HENDRIK OTREMBA – Benito

HENDRIK OTREMBA - Benito
Hendrik Otremba, © Kat Kaufmann
Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

“Diese Worte sind nicht meine Worte, doch sie werden es sein. Was ich nicht erinnern kann, das werde ich erfinden müssen. Was ich nicht erfinden kann, das werde ich erinnern müssen.” (Otremba 2022, S. 501)

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Staging Death

Wie von selbst schlägt sich die Buchseite auf, in der das schwarze Leseband ruht: “Benito war krank. Er krankte an der Zivilisation” (Otremba 2022, S. 204). Die wenigen Worte werfen direkt hinein ins Geschehen des weltschmerzelnden Protagonisten. Der Romantitelgebende Benito, laut Namensbedeutung “der Gesegnete”, hat übrigens nichts mit seinem tyrannischen Namensvetter Mussolini gemein. Die etwas mehr als 500 Seiten angereichert mit wortvollen Rätseln des dritten Romans Benito von Hendrik Otremba brodeln zwischen dem dunkelblauen Hardcovereinband.

Um Benito ranken sich zwei ineinander geschwungene Zeitstränge aus Vergangenheit und Zukunft. Dazwischen begreifen die Leser:innen gar nicht erst ihre eigene Gegenwart, sondern vergessen sie ganz, zugunsten der Aufmerksamkeit für die Positionen, Fragen zumeist auch Inspirationen des Handlungstreiber und Erzählers Cherubim (namensbedeutungsvoll “Begleitung Gottes”). Schritt für Schritt bebildert der Roman eine Kindheit zwischen Pfadfinderabenteuern, Familienvorstellungen und Freundschaftsdiensten. Die Fahrtennamen, die sich zumeist an Eigenschaften oder Auffälligkeiten aus der Lebensgeschichte der jeweiligen Personen orientieren, bekommen im Verlaufe der Geschichte spannende Konturen, die Handelnden werden zu Charakteren. Diese scharen sich um den scheinbar plötzlichen wie grausamen Tod des blinden Benito, den der Erzähler bisweilen als rätselhafte Amoklaufinszenierungen oder als durchchoreografierten Suizid enttarnt: “Benitos Tat war ein bloßer Rohrschach, ohne Test, ein Experiment ohne Auswertung” (ebd., S. 145). Die zurückgebliebene Leerstelle treibt Cherubim an. In der Zukunft der Romanhandlung folgen geneigte Leser:innen den Gedanken des Erzählers, die mit bemerkenswerten Eifer und schönen Fragen, jeden noch so kleinen, absurd-düsteren Schritt bis zu Benitos Tod, dessen Intention, Entscheidungen zu rekonstruieren versucht.

World of Echo

Zwischen dunkelgefärbten Wissensdurst und Fatalismus beschreibt Otremba mit einem dichten Wortregen die hübschesten wie auch krudesten Details seiner weiten Erzähllandschaften. Das überraschende Funkeln von Käfern, Puppen oder Aggressionen beleben das Rätsel um Benitos Tod enorm und lassen die tatsächliche Umgebung, die außerhalb des Bucheinbandes, wie von selbst vergessen. Romanregionen und Erzählgegenden werden spürbar, “die Welt sei durch die Sprache noch lebendiger geworden als das Erlebte” (ebd., S. 73), erklärt Benito liebevoll treffend. Die schwarze Balken im Textfluss, die bewusster Teil der Typographie sind, wirken auf den ersten Blick wie zensierte Originaldokumente, belastendes Archivmaterial und unterstreichen die zu schließenden Lücken der Erzählung, die Cherubim eifrig nachgeht, visuell. Tatsächlich scheinen jene Figuren der popkulturellen bis soziopolitischen (zumeist deutschen) Gegenwart zu verschleiern, die sich assoziativ aus dem Kontext erschließen lassen.

