WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2017 – Samstag (03.06.2017)

WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2017 – Samstag (03.06.2017)
VNV Nation, © Jana Breternitz
Geschätzte Lesezeit: 13 Minute(n)
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Auch der zweite Tag des Wave-Gotik-Treffens 2017 bot wieder für jeden Geschmack etwas und auch das Wetter zeigte das volle ihm zur Verfügung stehende Spektrum von strahlendem Sommerwetter bis zu Sintflutartigen Regenfällen. Wir haben für Euch am Samstag 15 Konzerte sowie eine Lesung besucht und zusammengefasst. Der Bericht ist zur besseren Übersicht, und um etwas im jeweiligen musikalischen Kontext zu bleiben, nach dem jeweiligen Spielort zusammengefasst!

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Schnellnavigation: Amorphis | Bloody Dead And Sexy | Esben And The Witch | Klangstabil | Klimt 1918 | Lolita KompleX | Lydia Benecke | Patenbrigade:Wolff | Rotersand | Rotting Christ | Saigon Blue Rain | Stahlmann | The Pussybats | V2A | VNV Nation | Xandria

agra-Treffenpark

18:00 Uhr – Rotersand (D)
Die Eröffnung der Stage auf der agra obliegt heute Rotersand, den Philosophen unter den deutschen Electro-Acts. Pünktlich 18 Uhr erklingt das Intro und im blauen Nebel kann man die Umrisse von Krischan J. E. Wesenberg, seines Zeichens Soundbeauftragter der Gelsenkirchener Future-Pop-Formation, erahnen. Kurz darauf folgt Rascal Nikov auf die Bühne und die Band startet richtig durch. Zum fünten Mal rocken die Jungs aus dem Pott nun schon das WGT. Immerhin können Rotersand schon auf eine 15-jährige Bandgeschichte zurückblicken. Wenn man so viel Erfahrung hat, kann man seinen Fans ohne schlechtes Gewissen die besten Electro-Filetstücke servieren. Das Publikum lechzte breits danach und war sofort bereit dem Duo durch dieses Electro-Gewitter zu folgen. Dass Rotersand längst keine Unbekannten mehr sind, zeigt die große Anzahl der Fans, die bereits zu diesem ersten Konzert die Halle gut füllt. Rascal Nikov sorgt mit First Time und Electronic World Transmission für nostalgische Gänsehaut-Momente, spielt aber auch reichlich Material vom neuen Album Capitalism ™ (DS)

19:45 Uhr – V2A (D/GB)
Nur ein kurzer Umbau und es geht weiter mit der Formation V2A. Mit einem beeindruckenden Intro und zwei großen Trommeln schafften es Sänger Kevin Stewart und Sängerin Ines Lehmann die Fans in ihren Bann zu ziehen. Gerade in den hinteren Reihen tanzen viele zu ihrer Musik und das obwohl in der Halle nach dem großen Regen bereits tropische Nebelschwaden wabern. Eins hat die Band auf jeden Fall ordentlich getestet: die Bässe – da flattern einem die Nasenflügel! Ordentlich drückt der Bass aus den Boxen und treibt das Publikum gnadenlos an, sich zu bewegen und zu tanzen, als gäbe es kein Morgen mehr. Das deutsch-britische Duo interagiert mit seinen Fans und heizt die Stimmung damit noch weiter an. Fontänen mit Dampf schießen wie Geysire aus den dem Boden der Bühne, Fahnen werden geschwungen, es wird eine durchdachte Lightshow geboten und das Duo drischt ordentlich auf die auf der Bühne installierten Fässer ein – alles Dinge die eine großartige Performance sehenswert machen. Herausragend ist auch die Akustik in der agra. Also beide Daumen hoch für V2A. (CM)

