Haldern Pop Festival 2008 (07.-09.08.2008)

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Das Haldern Pop Festival findet in diesem Jahr bereits zum 25. Mal statt und ist durch und durch ein Festival der etwas anderen Art. Haldern liegt am schönen Niederrhein und das gleichnamige Festival entstand vor 25 Jahren aus der Idee einiger Messdiener. Es hat sich mittlerweile zu mehr als nur einem Geheimtipp in der Musiklandschaft Deutschlands, Europas oder gar der ganzen Welt gemausert, zu dem jedes Jahr knapp 10.000 Menschen fast schon rituell pilgern. Das Festival wurde damals wie heute vorsichtig aufgebaut und das ganze Dorf arbeitet in jedem Jahr hart, um ein Gelingen zu garantieren. Dabei geht so manche Freizeit verloren, doch nur dieser Einsatzbereitschaft ist der gute Ruf des Haldern Pop zu verdanken, nämlich das "nette Festival von nebenan" zu sein, bei dem es so manche Perle zu entdecken gibt. Viele Bands hatten in Haldern ihren ersten großen Festivalauftritt Deutschlands bevor sie später ganz groß raus kamen. Aber auch "Klassiker" sind gern gesehene Gäste in dieser idyllische Provinz. Umso erstaunlicher, dass die Macher weiter auf dem Teppich und ihren Grundsätzen treu bleiben. Aber natürlich hat sich der gute Ruf auch weiter rumgesprochen und so erweitert sich das Einzugsgebiet von Jahr zu Jahr und die daraus resultierende Internationalität tut dem Festival sichtlich gut.

Das Festival wurde in diesem Jahr -exklusiv zum Jubiläum- bereits einen Tag früher und somit am Donnerstag eröffnet. Es steht unter dem Motto ?Ich glaube, ich kenne einen, der das weiß? und bietet auch in diesem Jahr wieder einmal aufstrebenden Künstlern abseits des Kommerzes eine Plattform. Ich erreichte das Festivalgelände nach der Arbeit gegen knapp 19 Uhr und schaffte es nach den üblichen Formalitäten zum Glück gerade noch rechtzeitig zu den Fleet Foxes ins Spiegelzelt. Zuvor hatten bereits .finn und Norman Palm das Haldern Pop Festival 2008 eröffnet. Das Spiegelzelt ist ein wundervoller Ort für Konzerte, ist allerdings natürlich etwas klein, um alle wartenden Fans aufzunehmen, so dass einige Zuschauer nicht den Weg ins Zelt fanden. Für diese war aber seitens der Veranstalter ebenfalls vorgesorgt worden und die im Zelt stattfindenden Konzerte werden über einige Lautsprecher nach draußen übertragen, so dass man zumindest in den klanglichen Genuss der Bands kommt.

Im Zelt herrschte eine geradezu brütende Hitze, auch wenn man sichtlich bemüht war, dies durch Frischluftzufuhr zu bekämpfen. Aber das sollte uns natürlich nicht von den Fleet Foxes ablenken, die aus Seattle stammen und vor gut zwei Monaten ihr gleichnamiges Album beim renommierten Sub Pop Label veröffentlichten. Das Album erhielt überschwängliche Kritiken und stieg in den britischen Charts bis zu Platz 11 hinauf. Der Sound der Amerikaner ist typisch amerikanisch und hat seine Wurzeln bei Bands wie den Beach Boys oder Crosby, Stills und Nash. Diesen Retrosound frischen die fünf mit aktuellen Einflüssen auf und der Auftritt wirkte sehr sympathisch und locker. Die Band machte zwischen den Songs Späße und im Zelt herrschte beim Auftritt fast Proberaumatmosphäre, da die Musiker ihre Instrumente nachstimmen mussten oder sich näher aufeinander einstimmten. Das unterbrach zwar immer wieder den Set etwas, wirkte dadurch aber umso netter. Für mich ein wirklich guter Auftakt in das diesjährige Haldern Pop Festival.


