ENTER SHIKARI / TRASH BOAT / WARGASM @ Oberhausen, Turbinenhalle 2 (20.12.2022)

Fotos: ENTER SHIKARI
Enter Shikari, (c) Michael Gamon
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Schön, wenn man in Zeiten explodierender Konzertticketpreise noch Gegenbeispiele findet. Für schlappe 28,20 Euro traten Enter Shikari – dem Brexit mitsamt nervigen Zoll-Problemen zum Trotz – kurz vor Weihnachten in der Oberhausener Turbinenhalle auf und brachten gar noch zwei befreundete Gruppen mit. Mit mehr als zwei Jahren Verspätung stellten Rou Reynolds & Co. endlich ihr sechstes Studioalbum Nothing Is True & Everything Is Possible in deutschen Hallen vor, zuvor gab es aus bekannten Gründen zahlreiche Verschiebungen, Planänderungen und 2022 immerhin einige Festivalauftritte. Ursprünglich wollten Enter Shikari schon lange zuvor im Kölner Palladium spielen, nach der erzwungenen Absage wurde die Tournee allerdings komplett neu geplant. So verschlug es das experimentierfreudige Quartett aus St. Albans in die kleinere der beiden Industriehallen im westlichen Ruhrgebiet.

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Ausverkauft war die Show schon Wochen zuvor. Und schon bei der ersten von drei Bands wurde klar, dass dem Publikum nicht nach besinnlicher Stimmung stand. Für den Einheizer-Job waren Wargasm jedenfalls eine treffliche Wahl. Milkie Way (eigentlich Rachel Hastings) und Sam Matlock, jeweils für Gesang/Shouts wie für Gitarre zuständig, gründeten ihre Band 2018 und veröffentlichten seitdem vornehmlich Singles, zuletzt gar The Void Stares Back, gemeinsam mit Enter Shikari. Der sollte später noch auf dem Programm stehen, erstmal erklangen aber eigene Songs, vornehmlich von der Debüt-EP Explicit: The Mixxtape. Wargasm ist eine dieser Bands, die für Journalisten, die ja irgendwie immer alles in Schubladen packen müssen, einen kleinen Albtraum darstellt. Hastings und Matlock bezeichnen so verschiedene Acts wie L7, Limp Bizkit und Poppy als Einflüsse – und genau das hört man auch.

Wargasm bringen Rrriot-Girl-Punk-Attitüde (trotz einer eher lieblich klingenden Stimme) und maskuline Nu-Metal-Attitüde (und -Riffs) zusammen, hier und da ergänzt geschickt platzierte Elektronik das Soundbild. Das Duo, live verstärkt durch Gitarrist Edison Hunter und Drummer Adam Breeze, riss den Pulk vor der Bühne in jedem Fall mächtig mit. Ein besonders agiler Fan crowdsurfte bei jedem Song und kam über dem Fotograben wieder raus – was mögen die Securitys gedacht haben? -, die ersten Moshpits des Abends ließen die Temperatur ordentlich in die Höhe schießen. Eine Band, die man zukünftig auf der Rechnung haben sollte. Wargasm vereinen Genres, die ihre beste Zeit eigentlich schon 10 bis 20 Jahre hinter sich haben, lassen sie aber frisch klingen. Darüber hinaus setzen der dunkelhäutige Bassist und die Blondine an Mikro und Gitarren ein in diesen musikalischen Gefilden dringend überfälliges Zeichen für Diversität.

Setlist WARGASM @ Oberhausen, Turbinenhalle (20.12.2022)

01. Super Fiend
02. D. R. I. L. D. O
03. Salma Hayek
04. Pyro Pyro
05. Rage All Over
06. Fukstar
07. Backyard Babies
08. Spit.

