Interview: RONAN HARRIS (VNV NATION)

Interview: RONAN HARRIS (VNV NATION)
Ronan Harris/VNV Nation © Franz Schepers
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Im letzten Jahr hat sich sehr viel positiv für mich verändert…

Ich muss schon sagen, ich bin nervös. Nachdem ich Freunden erzählt habe, dass ich Ronan Harris von VNV Nation für ein Interview treffen soll und das dann auch noch unmittelbar vor dem bisher größten Konzert der aktuellen Noire-Tour im Hamburger Mehr!-Theater, habe ich oftmals mehr Mitleid als Bewunderung geerntet.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Ronan ist eine Diva. Ronan ist schwierig. Ronan muss man alles aus der Nase ziehen und wenn Du nicht gut vorbereitet bist, ist das Ganze schneller vorbei als es angefangen hat. Das macht mir Mut für das, was kommen soll.

Pünktlich waren wir nicht. Nein, sogar zu früh, aber wir wurden freundlich am Eingang abgeholt und in die heiligen Hallen geführt. Auf der Bühne machen gerade die Jungs von Holygram ihren Soundcheck und es ist insgesamt eine sehr entspannte Atmosphäre im Saal. Noch eine Tür, dann sollen wir eigentlich warten, doch da kommt ein freundlicher, gut gelaunter Ronan Harris aus einer Tür. Er lächelt nicht, nein er lacht und lädt uns in seine Garderobe ein. Ein kleiner Raum, der eigentlich alles zu bieten hat, was man benötigt. Kühlschrank mit kalten Softdrinks, gemütliche Polster und irgendwie eine heimelige Atmosphäre. Ronan bietet uns Plätze an und bittet, dass ich meine Fragen auf Deutsch stelle, er aber lieber auf Englisch antworten möchte. Wie gut, dass ich mir Unterstützung mitgebracht habe.

Er sieht verdammt gut aus. Schlanker als in der Vergangenheit, der kleine smarte Oberlippenbart, gepaart mit dem für ihn typischen Kurzarmhemd, Röhrenjeans und große schwarze Boots. Er wirkt befreit, ja gelöst. Natürlich hat man uns geflüstert, lieber keine Fragen zur personellen Veränderung zu stellen. Marc Jackson hat 2017 nach 22 Jahren das Projekt VNV Nation verlassen und irgendwie scheint es auch für Ronan Harris ein guter Schritt gewesen zu sein.

Meiner Meinung nach ist Noire eines der Alben des Jahres. Ich bekomme gute Laune, wenn ich es höre.
Vielen Dank. Wenn ich ein Album gemacht habe, dauert es zwei Wochen, bis ich mich zurücklehne und mir das Gesamtwerk anhöre. Bis zu dem Zeitpunkt habe ich eigentlich keine Ahnung, was ich da eigentlich gemacht habe. Dann hoffe ich natürlich, dass den Leuten gefällt, was sie hören.  Die Zeit ändert sich, Geschmäcker ändern sich, und man hofft nur, dass es in der richtigen Art und Weise angenommen wird. Deshalb bitte ich die Leute immer, das Album von Anfang bis zum Ende anzuhören. Es ist eine Geschichte mit Ups und Downs. Ich möchte damit etwas erzählen. Jemand beschrieb es einmal wie einen Film-Soundtrack mit einzelnen Titeln, der einzelne Szenen untermalt. Das hat mich sehr beeindruckt.

Im letzten Jahr hat sich sehr viel für mich verändert. Zum Positiven verändert. Ein Jahr des unglaublichen Fortschritts für mich persönlich. Ich fühle mich derzeit sehr entspannt. Mein Bandkollege André Winter wunderte sich, warum ich diesmal so tiefentspannt während des Produktionsprozesses war. Es fühlt sich dieses Jahr alles anders an. Ich bin fokussierter und glücklicher. Ich tue das, was ich liebe und habe noch einige Ideen in der Schublade, an denen ich arbeiten möchte.

