Vierter und letzter Tag des diesjährigen Wave-Gotik-Treffen, aber wir wollten dem allseits bekannten Montags-Blues keinen Raum geben. Und obwohl auch das Wetter passend zum Festival-Ende schlicht zum Heulen war, das Programm schaffte es allemal, für bessere Stimmung zu sorgen. Szenegrößen wie Suicide Commando, Funker Vogt und Eisfabrik wurden auf den letzten Festivaltag platziert, um Euch über die Verzweiflung über das Ende der schwarzen Familiensause hinwegzuhelfen. Leisere Töne gab es mit Forndom, spezielle Momente mit Drab Majesty und Massive Ego und gruselig wurde es mit Johnny Deathshadow und The Creepshow. Außerdem gab es das lang herbeigesehnte Wiedersehen mit Dorsetshire. Wir haben für Euch wieder bei den Konzerten reingeschaut und waren bei insgesamt 18 Auftritten dabei. Für die Eiligen haben wir alle Bands in alphabetischer Reihenfolge in unserer Schnellnavigation zusammengefasst. Den Bericht haben wir zur besseren Übersicht nach den Veranstaltungsorten gegliedert. Viel Spass! Und lasst den Kopf nicht hängen, nächstes Jahr ist wieder Pfingsten und dann gibt es auch wieder ein Wave-Gotik-Treffen!
Lass Dir den Beitrag vorlesen:
Schnellnavigation: Cephalgy (D) | Der Fluch (D) | Dorsetshire & Gäste (D) | Drab Majesty (USA) | Eisfabrik (D) | Erdling (D) | Forndom (S) | Funker Vogt (D) | Holygram (D) | Johnny Deathshadow (D) | Massive Ego (GB) | Oswald Henke (D) | Psyclon Nine (USA) | Schneewittchen (D) | Suicide Commando (B) | Sündenrausch (D) | The Creepshow (CAN) | Vain Warr (USA)
agra-Treffenpark
18:00 Eisfabrik (D)
Pünktlich 18 Uhr betritt der Sänger der Band S.P.O.C.K., Alexander (Android), die Bühne, begrüßt das anwesende Publikum und freut sich sichtlich da zu sein. Er moderiert, wie könnte es auch anders sein, Elvis an. Dieser kommt auch recht schnell auf die Bühne und klärt uns über eine neue Tradition bei zukünftigen WGT – Konzerten auf. Es wird so sein, dass die Sänger bzw. Musiker ab jetzt ihn ankündigen und nicht umgekehrt – das wäre doch ein riesiger Spaß. Nun gibt er bekannt, dass es jetzt richtig kalt werden würde, denn ein eisiger Sturm aus dem Norden fegt über die heiligen Hallen der agra. Eisfabrik sind angesagt und wollen ihre eisig klare Musik darbieten. Vorab gibt es noch die Information, dass die Nordlichter ab Dezember wieder auf Tour sein werden. Dies wird seitens der Fans freudig begrüßt. Die agra ist mehr als nur gefüllt. Das spricht dafür, dass die Band ihre Fanbase kontinuierlich ausgebaut haben. Aber nun zum eigentlichen Programm: Zwei eisig verpackte Keyboards stehen im Hintergrund der Bühne, ebenso das Schlagzeug. Nacheinander betreten die Hamburger in ihren weißen Outfits die Bühne. Auf einer riesigen Leinwand sieht man eine Eislandschaft und den Schriftzug der Band, der durch LEDs in den unterschiedlichsten Farben erleuchtet wird. Unterstützt wird dies noch von einer gigantischen Lichtshow und Nebelschwaden. Somit kann die Party beginnen, denn Eisfabrik stehen für eine außergewöhnliche Inszenierung elektronischer Musik. Ausdrucksstarker Gesang mit einer perfekten Mischung aus modernem Elektro mit klubtauglichem Synthie- und Futurepop. Eine im wahrsten Sinne des Wortes coole Bühnenshow. Das frostige Konzept zieht sich gnadenlos durchs gesamte Programm. Jeder Song hat zwar sein eigenes Klangbild, trotzdem erkennt man den einzigartigen Stil, der dahinter steht, ganz genau. Ein hüpfender Eisbär, der Eisbonbons in die Massen wirft, steht ebenso auf dem Programm, wie zwei “Schneekanonen”, die weißen Schaum seitlich auf die Bühne sprühen. Eine perfekte eiskalt kalkulierte Inszenierung. Dies wird auch von den Fans gebührend gefeiert. Die vorderen Reihen geben sich ganz dem Takt der Musik hin, jedoch springt der eiskalte Funke leider nicht ganz bis in die letzten Reihen über. Dies tut der Stimmung keinen Abbruch. So eine riesige Menge an Publikum muss auch erst einmal in den Bann gezogen werden. Als Abschluss gibt es den Klassiker Ich möchte ein Eisbär sein. Die Fans sind begeistert und singen lauthals mit. Für mich war es ein würdiger Opener in den heutigen Montag. (CM)
