LEICHTMATROSE / ZOODRAKE – Oberhausen, Kulttempel (06.10.2023)

LEICHTMATROSE / ZOODRAKE - Oberhausen, Kulttempel (06.10.2023)
Leichtmatrose, © Kirsten Nagel
Geschätzte Lesezeit: 13 Minute(n)

Die Musiker von Leichtmatrose und Hilton Theissen verbindet eine langjährige Geschichte. Nachdem sie sich vor über zehn Jahren erstmalig begegnet sind, zündeten sie schnell einen Draht zueinander und so geschah es, dass Hilton die Band phasenweise als Produzent und als Live-Gitarrist unterstützte. Im feucht-fröhlichen Musikvideo Jonny fand bei den Sternen sein Glück (Anders sein) spielte er ebenfalls mit. Als neben den Matrosen auch Zoodrake im Laufe dieses Jahres ihre Konzertaktivitäten planten entstand die Idee, nochmal gemeinsam einen Abend zu bestreiten. Und wen sollte man bei solch einem galanten Plan einbinden? Natürlich Peter Jurjahn, den Inhaber des Oberhausener Kulttempels. Für die Umsetzung dieses Einfalls war er genau der richtige Mann. Schnell wurde man sich einig und ein passender Termin für ein Doppelkonzert inmitten der “Karma-Klub Tour” war gefunden.

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Am 06.10.2023 war es dann soweit und das beliebte “Wohnzimmer” öffnete seine Türen für die Anhänger der beiden Bands. Obgleich sich diese musikalisch durchaus unterscheiden, sollte uns ein äußerst geschmeidiger und beglückender Abend bevorstehen. Wer den Anfang machte, konnte man bereits an dem flirrenden Bandnamen auf der Leinwand erkennen: Zoodrake. Bereits im vierten Jahr bespielt Hilton gemeinsam mit seinem mystischen Weggefährten Silvveil die Bühnen namhafter Festivals oder Seite an Seite gefragter Bands der Schwarzen Szene. Dabei kann die Band auf gleich drei Musikalben zurückgreifen, die ihr aufgrund einer gelungenen Mixtur diverser Musikstile eine variantenreiche Gestaltung des Live-Sets ermöglicht.

Pünktlich um 21:00 Uhr erlosch das Licht im Bühnenbereich. Düstere Klänge eines flammneuen Intros breiteten sich im Raum aus und erlangten unsere Aufmerksamkeit. Silvveil platzierte sich hinter seinen Keys und gemeinsam mit der munteren Melodie des Openers Success Of The Snake eilte auch Hilton hinzu. Über seine lässige Lederjacke hatte er sich seine E-Gitarre geschnallt und ab der ersten Sekunde versprühte er eine ansteckende Energie. Eigentlich steht im letzten Drittel des Songs ein fetziges Gitarrensolo im Fokus des Geschehens. Im Gegensatz zum engagierten Fronter schien die Technik aber noch etwas hinterherzuhinken. Nicht schlimm, es ging ja gerade erst los. “Hi, wir sind Zoodrake und wir freuen uns, dass wir heute wieder in unserem Wohnzimmer zusammen sind.” Als bereits die ersten Töne von Sent To You zu hören waren, wies Hilton ein kehrt-Marsch an. “Einen zurück! Das war ein bisschen voreilig. Wir spielen jetzt den anderen Song. Wir dachten, die Gitarre hätte ein kleines Problem. Sorry dafür. Alles wieder da?” Der erhobene Daumen des Technikers, gab Entwarnung. Demnach konnte es wie ursprünglich geplant weitergehen.

Ein Befreiungsschrei läutete den nächsten Track ein und als der Sänger nun die Saiten anschlug, war dies auch hörbar. Mit voller Wucht und einem markanten, tiefdunklen Beat kam Black Out Day daher – ein Song über einen rabenschwarzen Tag, an dem einfach alle Probleme gleichzeitig ihren Tribut fordern und wie ein Kartenhaus über einem hereinbrechen. In den ersten Reihen wurden die dazugehörigen Lyrics bereits vereinzelt mitgesungen. Die treibenden Beats blieben nicht folgenlos: “Das halte ich nicht lange aus!” Was damit gemeint war? Hiltons nun viel zu warm gewordene Lederjacke. Diese musste fortan weichen. Prompt wirbelte er sie über seinen Kopf hinweg hinfort. “Wie sieht’s aus – legen wir noch einen oben drauf?” Klar doch! Nun war es aber Zeit für Sent To You – den ersten Titel, der einst für Zoodrake entstanden ist. Gänzlich ohne Gitarre konnte sich der Fronter nun frei bewegen – selbstredend packte er diese Gelegenheit auch beim Schopfe und nahm die gesamte Bühne für sich ein. Mit Upgrade folgte ein weiterer Song des ersten Albums. In diesem hymnischen Stück offenbarte uns Hilton mühelos seine beeindruckende Range.