Interview: RONAN HARRIS (VNV NATION)
VNV NATION © Thomas Papenbreer

Wir freuen uns sehr darauf, die neuen Stücke live zu hören.
Es wird Euch gefallen. Ich wollte das Konzert nicht mit einem bekannten Stück, sondern mit einem neuen Titel beginnen. Viele Bands beginnen ihr Konzert mit bekannten Stücken und verstecken neue Songs irgendwo weiter hinten im Set. Das wollte ich nicht. Das Publikum braucht keine bekannten Songs am Anfang des Konzerts. Es geht vielmehr um das Gefühl und die Atmosphäre, die die Songs transportieren. Es ist episch. Wenn Du eine gute Show auf die Bühne bringen willst, brauchst Du gute Leute um Dich rum. Mein Light Engineer Martin braucht immer jemanden, der sagt: Schaff mir etwas Episches. Einige Bands sagen nur: Ok, gib mir eine Light Show. Wir haben hingegen mit Skripts gearbeitet. Er weiß, was er tut und ich vertraue ihm, aber manchmal möchte ich doch als Erstes die Musik wirken lassen. Das Allerwichtigste für mich ist, das jeder, der ein VNV-Konzert besucht, Spaß hat.

Vom ersten Moment der Tour in Dresden konnte ich nicht glauben, wie viel Energie im Saal war. Ich hatte von der ersten Sekunde an Gänsehaut. Ich werde sehr emotional, denn dies ist mein Baby. In Berlin hat mich das Publikum zu Tränen gerührt, es war einfach alles sehr emotional. Ich möchte, dass jeder eine gute Zeit bei einem VNV-Konzert hat. Gerade die Personen, die nicht selbstverständlich ein Konzert besuchen können, wie z. B. Rollstuhlfahrer. Diese Leute sollen einen guten Platz an der Bühne haben, genau wie Kinder, die von ihren Eltern mit zu den Shows gebracht werden. Das ist mir das Wichtigste. Hier in Hamburg ist es das Heimspiel für mich, deswegen bedeutet es mir alles! Alle lächeln und sind bester Laune. Es fühlt sich an wie ein “Arbeitsurlaub”.

Hast Du eigentlich auch eine Frage? Ich rede und rede und rede… ??

Im Vergleich zu den letzten beiden Studioalben, die etwas poppiger waren, frage ich mich, wie viel Erfahrung aus Resonance steckt in Noire?
Das habe ich von vielen Leuten gehört, denn sie kommen zu dem Schluss, dass Resonance meinen klassischen Musikgeschmack geöffnet hat. Lass uns zurückgehen zu Praise the Fallen, was komplett auf der Musik von Grieg, Mahler und Dvorák basiert. Dieses Album sollte eigentlich gar nicht veröffentlich werden. Es wurde von mir, für mich geschrieben. Ich habe zu dem Zeitpunkt viele Veränderungen in meinem Leben durchlaufen, und dieses Album reflektiert das. Ich glaube nicht, dass meine Songs seitdem softer geworden sind. Sie werden nur auf andere Art und Weise präsentiert. Ich habe klassische Musik schon immer sehr gemocht und dies findet sich auf allen bisherigen Alben auch wieder. Jedes Album hat orchestrale Arrangements. Es hat sich nichts verändert. Resonance gab mir nur die Chance, mit einem Orchester zusammenzuarbeiten. Ich wollte das immer schon machen, seitdem ich ein kleiner Junge war. Mein Booker rief mich an und sagte: “Da gibt es dieses Format namens Gothic Meets Classic. Hättest Du..?” Ja!! Er musste die Frage gar nicht zu Ende formulieren. Wir haben einiges umarrangiert. Einiges konnte jedoch beibehalten werden. Zum Beispiel der Beginn von Beloved. Das wurde nicht verändert, es ist dasselbe geblieben. Legion war dasselbe Arrangement wie auf Burning Empires. Ich könnte Dir eine lange Liste geben von all meiner orchestralen Musik. Ich werde von verschiedenen Musikstilen inspiriert, nicht nur von klassischer Musik. Ambient Music inspiriert mich, Rock Musik inspiriert mich und das alles vereint sich in meinem persönlichen Geschmack.


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Guiding ist ein sehr fesselndes Stück. Ich habe dies abends im Bett mit Kopfhörer gehört und Gänsehaut bekommen. Ich habe mich gefragt, was ist das für ein Stück. Ich hatte Bilder im Kopf von der Erde nach der Apokalypse, nachdem sie sich von der Menschheit befreit hatte.
Im positiven Sinne?