Setlist Fleet Foxes

01: Sun Giant
02: Drops In The River
03: English House
04: White Winter Hymnal
05: Your Protector
06: He Doesn’t Know Why
07: Tiger Mountain Peasant Song (solo)
08: Mykonos

Die nachfolgenden Yeasayer setzten den Retro-Stil fort, allerdings mit einer etwas anderen Herangehensweise. Ich kannte sie bisher zugegebenermaßen lediglich dem Namen nach und die Hörproben, die ich kurz vor Festivalbeginn hörte, erschienen mir zunächst gewöhnungsbedürftig, aber live wirkte das Ganze sehr geschlossen und nicht so abgehoben spirituell wie zunächst befürchtet. Die Band aus Brooklyn/New York wurde 2006 gegründet und bezeichnet ihren Stil selbst als "Middle-Eastern-Psych-Pop-Snap-Gospel", ein Begriffsmonster par excellence. Im letzten Jahr erschien ihr Debutalbum "All Hour Cymbals" und brachte der Band einige Aufmerksamkeit bei Fans und Kritikern ein. Die vier Musiker um Sänger Chris Keating kam erst am Tag selbst in Deutschland an, wirkte aber topfit und wusste bei den Zuschauern zu gefallen, zumal die Band tolle Bassläufe in ihre Songs einbaut und die Songs dadurch überraschend rockig bis wavig daher kamen. Aber natürlich finden sich auch bei Yeasayer Folkwurzeln wieder und der Auftritt kam ähnlich gut an, wie der der Fleet Foxes zuvor.

Noch während des Auftritts machte ich mich auf zur Hauptbühne, da die beiden Auftrittsorte leider separate Eingänge besitzen und der Wechsel somit etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. Ungünstigerweise begann es knapp zehn Minuten bevor die Foals als erste Band die Hauptbühne betraten, heftig zu regnen, so dass sich die meisten Zuschauer erstmal einen überdachten Platz suchen mussten. Der Regen ließ pünktlich zum Auftritt aber weitestgehend wieder nach, so dass die Veranstalter mit einer kurzen Geburtstagsansprache nun auch das Treiben auf der Mainstage eröffnen konnten und die Foals die Bühne betraten. Instrumental atmosphärisch ging es zunächst mit einem Intro los. Beim nachfolgenden, schon fast funkigen "The French Open", wurde dann bereits klar, dass es eine sehr gute Entscheidung war, die Foals entgegen der ersten Planung nicht im Spiegelzelt, sondern auf der großen Bühne auftreten zu lassen. Zwar wirken Indoor-Konzerte meist energischer, aber so hatten die Bandmitglieder genug Platz, sich auf der Bühne voll zu entfalten. Der nächste Song "Cassius" sorgte dann endgültig für Partystimmung im Publikum und das Tanzen und Hüpfen setzt sich nun klar durch. Dies im übrigen sowohl vor, als auch auf der Bühne, denn Foals-Sänger Yannis Philippakis rannte über die Bühne, rockte auf der Stelle oder näherte sich bereits zu Beginn dem Publikum durch den Sicherheitsgraben hindurch. Für Erheiterung sorgte die Ansage von Yannis, dass die Band es als Ehre empfände, auf einem Festival zu spielen, das älter ist, als sie selbst. Schnelle, abgehackte Basssounds und atmosphärische Klangteppiche sorgen über die gesamte Spielzeit für eine interessante Atmosphäre und Yannis Stimme passt dazu perfekt. Die Partystimmung konnte auch fast durchgängig gehalten werden, so dass der Auftritt der Foals sicher für viele der Höhepunkt am heutigen Tag war. Den Abschluß besorgte "Electric Bloom", bei dem Sänger Yannis zur Unterstützung des Schlagzeugers auf einem Tom Tom eindrosch und erhöhte damit noch ein letztes Mal die Intensität.


Setlist Foals:

01: The French Open
02: Cassius
03: Olympic Airways
04: Balloons
05: Heavy waters
06: Two steps, twice
07: Hummer
08: Red sock pugie
09: Electric bloom

