ROCK MEETS CLASSIC 2014 – Essen, Grugahalle (02.04.2014)

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Es begann ja eigentlich alles mit James Last. Oder besser noch, mit dem Munich Symphonic Sound Orchestra. Man nehme populĂ€re Hits des Pop und Rock und packe diese in ein klassisches Gewand. Mir ist dies im Jahre 1988 das erste Mal aufgefallen, die Platte vom M.S.S.O. stand ĂŒberall rum. Es könnte sogar sein, dass ein Exemplar einen Weg in unseren Haushalt gefunden hat, ich wohnte damals noch im Haus meiner Eltern. Nichts fĂŒr mich, ich hörte zu dieser Zeit eher „hĂ€rtere“ Sachen, Alice Copper, Guns N‘ Roses, Nirvana wĂŒrden erst noch passieren
 Das Konzept eines Treffens von Rock, Pop und Klassik ist also nicht unbedingt neu. Kann sich jemand noch an die Zeit erinnern, als es quasi jeden Hit im braunen BĂŒĂŸergewand eines Gregorianischen Chorals schier ĂŒberall zu hören gab? Das war schlimm. Aber nicht nur die Klassik hat sich die Lederjacke angezogen, um neues Publikum zu gewinnen und einen neuen Markt zu schaffen. Auch etablierte Rockbands wie Metallica, die Scorpions, Meat Loaf, Dream Theatre und viele andere haben Ihrerseits Auftritte mit Orchestern zelebriert und diese dann auch recht erfolgreich veröffentlicht. Das Crossover zwischen Rock und Klassik hat also Tradition. Der inzwischen recht beliebte Symphonic Metal ist im Kern nicht viel anders. Und jede Hardrock-Band, die etwas auf sich hĂ€lt, hat mindestens eine Ballade mit voller orchestraler UnterstĂŒtzung auf einem Album.

Vor einigen Jahren hatte ich das GlĂŒck, den inzwischen leider verstorbenen Jon Lord (ehemals Deep Purple) mit Orchester im Saalbau der Philharmonie Essen erleben zu dĂŒrfen. Ein musikalischer Hochgenuss! Der Klang eines Orchesters, vielleicht sogar eines Symphonie Orchesters ist halt doch etwas außergewöhnliches, was sich vielleicht unter Studiobedingungen elektronisch reproduzieren lĂ€sst, aber auf der BĂŒhne recht unvergleichlich ist.
Jetzt also Rock meets Classic, vom Konzept her leicht verĂ€ndert. Statt einer ganzen Band mit Orchester, prĂ€sentiert man bekannte Stimmen mit Band und Orchester. In diesem Jahr waren diese Stimmen Midge Ure (Ultravox und auch Solo), Joe Lynn Turner (Rainbow, Deep Purple), Kim Wilde, Bernie Shaw und Mick Box (Uriah Heep), sowie als „Headliner“ noch Alice Cooper.

Gleich von Anfang an wurde leider deutlich, dass eine Gruga-Halle im Bereich Akustik (natĂŒrlich) nicht mit dem Saalbau der Philharmonie mithalten kann. Obwohl die Halle zu allen Seiten mit VorhĂ€ngen abgehangen war, war der Sound des Orchesters nicht ansatzweise so beindruckend, wie er hĂ€tte sein können. Durch die elektronische VerstĂ€rkung ĂŒber eine PA wurden so Fehler hörbar, die es normalerweise nicht bis zum Publikum geschafft hĂ€tten und der Sound wurde viel zu sehr beschnitten.

Eröffnet wurde der Abend (nach dem Intro The Show must go on, gesungen vom sehr engagierten Background-Chor) von Midge Ure. Und natĂŒrlich gab es Vienna, natĂŒrlich gab es Dancing with Tears in my Eyes, beide Songs funktionierten auch ganz fabelhaft mit großem Orchester. Und die Reaktion des Publikums war nicht weniger fabelhaft, begeisterte Ausrufe bei bekannten KlĂ€ngen, lautes Mitsingen schon so frĂŒh am Abend?

NĂ€chste Stimme war Joe Lynn Turner, der auf weniger Hits als Midge Ure zurĂŒckblicken kann, den meisten wird wohl gerade mal I surrender (Rainbow) bekannt sein. Aber nichtsdestotrotz kam sein Auftritt gut an. Es ist immer wieder ĂŒberraschend, wie gut ein Hardrock-SĂ€nger sich gegen ein Orchester durchsetzen kann. Zu dem Thema gibt es ĂŒbrigens auch interessante Aussagen von Bruce Dickinson in der Doku „Metal – A Headbangers Journey“ (highly recommended). Joe Lynn Turner durfte noch den anderen großen Hit von Rainbow Since youÂŽve been gone zum Besten geben, der wiederum begeistert aufgenommen wurde.