Ja. Die Erde hat sich von dem Ballast “Mensch” und dem ganzen Lärm befreit.
Ich wünsche mir, dass wir eher Hüter und Beschützer der Erde sind, als diese zu zerstören. Guiding ist ein abstraktes Gefühl. Der Titel sagt Dir, worum es geht. Es ist ein Meditationsstück. Es soll Dich führen und Dich inspirieren und Dir zeigen, wo Du hinwillst. Ja, ich meditiere. Es ist das kraftvollste, was ich je gemacht habe. Meditation ist das einfachste auf der Welt. Dabei hat das nichts mit Hippies zu tun. Es bedeutet jedoch einfach, innezuhalten, runterzukommen, zu entspannen und Dich auf den Atem zu fokussieren. Viele Leute werden ungeduldig. Man muss aber dabeibleiben. Es ist wie Fahrradfahren zu lernen. Meditieren zeigt Dir, den gesunden Abstand zu allem. Es gibt Dir ein Gefühl der Zufriedenheit. Für das Opening von Guiding habe ich ein bisschen 70s Rock genommen. Ich wollte schon immer einen Song mit dieser speziellen Orgel beginnen. Ich hatte diesen Track seit Jahren in meinem Kopf und sobald ich angefangen hatte, es zu spielen, wusste ich: Das ist es. Da ist ein wenig von Philip Glass in dem Song.

 A Million hingegen handelt davon, mit seinen eigenen Dämonen fertigzuwerden und die Angst sich selbst gegenüber zu treten. Die Lyrics sind eine Metapher für die Qualen während der Nacht. Auf dem gesamten Album geht es darum, dass die Menschen, verglichen mit vielen kleinen Ameisen, sich oftmals um banale und unwichtige Dinge Gedanken machen, während über ihnen schon ein großer Fuß schwebt, der kurz davor ist, sie zu zerquetschen. Die Menschheit ist nur noch einen winzigen Schritt davon entfernt, ausgelöscht zu werden und für immer in Vergessenheit zu geraten.

Stücke wie Immersed oder Lights Go Out wirken auf mich wie eine Warnung.
Lights Go Out ist wie eine 70s-style Dystopie. Ich liebe Post-Punk und Science-Fiction und dies wird im Song auch reflektiert. Der Song ist inspiriert von James Graham Ballard, ein Autor, der viele Dystopia Bücher geschrieben hat. Die Menschheit wird immer einen Weg finden, um zu überleben und sich jeder Situation anzupassen. Das Leben geht weiter, und wir werden auch immer einen Weg finden, zusammen zu feiern, auch in den absonderlichsten Situationen.

Immersed ist ein trauriger Song, ob man es glaubt oder nicht. Ich mag diesen harten dunklen Beat. Fast wie ein Hammer auf Beton. Es baut sich langsam auf, basiert auf einer kurzen Geschichte eines Killers, der in einer kleinen Stadt in Amerika ankommt. In dieser kleinen Stadt gibt es keine Jobs, nur ein Diner. Dieser Killer glaubt an nichts, er hat schon oft getötet. Er lebt alleine nach seinen eigenen strengen Regeln des Überlebens. Er weiß, wie er außerhalb des Radars bleibt. Er trifft diese Frau, die im Diner arbeitet. Sie ist älter, aber sie war einmal jung und sie hatte Träume. Sie ist eine dieser Personen, die viele Bücher liest über Magie und Spiritualität. Sie ist immer zwischen dieser und der anderen Welt. Die anderen Leute um sie herum denken, sie lebt in ihrer eigenen Welt, sie redet über Tarotkarten, Kristallkugeln und sie will an all das glauben. Der Killer kann mit ihr eigentlich nichts anfangen, aber da ist ein Funke zwischen ihnen, eine Art Chemie. Fast wie eine Explosion. Beide hatten nichts, woran sie glauben und wovon sie träumen konnten. Es gibt eine sexuelle Komponente in dem Song. Dein Körper ist nur eine Verlängerung Deines Gehirns. Du hast eigentlich Sex mit Deinem Gehirn. Ähnlich wie in Wim Wenders oder David Lynch Filmen.