Als letzte Band des ersten Tages standen die Flaming Lips auf dem Programm und eigentlich waren sie auch der ursprüngliche Grund dafür, dass das Haldern in diesem Jahr donnerstags begann, denn anders wäre die Band nicht einzuplanen gewesen. Die Band aus Oklahoma feiert in diesem Jahr genau wie das Haldern Pop ihr 25-jähriges Bestehen und ihr Auftritt wurde passenderweise als größte denkbare Kindergeburtstagsparty angekündigt. Die Mannen um Frontman Wayne Coyne sind für ihren Hang zum Außergewöhnlichen bekannt und so standen sie auch diesmal nicht allein auf der Bühne, sondern mit ihnen knapp 20 als Teletubbies verkleidete Personen, die während der Show am Rande der Bühne ihren Spaß hatten und lustige Tanzeinlagen darboten. Dass auch die Band selbst nicht vor unterhaltenden Aktionen Halt macht, bewies Wayne Coyne direkt beim ersten Song "Race For The Prize", bei dem er in eine große durchsichtige Plastikkugel stieg und sich darin, über die Köpfe des Publikums hinweg, fortbewegte. Ein solcher Showeffekt war natürlich Gold wert um das Publikum gleich auf seine Seite zu ziehen.

Danach konnte die Party endgültig beginnen, es wurde Konfetti en mas verschossen und diverse grüne Luftballonbälle dem Publikum zum spielen vorgesetzt. Bei all dem Spektakel geriet die Musik fast zur Nebensache. Das ändert sich im Laufe des Konzerts zwar zumindest zeitweise, doch blieb das Drumherum stets spannend und immer wieder wurde die Bühne in dichten Nebel versetzt. Zwischendurch erklärte Sänger Wayne Coyne derweil, dass die Band nur selten live auftritt und man sich daher stets bemühe, den Gig für alle Beteiligten unvergesslich zu machen, was ihnen mit diesem Auftritt ganz sicher bei den meisten Anwesenden gelang. Ihr wohl bekanntester Song "She Don’t Use Jelly" gehörte als vorletzter Track natürlich auch zum knapp 80 Minuten dauernden Set und so endete dieser Gig und damit der erste Festivalabend auf der Hauptbühne erst weit nach Mitternacht.

Weiter ging es allerdings noch im Spiegelzelt, wo zum Halderner Geburtstag urplötzlich Überraschungsgäste auf der Bühne standen: Fettes Brot! Die Nordlichter unterhielten die Festivalgäste mit Hits wie "Emmanuela" oder "Bettina" und sorgten so für einen denkwürdigen Abschluß des ersten Tages, der für viele erst am frühen Morgen endete. Ich hatte mich zwischenzeitlich aber bereits auf den Heimweg gemacht, da der nächste Arbeitstag leider bereits morgens früh auf mich wartete.

Freitag (08.08.2008):

Der zweite Festivaltag begann für mich zunächst mit einem regulären Arbeitstag und nachdem ich diesen hinter mich gebracht hatte, machte ich mich auf den Weg zurück nach Haldern, wo ich zum letzten Song von Joan As Police Woman ankam, zu wenig um etwas dazu sagen zu können. Das Festivalgelände war durch die zum Teil starken Regenfälle des Nachmittags mittlerweile aufgeweicht, aber zum Glück hatten die Veranstalter ja vorgesorgt und die Hauptwege sowie die gesamte Fläche vor der Hauptbühne mit Plastikfliesen ausgelegt, so dass man halbwegs trocken stehen und laufen konnte. Eine simpel geniale Lösung, von der sich andere Veranstalter eine Scheibe abschneiden könnten, bravo Haldern!

 

Wenig später ging es mit Kula Shaker weiter. DIe Band existiert nach einigen Namensänderungen bereits seit 1995, löste sich 1999 allerdings zunächst auf. Seit 2004 machen die vier Engländer nun wieder gemeinsam Musik, bei der es ihnen gelingt, psychedelischen Britpop und Rave mit indischen Einflüssen zu paaren und so einen eigenständigen Sound zu kreieren. Gleich der erste Song  war 90s Rave in Reinkultur, mit Orgel und allem was dazu gehört. Sänger Crispian genoss es sichtlich, auf der Bühne zu stehen, poste mit seiner Gitarre und sprang herum als wäre er endlich von einem Fluch befreit worden. Begann die Band zunächst recht rockig, wurde es kurz darauf etwas getragener und die harten Gitarren wichen einem groovig psychedelischem Sound. Überhaupt wechselten sich Rave-, Rock-, Psychedelicrock und Balladen immer wieder ab, so dass es stets abwechslungsreich blieb. Den Hit "Tattva" präsentierten Kula Shaker in einer langen Version mit erweitertem Instrumentalteil, bei dem Crispian sogar zur Mundharmonika griff. Auch eine sehr groovende Version von "Hush" gehörte zu den Höhepunkten eines ordentlichen Auftritts. Den Abschluss übernahm übrigens das orientalisch angehauchte "Govinda", bei dem Kula Shaker noch einmal alles aufboten, was sie aus der Masse des normalen Indierocks hervorstechen lässt.