21:20 Uhr – Klangstabil (D)
Kaum ein Act erregt an diesem Abend auf der agra mehr Aufsehen als das deutsche Experimental-Industrial-Duo Klangstabil. Die eingängig-düsteren Melodien in Verbindung mit den prägnanten Stimmen von Maurizio Blanco und Boris May zieht das Publikum in ihren Bann und die Band wird enthusiastisch begrüßt. Darauf aufbauend entfaltet Musik des Klangpop-Duos eine tiefgreifende Wirkung und lässt die Songs schnell zu Herzen gehen. Soundtechnisch getragen von experimenteller, leicht krachiger Electronica sind die Stücke obendrein noch absolut clubtauglich. Die Konzerthalle der agra ist sehr gut gefüllt. Die Kombination aus glasklarem Beat und nüchternem Sprechgesang trifft den Nerv der Anwesenden über die ersten Reihen hinaus. Von Song zu Song steigt die Stimmung: die Halle tanzt, feiert und heizt sich immer mehr auf. Ein Hexenkessel! Der Beifall nach jedem Song wird tosender und die Pfiffe lauter. Klangstabil wissen zu überzeugen und es bleibt zu fragen, wie das die Headliner VNV Nation im Anschluss das noch toppen möchten. (CM)

23:05 Uhr – VNV Nation (IRL/GB)
Mit einer kleinen Verspätung beginnen VNV Nation um 23:15 mit ihrem Programm. Unermüdlich touren sie rund um den Globus und nun sind sie heute zum siebten Mal auf dem WGT, hier auf der agra, um die Halle zum Beben zu bringen. Wer die Band schon einmal live gesehen hat, weiß, dass Frontmann Ronan Harris keine Gnade kennt. Erbarmungslos wird man in eine futuristische Wunderwelt katapultiert und muss einfach nur noch tanzen und Spaß haben. Die positive Energie, die von der Bühne auf das Publikum einprasselt, lässt den Adrenalinspiegel recht schnell ansteigen und durch die Glückshormone bekommt man unweigerlich richtig gute Laune. Die Musik von VNV Nation ist durch eine Mischung clubtauglicher, elektronischer Melodien mit trancigen Elementen, sowie orchestralen Einflüssen gekennzeichnet. Ihre Texte setzen sich sowohl mit gesellschaftlichen Fragen, als auch mit persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen auseinander. Über allem steht ein futuristisches Konzept, das sich wie ein roter Faden durch die Musik und die Geschichte der Band zieht. Frontmann Ronan zieht von der ersten Sekunde an alle in seinen Bann und bringt die richtig volle Halle zum Beben. Um mich herum sehe ich tanzende Fans, die glückselig von einem Ohr zum nächsten Lachen. Eine großartige Lichter- bzw. Lasershow taucht die agra in buntes Licht. Ronan Harris nutzt die komplette Bühne, um sein Publikum gnadenlos zum tanzen zu animieren. Auch in den letzten Reihen, sieht man wieviel Spaß er daran hat, die Massen zu bewegen. Natürlich dürfen die Klassiker Nova, Control, Lost in Space und Illusion fehlen. Bei letzteren liegen sich die Fans in den Armen und bewegen sich ergriffen zum Takt. Auch die eine oder andere Träne sieht man auf verzückten Gesichtern. Das Lied ist einfach zu traurig schön. Bei Control und Lost in Space singen die Fans den Refrain und Ronan steht nur noch begeistert kopfschüttelnd auf der Bühne. Die Stimmung ist einfach nur großartig. Ein Fan schwenkt ausgiebig eine irische Fahne. Diese muss Ronan einfach haben und als er sie bekommt, schwenkt er diese ergriffen. Leider leert sich im Laufe des Konzertes die Halle enorm. Dies lag wohl eher an den hohen Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit, als an der Performance der Band. VNV Nation muss man einfach einmal erlebt haben. Für mich eines der Highlights auf dem diesjährigen WGT und das wahrscheinlich auch für viele der hier Anwesenden. (CM)

Altes Landratsamt

16:40 Uhr – Saigon Blue Rain (F)
Den Auftakt in den Samstag im Alten Landratsamt machen Saigon Blue Rain (ehemals: Stupid Bitch Reject), einer Dream-Pop/Darkwave Band aus Frankreich. Vor der Bühne hat sich vorwiegend männliches Publikum versammelt, was wohl an Sängerin Ophélie liegt, die mit ihrer Stimme und ihrer gefühlvollen Performance alle in ihren Bann zieht und für Gänsehaut sorgt. Mit ihren ruhigen und unaufgeregten Songs bringt die Band die Zuhörer zum Runterfahren und Träumen. Hier wird keine große Bühnenshow geboten, die ist aber auch gar nicht nötig. Während der Songs spielt Ophélie mit der Mikro-Schnur, singt voller Leidenschaft und Melancholie. Zu hören sind Songs vom 2016 erschienen Album Noire Psyché und unter anderem das Q-Lazzarus-Cover Goodbye Horses. Für alle Fans von gut abgehangenem Darkwave sind Saigon Blue Rain wohl längst kein Geheimtipp mehr und immer wieder ein Konzertbesuch wert. (AZ)