19:45 Psyclon Nine (USA)
Psyclon Nine hatten wohl den tragischsten Auftritt auf diesem Festival. Die Black-Industrial Band aus den USA um Sänger Nero Bellum startet ihren Auftritt und der Gig nimmt anfangs seinen Lauf, ganz wie er soll – Band und Publikum finden sehr schnell zueinander. Die Stimmung ist großartig … bis etwa zur 55. Minute: Schon vorher wurde eine Flasche auf der Bühne umgekippt, was nicht weiter schlimm war. Doch dann passiert es: ein Monitor fällt – wahrscheinlich aus Versehen – von der Bühne in den Fotograben. Schlagartig wird daraufhin der Band der Saft abgedreht und alle müssen sofort die Bühne verlassen. Dies ist doppelt schade, wenn man bedenkt, dass Psyclon Nine für das Wave-Gotik-Treffen extra ihre USA-Tournee unterbrochen hatten. (DG)
21:20 Funker Vogt (D)
Die Hamelner Band Funker Vogt hat sich einen neuen Sänger an Bord geholt und zwar keinen Geringeren als Chris L., der sonst die Bühnen mit Agonoize und The Sexorcist unsicher macht. Wie diese musikalische Zusammenarbeit klingt, darf heute in der agra genossen werden. Für mich klingt das Ganze aber eher komplett nach Agonoize, als nach Funker Vogt, aber das mag einfach an der dominanten Stimme von Chris L. liegen. Eine interessante Entwicklung ist es auf jeden Fall. Mit ihren, die Tanzflächen füllenden Songs zeigen Funker Vogt einmal mehr, dass sie zum Who’s Who der Dark-Electro Szene gehören und nichts an Härte eingebüßt haben. Im Gegenteil: Chris L. stülpt mit seiner puren Anwesenheit und seiner markanten Stimme einen doch recht prägnanten eigenen Anteil über das Projekt. Damit stellt sich für mich die Frage: Wie viel Funker Vogt steckt noch in der Band? Auf alle Fälle sieht die Bühne nach dem Umbau komplett wie ein Schützengraben aus und auch während der Darbietungen wird die eine oder andere Dekoration gewechselt. Eine aufwendige Lichtershow taucht die Bühne und die agra in buntes Licht. Das anwesende Publikum ist restlos bis in die letzten Reihen begeistert, denn Frontmann Chris weiß, was die anwesende Meute von einer gelungenen Bühnenshow erwartet. Die Halle ist entsprechend gefüllt und die partyhungrigen Fans tanzen und bewegen sich von der ersten bis zur letzten Sekunde. Mit Funker Vogt gibt es druckvolle Bässe, klubtauglichen Darkelectro und die laute, markant verzerrte Stimme von Frontmann Chris voll auf die Ohren und zwar gnadenlos bis zum Tinitus. Und gleich geht der wilde Ritt weiter, denn nun stehen die Belgier Suicide Commando auf dem Programm. (CM)
23:05 Suicide Commando (B)
Dass nach dieser Energieleistung von Funker Vogt die Stimmung kaum besser hätte werden können, würde ich jetzt gerne schreiben, und dass die belgische Band Suicide Commando alles, bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hat. Dem war zwar nicht ganz so, trotzdem liefern die Jungs eine großartige Show ab, bei der es wirklich an nichts fehlt. Weder an einem charismatischen Frontmann, dessen Grinsen irgendwie an den Joker aus Batman erinnert, noch an einer recht aufwendig inszenierten Licht- und Bühnenshow. Wie wir die Jungs des Kommandos kennen, laufen im Hintergrund stilecht blutige