Mittlerweile war der Sound glasklar und die sensationelle Lightshow setzte Zoodrake perfekt in Szene. Vereinzelte Parts seiner Lyrics ergänzte der Sänger mit dazu passenden Gesten. Erste “Woohoo”-Rufe ließen nicht länger auf sich warten. “Vielen herzlichen Dank. Wir waren nicht untätig, seit wir das letzte Mal hier waren. Wir haben unser drittes Album herausgebracht: ,Torn From Core’ und das hier ist ein neues Stück – es heißt ,Fighter’. Lasst euch nicht immer alles gefallen.” Der bewusst lässig klingende Song handelte von einem Apell, der einen ermutigen soll, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen und unnachgiebig für seine Ziele zu kämpfen, statt in Selbstmitleid zu versinken. Hilton kniete sich hin. “It`s in your hand, I recommend you fucking draw a line. You swore to mend, but all you send are signs that you resign. Be a fighter. Draw a line.” Es war deutlich erkennbar, wie stark er empfand, was er sang. “Wenn man sich alles gefallen lässt, fühlt man sich wie ein Bluter unter Vampiren.” Seine Worten galten Bleed Among Vamps. Der Spaß war dem Musiker ins Gesicht geschrieben. Ausgelassen hüpfte er dazu über die Bühne und sammelte unbedarft weitere Sympathiepunkte. In der ersten Reihe stand ein Mann mit einem Rollator. Seine Gehhilfe parkte allerdings unbeachtet. Stattdessen tanzte sein Besitzer fröhlich, er klatschte motiviert mit und schoss Erinnerungsfotos. Hilton posierte gar extra für ihn.

Es folgte die Indienummer Nothing’s Wrong. Nun kam eine nagelneue schwarze Gitarre samt edlem Klavierlack und einem kontraststarken weißem Rand zum Einsatz – welch eine Augenweide! Bei einem fetzigen Solo konnte das Schmuckstück auch klanglich überzeugen. Für einen kurzen Augenblick hielt der Sound inne und lediglich die Saitenklänge untermalten Hiltons sanfte Stimme: “It’s plain to see how hard we try. It’s plain to see how hard we sigh.” Welch zauberhafter Moment. Nach dem kleinen Break lud einen der Rest des Songs aber direkt wieder zum Tanzen ein. Seine Feuertaufe feierte dann Same Old im aufpolierten Set. Kraftvoll und bedrohlich bäumte sich die eiskalte Abrechnung mit der starren Musikindustrie auf. Eintönige sich stets wiederholende Muster, bekamen hier mächtigen Gegenwind entgegengeblasen. Während sich die Musikdinos auf ihren einst gesammelten Trophäen ausruhen und sie sich keinen Millimeter aus ihrer Komfortzone herausbewegen, feiern die Massen ihre Outputs und agieren wie kopflose Lemminge, statt dem Nachwuchs auch nur den Hauch einer Chance zu ermöglichen. Raffiniert verstärkte der getragene Gesang, neben dem erbitterten Unterton in der Stimme die bissige Botschaft. Schließlich drohen innovative Ideen in der Musikbranche einfach zu verpuffen. Dabei fand Hilton klare Worte in seinen Lyrics, als er um etwas Offenheit warb: “Await the chorus and the line that shivers down your fuckin’ old spine.” Klangvolle Melodien umgarnten diese dunkle Ode, ehe nochmal ein markantes Gitarrenspiel einen Seufzer auslöste.