18:00 Uhr – Klimt 1918 (I)
Am späten Nachmittag im Alten Landratsamt verursacht der Umbau der Bühne eine Mischung aus Skepsis und Neugier. So richtig will der kleine, dünne, blasse Mann mit der Pilzfrisur und weißem Hemd, der mit leiser Fistelstimme hektische bis besorgte Anweisungen an die Rowdies gibt und nervös an der mitgebrachten kompliziert aussehenden Soundanlage rumfingert, nicht zum vor der Bühne stehenden Publikum passen. Auch der Rest der italienischen Post-Rock Band legt einen nervenzerfetzenden Perfektionismus an den Tag. Der Soundtechniker blickt immer wieder auf die Uhr und rollt ausgiebig mit den Augen. Dann, gerade noch rechtzeitig, ist es dann doch noch vollbracht und auf der Leinwand hinter der Bühne flimmern Szenen aus uralten italienischen Schwarzweißfilmen. Was nun die nächsten 70 Minuten folgt, ist schlicht atemberaubend: tiefe Melancholie und unstillbare Sehnsucht, getragen von einem weiten, eindringlichen Gitarrenteppich, der das Publikum davon trägt. Einige breiten die Arme aus und schließen verträumt die Augen, andere recken die Fäuste in die Luft und schütteln die Köpfe zum donnernden Drum-Sound. Beides ist möglich, gleichzeitig – so vielschichtig sind Klimt 1918. Innerhalb der ersten drei Songs wandelt sich die Stimmung im Publikum von abwartender Zurückhaltung zu euphorischer Anerkennung. Das Quartett aus Rom nimmt das überaus positive Feedback der Anwesenden mit freudig-überraschter Zurückhaltung zur Kenntnis. Marco Soellner überlässt, ganz introvertierter Künstler, den überwiegenden Teil der Kommunikation seinem Gitarristen Francesco Conte. Überhaupt scheint der Sänger an diesem Abend viel dafür zu tun, um möglichst nicht im Mittelpunkt zu stehen müssen. Denn im Zentrum steht bei Klimt 1918 ganz klar die Musik, die sich in der Tradition von Bauhaus und Joy Division sieht und sich anhört, als hätten Slowdive The Cure geküsst. (KS)

22:30 Esben And The Witch (GB)
Nachdem die wundervolle Sylvaine ihren Auftritt beendet hat, steht mit Esben And The Witch der Headliner des heutigen Programms im Alten Landratsamt an. Die Briten vermögen es wie kaum eine andere Szene-Band, eindrucksvolle Klanglandschaften in Moll zu erschaffen und ihre Zuhörer auf eine fantastische Reise zu entführen. Schwere, dunkle Welten erfüllen das eigentlich karge Innere des Gebäudes und dienen fortan als Kulisse für die beeindruckende Stimme von Sängerin Rachel Davies, die immer wieder einen perfekten Spagat zwischen ruhigen Passagen und explodierenden Gesangs-Phasen hinlegt. Spätestens mit dem überragenden No Dog haben sie auch diejenigen überzeugt, die bisher vielleicht noch nicht mit ihrer Musik in Berührung gekommen waren und mit dem wundervollen The Fall Of Glorieta Mountain weint auch das schwarze Herz förmlich vor Glück. Man sieht dem Publikum geradezu an, wie sehr der Song es berührt hat. Wieder einmal haben Esben And The Witch eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie eine absolute Ausnahme-Band sind und ihr Publikum ganz unabhängig von der Location stets in ihren Bann ziehen können. Klasse! (MG)

