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BEHEMOTH / DIMMU BORGIR / DARK FUNERAL – Köln, Palladium (20.10.2026)

Behemoth © Sandro Griesbach

Drei Bands, drei unverwechselbare Interpretationen des Extreme Metal und eine gemeinsame Mission: Unter dem Banner „In League With Satan“ zogen Behemoth, Dimmu Borgir und Dark Funeral durch Europa. Eine Allianz, die musikalische Kompromisslosigkeit, symphonische Opulenz und aufwendige Inszenierungen miteinander vereinte. Nun machte das düstere Dreigespann im Kölner Palladium Station, für das rund 2.500 Tickets verkauft worden waren. Während sich Behemoth und Dimmu Borgir auf dieser Tour mit dem krönenden Abschluss abwechselten, eröffneten Dark Funeral Abend für Abend das Spektakel. Doch was würde geschehen, wenn drei derart unterschiedliche Vertreter des Genres an einem Abend aufeinanderträfen? Köln sollte eine eindrucksvolle Antwort erhalten.

Pünktlich um 19 Uhr legte sich eine bedrohliche Klangkulisse über das Palladium. Minutenlang hallten düstere Geräusche und metallisches Kettenrasseln durch die Halle, während dichter Nebel die Bühne verhüllte. Endlich zeichneten sich langsam die Silhouetten der Musiker ab. Bedächtig schritten Dark Funeral aus der Dunkelheit hervor, ehe einzelne Lichtkegel nach und nach jedes Bandmitglied erfassten. Schon für den Opener hatten die Schweden eine beeindruckende Kulisse aufgefahren: Großflächige Banner mit okkulten Motiven rahmten das Schlagzeug ein, schwarze, mit Nieten, Dornen und schuppenartigen Panzerplatten besetzte Rüstungen verliehen den Musikern das Erscheinungsbild einer finsteren Kriegerschar. Tiefschwarzes Corpsepaint vervollständigte die bedrohliche Szenerie.

Mit „Unchain My Soul“ war es vorbei mit der gespenstischen Ruhe. Jalomaahs rasante Blastbeats trieben den Song unerbittlich voran, während schneidende Gitarren und finstere Melodiebögen einen dichten Klangteppich webten. Andreas „Heljarmadr“ Vingbäck verharrte zunächst an seinem Mikrofonständer und ließ seine abgrundtiefen Growls und scharfen Screams durch die Halle dringen. Die Gitarristen Lord Ahriman und Chaq Mol sowie Bassist Adra-Melek setzten dem Klanginferno mit ausladenden Posen und heftigem Headbangen auch optisch einiges entgegen.

„We are Dark Funeral from Sweden, and we’re gonna go straight back into the good old ’90s right now. Are you with us?“ Mit dieser Ansage kündigte Heljarmadr „The Secrets of the Black Arts“ an. Der Titelsong ihres Debütalbums von 1996 führte zurück zu den Anfängen der Band und ließ jene kompromisslose Mischung aus rasenden Gitarrenläufen und düsteren Melodien aufleben, mit der sich Dark Funeral ihren Platz in der Geschichte des schwedischen Black Metal erspielten. Inzwischen hatte sich der Sänger von seinem Mikrofonständer gelöst. Seine Bewegungen blieben auffallend bedächtig. Immer wieder ging er leicht in die Knie, beugte sich drohend nach vorn und ließ seine Stimme umso erbarmungsloser auf die Menge los. Mit einem energischen „Come on!“ stachelte Heljarmadr die Menge weiter an. Intensives Rotlicht tauchte die Bühne in eine bedrohliche Szenerie.

„It’s really good to be back here. But I need your help right now.“ Heljarmadr forderte die Fans zum dreifachen ‚Hail Satan!‘ auf, das sie ihm begeistert entgegenschleuderten. Passender hätte die Einleitung zu „The Arrival of Satan’s Empire“ kaum ausfallen können. Mit donnerndem Schlagzeug, aggressiven Riffs und unheilvoller Atmosphäre ließen die Schweden dem Publikum kaum Gelegenheit zum Durchatmen. Dann verließen die Musiker kurzzeitig die Bühne. Erneut ertönte das metallische Kettenrasseln, ehe Jalomaah mit einem Schlagzeugsolo die Aufmerksamkeit auf sich zog. „Let the Devil In“ schlug anschließend melodischere und getragenere Töne an. Gesprochene Passagen verliehen dem Stück eine beinahe beschwörende Wirkung und sorgten für einen reizvollen Kontrast zur zuvor entfesselten Raserei.

