outfit… Die Sängerin hatte einen Auftritt in einem Ex-Musical-Theater wohl als Aufforderung verstanden, sich gehen zu lassen. Am besten gefiel mir dabei natürlich die Witwe-Bolte-Schleife im kurzen strohblonden Haar!

Setlist Doll & The Kicks, Capitol, Offenbach:
01. You o it better
02. Roll up the red carpet
03. Pictures
04. Superstar
05. Rising sun
06. You turn up
07. Cry in the kitchen
08. If you care
09. He’s a believer
10. He was a dancer

Die Pause verkürzte die übliche, gut zwanzigminütige Zusammenstellung von Musikfilmchen. Nach den Sparks (Lighten up, Morrissey – großartig!), einer Reportage über das Dilemma, nicht aus Manchester wegziehen zu können, Shirley Bassey im italienischen Fernsehen, den New York Dolls bei Manfred Sexauer ("bitte schalten Sie ihre Fernseher leiser"), dem modischen Vorbild Morrisseys und einigen anderen Musikausschnitten, beendete ein Interview mit dem Frontmann der von Morrissey vergötterten New York Dolls die Pause. Der Vorhang fiel, und die Show begann.

Mit energischem Schritt ging der Sänger auf seinen Platz, gefolgt von den fünf Bandkollegen, die diesmal statt der verschiedenfarbigen T-Shirts ("Richards Volleyball") ihre weißen Eisdielen-Hemden trugen. Gemeinsam mit Morrissey bestreiten Boz Boorer (Gitarre), Solomon Walker (Bass), Matt Walker (Schlagzeug), Jesse Tobias (Gitarre – Morrissey sagte "violin") und Kristopher Pooley (Akkordeon, Keyboard, Trompete, Flöte, Gitarre…) die Tour.

An der Rückwand fehlte das übliche Bild. In Esch hatte da noch ein Matrosen-Pin-Up gehangen, in Offenbach war es um Klassen besser, denn den Hintergrund bildete ein silbriger Glitter-Streifenvorhang! Er passte perfekt!

Meine Setlistenbefürchtungen schienen sich mit dem Beginn (This charming man) zu bestätigen. Allerdings nur bis zu den ersten Takten des zweiten Stücks. Statt Irish blood, English heart kam nämlich mit Billy Budd ein gänzlich neues Lied – und sofort der mehrstimmige Kommentar: "Anders!"

Und so wurde es wirklich. Einige Titel wurden ausgetauscht, die Reihenfolge kräftig durchgemischt, sodaß das Konzert auch in Hinsicht auf die gespielten Lieder immer spannend war!

Im ersten Teil des Abends begeisterte mich natürlich Ask aber auch das immer besser werdende When last I spoke to Carol von Years of refusal! Der große Gassenhauer des aktuellen Albums bleibt aber I’m throwing my arms around Paris! Grandios Morrisseys Gesten, mit denen er das Lied begleitete. "Only stone", und er faßt sich an den Kopf, "and steel", und an den Bauch, "accept my love!" Welch ein fabelhafter Entertainer!

Später beim wundervollen Let me kiss you kokettierte er erneut mit seinem vermittelten Selbstbild. Während er die Zeile "But then you open your eyes and you see someone that you physically despise" sang, zog der Engländer langsam sein (zweites) Hemd aus und warf es ins Publikum.

Morrisseys Manager erschien sofort am Bühnenrand und leuchtete ins Publikum, als wollte er dem Künstler das Hemd wiedergeben, vergebene Liebesmüh, denn das hatte schnell den gleichen Zustand wie ein zu langsames Zebra in einem krokodilverseuchten Fluß.

Erstaunlicherweise begeisterten mich zwei der Smiths-Lieder heute nicht richtig, darunter mein Allzeit-Liebling Girlfriend in a coma. Das Keyboard da, das mir bisher noch nicht aufgefallen war (es ist neu auf dieser Tour, da bin ich sicher), stört und verflacht das Lied. Auch der Gesang bei diesem Zwei-Minuten-Hit erschien mir schnodderig. Ob Morrissey den Titel nicht mehr leiden mag und langsam austrudeln läßt?

Some girls are bigger than others war mir heute auch zu lustlos. Aber in Luxemburg gefiel es mir noch besser, im Gegensatz zu Girlfriend in a coma.

Das sind die einzigen Kritikpunkte, die ich anmerken kann. Ansonsten geht es wohl kaum besser. Die Mischung aus Smiths-Hits (How soon is now und Ask waren überragend!), Liedern der aktuellen Platte, den Klassikern seiner Solozeit und eben den vielen kleinen und überraschend auftauchenden Perlen funktioniert perfekt! I keep mine hidden und Seasick, yet still docked hatten mich heute nicht mehr überrascht – aber immer noch extrem gefreut. Gerade I keep mine hidden, die wenig bekannte Girlfriend in a coma B-Seite, ist ein unfassbares Geschenk! Wie auch Why don’t you find out for yourself, das ich ununterbrochen hören könnte. Oder The loop, bei dem die Band den verdienten Auftritt am Bühnenrand hatte! Fabelhaft!

Das Set ließ keine Fragen offen!

Aber wir (sensationelle Überleitung!)… Denn auf Morrissey Ansinnen "The most famous singer to come from Offenbach?" antworteten wir nicht. In einem Forum sah ich, daß sich niemand getraut haben soll, Mark Medlock zu nennen…

Vorher – gerade nach Luxemburg – war viel spekuliert worden, ob Morrissey gesund wäre. Jeder deutete irgendetwas, versuchte an Gesang oder Verhalten abzulesen, ob der Sänger fit ist. Mir fiel im Capitol nichts auf. Mozzer ist fit, ruhte nicht (außer dem dramatischen Dahinsinken vor dem Instrumental-Ende von How soon is now). Er swang stattdessen sein Mikrokabel wild durch die Gegend, reichte Hände und nutzte seine (breite) Bühne vollkommen aus.

Besonders gespannt war ich, ob Irish blood, English heart noch kommen würde, und ob Morrissey auf die aktuellen politischen Zustände in seiner Heimat eingehen würde. Er kommentierte das Labour-Desaster erst nicht. Aber den Text änderte er ab. Bei "The English are sick to death of Labour and Tories" ersetzte er die Konservativen durch irgendetwas anderes und zwar als Premierminister Blair.

Ein ganz und gar fabelhaftes Konzert in einem tollen Ambiente! Und jetzt werde ich es wie Morrissey halten: "The ship sails for Cologne!"

Setlist Morrissey, Capitol, Offenbach:
01. This charming man
02. Billy Budd
03. Black cloud
04. Ask
05. When last I spoke to Carol
06. How can anybody possibly know how I feel?
07. How soon is now?
08. I’m throwing my arms around Paris
09. The world is full of crashing bores
10. Girlfriend in a coma
11. Why don’t you find out for yourself
12. Seasick, yet still docked
13. Some girls are bigger than others
14. One day goodbye will be farewell
15. I keep mine hidden
16. Irish blood, English heart
17. Let me kiss you
18. The loop
19. I’m ok by myself
20. First of the gang to die (Z)


Bericht und Fotos : Christoph

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