Schon etwas länger im Geschäft ist die zweite Vorgruppe des Abends, die wie Enter Shikari aus St. Albans stammt. Und wenn Wargasm sich Einflüssen aus der dominanten Musik der frühen 2000er bedienen, dann schicken einen Trash Boat direkt mit der Zeitmaschine ins “Viva Plus”-Zeitalter. Ein bisschen Skatepunk, ein bisschen Nu Metal, ein bisschen Emo – Fans von Sum 41, den frühen Linkin Park, Limp Bizkit, Korn oder My Chemical Romance dürften daran Gefallen finden. Das Ganze stimmlich von Tobi Duncan stark umgesetzt, greifen zumindest die Texte des Quintetts aktuelle zeitliche Bezüge auf.

Der Song Alpha Omega befasst sich, wie Duncan zuvor erklärte, mit Depressionen und Verzweiflung – jedenfalls in den Strophen, bevor es im Fred-Durst-Gedächtnisrefrain ums Springen und Grölen der Zeile Idiot! You fucking idiot! geht. Doch zu viel soll hier gar nicht kritisiert werden. Der Auftritt von Trash Boat machte Spaß, das Energielevel blieb hoch und Fans der genannten Bands dürfen hier gerne ein bis zwei Ohren riskieren. Zu empfehlen sei für einen ersten Eindruck das dritte Album Don’t You Feel Amazing?, das im August 2021 erschien und dessen Songs den Großteil des rund 30-minütigen Sets ausmachten. Ein neues, noch unveröffentlichtes Stück stellten Trash Boat mit Delusions Of Grandeur zudem vor – mal sehen, ob es 2023 auch in der Studio-Fassung das Licht der Welt erblicken wird. So oder so: Das dürfte live auch dauerhaft deutlich besser funktionieren als auf Platte.

Setlist TRASH BOAT @ Oberhausen, Turbinenhalle (20.12.2022)

01. Synthetic Sympathy
02. Silence Is Golden
03. Bad Entertainment
04. Delusions Of Grandeur
05. Alpha Omega
06. Don’t You Feel Amazing?
07. It’s So Good

In der zweiten Umbaupause ging ein Raunen durch die kleine Turbinenhalle, vereinzelt wurde gelacht oder gar lautstark mitgesungen. Wer auch immer die Umbaupausen-Playlist zusammengestellt hatte, er oder sie pfiff so auf jegliche Geschmacks- wie die Hauptband des Abends auf Genregrenzen. Denn nach Limp Bizkit – man möge sich darüber nach den zwei eben beschriebenen Support-Sets nicht wundern -, Atari Teenage Riot oder den englischen Indie-Newcomern Yard Act ertönte allen Ernstes der Pur-Party-Hitmix. Gut also, dass nach Tainted Love (von Gloria Jones, nicht Soft Cell) endlich Enter Shikari die Perlenaugen ihrer Fans funkeln ließen und die etwas mehr als 1000 Anwesenden in ein ganz eigenes Abenteuerland entführten. Drummer Rob Rolfe nahm auf einer länglichen Erhöhung Platz, die Frontseite dieser diente als Projektionsfläche für Screens und Lyrics. Letztere wären wohl kaum nötig gewesen, zeigten sich die Fans doch jederzeit überaus textsicher.

So ganz und gar nicht unbekannt war dementsprechend der Opener The Great Unknown, bei dem sich die Turbinenhalle 2 endgültig in ein Tollhaus verwandelte. Der wie gewohnt extravagant gekleidete Rou Reynolds begrüßte die Fans mit dem gewohnten, aber nicht an Bedeutung verlierenden Satz “We’re Enter Shikari from Europe” und gab darüber hinaus noch einige Instruktionen für einen gelungenen Konzertabend. Gebt aufeinander Acht, helft jemandem hoch, wenn er oder sie hinfällt und, ganz besonders wichtig: “Let’s destabilise this place“. Gesagt, getan. Eine kleine Verschnaufpause gab es erst zu Modern living…, der Refrain des nachfolgenden Anaesthetist und insbesondere der Drum’n’Bass des addierten Rezo Remix ließen den Pit wieder kochen.

