TRAITRS / JE T’AIME / DESINTERESSE – Köln, Gebäude 9 (31.05.2024)

Fotos: TRAITRS
Traitrs, © Michael Gamon
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Am Freitag fanden sich vor dem Kölner Gebäude 9 zahlreiche Besucher gemischten Alters ein. Was an diesem Abend besonders auffiel: Einige von Ihnen haben sich aufwendig herausgeputzt. Natürlich war die Farbe Schwarz vorherrschend, anhand ihrer Looks konnte man aber nicht so recht erkennen, welches Konzert sie besuchen wollten. Ein Punk war ebenfalls vor Ort – doch selbst hier handelte es sich um die Edelversion seiner Spezies. Cold Wave und Post Punk standen auf dem Programm, luden doch die Traitrs und Je T’aime zu einem dunklen Konzertabend der besonderen Art.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Im Vorprogramm erwartete uns eine neue Band aus dem Nachbarland. Desinteresse aus Limburg haben erst im April letzten Jahres ihr Debütalbum herausgebracht: Voor Altijd. Ihr Werk spielten sie mit authentischem Equipment aus den 80er-Jahren ein. Auch auf der Bühne fiel direkt ein rüstiges Kassettendeck in den Blick. Zu Beginn des Gigs kam dieses prompt zum Einsatz – kurzum wurde eine Kassette eingelegt und kaum wurde die Starttaste gedrückt, ging es auch pünktlich um 20:00 Uhr los.

Zu dritt enterten die Niederländer ihre Spielstätte. Allesamt wirkten sie, als sei man tatsächlich wieder in den 80er Jahren gelandet. Und das, obgleich sie gerade mal 21 und 22 Jahre alt waren. Bassist Bart war perfekt geschminkt, trug richtig schicke spitze Schuhe, einen Nietengürtel und ein ärmelloses Jeanshemd. Sänger Sem setzte auf eine hochgeschnittene Anzughose mit Hosenträgern. Ihr wahrhaftiger Cold Wave erinnerte dabei an Bands wie the Cure, Joy Division und Artverwandte aus der längst vergangenen Zeit. Zu dem minimalistischen Sound trug Sem seine Lyrics gänzlich in niederländischer Sprache vor. Hier und da kam durchaus Bewegung im Publikum auf. Schwer und getragen kam dagegen Angst Voor Niets daher – einzig der Sound der Synths und des Basses untermalten den Song über das Verlassensein.

Im Laufe des Sets wechselten sich der Drummer und der Fronter durchaus mal an den Keys ab. Sobald Sem die Gitarre involvierte, wurde es auch wieder dynamischer und tanzbarer. Während Bart den Gig sichtlich genoss und er zu dem Track Ga Weg gar richtig ins grooven kam, wirkte Sem introvertierter. Zum Schluss ging es mit dem Cover Dicht Bij De Waarheid der Kombo Ovens van Ondank nochmal richtig fetzig zur Sache. Auf Ansprachen verzichteten Desinteresse gänzlich. Lediglich mit den Worten “Vielen Dank” verabschieden sich die Newcomer nach 35 Minuten von uns, ehe sie mit einer Reihe von Freunden den restlichen Abend genossen. Es war wirklich bemerkenswert zu sehen, mit wieviel Eifer diese junge Band den Spirit der 80er in die heutige Zeit katapultiert.

Setlist DESINTERESSE – Köln, Gebäude 9 (31.05.2024)

01. Untitled
02. Grijze Dromen
03. Angst Voor Niets
04. Ga Weg
05. De Lange Nacht
06. Denkt U?
07. Dicht Bij De Waarheid (Ovens van Ondank Cover)

Weblinks DESINTERESSE:

Instagram: www.instagram.com/desinteresses

Je T’aime stand nun der Abschluss ihrer “Passive/Aggressive”-Tour bevor. Satte zweieinhalb Jahre waren sie unterwegs. Sie bereisten elf Länder und an diesem Abend spielten sie im Zuge dieser langen Reise ihren 77. Gig. Selbst Fans aus Frankreich ließen sich das Grande Finale nicht entgehen. Um 21:00 Uhr stieg Nebel auf und ein Intro stimmte uns auf den Auftritt der Franzosen ein. Diese konnten es kaum erwarten ihre Bühne zu stürmen. Bassist Crazy Z rauchte nichtmal seine Zigarette auf, die er sich vor der Türe noch angesteckt hat. Stattdessen nahm er seinen Glimmstengel einfach mit auf die Bühne. Direkt poste er gemeinsam mit Tall Bastard, während sich Sänger Dany Boy an seinem mini Keyboard warmtanzte. Unleashed läutete das finale Konzert ein. Eine Sonnenbrille bedeckte die Augenpartie des Sängers. Breitbeinig positionierte er sich mit langgesteckten Armen an seinem Standmikro. Die bekannte Gitarrenmelodie vereinte sich mit dem kernigen Bassspiel und Dany erhob seine prägnante Stimme. Natürlich dauerte es nicht lange und er gab sich seinem unvergleichlichen Tanzstil hin. Zügig glitt er passend zum Takt von rechts nach links und schwang seine Arme ausladend mit. Während er den Mikroständer in die Höhe riss, erklang ein begeisterter “Woohoo”-Ruf. Als der letzte Ton ausklang, huschte Tall Bastard ein strahlendes Lächeln über die Lippen.

Das Publikum war voll da und der lässige Cold Punk ging unausweichlich in die Beine. Zu Lonely Days hüpften die Herren an den Saiten unbeschwert umher und Dany unterstrich seine Lyrics mit passenden Gesten. “Ok, I’m so fucking happy to be with you again. What’s the next fucking song? Maybe it could be ,Give Me More Khol’.” Angefixt ließen wir uns von dem quirligen Track anstecken. Auf dem Monitor sitzend begann Dany dazu zu headbangen. “This is a song about a girl. She’s drinking too much.” Eine liebliche Melodie leitete den Gute-Laune-Song ein und die Boys sangen gemeinsam die Titelzeile: Blood On Fire. Marble Heroes wirkte gar rockig. Crazy Z schwang seinen Bass ganz vorn am Bühnenrand so unbedarft umher, dass seine Moves für die erste Reihe nicht gerade ungefährlich waren. Dany hockte sich hin und stöhnte zwischendurch ins Mikro, während die beiden Jungs mit ihren Saiteninstrumenten aneinander rangelten.

Doch Je T’aime können auch anders. Marble Heroes zeigte die Band von einer zarten Seite. Atmosphärische, ruhigere Klänge standen den Franzosen tatsächlich ebenfalls ausgezeichnet. Ganz artig verneigte sich Dany, ehe er mit seinen Jungs die Bühne verließ und sound- und lichttechnisch ein Gewitter aufzog. Ratet mal, wer schon wieder mit einer neuen glühenden Zigarette zurückkam? Also das strikte Rauchverbot tangierte den rebellischen Basser einfach gar nicht. Tall Bastard tanzte vergnügt mit einer Flasche Bier in der Hand und öffnete dann seinen edlen Dutt. Schon kam seine lange Mähne zum Vorschein, die ihm einen rockig wilden Touch verlieh. A Million Suns begleitete Dany mit einem Tamburin. Crazy Z zückte unterdessen leuchtende Drumsticks und begleitete den Song auf einem Drumpad.

“77 gigs is not enough. I want you to make some noise. Maybe can we dance all together to the fucking songs? ,Kiss The Boys’.” Was für eine Party! Auf und vor der Bühne wurde zügellos gefeiert. Fuck Me verlangte der Band nochmal alles ab. Nun begann selbst Tall Bastard zu headbangen. Dany lief an seinen Keys auf der Stelle einen Dauerlauf. Plötzlich schmiss er sich bäuchlings auf den Boden. Seine Füße trafen in kindlicher Manier abwechselnd seinen Hintern. Tall Bastard stellte sich breitbeinig über den Fronter und spielte getrost weiter. Der Anblick war einfach zum Schießen.

“This is the last song for tonight.” Wie sollte er auch anders heißen? Natürlich Dance! Selbst die finalen Lyrics waren perfekt gewählt: “So we are in a fucking rage to party. Forget everything and get screwed… You got to dance.” Gesagt, getan – das galt nochmal für alle. Bei dem glasklaren Sound machte das Set besonders viel Spaß. Zur Krönung verließ Dany die Bühne und bahnte sich durch die tanzenden Fans. Ein Bad in der Menge gehört einfach zu einem Konzert der Franzosen dazu.