Kurzzeitig entschwand der Sänger von der Bühne – doch nur um sein Langarmshirt gegen ein luftigeres T-Shirt einzutauschen. Als seine Rückkehr bejubelt wurde, signalisierte er uns mit einem klaren Zeichen der Stille (Psssssst), dass bereits der nächste Titel anstand. Ganz sanft und voller Gefühl begann Light Aspire. Eine Pianomelodie begleitete Hiltons warme Stimme. Ein Gefühl von Hoffnung breitete sich aus. Der Song handelte davon, Fehlern aus vergangenen Tagen nicht endlos nachzutrauern, sondern den Weg zu sich selbst zurückzufinden und reinen Herzens wieder dem Licht entgegenzustreben: “Raise any spark to fire. Let all your light aspire.” Doch bei den klanglich zarten Momenten blieb es nicht, denn gegen Ende nahm der Song nochmal fröhlich Fahrt auf und ermunterte einen, sich beflügelt tanzend treiben zu lassen. Auch Hilton ließ sich davon anstecken und drehte beseelt frei.

Keine Gnade zeigte der Gott der Verdammnis im Tanzflächenfüller G.o.d. Ein dreckiges Lachen leitete textlich eine unermüdliche Hetzjagd ein – jegliches Entkommen schien aussichtslos. Am Ende beherrschte einen eben dieser sowieso. Völlig konträr zu den besorgniserregenden Zeilen gesellten sich verspielte Synthies und eine liebliche Melodie, die an ein Glockenspiel erinnerte. Little Mantra klang wohltuend und äußerst liebevoll. In diesen fordernden Zeiten gab uns Hilton einen kleinen Reim mit auf den Weg, der einen positiven Vibe versprühte: “Make your day, and feel your way. Turn up your sound, and feel it bound.” Sein Sinnspruch zeigte Wirkung – blickte man doch in etliche beglückte Gesichter. “Ja, bleibt ruhig in Schwung.” Klatschend ging der Song in Death Bloom über. Hier ging es dann nochmal zornig zur Sache. Die sehnsüchtigen Wellen der verträumten Ballade New Oceans schwappten schnell auf’s Publikum über und erwärmten das ein oder andere Herz. Dabei unterlegte der Fronter dieses Stück mit besonders geschmeidigen Moves. Jackal Parade machte uns dann aber nochmal Beine und verlangte auch dem Sänger einiges ab. So ein steigendes Tempo gegen Ende eines Sets lässt einen durchaus seine Energiereserven anzapfen.

“Vielen herzlichen Dank, Kulttempel. Wir waren Zoodrake und jetzt, bevor wir den Rest des Abends mit den wunderbaren Leichtmatrosen genießen, spielen wir den letzten Song für heute – keine Zugaben, wir haben keine Zeit. Mir bleibt nur eine Frage – wenn es euch ein bisschen gefallen hat – habt ihr Bock, nochmal mitzumachen?” Zum Finale servierten uns Zoodrake Right Back. Silveeil griff beherzt in die Tasten und ein letztes Mal wurde die Stimmung angeheizt. Voller Leidenschaft sang Hilton die letzte Strophe: “After all that we’ve been through. We don’t let go, don’t let go. It will get us killed someday. You an me, anyway, me and you.” Dabei zog er das letzte Wort gekonnt in die Länge und hielt den nicht enden wollenden Ton so klar, dass er einen schwer beeindruckt zurückließ. Mit einem Zwinkern verabschiedete er sich von uns: “Vielen lieben Dank. Bis gleich.” Arm in Arm verneigte sich das Duo artig und nach 65 Minuten gaben Zoodrake die Bühne für den zweiten Headliner des Abends frei.

Als ich mir nun im Nachhinein die Setlist angesehen habe, konnte ich kaum glauben, dass Zoodrake ganze 17 Songs gespielt haben. Nun hatte ich also schwarz auf weiß, wie schnell Momente vergehen können, wenn man diese gänzlich genießt und Raum und Zeit zur Nebensache werden.