Haus Leipzig

18:30 Uhr – Lydia Benecke
Riesigen Zulauf hat die Kriminalpsychologin und Schriftstellerin Lydia Benecke bei ihrem Vortrag im Haus Leipzig. Der Regenguss lässt den Andrang vorm Gebäude absolut nicht abreissen. Somit beginnt der Vortrag nicht ganz pünktlich erst um 18:40 Uhr. Der Titel der Vortragsreihe (eine Fortsetzung folgt am Sonntag) lautet “Psychopathinnen – Die weibliche Seite der Psychologie” des Bösen und hat damit sicher viele interessierte ZuhörerInnen angelockt. Zunächst stellt sich Lydia Benecke selbst vor und erklärt die Spielregeln für den Vortragsabend (Keine Fotos während der Veranstaltung! Dafür unbegrenzte Zeit im Anschluss für Fragen, Fotos, Autogramme!). Dabei wird schon schnell klar, dass man ein Schnellhörer sein muss, denn Frau Benecke redet ohne Punkt und Komma und Luftholen ist auch nur nach jedem zweiten Absatz drin. Aber dennoch schafft sie es, schon zu Beginn einen Spannungsbogen aufzubauen, der wirklich bis zur letzten Minute bestehen bleibt. Auch wenn sie dabei erstmal kurz einen Werbeblock für ihre zwei bisher erschienenen Bücher (“Die Psychologie des Bösen”, “Sadisten”) und ihr demnächst zu Veröffentlichendes (Psychopathinnen) schaltet. Dennoch ist man schon ein bisschen angefixt und neugierig. Zu Beginn erläutert sie die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Tätern bei Tötungsdelikten und die typischen Eigenschaften von Psychopathen beiderlei Geschlechts. Untermalt mit Beispielen aus ihrer eigenen Praxis, aber immer auch mit einer Prise Humor und Ironie, sorgt Lydia Benecke für ziemlich viel Heiterkeit und manchmal wohl auch eigenes Wiedererkennen (!) im Publikum. Am Beispiel der Hauptfigur aus beiden Teilen des Films “Basic Instinct” (Wir erinnern uns: Sharon Stone ohne Unterwäsche unterm Kleid im Polizeiverhör!) wird der Prototyp einer weiblichen Psychopathin vorgestellt. Die Persönlichkeitsstörungen der Täterinnen werden dabei herausgearbeitet und erläutert. Auch das gespannte Publikum kommt dabei zu Wort. Mit der Vorstellung von zwei mehr oder weniger bekannten amerikanischen Serienmörderinnen, Aileen Wuornos und Marybeth Tinning, deren Lebensläufen und Mordmotiven, kommen die Ausführungen von Lydia Benecke zum Abschluss. Man hätte ihr noch Stunden zuhören können! (AZ)

Kohlrabizirkus

17:00 Uhr – Stahlmann
Man nehme ein bisschen Rammstein, würze diese mit einer Prise Elektro und garniere mit einem Eimer voll silberne Farbe: Willkommen im Reich von Stahlmann und ihrem Grundrezept für Neue Deutsche Härte! Hier parken die aus Götting stammende Band ihre musikalischen Visionen. Stoische Gitarren, kalte Elektronik machen Stahlmann zu einem der konsequentesten und charakterstärksten Vertreter des Genres inklusive kompromissloser und ehrlicher Texte. Als Opener und für diese doch frühen Zeitpunkt ist der Kohlrabizirkus schon recht gut gefüllt. Dies zeugt von einer wachsenden Fanbase, die die Göttinger um sich scharen. Mit einer Begrüßung kann der harte Ritt beginnen. Erwähnenswert ist auch die recht gute Akustik hier im Kohlrabizirkus. Von der ersten Sekunde an gehen die Fans mit und Frontmann Martin Soer zieht sie mit in ihren Bann. Es wird geklatscht, ausgiebig getanzt und einfach nur abgefeiert. Gnadenloses Headbangen bis der Arzt kommt oder der Halswirbel knackt. Die Stimmung nimmt von Song zu Song zu und der Beifall wird als Echo von der Kuppel zurückgeworfen. Der charismatische Frontmann interagiert mit seinen Fans und man merkt ihm die Freude an, heute hier zu sein. Sänger Martin Soer gibt freudestrahlend bekannt, dass am 16.06.2017 ihr neues Album Bastard erscheinen wird und er deshalb einmal die Ballade Nichts spricht wahre Liebe frei als Single ausgekoppelt hat. Lichtkegel tauchen den Frontmann in ein mystisches Licht. Dadurch sind die tiefen Gefühle, um die es in dieser Ballade geht, greifbar. Ein außergewöhnlicher intensiver Moment. Viele Fans wiegen sich gemeinsam Arm in Arm im Takt. Welch ein Start in den zweiten Tag des Pfingst-Wochenendes. Weiter geht es dann auch gleich mit Symphonic Metal von Xandria. (CM)