Danach waren die Guillemots aus England an der Reihe. Sie waren ja bereits zur Pressekonferenz Mitte Mai im Rahmen der Haldern Pop Tour im Dorf dabei und spielten nun also am Abend auf der Hauptbühne. Und es ging zunächst recht rockig her. Sänger Fyfe Dangerfield war dabei mit Brille und Hut bekleidet, entledigte sich beider Teile aber recht schnell. Beim dritten Song wurde es etwas ruhiger, "Made Up Love Song 43" war an der Reihe, bei dem der Frontman den Platz an den Keyboards einnahm, was er auch im weiteren Verlauf des Gigs des öfteren tat. Der Auftritt klang gut, auch wenn Sänger Fyfe es mit dem Gekreische teilweise etwas übertrieb, was allerdings auch an der recht hohen Lautstärke ihres Auftritts gelegen haben könnte. Gerade bei den rockigeren Stücken war das dann schon nah an der Schmerzgrenze. Überhaupt schien man die Verstärker am heutigen Tag etwas mehr aufzudrehen, als es noch gestern der Fall war. Pech für die Briten, dass als mögliche Folge daraus, die linke Lautsprecherkanäle ausgerechnet bei ihrem letzten Song "Sao Paulo" streckenweise ausfielen und der Auftritt somit etwas abrupt endete. Abgesehen von diesen technischen Problemen ein guter Auftritt mit "Trains To Brasil" als meinem persönlichen Höhepunkt.

Wurde es nach den anderen Bands im vorderen Publikumsbereich immer zunächst etwas leerer, war nun das Gegenteil der Fall und viele Besucher –insbesondere die jüngere Damenwelt- schienen dem Auftritt von Kate Nash entgegen zu fiebern. Im letzten Jahr war sie zwar auch schon in Haldern dabei, war zu diesem Zeitpunkt aber noch vollkommen unbekannt und spielte daher vor deutlich weniger Zuschauern sehr früh im Spiegelzelt. Nachdem sie nun im letzten Jahr Kritiker und Fans gleichermaßen überzeugt hat, kam sie also in diesem Jahr erneut nach Haldern um als Co-Headliner des Samstags auf der Mainstage aufzutreten. Das Set begann mit "Mariella", welches jedoch noch etwas holprig klang. Nachdem Kate zunächst drei Songs am Klavier absolvierte, ergriff sie für die kommenden Songs stehend das Mikro und nahm auch selbst die Gitarre in die Hand. Zum Set gehörten neben den vom Debutalbum bekannten Songs auch einige neue Tracks, einer davon hört auf den Namen "I Hate Seagulls" und ist zumindest was das angeht autobiographisch gemeint. Interessanterweise nutzte sie dabei eine E-Gitarre, die ihr die Editors geliehen hatten, da ihre bei einem Konzert in Paris auf der Strecke geblieben war. Ein netter Gig mit einer betont lockeren Kate Nash, allerdings schien es bei derartiger Musik offensichtlich schwierig, den Spannungsbogen auf einer solch großen Bühne über die gesamte Dauer hoch zu halten. Die intimen Songs schreien geradezu nach einer gleichartigen Umgebung. So kam auch erst nach einer knappen dreiviertel Stunde so richtig Stimmung im Publikum auf, als sich Kate zurück ans Klavier setzte und hintereinander ihre größten Hits "Mouthwash und "Foundations" performte. Diese Stimmung konnte sie dann auch halten bis "Pumpkin Soup" den Set beendete.