Viel zu schnell näherte sich das halbstündige Set seinem Ende. Mit „You are fucking incredible!“ bedankte sich Heljarmadr bei den Kölner Fans, ehe er die Rückkehr in jenes Reich ankündigte, in dem die Schatten für immer herrschen. „Where Shadows Forever Reign“ vereinte noch einmal das ganze musikalische Spektrum der Band: rasende Blastbeats, eindringliche Melodien und eine majestätisch düstere Atmosphäre. Begeisterte „Hey! Hey!“-Rufe begleiteten das Geschehen. Adra-Melek reckte im Takt die Faust in die Höhe und quittierte die Reaktionen mit sichtbar zufriedener Miene.

Für einen besonders wirkungsvollen Augenblick legte Heljarmadr den Zeigefinger an die Lippen. Die Musik hielt inne, ehe seine dunkle Stimme erneut einsetzte und der Song wieder an Geschwindigkeit gewann. Mit weit ausgebreiteten Armen stand er vor der Menge und schwenkte schließlich eine große Dark-Funeral-Fahne über die Bühne. Zahlreiche Hände formten die Metal-Horns, während die Gitarristen ihre Instrumente kreuzten und die Saiten gegeneinander rieben.

Zum Abschied klopften sich die Musiker auf die Brust, während Jalomaah auf dem Weg vom Schlagzeug zum Bühnenrand dankbar für das Publikum applaudierte. Nach nur 30 Minuten verabschiedeten sich Dark Funeral von einem sichtlich begeisterten Publikum. Dabei hatte die Dunkelheit an diesem Abend gerade erst Einzug gehalten.

Setlist DARK FUNERAL – Köln, Palladium (20.10.2026):
  1. Unchain My Soul
  2. The Secrets Of The Black Arts
  3. The Arrival Of Satan’s Empire
  4. Let The Devil In
  5. Where Shadows Forever Reign
Weblinks DARK FUNERAL:

Webseite: www.darkfuneral.se
Facebook: @darkfuneral
Instagram: @darkfuneralofficial
YouTube: @darkfuneral

Zugegeben, dem Auftritt von Dimmu Borgir hatte ich mit gemischten Gefühlen entgegengesehen. Mein Fotograf zählt die Norweger zu seinen absoluten Lieblingsbands, besitzt sämtliche Alben und hatte mir immer wieder ans Herz gelegt, sie unbedingt einmal live zu erleben. Meine vorherigen Hörproben hatten mich allerdings nicht vollständig überzeugt. Gerade die opulenten Orchesterarrangements waren musikalisch nicht unbedingt meine Welt. Doch manchmal braucht es eben einen Konzertabend, um eine Band mit ganz anderen Ohren zu hören.

Kurz vor 20 Uhr fiel der Vorhang und gab den Blick auf eine geradezu monumentale Bühnenlandschaft frei. Mächtige, reich verzierte Säulen, groteske Skulpturen und eine imposante Rückwand ließen die Szenerie wie einen verwitterten Sakralbau erscheinen. Im Zentrum thronte das gewaltige Drumset von Dariusz „Daray“ Brzozowski. Pentagramme und das stilisierte Schlangensymbol der Band schmückten die imposante Schlagzeugkonstruktion mit den vier Bassdrums. Nebelschwaden krochen über den Bühnenboden, während gewaltige Lichtstrahlen die kunstvolle Kulisse in Szene setzten. Empfangen von begeistertem Jubel und unzähligen Metal-Horns betraten die Musiker ihre Positionen.

Dann erschien Shagrath. Und ich verstand augenblicklich, was meinen Fotografen so faszinierte. Das bleiche Corpsepaint, die tiefschwarz umrandeten, geradezu unwirklich wirkenden Augen, seine langen Haare und das dunkle, wallende Gewand machten ihn zu einer beeindruckenden Erscheinung. Dabei brauchte der Sänger keine übertriebenen Gesten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ihn umgab eine faszinierende Aura aus gebieterischer Präsenz und beinahe spielerischer Leichtigkeit.

