NITZER EBB / SIIE – Oberhausen, Kulttempel (04.04.2026)

© Patrick Friedland
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Lesedauer: 4 Minuten

Er ist omnipräsent. In den Köpfen. Mit ausgesuchten Solo-Werken und Feature-Gast-Songs in der Pre-Show-Playlist. Bei der Aftershow-Party, bei der „You Want It“ und „Isn’t It Funny How Your Body Works“ in gar nicht so großem Abstand voneinander gespielt werden. Und natürlich auch in einer kurzen Ansprache von Bon Harris, seinem über Jahrzehnte engen Weggefährten, Bandkollegen und Freund, kurz vor Ende des Konzerts im Oberhausener Kulttempel. Es ist unmöglich, an diesem Samstagabend nicht regelmäßig an Douglas McCarthy zu denken. Zu einnehmend waren Stimme, Bühnenpräsenz und Einfluss des am 11. Juni 2025 im Alter von nur 58 Jahren viel zu früh verstorbenen Sängers. Nun tragen Harris und David Gooday, Mitglied in den frühen Jahren der Band sowie wieder seit 2018, das Erbe weiter – mit prominenter Unterstützung an den Live-Drums.

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Doch bevor es auf EBM-Zeitreise ging, präsentierte sich den einigen Hundert Fans im Kulttempel erst einmal ein junges Duo, das in etwas anderen musikalischen Gewässern fischt. Mit ihrem Debütalbum „ACME“ wirbelten SIIE im vergangenen Jahr in düster-elektronischen Gefilden einiges an Staub auf und bezirzten auch unseren Rezensenten. Das schweizerisch-deutsche Duo, das sich in der Öffentlichkeit nur (pailettenglitzer-)maskiert und anonym präsentiert, bedient sich Einflüssen aus EBM, Dark Wave und vor allen Dingen dem guten alten Jahrtausendwende-Electroclash à la Miss Kittin & The Hacker. Der weibliche „Gesang“ ist oft eher gesprochener Natur, die Texte durchweg französisch. Das taugt natürlich nicht jedem Oldschooler, der nur wegen „Join In The Chant“, „Murderous“ und „Control I’m Here“ anwesend war, weswegen sich die Reaktionen zunächst etwas in Grenzen hielten. Einem instrumental doch sehr an Front 242 erinnernden Stück wie „Violent“ an dritter Stelle zum Trotz.

SIIE sind sicher kein musikalisches „One-Trick-Pony“, das immer nur den gleichen Song in minimaler Abwandlung spielt, sondern mit ihren Stücken verschiedene Kontrapunkte setzt. Madame Unbekannt shoutet, singt, spricht in verschiedenen Timbren, viel erinnert an die ebenfalls auf französisch textenden Potochkine, nur in tieferer Tonlage. Das Allermeiste kommt auf den Punkt produziert, pumpend und tanzbar daher, die düsteren Visuals ergeben in Kombination mit violetten, grünen oder tiefroten Lasern ein stimmiges Bild. Das Duo fand zudem einen guten Mix aus Songs von „ACME“ sowie den Singles, die in den Jahren vor der Debüt-LP erschienen. Der Sound fußt hörbar in der Vergangenheit, trifft aber trotzdem den modernen Nerv vieler jüngerer Hörerinnen und Hörer, die sich kürzlich in die Musik von Acts wie den eben bereits erwähnten Potochkine, Rue Oberkampf oder Minuit Machine verliebten. Die waren nur leider kaum vor Ort – wie es bei Alte-Schule-EBM-Shows eben meist der Fall ist. Lediglich zwei Herren in Bühnennähe im rechten Teil des Innenraums schrien ihre Euphorie immer wieder unüberhörbar heraus, einige tanzten, klatschten und jubelten, nicht so Wenige beließen es allerdings bei Höflichkeitsapplaus. So beendeten SIIE ihren Auftritt nach einer guten halben Stunde mit „Nightlife“ und einigen wenigen netten auf deutsch mit Franko-Akzent gesprochenen Abschiedsworten. Beim Amphi Festival im Juli werden wir uns dies sicherlich noch einmal anschauen und treffen die Prognose: Das wird dort deutlich euphorischer abgefeiert werden.

Setlist SIIE @ Oberhausen, Kulttempel (04.04.2026)
  1. 5ème Avenue
  2. Cité Lunaire
  3. Violent
  4. À Travers
  5. Grand Virage
  6. Tendance
  7. Opaque Couché
  8. J’attends
  9. Nightlife

Eine sehr kurze Pause von nur 15 Minuten folgte. Schneller als gedacht enterte die neue Besetzung von Nitzer Ebb die Bühne. Bon Harris und David Gooday sind den Fans bekannt. Tim Kroker ebenfalls – den Drummer kennen Szene-Kundige allerdings seit der Re:Boot-Tour 1998 als Mitglied von Front 242. Nach deren Abschiedskonzerten im Januar 2025 wechselte der Berliner von der einen Genre-Legende zur anderen. Der nun erklingende Drum-Sound stellt wohl den größten Unterschied zu NEP-Shows der jüngeren Vergangenheit dar. Dass Bon Harris am Mikro zu sehen und zu hören ist, war schon vor McCarthys Tod des Öfteren der Fall – man erinnere sich nur an die Festivalsaison 2022 – soweit also nichts Neues. Frisches Songmaterial gibt es ebenfalls weiterhin nicht, seit der Veröffentlichung von „Industrial Complex“ vor nun schon mehr als 16 Jahren wartet alle Welt auf neue Musik.