“Dankeeeee! This was the last gig of the tour. Thank you so much.” Eine Pause haben sich Je T’aime nun redlich verdient. Vor allem weil wir eins wissen: Sie kommen definitiv wieder – wir aber auch! 😉

Setlist JE T’AIME – Köln, Gebäude 9 (31.05.2024)

01. Unleashed
02. Lonely Days
03. Give Me More Khol
04. Blood On Fire
05. Dirty Tricks
06. Marble Heroes
07. Spyglass
08. A Million Suns
09. C++
10. Winter Lake
11. Kiss The Boys
12. Fuck Me
13. The Sound
14. Dance

Weblinks JE T’AIME:

Homepage: www.jetaime-music.com
Facebook: www.facebook.com/jetaimethemusic
Instagram: www.instagram.com/jetaime-music

250 Gäste haben sich mittlerweile im Gebäude 9 versammelt. Dazu war es unangenehm warm. Die Lichtverhältnisse waren auch nicht so ideal. Frontlicht fehlte leider gänzlich. Auch wenn ansonsten auf diverse Farbspiele gesetzt wurde – es blieb durchaus schummrig. Befremdlich fand ich die schriftlichen Hinweise, in denen um Trinkgeld gebeten wurde – diese tauchten an verschiedenen Stellen auf. Wenn man schon 2,-€ für die Verwahrung der Jacke und 2,50,-€ für die einer Tasche latzt, sitzt der extra Groschen nicht ganz so locker. Aber das Personal war ausnahmslos sympathisch! Und an sich fühlte man sich in der Location mit dem Oldschool-Flair 90er Jahre auch wohl.

Zurück zum Geschehen. Hier wartete schließlich noch der Hauptact auf uns. Jedesmal wurde das Equipment auf der Bühne komplett ab- und neu aufgebaut. Das einzige, was noch von den ersten beiden Bands übrigblieb, war das recht ausladende Podest im hinteren Bereich. Wenn ich an die plötzlich auftretenden, ausladenden Bewegungen des Traitrs Sängers dachte, machte ich mir jetzt schon Sorgen. Wobei, er kannte die Situation ja allzu gut von der ausgiebigen Tour, bei denen sie als Special Guest von VNV Nation zugegen waren. Als wir die Kanadier auf dieser Tour erlebt haben, entstand der innere Wunsch, sie mal als Headliner in einem kleineren Club live zu erleben. Bei den VNV Shows war die Bühne nunmal riesig – besonders der tiefe Graben sorgte aber für eine deutliche Entfernung und eine dazugehörige Distanz. Hier freute ich mich daher richtig über die unbestrittene Nähe, die man im Gebäude 9 genießen konnte. Dementsprechend gespannt war ich darauf, wie der Auftritt des Duos nun hier wirken würde.

Nun wurde es richtig finster. Ein Intro ertönte und die Spannung stieg. Genauso düster wie der Raum waren auch die ersten Pianoklänge von Oh, Ballerina, die zu uns durchdrangen. Die Freunde Shawn Tucker und Sean-Patrick Nolen kamen hinzu. Dem Sänger fiel sein hellblondes Haar tief in seine Augenpartie hinein. Von hinten leuchteten ihn Scheinwerfer an. Als er seine glasklare Stimme erhob, geschah es auch schon – ich bekam geradewegs eine Gänsehaut und ein Schauer lief mir über den Rücken! Schon wurde der Song temporeicher, hatte aber dennoch eine gewisse Bedrohlichkeit inne und wirkte wahnsinnig intensiv. Direkt überkamen Shawn auch seine (für Zusehende) unerwarteten, heftigen Bewegungen, die gar in einigen Sprüngen gipfelten. Welch ein Auftakt! Glücklicherweise hat er sich auch bestens eingeprägt, welche Ausmaße das Podest hatte. Meine Sorge war also unbegründet. Er hatte alles im Griff und ich konnte das restliche Konzert uneingeschränkt genießen.

Ausgesprochen euphorisch wurden die zwei vom ihrem Publikum begrüßt und bejubelt. Zu Mouth Poisons fegte der Frontmann noch energischer über die Bühne. Auch Sean-Patrick war ganz in seiner Welt. Ihm sieht man genauso gerne zu, wenn er hinter seinen Keys die Musik ganz tief in sich verspürt und sein Körper die Klänge auf seine ganz eigene Weise zum Ausdruck bringt. “Thank you, Dankeschön”, begrüßte uns Sean. Still From Her Sores bescherte einem sogleich einen angenehmen Ohrwurm. Wenn man so um sich blickte, sah man einzig glückliche Gesichter in der Menge. Erst jetzt kam mir in den Sinn, auch mal ein kurzes Video aufzunehmen. Wie konnte mir das denn passieren? Normalerweise dachte ich da eher dran, um unsere Instagram Seite auch mit einem kleinen Reel bestücken zu können. Aber ich war hier tatsächlich gefangen im faszinierenden Sog der Traitrs. Ist es nicht genau das, was besondere Musik ausmacht?