Schon bei „Ulvgjeld & Blodsodel“ vom aktuellen Album „Grand Serpent Rising“ zeigte sich die musikalische Vielschichtigkeit der Norweger. Orchestrale Klangflächen trafen auf donnernde Doublebass, rasende Gitarren und Shagraths charakteristisch raue Stimme. Der Frontmann schien seine Musiker zeitweise regelrecht zu dirigieren, wandte sich dann mit einem energischen „Scream for me!“ an die Menge. Spätestens bei „Mourning Palace“ entfaltete die Inszenierung ihre ganze Pracht. Hinter der majestätischen Melodik verbirgt sich eine beklemmende Vision aus verlorenen Seelen, gefallenen Engeln und ewiger Qual. Gerade dieser Gegensatz aus musikalischer Schönheit und finsterer Textwelt verleiht dem Stück seine eigentümliche Faszination. Feuerstöße schossen empor, majestätische Keyboardmelodien breiteten sich über einem Gewitter aus Gitarren und atemberaubend schnellem Schlagzeugspiel aus. Die Musiker an den Saiteninstrumenten agierten ausgesprochen bewegungsfreudig, während Shagrath diese monumentale Hymne des Symphonic Black Metal mit beinahe erhabener Ruhe zelebrierte. Immer wieder ließ er seinen Blick ausgiebig über das Publikum schweifen, legte auffordernd die Hand ans Ohr und genoss die lautstarken Reaktionen. Ringsum strahlende Metalheads. Arme reckten sich in die Höhe, begeisterte Rufe begleiteten jede musikalische Wendung. Selbst die bedrohlichen Passagen entwickelten eine eigentümliche Schönheit.

Mit „Kings of the Carnival Creation“ zeigten Dimmu Borgir ihre Vorliebe für komplexe, dramatisch aufgebaute Kompositionen, ehe „Council of Wolves and Snakes“ eine völlig andere Atmosphäre heraufbeschwor. Shagrath und Daray schlugen gemeinsam den Rhythmus, wobei der Sänger eine große Standtrommel bearbeitete. Dann kniete er mit dem Rücken zum Publikum nieder. Umhüllt von dichtem Nebel hob er einen gehörnten Tierschädel über seinen Kopf. Für einen Augenblick wirkte die Bühne wie der Schauplatz einer archaischen Zeremonie. Sanfte, beinahe schwebende Gitarrenklänge und folkloristische Einflüsse verliehen dem Stück einen ungewöhnlich beschwörenden Charakter, ehe sich die Musik erneut verdichtete und dunklere Klangfarben annahm.

Auch „Ætheric“ beeindruckte mit weit ausgreifenden orchestralen Passagen und einem außergewöhnlich lange gehaltenen Gesangston. Danach wandte sich Shagrath an die Kölner Fans. „Good evening, Cologne! I said we wanna fucking hear you!“ Er bedankte sich für den bisherigen Verlauf der Tour und begrüßte das Publikum zur „In League with Satan Tour“, jener besonderen Zusammenkunft von Dark Funeral, Dimmu Borgir und Behemoth. Auch das neue Album „Grand Serpent Rising“ brachte er zur Sprache und wollte wissen, wer es bereits gehört hatte.

Mit „Ascent“ ging die musikalische Reise weiter. Ein ausdrucksstarkes Gitarrensolo setzte Akzente, während Shagrath vollkommen in sich zu ruhen schien. Rotes und grünes Licht tauchten die Bühne in wechselnde Farben, Flammen unterstrichen die dramatischen Passagen. „Are we having a good time?“ wollte der Frontmann wissen, ehe er mit „Cataclysm Children“ einen Song vom Album „Death Cult Armageddon“ ankündigte. Was dann folgte, erwischte mich völlig unvorbereitet. Ein wuchtiger, rasanter Black-Metal-Angriff, bei dem Daray sein Schlagzeug erbarmungslos vorantrieb und Shagrath sichtlich Freude an der Geschwindigkeit entwickelte. Auch textlich ist „Cataclysm Children“ ein Aufbegehren gegen Manipulation und auferlegte Moralvorstellungen. Ein wütender Ruf nach Selbstbestimmung, dem die Musik zusätzliche Schärfe verlieh. Im Publikum flogen die Haare, Gitarren und Schlagzeug schienen sich gegenseitig zu immer neuen Höchstleistungen anzustacheln. Was für ein unfassbar mitreißender Song! Ich ertappte mich dabei, wie ich zunehmend begeistert grinste. Von meiner anfänglichen Skepsis war inzwischen erstaunlich wenig übrig.