Videosequenzen mit zerschundenen Körpern, Skeletten und anderen düster morbiden Bildern zur visuellen Untermalung der EBM-Kracher. Die Fans werden animiert mit lautem Gegröle und viel Gehüpfe dem Bandnamen alle Ehre zu machen. Dies wird auch ausgiebig in den ersten Reihen getan. Überall sieht man sich bewegende Fans. Tatsächlich sah man nach dem Auftritt den ein oder anderen abgekämpften Fan, dem das Selbstmordkommando mit Tanz und Beats den letzten Atem geraubt hatte. Die Temperaturen in der Halle sind dazu noch äußerst schweißtreibend und Nebelschwaden legen alles in ein mystisches Licht. Bekannte Lieder wie Hate me, Dein Herz, meine Gier oder Cause of Death: Suicide werden von der Menge begeistert aufgenommen und so erwartet den Hörer ein angemessen heftiger Trip aus großartigen Shouts, knüppelharten Beats und dunklen Soundgewändern. Johan van Roy mimt dazu den Gepeinigten, in dessen Gehirn sich Psychosen winden und aufstauen, mit der einzigen Linderung, den Wahn hinaus zu schreien. Bei Hellraiser, einem der letzten Stücke an diesem Abend, entlädt sich dann die aufgestaute Energie des Publikums in einem wilden Getöse. Begeistert und mit einer Menge Adrenalin im Blut ging es dann nach Hause. (CM)
Altes Landratsamt
17:00 Vain Warr (USA)
Nicht immer ist der erste Eindruck der tatsächlich entscheidende. Bei der amerikanischen Post-Punk Band Vain Warr ist auf den ersten Blick noch nicht erkennbar, in welche musikalische Richtung sich der Abend entwickelt. Nach dem sich die drei Musiker aus New Orleans aber richtig warm gespielt haben, gibt es im Publikum sehr viele zufriedene Gesichter. Vain Warr, gegründet 2016, bestehen aus Sänger Josh Strawn, Toby Driver (Bass), und Ron Varod (Gitarre). Für Josh Strawn, der bisher mit Projekten wie Blacklist, Religious to Damn und Azar Swan auf sich aufmerksam gemacht hat, ist dies erst der zweite Auftritt in Deutschland. Das Publikum ist dementsprechend auch noch sehr überschaubar, die Location füllt sich erst nach und nach. Gespielt werden heute ihr Erstlingswerk Deadline Season und wohl auch Stücke von Josh Strawns ehemaligen Projekt Blacklist. Strawn ist ein sehr politischer Mensch, dementsprechend sind die Texte natürlich auch gesellschaftskritisch, beschäftigen sich mit moralischen Fragen. Die 60 Minuten Spielzeit sind dann auch schnell rum, wenn man sich erst einmal auf Vain Warr eingelassen hat. Aber das inzwischen gut gefüllte Alte Landratsamt wartet schon mit dem nächsten Act auf: Holygram. (AZ)
18:30 Holygram (D)
Auch bei der Band Holygram täuscht der erste Eindruck: Man denkt als erstes an eine Schülerband bis die fünf Jungs aus Köln das Alte Landratsamt rocken und der 60-minütige Auftritt leider viel zu schnell vergeht. Holygram performen ihre Debüt-EP Holygram und treffen damit ganz offensichtlich den Geschmack des Leipziger Publikums. Von der ersten Minute an weiß die Post-Punk Band zu überzeugen. Im Jahr 2016 gegründet, bringt Holygram markige Riffs, melodiöse Sequenzen, einen charismatischen Sänger und einen schlagkräftigen Schlagzeuger auf die Bühne. Es ist eine Freude der Band beim Spielen zuzusehen und man wünscht sich, die Songs würden ewig andauern. Inzwischen ist die Location richtig voll, offensichtlich sind viele Leute neugierig auf die Newcomer. Bei dem hymnischen Song Hideaway, dem sphärischen Daria oder dem rasanten Still there kann man sich Holygram ganz ergeben. Eine wirklich tolle Band von der noch sehr viel zu erwarten ist! (AZ)
19:50 Drab Majesty (USA)