Setlist Kate Nash:

01: Mariella
02: Shit song
03: We get on
04: Doo wah doo (neu)
05: Birds
06: The nicest thing
07: I hate seagulls (neu)
08: Don’t you want to share the guilt (neu)
09: Mouthwash
10: Foundations
11: Skeleton
12: Merry happy
13: Pumpkin soup

Nach einer weiteren Umbaupause ging dann alles recht schnell und es dauerte nur wenige Sekunden um den "Sieger" des heutigen Tages auszumachen. Gleich mit ihrem ersten Song "Bones" überzeugten die Editors auf ganzer Linie und "Blood" gleich im Anschluss wusste dies sogar noch zu toppen. Sänger Tom Smith war in phänomenaler  Laune, lief noch mehr über die Bühne als er es eh schon immer tut und seine Stimme gehört bekanntermaßen sowieso zum Besten was der Indiebereich zu bieten hat. Bei "When Anger Shows" setzte er sich ans Klavier und umkreiste selbiges dann samt Mikro, bei "Lights" wurde das Klavier dann gar gestürmt, was natürlich gerade auf einer großen Bühne für einen gern genommenen Showeffekt sorgt.. Zuvor durfte ich die Editors bereits zweimal live bewundern: einmal bei einem guten Konzert in Krefeld, ein weiteres Mal bei einem noch besseren in der Kölner Live Music Hall, aber der Auftritt in Haldern übertraf diese beiden mit Leichtigkeit. Vielleicht wollten die Editors ihre letztjährige Absage vergessen machen, als sie eine Australien-Tour dem Haldern Pop vorzogen. Jedenfalls wirkten alle Beteiligten enorm motiviert und ihre Songs sind sowieso über jeden Zweifel erhaben, gehören die Editors doch zu einer der wenigen Bands, denen es auf zwei Alben gelungen ist, nicht einen einzigen schlechten Song zu veröffentlichen. Aus den vielen tollen Songs ragte die neu arrangierte Live-Version des Hits "Munich" noch etwas heraus, bei der die Editors ganz ruhig begannen und dem Song dadurch einen noch würdigeren Rahmen verliehen. Tom Smith bemühte sich während des Konzerts sogar das ein oder andere Mal deutsch zu sprechen und verabschiedete sich und seine Jungs um kurz vor 2:00 Uhr nachts und nach knapp 70 Minuten dann auch mit einem stilechten "Auf Wiedersehen", welches nach diesem Auftritt hoffentlich nicht in allzu weiter Ferne stattfinden wird. Für mich ganz klar das bisherige Highlight und man kann froh sein, dass die Veranstalter des Haldern Pop Festivals über ihren Schatten sprangen und den Briten in diesem Jahr noch eine Chance gaben, es hat sich definitiv gelohnt!

Setlist Editors:
01. Bones
02. Blood
03. All sparks
04. Escape the nest
05. When anger shows
06. Lights
07. An end has a start
08. Bullets
09. You are fading
10. The weight of the world
11. Smokers outside the hospital doors
12. Munich
13. Open up
14. The racing rats
15. Fingers in the factories

 

Samstag (09.08.2008):

Tag drei in Haldern und dieses Mal ging es mit zwei Bands des hiesigen Haldern Pop Recordings Labels los: Jumbo Jet und Mintzkov. Für beide war es somit quasi ein Heimspiel, auch wenn sie nicht direkt von hier kommen und Mintzkov sogar aus Belgien stammen. Ich hatte Mintzkov bereits in Schöppingen im Juni live gesehen und schon da gefielen sie mir sehr gut, ihr Auftritt beim Haldern Pop war dem qualitativ ebenbürtig und so werden Mintzkov sicher einige Fans hinzugewonnen haben.

Als nächstes standen The Dodos auf dem Plan, drei Jungs aus San Francisco, die einen psychedelisch-rockigen Indiefolk mit bluesigem Beigeschmack spielten und in diesem Jahr ihren zweiten Longplayer veröffentlicht haben, der auf den Namen "Visiter" hört und damit in der Musikwelt für Aufsehen sorgte. Dominantes Instrument im Sound des Trios sind die Drums, auf denen der Drummer einschlug als wäre dies Teil eines Aggressionstrainings. Aber auch die in spezieller Art gespielte Gitarre und einige zusätzliche Instrumente wissen die Band geschickt vom Einheitsbrei abzusetzen. In Haldern brauchte die Band zunächst eine kurze Eingewöhnungszeit um das Publikum warm zu spielen, doch nach einigen Songs nahm der Applaus stetig zu. Meinen Geschmack trafen die drei zwar nicht unbedingt, aber zumindest war der Auftritt auch in meinen Augen ganz ok. Eine Vielzahl der Anwesenden Besucher war zudem restlos begeistert, so dass auch die Dodos zu den Gewinnern des diesjährigen Festivals zu zählen sind.