18:20 Uhr – Xandria (D)
Nach einem recht schnellen Umbau der Bühne gibt es nun pünktlich harte Gitarrenriffs und eine grandioses Stimme auf die Ohren. Metal meets Sopran. Neben dem Schlagzeug stehen links und rechts jeweils drei Banner der Band. Dahinter hängt eine überdimensionale Leinwand mit dem Bandnamen. Die Halle hat sich zwar etwas geleert, aber der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Beim Intro betritt die Band nacheinander die Bühne und wird frenetisch und begeistert vom Publikum in Empfang genommen. Die Sängerin Dianne van Giersbergen animiert ihre treuen Fans immer wieder zum Klatschen und Tanzen. Dem wird bereitwillig nachgekommen. Auch bei diesem Konzert ist die Akustik außergewöhnlich gut. Nur das doch recht dominante Schlagzeug wird gnadenlos von der Kuppel im Kohlrabizirkus auf die Zuhörer am Boden zurückgeworfen. Besonders in den ersten Reihen wird gefeiert. Hier sieht man die eine oder andere erhobene Faust, die im Takt in die Luft gestoßen wird. Außerhalb der Halle hat es zu regnen begonnen und zwar wie aus Kannen. Zum Glück findet diese Konzert ja in einer Halle statt. Aber da die etwas marode Kuppel doch das eine oder ander Loch hat, tropft es im Laufe der Zeit doch recht ausgiebig von der Decke. Die Stimmung ist trotzdem ausgelassen und steigt von Song zu Song. Xandria wissen zu überzeugen und nehmen ihre Fans mit auf einer großartigen Reise in ein Symphonic Metal Wunderland. (CM)

21:30 Uhr – Rotting Christ (GR)
Der Regen hat grad aufgehört, als wir beim Kohlrabizirkus ankommen. Eine richtige Karawane aus WGT-Besuchern strömt uns entgegen und wir fragen uns: Vor wem sind die denn auf der Flucht? Vor dem bitterbösen Okkultismus der Gothic-Metallern von Rotting Christ? Ja, wohl eher nicht, oder? Beim Betreten der riesigen Betonkuppel bemerken wir, dass wir uns zu früh Sorgen gemacht haben, denn diese ist noch sehr gut gefüllt. Was uns auch dieses Jahr wieder auffällt: Zum Kohlrabizirkus verirren sich eher weniger Reifrock und Zylinder tragende Schöngeister. Das Publikum hier ist eindeutig rustikaler: Bärte, Bäuche, Bierbecher und Metal-Shirts. Als die Griechen beginnen, ist die Bühne in blutrotes Licht getaucht und ein dröhnendes “Ave Satani” ertönt. Ich bleibe vorsichtshalber ein wenig weiter hinten, denn vor der Bühne ist einiges los. Rotting Christ haben dort inzwischen Stellung bezogen und geben Breitseite. Die Musiker stellen eine Wand aus, trommelnden, schweren Riffs und rabenschwarzen Unheil hin. Begleitet wird das Ganze von der typisch martialischen Mannbarkeits-Metaller-Attitüde: vom vertrauten Black-Metal-Fön, über bekräftigenden Schläge auf die Brust, bis hin zu beschwörend stierenden Blicken gen Deckenbeleuchtung ist alles dabei. Ja, die Veteranen Rotting Christ sind eine sichere Bank für beste Gothic-Metal-Stimmung, einen mystisch-epischen Sound und haben in all den Jahren überhaupt nichts verlernt. So erntet man den Respekt des Publikums. (KS)