Die dritte Band des letzten WGT-Abends im Alten Landratsamt sind Drab Majesty. Schon beim Bühnenumbau nach Holygram sind die beiden Musiker in ihrer Auftritt-Gewandung und machen sehr neugierig auf die folgende Vorstellung. Drab Majesty ist eine amerikanische Post-Punk Band, ein Projekt des/der geschlechtsneutralen Deb Demure alias Andrew Clinco. Die selbsternannten Tragic-Waver kommen aus Los Angeles, dem Schmelztiegel verschiedenster Musikstile. Und so ist man auch angesichts des etwas befremdlichen Intros nicht wirklich überrascht: Es gleicht einem Ritual und genau das soll es wohl auch darstellen. Drab Majesty bieten dem Leipziger Publikum nur eine Light-Version ihrer sonstigen Performance an. Dafür sind die Songs sehr einnehmend und entspannt, die Musik ist sehr melodiös und durchaus tanzbar. Inzwischen ist das Alte Landratsamt auch wieder richtig gut gefüllt. Offensichtlich ist das Interesse an dem exotisch anmutenden Projekt des Marriages-Drummers, der sein aktuelles Album The Demonstration bewirbt, groß. Kurz vor dem Konzertende kommt King Dude, der amerikanische Dark-Folk-Sänger, zur gesanglichen Unterstützung mit auf die Bühne. Nach einer Stunde sphärischen Entschwebens landet das Publikum wieder in der Leipziger Wirklichkeit. (AZ)
Haus Leipzig
14:00 Oswald Henke (D)
Oswald Henke gibt im Haus Leipzig vor vollem Hause seine „kleine“ musikalische Lesung. Auf dem Keyboard wird er dabei von Pianisten Sebastian Boettcher begleitet, den der eine oder andere vielleicht schon im Dezember am Piano von Goethes Erben gesehen hat, als er dort Tobias Schäfer vertrat. Oswald greift während der Lesung, ganz wie wir es gewohnt sind, aktuelle und unbequeme Themen auf – sowohl politische als auch gesellschaftliche. Damit regt er sein Publikum zum Mitdenken und Nachsinnen an. Dies tut er in seiner bekannt-fesselnden und energiegeladenen Art und Weise. So war es dann auch kein Wunder, dass er zum Ende seiner Vorstellung mit stehenden Ovationen bedacht wurde. Dies war ein wahrlich gelungener Einstieg in den letzten Tag des Wave-Gotik-Treffens.
Heidnisches Dorf
21:40 Forndom (S)
Es regnet den dritten Tag in Folge und im Heidnischen Dorf kommt so langsam “the trve festival-blues” auf: der Schlamm schwappt über die Knöchel, von den Klamotten der Besucher steigt Dampf im Glanz der fadenscheinigen Beleuchtung auf und aus den Börsen wird das Geld für ein letztes Horn vom güldenen Asen-Segen zusammengekratzt. Auf der Bühne sitzt ein unscheinbar wirkender, bärtiger Mann in authentischer Alltagskleidung der ancient north und beginnt mit ruhiger, leicht brüchiger, aber faszinierender Stimme zu singen. Schlagartig verstummen alle bis jetzt doch sehr lautstark geführten Gespräche und das Publikum richtet seinen Blick andächtig auf Forndom. Hierbei handelt es sich um das schwedische Projekt von H.L.H. Swärd, der seine Interpretation von Heathen-Folk als “scandinavian art and atmosphere” beschreibt. Da der Künstler für Studioaufnahmen alle seine Instrumente allein einspielt und ohne Stage-Musiker reist, sind Frame Drum, Näverlur und eine Reihe weiterer traditioneller Instrumente vom Band zu hören. Swärt selbst spielt heute nur die Tagelharpa, die ihm aber wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nicht ganz gehorchen möchte. Kopfschüttelnd und einige entschuldigende Worte murmelnd versucht er das Instrument immer wieder zu stimmen, lässt sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Ruhe ist auch nötig, wenn man die Musik von Forndom auf sich wirken lassen möchte. Alle Stücke sind hoch spirituell, beinahe schamanisch und in ihrer Einfachheit so verzaubernd, dass man die kargen, kühlen und unberührten Landschaften Schwedens zu Zeiten des alten Tempels von Uppsala beinahe schmecken kann. Wenn man denn möchte. Für alle anderen gibt es Klänge, die erden und den Geist auf eine Reise schicken. Besinnlich und beinahe feierlich verklingen so die letzten Minuten des diesjährigen Wave-Gotik-Treffens im Heidnischen Dorf. (KS)