Setlist ZOODRAKE – Oberhausen, Kulttempel (06.10.2023):

01. Success Of The Snake
02. Black Out Day
03. Sent To You
04. Upgrade
05. Fighter
06. Bleed Among Vamps
07. Nothing’s Wrong
08. Same Old
09. Light Aspire
10. Our Light
11. Fear
12. G.O.D.
13. Little Mantra
14. Death Bloom
15. New Oceans
16. Jackal Parade
17. Right Back

Weblinks ZOODRAKE:

Homepage: www.zoodrake.de
Facebook: https://www.facebook.com/zoodrake
Instagram: www.instagram.com/zoodrake

Uns bleib wenig Zeit durchzuatmen. Flugs versorgten wir uns mit erfrischenden Getränken und nach einer flotten Umbaupause erklang auch schon eine schaurige Geschichte in Form eines Intros. Auf einem schwarzen Backdrop prangte ein rotes Herz neben dem Bandnamen von Leichtmatrose. Besonders positiv fielen uns übrigens die äußerst ansprechenden Merchandiseartikel der Kombo auf. Selten haben wir allein solch schicke T-Shirts gesehen. Diese glitzerten und funkelnden mit silbernen Lettern und weckten direkt unsere Neugier. Nun war hier aber erstmal das zweite Konzert angesagt. Obwohl die Jungs bereits seit dem Jahr 2005 aktiv sind, war dies mein erstes Konzert von Leichtmatrose. In letzter Zeit habe ich zwar den ein oder anderen Gig anvisiert, aber zeitlich kam bislang immer etwas dazwischen. Jetzt stand aber endlich meine persönliche Premiere an. Nach und nach enterten die fünf Musiker ihre Spielstätte.

Vorhang auf für Dalai Lama: “You say hello, und alles wird genau wie immer sein.” Sänger Andreas Stitz trug einen schwarzen Mantel, und sein ansonsten freier Oberkörper blitzte darunter fast bis zum Bauchnabel heraus. Eine Kette mit einem großen Kreuzanhänger zierte seinen Ausschnitt. Engagiert begab er sich in Pose, stellte sich auf seine Zehenspitzen und war von Beginn an fest im Set verankert. Dabei funkelte das silbern glitzernde Schlagzeug des Drummers Tom Günzel mit den Schriftzügen der Bandshirts im Publikum um die Wette. Thomas Fest verließ für den Folgetrack sein Keyboard und schnappte sich eine Gitarre. Nun kam auch sein schicker Satinanzug zur Geltung. Darunter kam mit neongrüner Schrift ein Karma Polizei-Shirt seiner eigenen Band zum Vorschein. Völlig relaxed setzte er sich erstmal mit seinem Instrument hin. Daniel Valente Fraga ist erst in diesem Jahr als Live-Gitarrist zu den Matrosen dazugestoßen. Obwohl er deutlich jünger als seine Kollegen war, fügte er sich ganz wunderbar in der Bandgefüge ein und erweckte keineswegs den Anschein, relativ neu an Bord zu sein. Der Song handelte von einer vergangenen Liebe, die sich nicht davon abhalten lässt, sich wieder bei einem einzunisten. Wirklich willkommen war diese nicht und schelmisch wurde sie dann auch wieder des Weges verwiesen: „Adieu mein Arschgeweih.“

Das Schicksal kann ein mieses Arschloch sein hieß es. Und in der Menge reckten sich geschlossen die Arme in die Höhe. Den Fans war deutlich anzusehen, dass sie die Texte und die Musik ihrer Band deutlich fühlten. Nun begrüßte uns auch Andreas: “Es ist so wundervoll, dass ihr da seid. Ihr würdet uns noch mehr Freude machen, wenn ihr mit uns zusammen eure richtig süßen Hintern bewegt. Macht ihr mit? ,Adieu Marie’.” Als ob die Anhänger von Leichtmatrose diese Einladung benötigt hätten. Vom ersten Ton an unterstützten sie ihre Band und natürlich wurden jetzt auch die hübschen Popos geschwungen. Zufrieden nahm dies auch ihr Sänger zur Kenntnis: “Danke! Seid ihr heiß?” Prompt folgte bekennender Jubel. Besinnliche Pianoklänge leiteten Besser nicht ein. Doch wer meinte, hier erwartete uns eine Ballade – war auf dem Holzweg. Allmählich baute sich die betrübt klingende Nummer zu einem stattlichen Rocksong auf. Selbst ein amtliches Gitarrensolo war inklusive. Daniel und Rick J. Jordan am Bass jammten vergnügt miteinander und Andreas kniete sich bedächtig hin, um seinen Worten noch mehr Wirkung zu verleihen. “Jetzt flieg! Ich lass dich frei. Jetzt flieg. Viel Spaß dabei. Ich lass dich gehen, auf Wiedersehen.” Und doch vermochte die Hoffnung auf eine Rückkehr kaum zu schwinden. Aber am Ende kam mit der Vernunft die Einsicht einher “Vielleicht ist es besser, alleine zu sein.” Für sein Publikum fügte Stitz seinen letzten Worten aber einen ehrlichen Zusatz hinzu: “So alleine zu sein… – Doch niemals ohne euch! Vielen Dank.”