Auch bei „Puritania“ zeigte sich das Palladium von seiner besten Seite. Begeistertes Mitklatschen, leidenschaftlicher Zwischenjubel und ein unüberhörbares „Geil!“ aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft begleiteten die markanten Rhythmen. Bassist Victor Brandt war mit jeder Faser dabei, schrie zwischendurch voller Inbrunst auf und ließ sein Instrument im Takt vor- und zurückschwingen. Die Gitarristen taten es ihm gleich und sorgten für einen herrlich synchronen Moment, der beinahe etwas von einer düsteren Boyband-Choreografie hatte. Aber das verraten wir natürlich niemandem.

Bei „Gateways“ sorgten geisterhaft anmutende Gesangspassagen für eine eigentümliche Atmosphäre, während die Fans jede Zeile voller Hingabe mitsangen. „I hope you’ve had a good time so far!“ Mit einem Augenzwinkern spielte Shagrath darauf an, dass viele bereits auf Behemoth warteten. Doch einen Song hatten die Norweger noch im Gepäck. Als „Progenies of the Great Apocalypse“ angekündigt wurde, entfuhr einem Fan in meiner Nähe ein begeistertes „Jetzt kommt der Megabanger!“ Dabei verbirgt sich hinter dem apokalyptischen Titel weit mehr als die Vorstellung vom Weltuntergang. Der Song erzählt auch von Selbstbestimmung, der Auseinandersetzung mit den eigenen Abgründen und der Möglichkeit eines Neuanfangs. Eine überraschend hoffnungsvolle Botschaft in einem der monumentalen Klangwerke der Band.

Und tatsächlich: Das Finale geriet zu einem überwältigenden Zusammenspiel aus Musik, Licht und Bewegung. Rasende Stroboskopblitze machten es zeitweise beinahe unmöglich, den Blick auf die Bühne zu halten. Nebelsäulen schossen empor, Flammen erhellten die Szenerie und die Musiker versammelten sich auf den Podesten am Bühnenrand. Zu den mächtigen orchestralen Arrangements entfalteten sich noch einmal alle Facetten des Symphonic Black Metal. Um 21.05 Uhr endete ein rund 70-minütiger Auftritt, der mich vollkommen überrascht hatte.

Dass Dimmu Borgir ihrerseits von Köln begeistert waren, zeigte sich später auch auf Instagram. Bassist Victor Brandt schwärmte: „We had such a great time in Cologne! Amazing show, people and city. Kölsch rules btw!“ Und ich? Ich drehte mich zu dem freundlichen Metalhead im Dimmu-Borgir-Shirt neben mir und musste grinsen. „Ich glaube, ich brauche auch ein Dimmu-Borgir-Shirt.“

Setlist DIMMU BORGIR – Köln, Palladium (20.10.2026):
  1. Ulvgjeld & Blodsodel
  2. Mourning Palace
  3. Kings Of The Carnival Creation
  4. Council Of Wolves And Snakes
  5. Ætheric
  6. Ascent
  7. Cataclysm Children
  8. The Serpentine Offering
  9. Puritania
  10. Gateways
  11. Progenies Of The Great Apocalypse
Weblinks DIMMU BORGIR:

Webseite: www.dimmu-borgir.com/
Facebook: @dimmuborgir
Instagram: @dimmuborgir
YouTube: @dimmuborgir

Um 21.50 Uhr kündigte sich der letzte Auftritt des Abends an. In Köln gehörte das letzte Wort den Polen von Behemoth. Noch im vergangenen Jahr hatten sie im gegenüberliegenden E-Werk ein Spektakel entfacht, das mich vollkommen überwältigt zurückgelassen hatte. Ob sie daran anknüpfen konnten?