Kohlrabizirkus
17:00 Sündenrausch (D)
Pünktlich 17 Uhr eröffnet die Band Sündenrausch aus Hamburg den letzten Tag des WGTs im Kohlrabizirkus. Mit einer Mischung aus Pop und Metal, die das Publikum begeistert, startet die Show um die Songwriterin und Sängerin Kira. Begleitet wird sie von ihrem Bandkollegen Michael und den Stage-Supportern Jonathan Murphy an den Saiten und Benjamin Hoelzer am Schlagzeug. Neben einigen schnellen Tracks, wie Böser Wolf und Feuerregen folgen, mit unter anderem Schwarz wie Ebenholz, auch ruhigere, romantische Songs, die dem Publikum sichtlich mindestens genauso gut gefallen. Spätestens zur Halbzeit wird es im Kohlrabizirkus richtig voll, woran sicher nicht nur das Wetter – es regnet wieder einmal wie aus Eimern – sondern auch die sympathische Band aus Hamburg Schuld ist. (DS)
18:20 Erdling (D)
Die Industrial-Rocker von Erdling um Frontmann Neill Devin folgen nach, um den Zirkus unter der Kuppel zu rocken!! Mit ihren energie-geladenen Songs schaffen sie es von Anfang an das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Es gibt aber auch Worte zum aktuellen Weltgeschehen, gegen den Terror und dass man sich von diesem nicht sein Leben diktieren lassen sollte. Beim Song Frei wie der Wind muss dann auch niemand mehr umständlich gebeten werden – die Arme gehen ganz von allein nach oben und bewegen sich im Takt. Und bei Blitz und Donner gibt es dann endgültig kein Halten mehr. Im Chor singen alle den Refrain mit. Gefühlt ist das Konzert mit seinen gerade mal 50 Minuten viel zu kurz und viel zu schnell vorbei. (DS)
19:40 Cephalgy (D)
Die nächste Formation ist keine Unbekannte in der Szene: Cephalgy stehen nun im Kohlrabizirkus auf dem Programm. Leider ist an diesem Montag die Location nicht wirklich gut besucht. Gothic und Electro – kaum eine Band schafft es, finstere Düsterklänge und tanzbaren Electrosound so perfekt miteinander zu verbinden. Die deutsche Band um Jörg Göhler, kombiniert dunkle Lyrik, abgrundtiefen Gesang und düstere Sounds mit wummerndem Electro-Beat, dunklen elektronischen Klanggewändern ohne langweilige Synthie-Klänge. So scheint es denn auch, dass die meisten Besucher eben wegen dieser Gruppe sich in den Kohlrabizirkus begeben haben. Frontmann Jörg animiert seine Fans immer wieder zum Mitfeiern und flirtet recht heftig mit den Fotografen im Bühnengraben. Er ist eben ein cooler Typ. Lässig, immer mit einer Hand in der Hosentasche performt er seine Songs. Auch ein Duett mit Sängerin Sanny steht mit Symphony of my Heart auf dem Programm. Danach gibt es noch ein Solo von Sanny. Die Fans sind begeistert und Frontmann Jörg weiß auch diese doch überschaubare Meute bis in die letzten Reihen mitzureißen und somit wird es doch ein recht feiner Musikgenuss. Cepalghy sind zurück! (CM)
21:10 Schneewittchen (D)
