MORRISSEY – Köln, Palladium (01.10.2015)

Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)
The Smiths Frontmann Morrissey zurĂŒck auf deutschen BĂŒhnen und das fĂŒr 2 exklusive Shows in der Kulturhauptstadt Köln und in
 Ă€h Neu-Isenburg??? Etwas strange mutete die Auswahl der AuftrittsstĂ€tten des World Peace Is None Of Your Business-Tour-Nachschlags schon an, aber vielleicht war eine AnkĂŒndigung nur gut 2 Monate vorher auch einfach zu knapp um bei der Locationwahl noch aus dem Vollen zu schöpfen. Als der Vorfilm in Neu-Isenburg ĂŒber den BĂŒhnenscreen zu laufen begann, musste man sich jedenfalls wirklich Sorgen machen, denn zu diesem Zeitpunkt war die Halle noch erschreckend leer. Das Ă€nderte sich aber zum GlĂŒck zum eigentlichen Start der Show und es wurde ein großartiges Konzert.

Einen Tag spĂ€ter in Köln ein Ă€hnliches Bild. Zwar war die Schlange am Einlass auch knapp 2 Stunden vor Showbeginn bereits relativ lang, doch ist das Palladium auch gut doppelt so groß wie die Hugenottenhalle im beschaulichen Neu-Isenburg und so kann man sich noch relativ lange einen sehr guten Platz vor der BĂŒhne sichern, ohne dass man Gefahr lĂ€uft, böse Blicke zu ernten. Das Ă€ndert sich auch heute wĂ€hrend des Vorfilms und die Halle fĂŒllt sich zunehmends, ganz ausverkauft ist sie jedoch nicht. Dann, um Punkt 20 Uhr, ist es soweit:
„Kunst! Kunst! Kunst!“ schallt es von der BĂŒhne und besser kann man das heutige Konzert wohl nicht beschreiben, als es Morrissey gleich zur BegrĂŒĂŸung im Kölner Palladium selbst tut. Wie schon am Vortag scheint der Meister in guter körperlicher Verfassung zu sein, keine Spur von den Krankheiten der letzten Monate und Jahre. Engelsgleich steht er in Blue-Jeans und mit einem weißen Hemd mit Silberstreif am Revers vor uns, bereit seinen JĂŒngern zu predigen und ihnen schlussendlich vielleicht die Absolution zu erteilen und sie zu erretten
 aber wirklich nur vielleicht