Auf einem weißen Vorhang zeichneten sich zunächst schwarz-weiße Projektionen der Musiker ab. Dann fiel der Stoff herab und gab den Blick auf eine perfekt ausgeleuchtete Bühne frei, die in dichtem Bodennebel versank. Im Zentrum erhob sich Infernos mächtiges Drumset mit seinen zahlreichen Trommeln und Becken. Davor war eine geschmiedete Sonne positioniert – das markante Emblem von „The Shit ov God“. Drei außergewöhnliche Mikrofonständer säumten den vorderen Bühnenbereich. Wie finstere Skulpturen ragten ihre geschwungenen, an Hörner erinnernden Ausläufer empor, verbunden durch geometrische, okkult anmutende Formen. Seitlich im hinteren Bühnenbereich befanden sich zudem zwei über Treppen erreichbare Podeste, die den Musikern zusätzliche Spielflächen boten.

Mit „Daimonos“ eröffneten Behemoth den Abend ohne jede Zurückhaltung. Der Song vom Album „Evangelion“ (2009) ließ jene kompromisslose Mischung aus Black- und Death Metal aufleben, mit der die Band über Jahrzehnte ihren unverwechselbaren Stil geformt hat. Infernos Schlagzeug donnerte in halsbrecherischem Tempo, Seth ließ seine Gitarre erbarmungslos kreisen und die schweren Riffs legten sich wie eine undurchdringliche Wand über das Publikum. Nergal, dessen bleiches Gesicht von tiefschwarzen Augenpartien gezeichnet war, stand mit beinahe furchteinflößender Körperspannung im Zentrum des Geschehens. Ein opulenter, metallisch verzierter Halsschmuck bedeckte seine Brust. Dazu trug er eine ungewöhnliche Kombination aus dunkler Hose und aufwendig gearbeitetem, rockartig fallendem Gewand, an dem Ketten und Schmuckelemente herabhingen.

„I can’t fucking hear you!“ Seine Forderung ließ die ersten lauten „Hey! Hey!“-Rufe aufbranden. Als sich Feuerstöße über der Bühne kreuzten und hinter den Musikern ganze Flammenreihen aufloderten, riss Nergal seine Gitarre triumphierend in die Höhe. Bassist Orion spie eine Fontäne Wasser in die Luft, während der Jubel immer weiter anschwoll. Was für ein Einstieg! Schon nach wenigen Minuten fiel mir etwas auf: Nergal und Orion wirkten noch finsterer als beim letzten Kölner Konzert. Ihre Mienen waren wie versteinert, jede Bewegung schien von einer beinahe aggressiven Entschlossenheit getragen. Hier sollte offenbar nicht nur der Weltuntergang besungen werden. Die Musiker schienen fest entschlossen, ihr Publikum gleich mit hineinzuziehen.

Mit „Ora Pro Nobis Lucifer“ ging die musikalische Offensive unvermindert weiter. Infernos rasende Blastbeats und die schwer aufeinanderprallenden Gitarren ließen kaum Raum zum Durchatmen. Nergal stapfte wütend über die Bühne, reckte die Arme empor und verlangte immer neue Reaktionen. „Let me see you!“ Das Publikum klatschte begeistert mit, während hinter ihm Flammen emporschossen und das Schlagzeug zeitweise selbst in Brand zu stehen schien. Die lateinische Anrufung Lucifers entfaltet sich in diesem Stück als provokante Umkehrung religiöser Verehrung – eine jener bewussten Grenzüberschreitungen, die seit jeher zum künstlerischen Selbstverständnis von Behemoth gehören.

Nach „Thy Becoming Eternal“ rückte mit „The Shit ov God“ das aktuelle Album erneut in den Mittelpunkt. „Eat my flesh, drink my blood. I am the shit ov God.“ Die provokante Umkehrung der christlichen Abendmahlsymbolik war dabei nur der Anfang. In scharfen Gegensätzen aus Licht und Finsternis, Reinheit und Schmutz stellt sich das lyrische Ich gegen göttliche Allmacht und religiöse Unterwerfung. Nergals Gesang klang wie eine wütende Predigt, während zu den markanten Refrainpassagen Feuerstöße im Rhythmus emporschossen. Mit einem Mal veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. In einem sphärischen Abschnitt ging der Sänger in die Hocke und leuchtete sich mit einer Taschenlampe von unten ins Gesicht. Seine Gesichtszüge wirkten gespenstisch, während seine Stimme in einen bedrohlichen Sprechgesang überging. Schließlich erhob er sich, setzte sich wieder in Bewegung und schleuderte die Lampe zu Boden. Die Menge ging begeistert mit, was Nergal ein anerkennendes „Verdammte Scheiße!“ entlockte. Doch damit gab er sich noch lange nicht zufrieden: „Was? Lauter!“