Nicht das erste Mal sind Schneewitchen, bestehend aus Sängerin Marianne Iser und Pianist Thomas Duda, zu Gast beim WGT, wie der Moderator bei der Ankündigung verlauten lässt. Der Kohlrabizirkus ist gut gefüllt, die Band ist bekannt in der schwarzen Szene. Musikalisch ist beim Klangbild von Schneewittchen alles bunt vertreten, von Gothic bis Pop und von Chanson zum Punk und Rock. Dazu gesellen sich die unterschiedlichen Stimmfarben von Marianne, die sich einmal kratzig nach Nina Hagen und einmal sanft nach Rosenstolz anhören. Das lässt das Bild doch insgesamt sehr gewöhnungsbedürftig erscheinen. Es ist aber auch nicht uninteressant, wie die Sängerin zwischen Romantik, Kitsch, Pathos und Dramatik pendelt. Untermalt wird ihre Kunst von ihrer Lust am Verkleiden und der theatralischen Bühnenshow. Ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Show und Theater-Pose, eindringlich vorgetragen, in vollem Ernst. Die Texte sind verständlich und nachvollziehbar. Das Duo aus Hannover findet selbst, dass ihre Konzerte polarisierend wirken. Ich fand es durchaus hörens- und sehenswert, wobei ich auch gegenteilige Stimmen hörte. (JB)
22:40 Dorsetshire & Gäste (D)
Abschlusskonzert des Wave-Gotik-Treffens 2017 im Kohlrabizirkus, und es steht eine echte Premiere auf dem Programm. Viel zu lange waren Dorsetshire verschwunden. Jetzt melden sie sich mit einem Knall und vielen Gästen zurück. Sänger Monaco X und Szene-Tausendsasa Bruno Kramm (Das Ich) führen die Wiederauferstandenen zurück auf die Bretter. Vor allem Bruno Kramm ist es, der die Band und ihr Publikum an seinem beweglichen Keyboard immer wieder nach vorne peitscht. Doch auch Monaco X gibt alles, auch wenn er insbesondere zu Beginn des Auftritts immer mal wieder noch etwas verunsichert auf seine Mitstreiter schaut. Spielfreude kann man ihm jedoch sicher nicht absprechen. Der Auftritt lebt von seiner Dynamik und das Publikum mobilisiert noch einmal alle Kräfte, um zu den stampfenden Beats zu tanzen. Für Aufsehen sorgen zudem immer wieder die energiegeladenen Gastauftritte von Any Koa (Still Patient?) oder The Invincible Spirits Thomas Lüdke, während es beim Duett mit Nosferatus Tim Vic deutlich düsterer, aber nicht weniger feierwillig zugeht. Die Fans dürfen sich sogar über den einen oder anderen Das Ich-Kracher freuen, aber auch die Straße der Verdammnis steht auf dem umjubelten Weg zum gelungenen Festival-Finale! (MG)
Moritzbastei
20:30 Massive Ego (GB)
Ein Mann (Oliver Frost) mit silber-schwarz bemaltem Glitzer-Gesicht betritt die Bühne. Das macht neugierig. Danach begrüßen Keyboarder (Scott Collins) und der Mann am Mischpult (Lloyd Price) die Menge. Die Bastei ist gleich zu Beginn proppevoll, offensichtlich hat die Band in Deutschland eine große Fangemeinde. Dann erscheint Marc Massive, der Frontmann der Band: eindrucksvoll in seiner Größe und seiner Maskerade. Er trägt zwei große Kuhhörner auf dem Kopf, alles ist braun glitzernd geschminkt und die Show beginnt. Der Funke zum Publikum springt sofort über. Die britischen Elektro-Pop Formation wurde bereits 1996 von dem Sänger, Tänzer und ehemaligen Model Marc Massive sowie dem Keyboarder Andy J. Thirwall gegründet. Nach dem Wechsel zum deutschen Plattenlabel Out Of Line wurde die Besetzung um den Frontmann einmal komplett ausgewechselt. Das neue Album Beautiful Suicide glänzt nun mit dunkler Musik. Sogar Marks alter Kumpel Boy George hat ein Lied für die Veröffentlichung beigesteuert. Trotz der dunklen Texte um Depressionen, Alltagsangst und Tod ist die Musik tanzbar und poppig. Der Raum hätte sicherlich einige Nummern größer sein können, denn es stehen sogar noch Fans draußen vor der Tür und geniessen die Musik. (JB)
Täubchenthal
16:30 Johnny Deathshadow (D)
Die Opener des letzten WGT-Tages im Täubchenthal kommen ziemlich düster daher. Die Hamburger Jungs aus der schillernden und doch so lebendigen “Todeskunst”-Szene sehen selbst aus wie der Sensenmann, so krass geschminkt sind sie. Die Band gibt es nun schon sechs Jahre und sie leben ihren Industrial-Goth-Metal. Das Debüt-Album erschien im vergangenen Oktober und mit Black With Me zeigen sie eindrucksvoll, dass in puncto Innovationen in diesem Spannungsfeld noch viel möglich ist. Die Bühnenshow der Band um den Frontmann Jonathan Schneider kommt an, die Maskerade passt zur Musik und unterstützt die Show. Das geht gut rein und macht unheimlich viel Spaß. Das sehen die Fans genauso und wer sie bis jetzt nicht kannte, ist spätestens jetzt ein Fan … einfach cool! (JB)