Setlist The Dodos:

01. It’s That Time Again
02. Paint The Rust
03. Jodi
04. Fools
05. The Ball
06. The Season

Die nachfolgenden The Heavy mit ihrem Bluesrock ließen mich hingegen ziemlich kalt, aber auch sie hatten offensichtlich ihre Fans im Publikum gefunden. Also weiter ins Spiegelzelt, wo der Auftritt von Gravenhurst anstand, welche vielen u.a. durch ihr Mitwirken beim Soundtrack zum Film "Ein Freund Von Mir" (mit Daniel Brühl und Jürgen Vogel) ein Begriff sein dürften. Die Schlange war mal wieder beträchtlich lang um ins Zelt zu gelangen, allerdings füllte dieses sich wegen der recht strengen, wenn auch nötigen Sicherheitskontrollen, auch  eine Viertelstunde vor Beginn nur langsam und auch als Nick Talbot die Bühne betrat, ersuchten noch immer einige Fans um Einlass. Wie angekündigt trat Nick beim Haldern Pop solo auf und so wurden akustische Songs allein mit Gitarrenunterstützung geboten, dies allerdings auf sehr hohem Niveau. Seine Stimme ist wirklich kristallklar und in Verbindung mit den dezenten Gitarrenklängen entstand im Zelt eine äußerst intime Stimmung. Auch das Publikum war während der Songs sehr still, was noch weiter zur Atmosphäre beitrug und viele Zuschauer schlossen gar die Augen um die Musik noch intensiver spüren zu können. Aber auch für Späße war Zeit, so reagierte Nick auf den Ruf des Namens "Steven" damit, dass er verwirrt wäre, denn er habe keinen Song mit diesem Namen. Doch der Konter aus dem Publikum ließ nicht lange auf sich warten und der Name "Nichole" erklang, gleichzeitig Name eines Gravenhurst-Songs. Der Gig war im Zelt sehr gut aufgehoben und kam beim Publikum mindestens ebenso gut an. Schon zu dieser frühen Uhrzeit ein schöner Höhepunkt des diesjährigen Festivals.


Setlist Gravenhurst:

01. I Turn My Face To The Forest Floor
02. Tunnels
03. Bluebeard
04. Nichole
05. Saints
06. Black Holes In The Sand

Weiter ging es auf der Hauptbühne mit Okkervil River aus Austin/Texas. Sie kamen mit besonders viel Vorschußlorbeeren an den Niederrhein, bewiesen aber auch gleich von Beginn, dass diese absolut gerechtfertigt waren. Einen Tag zuvor traten die Amerikaner noch im schwedischen Göteborg auf und fuhren im Anschluss 15 Stunden, um hier dabei sein zu können – Ein Weg der sich aus Sicht aller Beteiligten gelohnt hat! Die Musik setzt sich hauptsächlich aus den drei Zutaten Punkrock, Country und Folkrock zusammen und bisher kann man auf fünf reguläre Studioalben zurückblicken, Longplayer Nummer sechs steckt derzeit in den Startlöchern und wird im September unter dem Namen "The Stand Ins" veröffentlicht werden. Dieser Auftritt war klasse und sorgte für beste Festivalstimmung auf dem Halderner Gelände, zumal auch die Band offensichtlich ihren Spaß am eigenen Auftritt hatte und viel lachte. Auch hier ein klarer Daumen nach oben.

Überhaupt nicht mein Fall war danach Jamie Lidell auf der Mainstage, so dass genug Zeit für einen Snack war und ich mich dann auf den Weg zurück ins Spiegelzelt machte. Hier stand als nächstes der Auftritt von Alamo Race Track an. Die Niederländer aus Amsterdam wirkten zwar zunächst etwas angespannt und nervös, lockerten aber nach und nach immer weiter auf und spätestens ab "The Killing" war beste Laune im Zelt angesagt und die Rhythmen der Band luden zum Tanzen ein. Überhaupt wirkten die Songs einiges druckvoller und mitreißender, als dies auf Silberling der Fall ist, ein Beweis für die guten Livequalitäten der Holländer. Positiv auch die zunehmend entspanntere Atmosphäre, so dass auch durchaus Raum für Scherze war und so wurde der Song "Open Sea" nach dem Hereinrufen des Namens "Lukas Podolski" diesem und Michael Ballack gewidmet, zwei sehr guten Fußballern wie angemerkt wurde. Die hohe Qualität des Gigs wurde folgerichtig sogar noch gewürdigt, indem die Alamos zum Abschluss noch eine Zugabe in Form eines neuen, bisher unveröffentlichten Songs, zum Besten gaben. Ein durchweg sympathischer Auftritt der vier Holländer, die man im Auge behalten sollte. Ein wirklich klasse Gig, der für mich der letzte im Spiegelzelt beim diesjährigen Haldern Pop bleiben sollte.