Kurz darauf stand er auf einer der vorderen Boxen und genoss den heftigen Jubel. „Are you still with us?“ Dann überraschte er mit einer ungewöhnlich persönlichen Ansage. Vor anderthalb Jahren habe man noch auf der anderen Straßenseite gespielt. Einige der Anwesenden seien damals bereits dabei gewesen, nun stehe man in einer größeren Halle vor noch mehr Menschen. Das fühle sich verdammt großartig an. Besonders aber freute er sich über die jungen Fans, die er im Publikum entdeckt hatte. Diese nächste Generation müsse man willkommen heißen und wertschätzen, erklärte er, denn sie werde eines Tages dafür sorgen, dass die Musik und das Vermächtnis der Szene weiterleben. Ausgerechnet dieser Mann, der wenige Augenblicke zuvor noch wirkte, als wolle er das Palladium dem Erdboden gleichmachen, fand plötzlich so herzliche Worte. Ein berührender Moment inmitten all der martialischen Inszenierung.

Dann kündigte er „Conquer All“ an. Der Song ist ein kompromissloser Aufruf zur Selbstermächtigung, zur Überwindung fremdbestimmter Regeln und religiöser Dogmen. Entsprechend gewaltig fiel die musikalische Umsetzung aus. Die Gitarren türmten sich zu einer massiven Klangwand auf, während das Publikum immer stärker in das Geschehen einstieg. Und tatsächlich: Plötzlich schwebte der erste Crowdsurfer über den Köpfen der Fans. Damit hatte ich bei einem Extreme-Metal-Konzert nicht unbedingt gerechnet. Doch es sollte nicht bei einem bleiben. Immer wieder wurden Menschen von zahlreichen Händen in Richtung Bühne getragen.

Zu „Blow Your Trumpets Gabriel“ erschien Nergal mit einem edlen Umhang und einer kunstvoll gestalteten Maske, die seine Augenpartie bedeckte. „You know these words. You know what to do!“ Die Fans stimmten begeistert ein. Der Song verbindet biblische Untergangsbilder mit einer fast feierlichen, schwer lastenden musikalischen Dramatik. Auch auf der Bühne wurden die Grenzen zwischen religiöser Zeremonie und radikaler Provokation immer wieder verwischt. Flammen schossen in einer beinahe kreisenden Bewegung empor, auf einem Tuch erschien die Gestalt eines Teufels. Und Nergal? Er wirkte nicht wie jemand, der den Teufel mimte. Mit seiner Mimik, der ungeheuren Körperspannung und diesem unerbittlichen Blick hatte er für mich längst etwas von Satan höchstpersönlich angenommen. Eine diabolische Erscheinung von unglaublicher Faszination.

Einen weiteren Höhepunkt fand die Inszenierung bei „I, Scvlptor“. Nergal wurde auf einem Podest in die Höhe gefahren und hielt plötzlich in beiden Händen Flammenwerfer. Wieder und wieder schossen gewaltige Feuerzungen über die Bühne, während hinter ihm zusätzliche Feuerbälle aufstiegen. Die Hitze war selbst im Publikum deutlich zu spüren. Das Palladium schien sich endgültig in einen gewaltigen Feuerkessel verwandelt zu haben. Dabei steckt hinter dem Song eine überraschend nachdenkliche Idee. Nergal beschreibt das Leben als einen niemals abgeschlossenen Prozess der Selbstgestaltung. Wie ein Bildhauer, der unablässig an seinem Werk arbeitet, formt der Mensch seine eigene Identität, kämpft gegen Grenzen und Unzulänglichkeiten – obwohl die eigene Vergänglichkeit von Anfang an feststeht. Eine philosophische Betrachtung, die inmitten dieser überwältigenden Feuerinszenierung einen bemerkenswerten Gegensatz bildete.