19:10 Der Fluch (D)
Nachdem die Kanadier Nim Vind ihren Auftritt umjubelt zu Ende gebracht haben, stehen jetzt mit Der Fluch alte Bekannte auf der Bühne des Täubchenthals. Sie sind gern gesehene Gäste beim WGT, auch wenn Fronter Deutscher W schnell deutlich macht, dass sie keineswegs die lieben Jungs von nebenan, sondern eher für die aufsehenerregenden Aktionen zuständig sind. Ich bin der Fluch schallt es zu Beginn aus den Boxen und wir alle folgen den Männern in Sonnenbrillen bei ihrem verrückten Auftritt. Konzerte von Der Fluch sind bekanntlich alles, aber niemals langweilig: Und so springt Deutscher W urplötzlich auf die Grabenabsperrung, mäht alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt, und lehnt sich über das Publikum. Dieses darf auch nicht allzu zimperlich sein, denn es kann durchaus mal passieren, dass man von heißem Wachs getroffen wird, wenn der agile Frontmann bei Lass immer eine Kerze brennen ein erst kurz zuvor erloschenes Teelicht herüber wirft. Verletzt wurde zum Glück wohl niemand und so wird der Auftritt bis zuletzt gefeiert. Beim nächsten Mal werden sie alle wiederkommen … denn, mal ganz unter uns, wer legt sich schon gerne mit jungen Werwölfen an und wagt es ihnen nicht zu folgen?! (MG)
22:20 The Creepshow (CAN)
The Creepshow sind Femal-Fronted Hellbilly-Rock’n Roll vom Feinsten. Wer in der ersten Jahreshälfte auf einem Konzert der Dark-Rocker von The 69 Eyes war, dürften die Kanadier als Support der Finnen schon bekannt sein. Und als ob das Quintett selbst nicht schon optisch sehr verwegen daherkommt, – vier Typen, die wie Bilderbuch-Versionen amerikanischer Rednecks aussehen und eine zierliche, bis unters Kinn tätowierte, junge Dame – hat es sich obendrein dazu entschlossen ausgerechnet dem Stoff aus klassischen und modernen Horrorfilmen mit der Kraft von Punk und Rock und ganz viel Roll ein bissiges, schauriges Gewand zu verpassen. Geht das ab? Und wie das abgeht! Derselben Meinung sind auch die gut 300 Fans, die sich eingefunden haben, um es mit The Creepshow den Headlinern im Täubchenthal am letzten Veranstaltungstag des WGT noch einmal so richtig krachen zu lassen. Der Kontrabass von Sickboy, der so sehr zu The Creepshow gehört wie die knappen Shorts von Kenda, dürfen dabei natürlich nicht fehlen. Leider ist die Bühne so schlecht ausgeleuchtet, dass man darauf Beides allenfalls erahnen kann. Macht nichts, wer hängt sein Herz an solche Oberflächlichkeiten, so lange er Musik hat, die so geradeaus und in-your-face ist, wie Sell Your Soul, Born To Lose oder Run For Your Life. Da vergeht die verbliebene Zeit wie einmal in die Ecke spucken und mit einem lachenden und einem weinenden Auge rocken wir die letzten Minuten des diesjährigen Wave-Gotik-Treffens. (KS)
Das war unsere Nachlese zum Wave-Gotik-Treffen 2017, bei der wir insgesamt knapp 70 Konzerte, Lesungen und spezielle Events für Euch haben Revue passieren lassen. Und schon jetzt können wir es nicht erwarten bis es am 18. Mai 2018 wieder heißt “Hier ist Leipzig, Herzlich Willkommen zum Wave-Gotik-Treffen”!
Foto / Author: Anita Zeidler(AZ), Claudia Marquardt (CM), Danny Sotzny (DS), Dietmar Grabs (DG), Jana Breternitz (JB), Katja Spanier (KS), Michael Gamon (GM), Thomas Papenbreer (TP)