15 JAHRE SCHANDMAUL mit SCHANDMAUL, FIDDLER’S GREEN, DIE KAMMER uvm. – Köln, Tanzbrunnen (31.08.2013)

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Unter Anleitung von Frontmann Thomas stampft der ganze Tanzbrunnen mit dem rechten Bein auf den Boden und schreit dabei „Mist!“. Mit soviel Witz und Charme verfliegt sogleich der ganze Unmut und verabschiedet sich aus Köln.

Die fĂŒnf Mannen aus dem hohen Norden eröffnen diesen Festivaltag in Köln und wĂ€hrend einige noch mit der Gesamtsituation hadern, können die anderen schon im Takt von Versengold feiern. Die stimmungsvollen StĂŒcke, die sowohl Trinklieder als auch kritische Texte beinhalten, gehen direkt ins Blut. Auch der Blick in die freundlichen Gesichter sollte eigentlich Frohsinn verbreiten. Eigentlich. Denn es gibt ja noch diese schreckliche Gesamtsituation, mit der man sich echt den ganzen Tag versauen kann – wenn man möchte! Ein Festival in der GrĂ¶ĂŸenordnung von ungefĂ€hr 10.000 Menschen muss nun mal heutzutage gewisse Auflagen erfĂŒllen. Ja, vielleicht ist Köln da auch wirklich eine spezielle Diva. Mag wirklich so sein. Aber es lĂ€sst sich jetzt nicht mehr Ă€ndern, dass es einen Front of Stage Bereich gibt (in den man nur mit einem speziellen Zusatzband Einlass erhĂ€lt) und dass die Boxen nicht in gĂ€nzlicher LautstĂ€rke schmettern dĂŒrfen. Da kann man sich wirklich die Laune verhageln lassen ĂŒber all die Ungerechtigkeit hier im Tanzbrunnen; man muss es aber nicht.

Die nörgelnde Unzufriedenheit mĂŒssen auch die Musiker von Lyriel [GALLERY] stellenweise ĂŒber sich ergehen lassen. Den „lauter“ Rufen aus dem Publikum stehen sie machtlos gegenĂŒber. Zum ersten Mal an diesem Tag kommt eine Formation auf die BĂŒhne, die auch zum Tageskonzept „Rockshow“ von Schandmaul passen. Gitarre meets Cello und Geige. Oben drauf ein rockiger Gesang von Jessica Thierjung, der zwischendurch von Cellistin Linda Laukamp stimmlich untermauert wird. Leider hatte man gelegentlich das GefĂŒhl, dass der Herr am Ton etwas mit den Reglern spielte, denn stellenweise klang es doch recht merkwĂŒrdig im Ohr. Die Interpretation von Schandmauls Diese Melodie war mehr als gelungen und ließ auch die kleine (aber laute) Anzahl an Nörglern kurz verstummen.

HĂ€tte es bereits zu einem anderen Zeitpunkt die Wahl der typischen Fahrstuhlmusik gegeben, dann wĂ€re die Musik der Band Die Kammer [GALLERY] sicherlich in die nĂ€here Auswahl gekommen. Matze AmbrĂ© und Marcus Testroy erschaffen mit ihrem relativ neuen Projekt ein doch sehr eigenes Klangbild. ZurĂŒck zur Kammermusik, mit Akustikgitarre, Cello, Violine, Tuba und zart geschlagenen Drums. Damit fallen die beiden Musiker sicherlich öfter aus dem Rahmen und es dĂŒrfte ebenso schwer sein, eine BĂŒhne zu finden, auf die sie wirklich passen. Hier auf der großen BĂŒhne im Tanzbrunnen wirken sie eher deplatziert, was sich auch an der Zuschauerzahl vor den Fress- und GetrĂ€nkebuden abzĂ€hlen lĂ€sst. Retten konnten sich die beiden FrontmĂ€nner durch eine eigene Version von Schandmauls Prinzessin, die gerade durch die tonangebende Tuba glĂ€nzte. Die Kammer ist sicherlich eine feine Sache, solange man das entsprechende GefĂŒhl auch in der Wahl der Spielorte wiederfindet.