Magdalene war ein Song voller Sehnsucht und Atmosphäre. Die Temperatur stieg samt der Luftfeuchtigkeit weiter an. Auch Sean-Patrick rann mittlerweile das Wasser vom Kinn, während er sich sichtlich an seinem Instrument verausgabte. “First of all, I have to say it’s so awesome to be back in Cologne. You guys are fucking brillant. Thank you.” Es folgte der enthusiastische Track Ghost And The Storm. Ihre Liebe zur Musik war einfach spürbar und die Funken tanzten zwischen der Band und dem Publikum fröhlich umher. Und wenn mal die Augen von Shawn unter seiner Haarpracht zu sehen waren, glänzten sie vor lauter Glück. “Are you having fun? We are, too! Thank you.” The Lovely Wounded nahm sich Zeit. Ganz seicht klangen die Synthies und genauso sanft waren auch die Bewegungen von Shawn. Die Single Thin Flesh wurde engagiert von den Fans mitgesungen. “Come on! Let me see you!” Und während wir vor der Bühne eifrig im Takt klatschten, gab sich das Duo weiterhin seiner Passion hin.

Pale ließ die Kanadier in rotem Licht erstrahlen. Voller Gefühl präsentierte Shawn das bedächtige Stück. “Coming here is like coming home. We love you.” Frenetisch wurde auch Burn To The Sun gefeiert, ehe die Freunde ihre Spielstätte verließen. Doch die Fans waren noch nicht bereit, ihre Traitrs in die Nacht zu entlassen. Ihre Pfiffe und Zugabe-Rufe liefen nicht ins Leere. Winkend kam Sean-Patrick zurück. Auch er wandte sich uns nun zu “Hello everybody. How is everybody doing? We’ve been coming to Cologne for a long time. It started at Tsunami Club. This is fucking crazy. This feels like home. We always say ,this is the best show.’ This is no bullshit. We played Amphi and some people here were there. Thank you! And thank you to Je T’aime and the openers. These kids are fucking killing it. This is a fucking awesome night. It’s our honour to play more songs for you, if you wanna hear them.” 

Mit Youth Code verzauberten die Traitrs weiterhin ihre Anhänger. Nassgeschwitzt ließen sie sich von der schwülen Hitze nicht beeinträchtigen und fetzten weiterhin ungestüm umher. “Cologne, this is our last song tonight. And I just wanna say fucking thank you.” Klatschend läuteten wir The Way Through A Bird’s Love ein. Noch einmal öffnete der Sänger sein Herz für uns. Mit fließenden Bewegung untermalte Shawn seine Lyrics: “Don’t you say goodbye. And don’t you try. And don’t you cry.” Ganz seicht hallten die allerletzten Töne aus. Um 23:48 Uhr verließen die Traitrs die Bühne. Sean-Patrick warf seinen Fans zum Abschied noch ein paar Luftküsse zu.

Im der G9 Bar kredenzte man uns noch die legendäre Attaque Surprise Aftershowparty. Passend zum Konzert luden noch Post Punk, New Wave, Coldgaze, Synthwave und Indie dazu ein, den Abend rund ausklingen zu lassen. Alle drei Bands standen auch noch am Merchstand für gemeinsame Selfies, Autogramme und nette Wortwechsel zur Verfügung. In dieser Nacht verließen wirklich alle happy das Gebäude 9 – herzlichen Dank für diesen wohltuenden Abend.

Setlist TRAITRS – Köln, Gebäude 9 (31.05.2024):

01. Oh, Ballerina
02. Mouth Poisions
03. Still From Her Sores
04. Magdalene
05. The Suffering Of Spiders
06. Witch Trials
07. Ghost And The Storm
08. Burnt Offerings
09. *Untitled Song*
10. Skinning
11. Prostitution
12. The Lovely Wounded
13. Thin Flesh
14. Pale
15. Burn To The Sun
16. Youth Cults (Z)
17. The Way Through A Bird’s Love (Z)

Weblinks TRAITRS:

Facebook: www.facebook.com/traitrs
Instagram: www.instagram.com/traitrsofficial

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