Rick schaltete sich ein: “Das sieht von hier oben richtig geil aus. Hammer! Danke, dass ihr gekommen seid.” Andreas behielt aber das generelle Wort: “Ihr kennt das. Ihr habt Träume, ihr habt Ziele, ihr habt Wünsche und irgendwann packt ihr es auch und denkt ,ich hab’s geschafft. Ich hab’s erreicht.’ Und dann stehst du wieder auf und wachst auf, denn irgendwo kommt immer ein blödes Arschloch her!” Abfahrt mit der Karma Polizei. Nun war aber mächtig Stimmung in der Bude. Gemeinsam sang man: “Und wenn du wenn du denkst, du bist zuhaus, dann schlaf nicht ein und Ruh dich einfach aus. Und und wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein Arschloch her und weckt dich auf.” Andreas unterstrich die Message, indem er provokant einen Mittelfinger emporstreckte. “Wie geil seid ihr schon drauf? Wiiiiie heiß seid ihr drauf? Also dann könnt ihr auch mitsingen, zwei Zeilen: Oooooooh, Paris. Kriegt ihr das hin?” Und der große Chor setzte beherzt ein.” Den zweiten Part übten wir auch noch: “Champs Élysées.” Schon konnte das dramatische Chansons-Stück über eine leidige Liebe zu einer leichten Französin beginnen. Thomas verlieh dem Song mit einem Akkordeon das passende Flair der Zwanzigerjahre. Gemeinsam litten wir mit dem Protagonisten und lautstark unterstützen wir Stitz mit unseren einstudierten Einsätzen. Herrlich! Was übrigens deutlich wahrnehmbar war: zwischen den Bandmembern enstanden den ganzen Gig über herrliche Schwingungen. Wann immer man ein Blick auf Rick warf – er strahlte einfach unentwegt. Man spürte richtig, wie gut sich die Jungs verstanden und wie sehr sie ihre gemeinsame Zeit auf der Bühne genossen.

“Ich hab jetzt schon ein paarmal in der Zeitung gesehen, dass ich bekannt bin für tiefsinnige Texte. Das passt zum nächsten Song. Weil, der handelt vom Ficken – ,Jasmin’.” Daraufhin folgten stimmungsgeladene “Hey-hey”-Rufe. Die Fans hatten Bock und hopsten motiviert in die Höhe. Jasmin schien auch angefixt zu sein, schließlich wurde ein begehrliches Stöhnen von ihr eingespielt. Heiß scheint es mit besagter Dame herzugehen, bis “der Speed ihm den Rest gibt.” Nach dem Song wirkte Andreas kurz abgelenkt. Schnell klärte er diesen Moment auf: “Der Schlagzeuger flüstert mir ständig was ins Ohr – es macht ihm Spaß. Und mir macht es Spaß, dass wir alle überlebt haben. Ihr erinnert euch an die letzten Jahre. An die bitteren Jahre. Und erinnert euch, dass wir alle wenig Hoffnung hatten und in der Zeit haben wir diesen Song geschrieben und was davon übrig geblieben ist…” Stitz hielt kurz inne.