Mit „Ov Fire and the Void“ schien die Temperatur noch einmal anzusteigen. Orion spie Feuer, rings um die Musiker loderten Flammen und zeitweise wirkte es, als stünden sie selbst mitten darin. Seth und Orion warfen sich mit aller Kraft in ihr Instrumentenspiel. Nergal wiederum suchte immer wieder gezielt den Blickkontakt zu einzelnen Menschen in den ersten Reihen. So furchteinflößend er auf der Bühne auch erschien, gelang es ihm doch, eine unmittelbare Verbindung zum Publikum herzustellen. „Let’s go on with something from the last record!“ Mit „To Drown the Svn in Wine“ folgte ein Stück, das mich vom ersten Moment an mitriss. Die gewaltigen Riffs, die theatralischen Bewegungen auf den vorderen Bühnenboxen und die wechselnden Stimmungen entwickelten eine Sogwirkung, der ich mich kaum entziehen konnte. Textlich entwirft der Song eine düstere Vision vom Ende des Lichts. Bilder von kosmischer Finsternis und einem alles verschlingenden Kreislauf verbinden sich mit der Vorstellung eines endgültigen Untergangs. Musikalisch wechseln rohe Ausbrüche mit getragenen Passagen, ehe die Härte erneut hereinbricht. Was für ein Song!

Mit „Bartzabel“ folgte schließlich einer jener Augenblicke, die für mich seit jeher eine besondere Faszination ausüben. Nergal erschien mit einer prachtvollen Mitra, deren schmuckvolle Ornamente, spitze Dornen und herabhängende Stoffbahnen ihn wie einen finsteren Hohepriester wirken ließen. Auf ihrer Vorderseite prangte das Sonnensymbol von „The Shit ov God“. Langsam zog dichter Bodennebel über die Bühne, während sich der beinahe hypnotische Rhythmus des Songs entfaltete. „Bartzabel“ gehört zu den ungewöhnlichsten Stücken der Band. Inspiriert von einer Beschwörung des Marsgeistes durch den Okkultisten Aleister Crowley, lebt es weniger von Geschwindigkeit als von einer feierlichen, geradezu magnetischen Spannung. Nergal formte am Bühnenrand seine Hände zu jenem charakteristischen Dreieck, das in Behemoths Symbolsprache immer wieder auftaucht. Zahlreiche Fans erwiderten die Geste. Ich stand fasziniert davor und war längst wieder vollkommen in der Welt von Behemoth versunken.

Dann wartete die nächste Überraschung: Für „In League with Satan“, den Klassiker der britischen Extreme-Metal-Pioniere Venom, kehrte Shagrath auf die Bühne zurück. Das Corpsepaint seines eigenen Auftritts war verschwunden, stattdessen trug er ein großes umgekehrtes Kreuz um den Hals. Gemeinsam mit Nergal stimmte er das Stück an und ließ seiner Begeisterung freien Lauf. Er spielte ausgelassen Luftgitarre, genoss das gemeinsame Musizieren sichtlich und verlieh der ansonsten so kompromisslosen Inszenierung einen freundschaftlichen Charakter. Das Publikum sang leidenschaftlich mit, Jubelschreie begleiteten den Wechsel der beiden Stimmen. „Fuck yeah!“ Zum Abschied wandte sich Nergal seinem Gast zu: „Thank you, my friend!“ Ein weiterer Höhepunkt dieses außergewöhnlichen Abends.

Mit „Chant for Eschaton 2000“ kehrte die Band zur schonungslosen Härte zurück. Die rasenden Blastbeats entfachten eine letzte Welle wilder Bewegungen vor und auf der Bühne. Nergal stand auf einer der vorderen Boxen und schrie seine Worte heraus. Die Musiker zerbissen Kunstblutkapseln, und Nergal spuckte die rote Flüssigkeit in Richtung Publikum. Im vergangenen Jahr hatte mich ein solcher blutiger Gruß noch direkt unter dem Auge erwischt. Diesmal kamen wir ungeschoren davon. Fast gleichzeitig tauchte Orion wie aus dem Nichts unmittelbar an der Absperrung auf. Zum Greifen nah beugte er sich den Fans entgegen und schrie ihnen mit voller Wucht ins Gesicht. Ringsum flogen Haare, Hände schossen empor, und die Menge reagierte inzwischen beinahe wie eine eingeschworene Armee auf jede Bewegung ihrer musikalischen Anführer. Feuer, Hitze, schwere Riffs und unerbittliches Schlagzeugspiel ließen das Palladium erbeben. Dann schien alles vorbei. Die Musiker verabschiedeten sich unter gewaltigem Jubel, Drumsticks und Plektren wechselten den Besitzer. Das Outro erklang, ehe die Bühne in völlige Dunkelheit versank.