Schließlich ist Morrissey kein leichter UnterhaltungskĂŒnstler, sondern er ist stets auf einer Mission. Er prangert die MissstĂ€nde der Gesellschaft an, allem voran natĂŒrlich beim Thema „Umgang mit Tieren“. Wenn spĂ€ter bei Meat is Murder Bilder aus Schlachthöfen und Co. ĂŒber die Leinwand laufen, werden die freudigen Gesichter der Zuschauer erstarren und vielfach TrĂ€nen ĂŒber ihre Wangen laufen. Wie schon tags zuvor wird auch in Köln jemand notĂ€rztlich zu behandeln sein, so sehr rĂŒttelt das qualvolle Video uns auf, das mit den anklagenden Worten „What will make you care?“ endet. Auch die spanische Tradition bekommt den Zorn zu spĂŒren. Zu Recht klagt der Mozzer mit dem Stierkampfdrama The bullfighter dies diesen tierfeindlichen „Sport“ an und bezeichnet diesen als „The shame of Spain“. Das britische Königshaus ist bekanntlich ein weiteres seiner „Lieblingsthemen“ und so lĂ€cheln uns Prinz William und seine Frau Kate bezeichnenderweise bei The World Is Full Of Crashing Bores von der Leinwand aus an oder die Queen wird spĂ€ter mit erhobenen Mittelfingern dargestellt.
Musikalisch steht der Abend zunĂ€chst ganz im Zeichen von Morrisseys Solokarriere, die Hits seiner frĂŒheren Band The Smiths hebt er sich wie schon in Neu-Isenburg fĂŒr den Schluss auf. Doch bei solch Perlen wie Suedehead oder dem ĂŒberragenden Speedway gibt es sicher fĂŒr niemanden einen Grund sich zu beschweren, zumal Morrissey und seine Mannen sich ordentlich ins Zeug legen. So werden Instrumente getauscht, wodurch sich Gitarrist Boz Boorer plötzlich an den Drums wiederfindet oder einzelne Textpassagen von Multiinstrumentalist Gustavo Manzur ĂŒbernommen, der die jeweils letzte Strophe von Speedway und World Peace is None Of Your Business auf Spanisch intoniert und viel Applaus erhĂ€lt. Und der Meister selbst hat die Lacher auf seiner Seite als er zugibt „I bought this book “Learn German in 30 days”
 30 years ago! I still have no idea! You make it so difficult. Why?”. Keine Angst Morrissey, deine Fans lieben dich trotzdem oder gerade auch deshalb und gieren förmlich nach jedem kleinen Happen der deutschen Sprache, den du ihnen servierst. Insgesamt kann man die Stimmung als gut, aber nicht ĂŒberschwĂ€nglich bezeichnen. Kein Wunder, werden seine Fans doch auch nicht jĂŒnger und verlagern ihre AktivitĂ€ten wĂ€hrend des Konzerts eher in Richtung FĂŒĂŸe wippen oder leicht zu tĂ€nzeln. Den Blick haben sie aber alle immer starr nach vorne gerichtet, um ihr Idol nicht aus den Augen zu verlieren. Und sie singen mit, besonders natĂŒrlich beim Überhit Everyday Is Like Sunday, bei dem die Zuschauer den kompletten Chor ĂŒbernehmen.
Zur Freude vieler geht es dann mit Meat Is Murder kurz vor dem Ende noch einmal, kurz unterbrochen von Boxers, zurĂŒck in die glorreiche The Smiths Vergangenheit und hin zu einem ungemein energiegeladen vorgetragenen What She Said, nach dem nicht nur die Zuschauer eine kleine Verschnaufpause benötigen. Auch die Band zieht sich kurz zurĂŒck, kommt aber natĂŒrlich auf unser Bitten hin noch einmal zurĂŒck um mit The Queen Is Dead einen kraftvollen Abschluss zu prĂ€sentieren. Jetzt geraten die Security-Mitarbeiter ordentlich unter Druck, denn die Zuschauer versuchen ihrem Idol noch einmal ganz nah zu kommen, was angesichts des breiten BĂŒhnengrabens und der relativ hohen BĂŒhne im Palladium gar nicht so einfach ist. Trotzdem schaffen es einige Fans bei dieser Stage-Invasion ĂŒber die Absperrung und werden von Morrissey mit einem erlösenden HĂ€ndeschĂŒtteln beglĂŒckt, bevor er unter lauten BegeisterungsstĂŒrmen sein Hemd auszieht und es in die Menge wirft um dieser das ultimative Fangeschenk zu ĂŒberlassen. Als das Saallicht angeht, werden wir abrupt aber ĂŒberglĂŒcklich zurĂŒck ins Hier und Jetzt befördert. Nicht wenige mĂŒssen sich nun erst einmal etwas sammeln um vollends aus dieser Traumwelt zurĂŒckzukehren und den Heimweg antreten zu können. Schön war es, hoffentlich kommt der Mozfather bald noch einmal wieder


Setlist MORRISSEY @ Köln, Palladium (01.10.2015):
01. Suedehead
02. Speedway
03. Ganglord
04. Alma matters
05. You have killed me
06. Kiss me a lot
07. Reader meet author
08. Oboe concerto
09. The world is full of crashing bores
10. World peace is none of your business
11. I’m throwing my arms around Paris
12. Everyday is like Sunday
13. The bullfighter dies
14. Staircase at the university
15. Yes, I’m blind
16. I will see you in far-off places
17. Meat is murder (The Smiths)
18. Boxers
19. What she said (The Smiths)
20. The Queen is dead (The Smiths) (Z)

Fotos: Michael Gamon

Geschrieben von
Mehr von Michael Gamon

A-HA gehen im April 2016 auf Cast In Steel-Deutschlandtour

Am 04. September 2015 veröffentlichten a-ha mit Cast In Steel ihr zehntes...
Weiterlesen