23:00 Uhr – Amorphis (F)
Dann, bevor man auch nur „yksi, kaksi, kolme“ sagen konnte, war auch schon die Bühne für den Headliner des WGT-Samstags umgebaut und der Sound gecheckt. Amorphis sind, den aktuellen Auftritt mitgezählt, schon das dritte Mal auf dem WGT und so wurden die Fans von Tomi Joutsen fast wie alte Bekannte begrüßt. Die Finnen feuern ein episches Feuerwerk ab und beweisen einmal mehr, wo sie in der Riege aller Metal-Bands längst stehen müssten:Nämlich ganz, ganz oben. Wer Amorphis kennt, weiß, dass die Finnen für perfekt durchdachte Kompositionen stehen, bei denen harte, donnernde Gitarren- und Drum-Wände und gutturale Vocals in zauberhafte, epische Melodien und ausdrucksstarken Gesang greifen. Tomi Joutsen, einer der besten Sänger des Genres überhaupt, kommuniziert so vertraut mit dem Publikum, dass beide Seiten gegenseitig ihre Sätze zu beenden scheinen. Amorphis wissen genau, was die Fans wollen und die Fans danken es ihnen, indem sie jede Zeile der Songs mitsingen. Headbanging, hochgerissene Fäuste und Pommes-Gabeln wirken wie die perfekte Metal-Choreographie, denn es reiht sich heute abend wirklich Hymne an Hymne. Das Publikum steht wie ein Mann. Gespielt werden vor allem die älteren Stücke von Tales From The Thousand Lakes, bei dem sich die Band von den spirituellen Geschichten aus der Kalevala inspirieren ließ oder Elegy, eines der besten Genre-Alben überhaupt. Das ist eigentlich ein bisschen schade, da ich auf ein paar mehr Stücke vom letzten, wirklich grandiosen Album Under The Red Cloud gehofft hatte. Höhepunkt für alle glücklich eskalierenden Anwesenden, mich eingeschlossen, ist natürlich My Kantele, das Tomi Joutsen zusammen mit dem ehemaligen Sänger, nun Gitarristen, Tomi Koivusaari gesanglich performt – ein Gänsehaut-Moment! (KS)

Felsenkeller

18:10 Lolita KompleX (A)
Nachdem Superikone den Tag im Felsenkeller eingeleitet haben, ist es an Lolita KompleX, die Stimmung weiter nach oben zu schrauben. Und auch wenn der Felsenkeller zu dieser Uhrzeit noch recht dürftig besucht ist, geben die Österreicher alles und kommen mit einem Knall und viel Konfetti auf die Bühne. Es wird gerockt und Sängerin nana sorgt mit ihrer kindlichen Stimme und ihrem Outfit der Marke Lolita oder Schneewittchen für einen interessanten Gegenpart zum deutlich robusteren Auftreten von Sänger Eve Evangel, der hier für die härteren Gesangsparts zuständig ist. So ist bei druckvoller Musik für Augen und Ohren einiges geboten und es darf getanzt oder das Haar im Rhythmus gebangt werden. Auf der Bühne ist immer etwas los, Langeweile kommt hier keine auf und auch für so manchen Schabernack sind Lolita KompleX und allen voran Fronter Eve immer zu haben. Ganz gleich, ob er seine Mannen mit freundlichen Tritten in den Hintern anfeuert oder diese mit Konfetti übergießt, wovon vor allem Gitarrist Dushi ein Lied singen kann. Ein unterhaltsamer Auftritt. (MG)

19:30 The Pussybats (D)
Und auch die nachfolgenden The Pussybats haben einiges an Energiepotential auf ihrer Seite und legen mit düsterem Glam Rock gleich ordentlich los. Vor allem Bassist Marple gibt immer wieder alles und posiert für die – trotz starker Regenfälle – langsam zunehmende Zuschauermenge, doch auch Gitarrist Maze weiß in Sachen Publikumsnähe zu gefallen. Im Zentrum steht der sich optisch deutlich abhebende Sänger Sid, der seine fehlende Haarpracht durch zusätzliche Energie wett macht und immer wieder die Blicke auf sich zieht. Eigenkompositionen wie Dance With The Devils oder das aktuelle Silver Bullet reißen die Fans mit. Auf das Billy Idol Cover Dancing With Myself hätte man aber vielleicht besser verzichtet, bietet es doch kaum Neues. Obendrein wird man den Eindruck nicht los, dass sich The Pussybats mit eigenen Songs wohler in ihrer Haut fühlen. Doch sei es drum, The Pussybats liefern eine wirklich gute Show ab und stimmen die Fans so bestens auf die nachfolgenden MGT und The Breath Of Life ein. (MG)