“Ach du Scheiße, ist der falsche Song! Das ist da alles durchgestrichen und ich hab keine Brille auf! Dann erzähl ich jetzt ‘ne andere Geschichte. Ihr seid ja alle nicht mehr die Jüngsten. Damals in der Schule, da war ich so richtig scharf auf so ‘ne scharfe Tante. Aber natürlich hat sie sich für diesen coolen in der Raucherecke entschieden, der da mit ‘ner 80er um die Ecke kam.” Währenddessen machte sich Tom hinter seinen Drums groß und fing an zu posen und zu verdeutlichen, dass es sich in dieser kleinen Geschichte um ihn drehte. Andreas bekam davon gerade nichts mit “Mit ‘ner total beschissenen Lederhose und ich hab gedacht ,Scheiße’. Aber irgendwann  – da hab ich sie gekriegt: ,Kawasaki’!” Die Begeisterung ließ nicht lange auf sich warten. Aus der Menge war ein glückliches “Yeaaah!” zu hören. Es folgte eine ausführlichere musikalische Version dieser kleinen Episode. Egal was damals im Laufe der Jahre passierte, wie schwer die Enttäuschungen auch an einem nagten – die Kawaski stand einem treu zur Seite. Man neigte durchaus dazu, dem passionierten Song mit einer schunkelnden Bewegung zu begegnen.

“Jetzt hab ich’s gelesen, was kommt. Jetzt ‘ne kleine Zeitreise, zurück in die 80er Jahre. Und ein paar Leute, die hier sind, waren beim Videodreh dabei. Dirk, Olli, Petra und nochmal ‘ne freundliche Aufforderung von mir: Morgen seid ihr viel viel älter! Heute bewegt ihr euren Hintern! Wir sind die Generation, die niemals aufhört zu tanzen!” Ab der ersten Sekunde schoss der wavige Sound in die Beine uuund? Natürlich in die Booties. Etliche shakende Booties waren auf der Tanzfläche wahrnehmbar. “Komm schon Mädel, tanz den Beat, ich hab dich lieb (…) Und die Marie – tanzt wieder allein. Sie wollte immer ein Tanzmariechen sein.” Diverse musikalische Grüße an die gute alte Zeit waren in dieses Schätzchen eingebettet. “Jetzt erzähl ich die Geschichte nur halb, ‘ne? Also, Pandemie, scheiß Zeit, wir haben es geschafft und wir sind zu dem Entschluss gekommen, wir schreiben einen Song für das, was uns alle am Leben gehalten hat und das ist – das wisst ihr alle?” – “Liebe!” – “Genau.” Nun tauschte Daniel seine E-Gitarre gegen eine akustische Variante und gab seiner Freundin passend zum Song einen Kuss. Immer mehr Fans schlossen sich in die Arme und wenn man in die Gesichter blickte, die auf die Bühne schauten, vernahm man leuchtende Augen und selige Gemüter. “Und wenn sie dann schreien, die Welt geht zugrunde. Spür ich deine Hand und rufe ins Land: LIEBE!”

“Es wird politisch. Wir haben heute zwei Lieder für den Frieden. In meiner Kindheit war der Ursprung, wo es immer scheiße zuging, die schönste Stadt, in der ich je gewesen bin.” – “Münster?” – “Nee, das war Castrop Rauxel. ‘Ne, es war die Altstadt von Jerusalem.” Es wurde besinnlich und zugleich akustisch. Alle fünf verteilten sich nun vorn am Bühnenrand. Tom spielte auf einer Standtrommel, Rick blies in eine Melodica und Thomas drehte sich fröhlich mit seinem kleinen Saiteninstrument auf seinem Hocker im Kreis. Mit sanfter Stimme sang unser Kapitän Stitz die freundschaftlichen Worte: „Ich werde dich immer lieben mein Feind, das ist mein größter Sieg.“ Als nächstes stand uns eine Reunion bevor. Zu Beginn erzählte ich, dass Hilton damals im Musikvideo für die Single Jonny fand bei den Sternen sein Glück (Anders sein) mitspielte. Wenn die Jungs schon ein Doppelkonzert gaben, war es unvermeidbar, Hilton für diesen Song zu umgehen. Also begrüßten wir den Live-Gitarristen vergangener Tage erneut. Andreas nahm ihn herzlich in Empfang und drückte ihn erstmal an sich. Auf der Bühne zündete die nächste Granate der puren Freude. Immer wieder suchten die Musiker in unterschiedlichen Konstellationen die Nähe zueinander und rockten, was das Zeug hält. Gefühlt war hier der gesamte Tempel vereint mit der Band. Alle gemeinsam erhoben wir unsere Stimmen: “‘So frei’, so schrie’n wir die ganze Nacht. Und keiner hat uns eingeholt – was haben wir gelacht. FREI – wir tranken viel zu viel. Und niemand hat uns je gewarnt – war alles nur ein Spiel.” 