Doch Behemoth hatten noch eine letzte Überraschung vorbereitet. In einem prachtvollen roten, mit Ornamenten verzierten Seidengewand erschien Nergal erneut mit seinen Bandkollegen. Die gesamte Szenerie leuchtete in tiefem Rot. Mit „O Father O Satan O Sun!“ begann ein Finale von nahezu sakraler Größe. Chorale Gesänge erhoben sich über getragenen Gitarren und schweren Rhythmen, bevor sich das Stück Schritt für Schritt zu einem monumentalen Abschluss steigerte. Wie eine umgekehrte religiöse Liturgie beschwört der Song Lucifer als Sinnbild von Rebellion, Erkenntnis und Selbstbestimmung. Nergal reckte die Hand empor und ballte sie langsam zur Faust. Flammen erhellten das Schlagzeug, während die letzten Gitarrentöne nach und nach verklangen. Dann senkte er den Arm. Ein gewaltiger Schlussakkord, ein letzter Blick über die Menge – und schließlich Stille. Um 23.10 Uhr endete ein Auftritt, nach dem noch lange begeisterte „Behemoth!“-Rufe durch das Palladium hallten.

Hatten Behemoth die Messlatte des vergangenen Jahres erneut übertroffen? Musikalisch wirkte dieser Abend auf mich tatsächlich noch härter und unerbittlicher. Die Präzision, die aufwendige Inszenierung und Nergals faszinierend diabolische Bühnenpräsenz waren überwältigend. Und doch hatte ich eine Kleinigkeit vermisst: jene verschmitzten Momente, in denen er seine eigene dämonische Rolle für einen Augenblick mit einem Augenzwinkern durchbrach. Zwar zeigte er bei seiner berührenden Ansprache über die jüngsten Metalheads auch diesmal seine herzliche Seite, doch die spielerische Leichtigkeit früherer Auftritte blieb aus. Vielleicht war es gerade diese kompromisslose Ernsthaftigkeit, die dem Konzert eine noch bedrohlichere Wirkung verlieh.

An meiner Begeisterung änderte das wenig. Behemoth hatten erneut bewiesen, dass musikalische Brutalität und künstlerische Raffinesse keine Gegensätze sein müssen. Und irgendwo zwischen lodernden Flammen, finsteren Beschwörungen und einer überraschend herzlichen Botschaft an die nächste Generation war einmal mehr deutlich geworden, weshalb diese Band einen so besonderen Platz in der Welt des Extreme Metal einnimmt.

Dark Funeral, Dimmu Borgir und Behemoth hatten an diesem Abend eindrucksvoll vor Augen geführt, wie facettenreich dieses Genre sein kann: von der unbändigen Wucht der Schweden über die majestätische Klangwelt der Norweger bis hin zur theatralischen Intensität der Polen. Drei eigenständige musikalische Handschriften, vereint unter dem Banner „In League With Satan“. Und ein Abend, der bewies, dass die Faszination dieser Musik weit über ihre Härte hinausreicht.

Setlist BEHEMOTH – Köln, Palladium (20.10.2026):
  1. Daimonos
  2. Ora Pro Nobis Lucifer
  3. Thy Becoming Eternal
  4. The Shit ov God
  5. Conquer All
  6. Blow Your Trumpets Gabriel
  7. I, Svlptor
  8. Ov Fire And The Void
  9. To Drown The Svn In Wine
  10. Bartzabel
  11. In League With Satan (Venom Cover mit Shagrath)
  12. Chant For Eschaton 2000
  13. O Father O Satan O Sun! (Z)
Weblinks BEHEMOTH:

Webseite: www.behemoth.pl
Facebook: @behemoth
Instagram: @behemothofficial
YouTube: @behemothofficial

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