Interview: RONAN HARRIS (VNV NATION)
Photo: Alf Urbschat

Du hast viele Beispiele aus dem Bereich des Films genannt. Wenn ich mir Deinen Style anschaue, dieser ist ja sehr spezifisch. Welche Figur aus einem Film wärest Du am ehesten?
Ich mag 30er Jahre Klamotten und den Vintage Lifestyle. Ich wäre gerne Nick Charles in The Thin Man. Mein Lieblingsschauspieler aller Zeiten, William Powell, ein 30er Jahre Schauspieler. Ich habe mich vor längerer Zeit in die Magie der 30er Jahre verliebt. Ich habe erkannt, dass während dieser Ära es diese unglaubliche Explosion der Kreativität gab. Alles, was in den 20er und 30er Jahren kreiert wurde, ist immer noch um uns herum, jeden Tag. Graphic Design, Möbel, einfach alles. Aber das traurigste daran ist, dass man sich immer fragen muss, wie wäre die Welt, wenn es keinen zweiten Weltkrieg gegeben hätte? Alle hatten die Idee, eine monumentale Zukunft zu bauen, jeder war optimistisch. Aber leider ist das komplette Gegenteil eingetreten. Ich liebe die Art, wie Männer sich gekleidet haben. Ich mochte die Fotos aus der damaligen Zeit. Porträtfotos waren Kunst. Sie versuchten, den Zeitgeist einzufangen.

Ich liebe Art Deco, ich sammle diese Kunst. Meine ganze Wohnung ist ein Art Deco Palast. Ich habe ein 1938er Auto, ein 1948er Chrysler. Ich gehe zu Events in England und Amerika, wo mehrere tausend Leute sich kleiden wie in den 1920er und 1930er Jahren. So etwas würde es hierzulande nicht geben, weil die Leute mit dieser Zeit etwas Negatives verbinden. Das verstehe ich. Die Frauen waren damals sehr stark. Das war etwas Charakteristisches für diese Ära. Frauen hatten mehr Macht. Sie haben Männern nicht vertraut und haben das auch gezeigt. Die Frauen haben den Haushalt geführt. Auf diesen Events sind die Männer sehr höflich. Das lustige daran ist, die Männer sind sehr höflich und wahren die Etikette. Es ist die Chance, dieser Welt zu entfliehen in eine andere Welt. Wir lieben es. Wie in Agatha Christie Büchern. Wir nehmen an diesen Kriminaldinnern teil. Wir verkleiden uns und spielen eine andere Rolle. Es ist aber auch ein Lifestyle.

Ich war überrascht, als Du mit Mono Inc für Boatman zusammengearbeitet hast. Hast Du sowas nochmal wieder vor?
Ich werde so etwas häufiger von anderen Bands gefragt. Wenn es ein schöner Song ist, warum nicht? Manche Leute analysieren das und fragen sich, ob dies jetzt häufiger vorkommt. Ich werde jedoch nicht wie Heppner oder Douglas McCarthy mit 40 anderen Bands kollaborieren. Ich habe es gemacht, weil ich den Song mag und weil ich Martin von Mono Inc. mag.

Könntest Du Dir vorstellen, in Zukunft mit einer weiblichen Gastsängerin zusammenzuarbeiten?
Es wäre eine schöne Sache, eine Harmonie mit einer weiblichen Stimme zu singen. Ja, das wäre eine Möglichkeit, aber das entsteht im Prozess des Songwritings, wenn man feststellt, dass dies jetzt gerade zu dem Zeitpunkt passen würde. Es gäbe einige Musiker bzw. Bands, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde. Es ist nur die Frage, ob die Zeit dafür reichen würde.

Dann klopft es schon an der Tür. Rene, der Booker von Ronan schaut herein und gibt uns das Zeichen, dass es Zeit ist zu gehen. Selbst jetzt ist Ronan Harris einer der nettesten Menschen, der sich nochmals fünf Minuten für Smalltalk Autogramme und Selfies nimmt, welche er spontan auf zehn Minuten verlängert. Er ist gut drauf und kaum drei Stunden später steht der Mann auf der Bühne ausverkauften Mehr!-Theaters und beschert dem Hamburger Publikum eine fette Show aus Licht, Nebel, harten Beats und zuckersüßen Melodien.

Weblinks VNV NATION:

Official: www.vnvnation.com
Facebook: https://www.facebook.com/VNVNation/
Facebook (Ronan Harris): https://www.facebook.com/Vnv-Nation-Ronan-Harris-135874143148036/

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