“Ich wage es kaum, zu sagen. Ich transpiriere! Es war absolut großartig mit euch. All unsere Liebe gehört euch. Wir möchten uns verabschieden. Was sollen wir machen? Die Zeit rennt. Liebe und Frieden das brauchen wir. Und deswegen sagen wir tschüss. Auf Wiedersehen von Leichtmatrose, auf Wiedersehen, Oberhausen!” Tief melancholisch wurde es nun mit dem bewegenden Stück Hier drüben im Graben. Vor der Bühne war es mucksmäuschenstill. Alle lauschten den bitteren Worten des Sängers. Er übte scharfe Kritik an Kriegsszenarien, bei denen jegliche Menschenrechte zur Nebensache werden. Finstere Bilder entstanden im Inneren und all der Schmerz, den solche Taten mit sich brachten, war zum Greifen nahe. “All die Toten vom März. Hörst Du die Kinder schrein’? Es wird immer so -Schein’, schein’, schein’ mein Stern, (…) und hol’ mit heim.” Noch einmal gingen die Arme in die Luft und bewegten sich im Takt von links nach rechts. “Vielen Dank. Es hat Spaß gemacht!” Und schon entschwanden unsere Matrosen in den Backstageraum. Moment… unsere? Durchaus! Man hatte echt das Gefühl ein Teil des Ganzen zu sein. Da die Zugabe-Rufe eh nicht abebbten, hatten die Jungs ein Einsehen und kehrten nochmal zu uns zurück. Für die Encores hat Andreas seinen Mantel nun gegen ein schwarzes Hemd eingetauscht. In der Eile gelang es allerdings nicht, jeden Knopf mit dem dazugehörigen Knopfloch zu vereinen. Was soll’s. Schief ist modern.

Nachdem es früher am Abend bereits mit Same Old von Zoodrake den Urgsteinen der musikalischen Kommerzialisierung an den Kragen ging, schlugen Leichtmatrose mit ihrem Chill Indianer in eine ganz ähnliche Kerbe. “Die ganzen Schlageromis waren plötzlich deine Homies. ” Ein eingängiger Rhythmus wurde zusammen mit rockigen Gitarren serviert. Stitz zappelte ausgelassen ab und steckte die Menge erneut an. Tom drosch mit steigendem Tempo auf seine Drums ein und die Herren an Saiten sorgten für ein herrliches Geschrammel. Rock ‘n’ Roll! “Ein riesen Applaus für unseren Tonmann, für unsere Merchmuddi Katrin, für Kirsten an der Fotografenkante. Für unseren Lichtmann – der… Lichtmann! Was soll ich sagen? Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei! Auf Wiedersehen, Oberhausen. Wir fliegen davon – mit den Astronauten.” Mit seichten Klängen wurde es richtig romantisch “Ich bin ein Astronaut, der Sterne für dich klaut.” Zum Schluss bäumten sich die Synths ein letztes Mal auf, dazu erklangen die Gitarren mit besonderer Härte – wie es sich für ein dramatisches Ende gehört. Mit einem Luftkuss verabschiedete sich der Frontmann von uns. “Danke! Leichtmatrose! Wunderschön!” Alle fünf lagen sich für eine allerletzte Verbeugung in den Armen, bevor Leichtmatrose nach 95 Minuten heftigst umjubelt von dannen zogen.

Mit ein paar Autogrammen, gemeinsamen Erinnerungsfotos und kleinen Gesprächsrunden erhielten alte und frisch hinzugewonnene Fans noch die Möglichkeit, diesen Abend fest in ihren Herzen zu verankern.

Setlist LEICHTMATROSE – Oberhausen, Kulttempel (06.10.2023):

01. Dalai Lama
02. Das Schicksal kann ein mieses Arschloch sein
03. Adieu Marie
04. Besser Nicht
05. Karma Polizei
06. Wenn es Nacht wird in Paris
07. Jasmin
08. Kawasaki
09. Du Disko
10. Liebe
11. Jerusalem
12. Jonny fand bei den Sternen sein Glück (Anders sein)
13. So schmeckt es frei zu sein
14. Drüben im Graben
15. Chill Indianer (Z)
16. Der einsame Astronaut (Z)

Weblinks LEICHTMATROSE:

Homepage: http://www.leichtmatrose.com/
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