Ganz Pop sind auch die zahlreichen Referenzen aus verschiedenen Kunstsphären, denen die Protagonist:innen begegnen. Der postmoderne Haufen übereinander rutschenden Zitateschutts beteuert die Werke von Susan Sontag, Mark Fisher oder Karl Heinz Bohrer, deren Komplexität der flirrend-moderner Schnelllebigkeit verzagt gegenüberstehen. Greifbar umreist Otremba in seiner Geschichte zudem Antonin Artauds Theater der Grausamkeit als glühende Analogie für Benitos durchdachtes und in Szene gesetztes Lebensfinale. Das funktioniert in den nachvollziehbaren Erklärungen zumeist bildhaft gut. So verweben sich Benitos Weltschmerzen mit Artauds Ansinnen, der während damaliger gesellschaftspolitischer Umbruchszeiten neue Herangehensweisen an Kunst zu etablieren versucht und unerschöpfliche Expressivität und frische Perspektiven in schwer zu erreichende Metatexte hebt.

Die Kunst ist ausgebrochen: Im Textgewebe von Otrembas Benito federt das bildungsbürgerlichen ABC von Adorno, Battaile, zu Cage und Derrida, um nur wenige zu nennen, die Sprachbilderwelten zusätzlich ab. (Ja, Nietzsche fehlt.) Sie dienen nicht nur als Inspiration der Protagonist:innen, sondern befeuern durch spannende Bezüge interessierte, wache Leser:innen. Denkbar, dass der Autor den Blick dafür durch seine eigene, unmittelbare Umgebung schweifen ließ. Der zumeist zu gewollte Drang zu persönlichen Bezügen zwischen Autor und seiner Kunst scheint hier nämlich beabsichtigt. Die kribbelnde Gedanken an Autobiographie fußen auf den monochromen Pfadfinder-Fotos im Anhang (auf der Website des Verlages). In entsprechender Uniform zeigen die Bilder (laut aufgeführter Beschriftung) Otremba, der bisweilen zwischen anderen Gesichtern während Kanufahrtserlebnissen in die Kamera guckt. Im Probenbuch des deutschen Pfadfinderbundes von 1998 reizt unter dem bürgerlichen Namen des Autors sein Fahrtenname “Harlekin”.

Die versiegelte Zeit

Benito bleibt ein fadenscheiniges Mysterium, dass Otremba in farbvoller Wortdichte mit seiner Palette detailverliebter Blicke und Beschreibungen belebt. Er bepinselt bemerkenswert bizarre Wege, die erst vom Lesefluss freigespült werden. Vielleicht lebt die Lesebegeisterung, die Greifbarkeit auch von der Stimme Otrembas, die man dank der Veröffentlichungen der Gruppe Messer gedanklich verinnerlicht hat. So oder so ein reizendes Vergnügen, ein Faszinosum aus Neugier und Fragen – ganz ähnlich wie der vereinnahmende Nebel, der das Werk von Tarkowski umhüllt, den Otremba selbst zitiert:

“Es ist vollkommen klar, daß es außerhalb der Zeit auch keinerlei Erinnerung geben kann. Und die Erinnerung wiederum ist ein äußerst komplexer Begriff. Selbst wenn man ihre sämtlichen Merkmale aufzählen wollte, könnte man damit noch nicht die Summe all jener Eindrücke erfassen, mit denen sie auf uns einwirkt. Erinnerung ist ein geistiger Begriff!” (Andrei Tarkowksi, 1986)

Zwischen Kunst

Hendrik Otremba (*1984) schreitet über multimodale Kunstwege, um für alle Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen stimmungsvolle Bilder, Musik oder Worte zu finden. Unter anderem musiziert er seit 2010 als Teil der Gruppe Messer. In deren Postpunkwabern funkeln Otrembas schöne Worte auf fünf bisher veröffentlichten Alben.

Hendrik Otrembas dritter Roman Benito erschien am 31.08.2022 im März Verlag Berlin.

Termine:

01.09.2022 Berlin, Borchardt
14.09.2022 Berlin, LCB am Wannsee
29.09.2022 Nürnberg, Z-Bau
30.09.2022 Ulm, Aegis Buchhandlung
22.10.2022 Köln, King Georg
(wird fortgesetzt)

Weblinks:

Homepage: http://www.hendrikotremba.de
Verlag: https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/benito/#tab-additional_information

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