Täubchenthal

20:50 Bloody Dead And Sexy (D)
Es gibt etwas zu feiern, denn Bloody Dead And Sexy feiern ihr zwanzigjähriges Bandbestehen und werden folgerichtig mit einem “Happy birthday to you…” auf der Bühne des Täubchenthals empfangen. Die Party selbst wird aber deutlich düsterer gestaltet, denn mit Sick Six Minutes sind wir gleich mitten drin im dunklen Death-Rock Geschehen. Treibende Gitarren reißen die Fans immer wieder mit und vor allem Sänger Rosa Iahn füllt die ihm zugedachte Fronterrolle mit Bravour aus. Immer wieder tanzt er wild und scheinbar unkoordiniert über die Bühne, um dann plötzlich innezuhalten und die Augen weit aufzureissen. Mit starken Songs wie Hey Ho Armageddon! oder A Friend In Mescaline steuern Bloody Dead And Sexy den idealen Soundtrack zu ihrer Geburtstagsparty bei. Wir freuen uns am Ende erschöpft aber glücklich auf die nächsten 20 Jahre. (MG)

NonTox

21:00 Uhr – Patenbrigade:Wolff
Mit gut 10 Minuten Verspätung rücken die Bauarbeiter der Patenbrigade:Wolff zur Arbeit auf der Bühne an. In der einzigen Outdoor-Veranstaltungsstätte des Wave-Gotik-Treffen, neben dem Heidnischen Dorf, dem Non Tox im Leipziger Stadtteil Großzschocher, sind die Brigade-Mitarbeiter bei Nieselregen natürlich mit Arbeitsschutzkleidung und Bauhelm angetreten. Das Berliner Elektro-Projekt um Sven Wolff (Ex- Dust of Basement) begeistert nicht nur mit den einfachen aber einzigartigen Outfits, sondern auch mit der obligatorischen Bierflasche als Arbeitsausstattung. Das Leipziger Publikum, wahrscheinlich selbst schon sehr gut vorgeglüht, ist dann auch über die eine oder andere exklusive Bierdusche von der Bühne total begeistert und stachelt die Bauarbeiter mit “Der Brigadier trinkt Bier”-Rufen auch regelmäßig zu erneutem Bier-Regen an. Begleitet und unterstützt wird die schwer arbeitende Brigade von der zauberhaften Sängerin Antje Dieckmann, die bei dem Lied Gefahrstoffe so wunderbar „REIZEND“ spricht und selbst auch wirkt. Aber auf der Bühne wird nicht nur Bier getrunken, sondern auch mit dem Trennschleifer gearbeitet, dass die Funken fliegen, es wird hantiert mit Kegeln, Warnbaken und Absperrband. Arbeitsschutz wird hier noch groß geschrieben! Das Publikum tanzt und feiert zu TU-144, Die Brücke, Signal und Demokratischer Sektor um dann immer wieder beim Bier (Der Brigadier trinkt Bier) anzukommen. Schon zwingend und wahrscheinlich sehnsüchtig erwartet gehört zu einem Patenbrigade:Wolff das Zerlegen der Bühnentechnik und die Umverteilung von Bier mittels KG-Rohr an das Publikum in den vorderen Reihen. Die Band feiert sich und wird ihrem Ruf als Spaß-Elektroband wieder einmal mehr als gerecht. Als Zugaben in den kühlen Leipziger Abend werden Volksarmee und Stalinallee gestampft. Für alle, die Bier mögen, ein sehr gelungener Abend und für Liebhaber von Elektromusik natürlich auch! (AZ)

Foto / Author: Anita Zeidler (AZ), Claudia Marquardt (CM), Danny Sotzny (DS), Dietmar Grabs (DG), Jana Breternitz (JB), Katja Spanier (KS), Michael Gamon (GM), Thomas Papenbreer (TP)

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