Setlist Alamo Race Track:

01. Stanley vs. Hannah
02. Don’t Beat This Dog
03. The Killing
04. Black Cat John Brown
05. My Heart
06. Chocolate Years
07. The Open Sea
08. The Northern Territory
09. -neuer Song- (Zugabe)

Ruhiger ging es dann wieder bei der nächsten Band zu, denn Iron & Wine aus Florida betraten die Bühne. Hinter Iron & Wine verbirgt sich Singer/Songwriter Sam Beam, der es unter diesem Namen bisher auf drei Studio- und ein Livealbum sowie eine ganze Reihe von Singles gebracht hat. Live wurde Sam von verschiedenen Musikern begleitet, darunter seine Schwester Sara, die zunächst alleine mit Sam die Bühne betrat, die Begleitband folgte erst kurz darauf. Iron And Wine pflegen den Folkpop der amerikanischen Westküste in den späten 60er Jahren und die Band veränderte ihre Songs auf der Bühne stets leicht ab, floch zusätzliche Instrumentalpassagen ein und erhöhte somit zusätzlich die Intensität. Da drängte sich der Begriff "Lagerfeuerromantik" zum Teil geradezu auf und die Band passt somit ideal in den Halderner Kontext. Bestachen einige Songs durch den geschilderten Folk-Flair, so wohnte anderen ein fast schon psychedelischer Groove inne. Dazu gesellen sich dann und wann sogar Reggaerhythmen und man wurde das Gefühl nicht los, dass Iron And Wine sowohl optisch, als auch musikalisch auch beim Woodstock-Festival 1969 nicht sonderlich aus der Rolle gefallen wären.


Setlist: Iron & Wine:

01. Trapeze Swinger
02. Woman King
03. Wolves
04. Boy With A Coin
05. The Night Descending
06. Love And Some Verses
07. House By The Sea
08. The Devil Never Sleeps
09. White Tooth Man
10. Upward Over The Mountains
11. Each Coming Night

Co-Headliner des letzten Tages waren in diesem Jahr die 1999 gegründeten Amerikaner The National, deren Auftritt ich bereits entgegenfieberte. Das Bandlineup besteht hauptsächlich aus den beiden Geschwisterpärchen Dessner und Devendorf, zu denen sich Sänger Matt Berninger gesellt. Live wurden sie zudem von zwei Gastmusikern an ihren Blasinstrumenten begleitet. Leider verzögerte sich der Auftritt zunächst um zehn Minuten, was jedoch die Vorfreude nur noch mehr steigerte. Dann war es soweit und The National begannen mit "Start A War" ihren bewegenden Set, bei dem sich ruhige mit schnelleren Stücken abwechseln und die tolle Stimme von Sänger Matt Berninger über allem erstrahlt. Natürlich waren alle Hits vertreten, darunter auch mein absoluter Favorit "Mistaken For Strangers" und das fragile "Fake Empires". Entgegen alter Gewohnheiten zeigte sich Matt beim Auftritt in Haldern sehr agil und bewegungslustig, verließ bei "Mr. November" sogar die Bühne, stieg hinab in den Graben, kletterte auf die Seitenbrüstung und brachte damit die Security für einige Momente etwas durcheinander. Der Ausflug fand seinen Höhepunkt als er sich auf den Kamerawagen des WDR stellte und unmittelbar vor der Linse weiter sang. Ein begeisternder Austritt mit toller Musik und klasse Performance. The National waren absolut zurecht (mindestens) Co-Headliner am heutigen Tag, soviel bleibt festzuhalten.