Aber der Drum-Sound! Der wurde in Fan-Kreisen wahrlich zur Genüge diskutiert. Seit Nitzer Ebb 2018 nach sieben Jahren Live-Pause zurückkehrten, wurden sie stellenweise als „Techno Ebb“ bezeichnet. Ein Schlagzeug, egal ob akustischer oder elektronischer Natur, gab es nicht mehr, viele Songs gingen wie bei DJ-Mixes ineinander über. Was wahrlich nicht jedem gefiel. Nun also die Rolle rückwärts. Bedenken, dass Kroker sein „Klack-klack-klock“-Front-242-Drum-Set aus den 2000er- und 2010er-Jahren mitbringt, erledigten sich glücklicherweise bereits mit dem Opener „Hearts And Minds“. Das Setup überwiegend akustisch, hat es doch ordentlich gepeitscht und geknallt, mit ausreichend Raum für dynamisches Spiel abseits immer gleicher Vier-Viertel-Takte, die Kroker sowieso unnötig unterfordern würden – der Mann hat es eben drauf! Erinnerungen an die Nitzer-Ebb-Performances im Rahmen der „Industrial Complex“-Tour wurden wach, als noch ein gewisser Jason Payne die Stöcke in der Hand hielt.

In Sachen Setlist gab es überwiegend Altbewährtes: Dass das Kultwerk „Belief“ von 1989 die meisten Songs in der Setlist stellt, ist nichts Neues (und dabei fehlte mit „Shame“ gar ein absoluter Klassiker), dass die Alben nach „Showtime“ kaum beachtet werden, ebenfalls. Mit „Cherry Blossom“ brachten Harris, Gooday und Kroker überraschenderweise immerhin ein Stück von der nahezu allseits verhassten 1995er-Crossover-LP „Big Hit“. Und performancetechnisch? Soviel sei gesagt: Bon gibt alles. Läuft die Bühne rauf und runter, legt viel Kraft und Emotion in alle Songs. Egal, ob es die eher Shouting-dominierten Stücke wie „Murderous“ oder die gesanglich anspruchsvolleren wie „Come Alive“ sind. Zu „Join In The Chant“ gab es Unterstützung von David Gooday am Mikro – schade, dass dessen Kult-Zugabe „Alarm“ bei dieser Tour außen vor blieb. Vor der Bühne gab es über die fast gesamte Konzertdauer von gut 80 Minuten einen kleinen, aber feinen Moshpit – wie gewohnt sicher nix für Weicheier. Soweit also alles so gut wie es ohne Douglas McCarthy nur irgendwie hätte sein können.

Mit Ansagen hält sich Harris (im Übrigens sonnenbebrillt, Douglas hätte es sicher geliebt 😉 ) weitgehend zurück, wenngleich zwischenzeitlich doch Humor durchkommt. Die Welt befindet sich in sehr herausfordernden Zeiten, „but we still have the music and they (zeigt zur Theke) still got drinks!“ Das ist doch mal ein Statement, so wahr wie lustig. Lediglich vor dem abschließenden „I Give To You“ setzte Bon zu einer etwas längeren Rede an: Die Band ging zuletzt durch sehr schwere Zeiten. „We’re so thankful that you are still here supporting us“ , rief Bon den jubelnden Fans zu. Wohl wissend, dass die Unterstützung vieler (ehemaliger) Anhänger leider mittlerweile ausbleibt. Die geplanten Konzerte in Bremen und Coesfeld mussten wegen schwacher Ticketverkäufe abgesagt werden, auch der Kulttempel war bei Nitzer-Ebb-Gastspielen schon mal deutlich voller. Mit einem dreifachen „Dänka, dänka, dänka schonn“ verabschiedete Bon das Publikum um kurz nach 23 Uhr in die Nacht – in der Gewissheit, alles gegeben zu haben, um dem mit schwerstmöglichen Erbe der Szene bestmöglich gerecht zu werden. Es wäre schön, wenn dies künftig wieder mehr Hörerinnen und Hörer goutieren würden.

Setlist NITZER EBB @ Oberhausen, Kulttempel (04.04.2026)
  1. Hearts And Minds
  2. Control I’m Here
  3. Blood Money
  4. For Fun
  5. Lightning Man
  6. Captivate
  7. Payroll
  8. Once You Say
  9. Come Alive
  10. Cherry Blossom
  11. Fun To Be Had
  12. Godhead
  13. Join In The Chant
  14. Let Your Body Learn
  15. Murderous
  16. Violent Playground (Z, Balladen-Version)
  17. I Give To You (Z)
Weblinks NITZER EBB

Facebook: www.facebook.com/NitzerEbbProduktTour
Instagram: www.instagram.com/nitzerebb
Homepage: nitzerebbprodukt.com

Weblinks SIIE:

Bandcamp: siie.bandcamp.
Facebook:  SIIEmusic
Instagram:  __siie__

 


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