Es folgte ein Statement pro LGBTQ+-Community, dies im Rahmen des Songs Satellites. Pünktlich zum ersten Refrain schossen abertausende Papierschnipsel in den Regenbogenfarben aus den dafür bereitgestellen Kanonen und regneten aufs Publikum herab. Ja, denkt denn keiner an die armen Säue, die das nachher wieder auffegen müssen? Während sich das Publikum die zahlreichen Fitzel aus den Haaren entfernte oder als Mini-Souvenir in die Tasche steckte, beruhigte sich das Geschehen mit dem eher balladesken The Pressure’s On. Aber wer Enter Shikari kennt, der weiß, dass auf kurze Entspannung recht zügig schon die nächste Eruption folgt. Diesmal mit Unterstützung, denn zum gemeinsam aufgenommenen Track The Void Strikes Back kamen Milkie und Sam von Wargasm auf die Bühne – letzterer suchte direkt wieder den ganz engen Kontakt zu den Fans in den ersten Reihen.

Damit nicht genug der Gäste. Mit Bull erschien erst vor wenigen Wochen eine weitere Single und auch Rotschopf Cody Frost wurde von Enter Shikari dazu eingeladen, mit auf Tour zu kommen und ihren Part live abzuliefern. Drumherum ertönten mit Gandhi Mate, Gandhi, Mothership und allen voran dem Durchbruchshit Sorry You’re Not A Winner drei wahre Klassiker. Vor allem letzterer löst immer wieder besondere Gefühle aus – der Moment nach dem einsetzenden Gitarrenriff, bei dem die ganze Halle dreimal schnell hintereinander klatscht und damit die folgende Raserei einleitet, wird sich einfach niemals nicht großartig anfühlen.

Nach Solidarity, einem weiteren hektisch-zappeligen Kracher der frühen Jahre, verabschiedete sich das Quartett zunächst hinter die Bühne. Lange sollte es nicht dauern, bis zumindest Rou wieder herauskam. Seinen sentimentalen Solomoment lässt sich der Sänger nicht nehmen, bei früheren Konzerten in größeren Venues tauchte er nach kurzer Dunkelheit am anderen Ende der Location wieder auf, für drei bis fünf Minuten am Piano – das funktioniert in der vergleichsweise kleinen zweiten Turbinenhalle naturgemäß nicht so gut. So tat es auch gedämmtes Licht auf der Bühne und eine Gitarre, mit der er Stop The Clocks in reduzierter Form darbot – dass auch hier das Publikum lautstark und textsicher mit einstieg, rührte Reynolds sichtlich. So sehr, dass es in Oberhausen gar noch ein Weihnachtsständchen dazu gab.

Zwei Songs fehlten noch. Klar, dass es bei einer Tour zur Nothing Is True & Everything Is Possible-LP nicht ohne die erste Single geht – und “meanwhile” waren nicht nur Rou, Rory, Chris und Rob wieder “at the Dreamer’s Hotel“, sondern auch die Papierschnipsel-Kanonen aufgefüllt. Zur abschließenden Eskapismus-Hymne Live Outside regneten nochmal abertausende Fetzen, diesmal in weiß, auf die Köpfe des Publikums. Ja, denkt denn keiner an die armen Säue, die …? Ach scheiß drauf, war geil.

Setlist ENTER SHIKARI @ Oberhausen, Turbinenhalle (20.12.2022)

01. The Great Unknown
02. Destabilise
03. Juggernauts
04. Modern living…
05. Anaesthetist (+ Rezo Remix)
06. Satellites
07. The Pressure’s On.
08. The Void Strikes Back
09. Arguing With Thermometers
10. Rabble Rouser
11. Sorry, You’re Not A Winner
12. Bull
13. Gandhi Mate, Gandhi
14. Mothership
15. Solidarity
16. Stop The Clocks (Rou solo, Z)
17. Have Yourself A Merry Little Christmas (Rou solo, Z)
18. The Dreamer’s Hotel (Z)
19. Live Outside (Z)

Weblinks Enter Shikari:

Homepage: www.entershikari.com
Facebook: www.facebook.com/entershikari
Instagram: www.instagram.com/entershikari

 

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