Setlist The National:

01. Start a war
02. Brainy
03. Secret meeting
04. Baby we’ll be fine
05. Slow show
06. Squalor Victoria
07. Racing like a pro
08. Abel
09. All the wine
10. Mistaken for strangers
11. Ada
12. Apartment story
13. Fake empires
14. Mr November
15. About today

Im Anschluss begannen die Umbauarbeiten für den offiziellen Headliner des Haldern Pop Festivals 2008: Maximo Park aus Newcastle/England. Leichter Regen fiel während dieser Zeit und sollte auch während des folgenden Konzerts von Zeit zu Zeit für Abkühlung sorgen. Zum Glück blieb es aber bei vereinzelten Tropfen und so stand einem würdigen Abschluss dieser drei Tage am Niederrhein nichts mehr im Wege. Kurz nach halb zwölf betraten dann Maximo Park die Bühne und es herrschte von Beginn an gute Stimmung vor der Bühne. Zwar hatte man mit einigen Soundproblemen zu kämpfen, diese traten im Pulk jedoch nicht so deutlich zu Tage. Sänger Paul Smith war gewohnt bester Laune und sprang wie ein Derwisch über das Parkett. Die ein oder andere Aktion wirkte zwar einstudiert, jedoch tat das der Stimmung keinen wirklichen Abbruch. Zwischen den Songs kündigte Paul den jeweils nächsten Track mit einer kurzen Geschichte oder kurzen Ansprachen auf Deutsch an, was sehr sympathisch wirkte. Maximo Park präsentierten alle ihre bisherigen Hits, aber auch einige neue Stücke gehörten zum Set der Briten. Die neuen Songs bewiesen Potential, kamen live aber (noch) nicht an die älteren Stücke heran, bei denen deutlich ausgelassener gefeiert wurde. Gegen Ende richtete Paul noch einen persönlichen Dank an die Veranstalter, dafür dass man sie zu diesem schönen Festival eingeladen habe, zumal es nur selten vorkäme, dass sie ein Festival headlinen. Der Set endete mit den beiden Singles "Books From Boxes" und "Apply Some Pressure", bevor die schöne Lichtshow erlosch und Maximo Park die Bühne verließen. Eine Zugabe gab es trotz minutenlangen lauten Forderungen nicht mehr, da die Jungs ihre Zeit offenbar bereits ausgereizt hatten.


Setlist Maximo Park:

01. Girls who play guitars
02. Graffiti
 03. A fortnight’s time
04. Parisian skies
05. Our velocity
06. I want you to stay
07. Tanned (neu)
08. Limassol
09. By the monument
10. Once a glimpse
11. Questing (neu)
12. The coast is always changing
13. The unshockable
14. Nosebleed
15. Going missing
16. Russian literature
17. Books from boxes
18. Apply some pressure

Ein guter Auftritt mit Spaßattitüde, der beweist, dass die Headliner der jeweiligen Tage korrekt gewählt wurden, aber auch die vermeintlich "kleineren" Bands wie Alamo Race Track, Gravenhurst, Okkervil River, Foals und Guillemots gehören sicher zu den Gewinnern des Festivals, ganz zu schweigen von den traumhaften The National. Verlierer gab es aber natürlich sowieso nicht.

Alles in allem beweißt auch das Haldern Pop Festival 2008 wieder ein gutes Gespür für neue Trends im Indie-Bereich und ich bin mir sicher, dass wir von der ein oder anderen Band sicher noch einiges zu erwarten haben. Darüber hinaus war das Haldern Pop aber auch wieder einmal ein familiäres Festival bei dem alle an einem Strang ziehen und sich bemühen, das Event zu einem vollen Erfolg werden zu lassen. So hebt man sich trotz steigendem Bekanntheitsgrad und damit Erwartungsdruck erfolgreich von anderen Großveranstaltungen ab und bleibt sicher auch in Zukunft ein Anlaufpunkt für Bands abseits des Kommerzes, die ihre Songs in beschaulicher Atmosphäre einem breiteren Publikum präsentieren möchten. Eine geeignetere Plattform dazu gibt es in dieser Form und Größe kaum …

Man darf gespannt sein, wenn die Veranstalter für das nächste Haldern Pop 2009 aus dem Hut zaubern werden …

Geschrieben von
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