Zeit fĂŒr einen Wechsel vom Rock zum Pop, Zeit fĂŒr Kim Wilde. Und so nett es war, Kim Wilde auf der BĂŒhne zu sehen, so begeistert das Publikum auch reagierte, so „Very Best Of“ ihre Darbietung auch war, so vergleichsweise schlecht funktionierte fĂŒr mich die Kombination Pop Meets Classic. Die Songs von Kim Wilde sind nicht GROSS konzipiert, ihre Stimme ist nicht GROSS.
Nach einer Pause ging es dann mit einem der großen Hits ĂŒberhaupt weiter, Another Brick in the Wall von Pink Floyd, dargeboten von der Mat Sinner Band (plus Orchester). Großer Applaus, ĂŒberschattet von der Erwartung der nĂ€chsten Special Guests: Mick Box und Bernie Shaw von Uriah Heep waren angesagt und die hatten, im Gegensatz zu Joe Lynn Turner, natĂŒrlich ein ganzes Arsenal an Hits zur VerfĂŒgung. Angefangen bei Easy livin‘, ĂŒber Free me (begeistert von den Zuschauern aufgenommen, noch begeisterter mitgesungen), ein ĂŒberraschend großartiges July Morning (vielleicht vom Arrangement, wenn man persönliche PrĂ€ferenzen außen vor lĂ€sst, das beste StĂŒck des Abends) bis hin zu der unvermeidlichen Lady in Black.

Nach einem weiteren Intermezzo, einem Ausschnitt aus dem bekannten Soundtrack zu „Fluch der Karibik“ kam fĂŒr so manchen der Höhepunkt des Abends, Alice Cooper. Und Alice Cooper erbrachte in nur 6 Songs den Beweis, ein wahrer Meister der BĂŒhne zu sein. Wir reden hier ĂŒber 40 Jahre BĂŒhnenerfahrung, es ist unglaublich. NatĂŒrlich ist es unmöglich, aus so einem großen Werk nur so wenige Songs auszuwĂ€hlen, natĂŒrlich bleiben immer Favoriten auf der Strecke, aber fĂŒr die 20 Minuten, die Alice auf der BĂŒhne stand, waren alle im Saal zufrieden. Das Publikum stĂŒrmte aus dem bestuhlten Innenraum der Gruga-Halle zur BĂŒhne, Alice hatte seinen Spaß, des Orchester hatte seinen Spaß, das Publikum war begeistert und fĂŒr ein paar Minuten war dann auch der (wahre?) Geist des Rock zu spĂŒren.

Letztendlich waren es die kleinen Momente, die diesen Abend der großen Show dann doch besonders machten: Die Violinistin mit den leuchtenden Teufelshörnchen, Nina die Querflötistin, die Background-SĂ€nger, die ihren Spaß bei July Morning hatten, die tanzende Ă€ltere Dame in der Reihe vor mir, die begeisterten Ausrufe des Publkums, wenn ein persönlicher Favorit angestimmt wurde


Es ist leicht, sich ĂŒber einen Abend lustig zu machen, der im Konzept so wenig Rock, so wenig Pop und auch eigentlich so wenig Klassik bietet, der aber den Zuschauern (und offensichtlich auch den Akteuren auf der BĂŒhne), solch einen Spaß bereitet. Was immer Menschen dazu bringt, ihr Heim zu verlassen, einen Konzertsaal aufzusuchen und dort Spaß zu haben, zu tanzen, zu singen, das ist mehr als OK fĂŒr mich!

Setlist Rock Meets Classic 2014:
01. We will Rock You/The Show Must Go On (Queen) (Mat Sinner Band & Orchester)

02. Hymn – Midge Ure (Ultravox)
03. Breathe – Midge Ure (Ultravox)
04. Vienna – Midge Ure (Ultravox)
05. Dancing With Tears in My Eyes – Midge Ure (Ultravox)
06. I Surrender (Rainbow) – Joe Lynn Turner
07. Stone Cold (Rainbow) – Joe Lynn Turner
08. Love Conquers All (Deep Purple) – Joe Lynn Turner
09. Since You Been Gone (Rainbow) – Joe Lynn Turner
10. Beethoven, Sinfonie Nr. 5, 1. Satz (Orchester)
11. You Came – Kim Wilde
12. Cambodia – Kim Wilde
13. You Keep Me Hangin‘ On – Kim Wilde
14. Kids in America – Kim Wilde

— 20min Pause —

15. Another Brick in the Wall (Pink Floyd) (Mat Sinner Band & Orchester)
16. Easy Livin‘ – Mick Box & Bernie Shaw (Uriah Heep)
17. Free Me – Mick Box & Bernie Shaw (Uriah Heep)
18. July Morning – Mick Box & Bernie Shaw (Uriah Heep)
19. Lady in Black – Mick Box & Bernie Shaw (Uriah Heep)

20. He’s a Pirate (aus “Fluch der Karibik”)
21. Hello Hooray – Alice Cooper

22. House of Fire – Alice Cooper
23. No More Mr. Nice Guy – Alice Cooper
24. Only Women Bleed – Alice Cooper
25. Welcome to My Nightmare – Alice Cooper

26. Poison – Alice Cooper
27. School’s Out – Großes Finale mit allen KĂŒnstlern

Wir haben fĂŒr euch eine Bildergalerie zum Festival zusammengestellt, die ihr hier oder durch Anklicken der Bilder erreichen könnt:

Bildergalerie: ROCK MEETS CLASSIC 2014 in Essen (02.04.2014)

Weitere Fotos des Events gibt es hier

Fotos: Michael Gamon

Geschrieben von
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