Es liegen Welten zwischen der Kammermusik und dem SpeedFolk von Fiddler’s Green [GALLERY], soviel sei schon einmal verraten.

WĂ€hrend Die Kammer sich eher zurĂŒckhaltend prĂ€sentierte, preschen die Franken nach vorne und ĂŒberrennen einfach alles. Gekonnt wechseln sie zwischen alten und neuen StĂŒcken hin und her und auch der abwechselnde Gesang lockert die Meute vor der BĂŒhne sichtlich auf. Es darf getanzt werden. Stellenweise wirkt diese fröhliche Musik auch wie ein Weckruf aus dem Tiefschlaf. Lediglich an der berĂŒhmten „Fiddler’s Green Wall of Folk“ scheitern die Jungs klĂ€glich, was Pat mit „das ist ja eine Wall of Volksmusik“ kommentiert. Aber da die Wall of Folk scheinbar nicht funktionieren will, wird diese gleich in die Wall of Love umgestaltet. Knuddeln statt Pogen scheint das richtige Rezept zu sein. Wie die Band zuvor erschaffen auch die Franken mit Masters of Wind ihre ganz eigene Art dem Werk von Schandmaul zu huldigen.

Mit Kein Weg zu weit fegen die SchandmĂ€uler voller Spielfreude ĂŒber die BĂŒhne. Mit Sehnsucht erwartet wurden die MĂŒnchener und das sieht man gleich in den Gesichtern des Publikums. Aber auch den MĂ€ulern sind die Nörgeleien zu Ohren (bzw. zu Augen via Facebook) gekommen und so ergreift Thomas direkt zu Anfang das Wort. “So nun stellen wir alle die Beine parallel zusammen, heben das rechte Bein und stampfen alle ganz feste auf den Boden damit und sagen MIST!”. Ein lauter Aufschrei geht durch den Tanzbrunnen und mit diesem einen Wort scheint alles vergessen und der Schalter im Gehirn wird auf Party umgestellt. Wer kann diesem Charme schon widerstehen? Und nun kann auch die unbeschwerte Party losgehen. Endlich! Und so kann zu vielen Klassikern ausgiebig getanzt, gelacht, geklatscht und gesungen werden. Die Spielfreude auf der BĂŒhne schwappt einfach ins Publikum ĂŒber. Aber auch ein kleiner RĂŒckblick mit ein wenig Wehmut muss bei so einem Fest schon sein. Und so erzĂ€hlt Thomas seinen Fans von der Geburt, der PubertĂ€t und dem Erwachsenwerden der Band Schandmaul [GALLERY], wobei er hier und da offen lĂ€sst, in welcher Phase man nun gerade so steckt. Da kann man doch nur hoffen, dass sie nicht kurz vor dem Altersheim stehen. Aber bereits wĂ€hrend der ersten Zugabe wird klar, dass Schandmaul gelegentlich noch in der bockigen PubertĂ€t hĂ€ngen geblieben sind, denn so ein wunderschöner TexthĂ€nger wie bei Wandersmann erinnert schon sehr an die Zeit, wo man Gedichte auswendig lernen musste und es so ĂŒberhaupt nicht schaffte. Aber gerade solche Dinge machen das PhĂ€nomen Schandmaul auch aus und sogar liebenswert.

Ein irre geiler Tag, der mit weniger Nörgeln, ĂŒber Dinge, die man eh nicht Ă€ndern konnte, sicherlich fĂŒr einige noch wesentlich schöner gewesen wĂ€re. Man kann einfach nur hoffen, dass in fĂŒnf Jahre das nĂ€chste Schandmaul-Fest gefeiert wird!

Setlist Schandmaul:
01. Kein Weg zu weit
02. Herren der Winde
03. Sichelmond
04. Auf hoher See
05. Mitgift-Tröten-Medley
06. Verbotene Kuss
07. Pakt
08. Seemannsgrab
09. Anderswelt
10. Lichtblick
11. TraumtÀnzer
12. Bunt und nicht braun
13. MĂ€dchen & Tod
14. Vogelfrei
15. Hofnarr
16. Drachentöter-Krieger-Medley
17. Leb!
18. Frei
19. Walpurgisnacht
20. Feuertanz (Z)
21. Teufelsweib (Z)
22. Dein Anblick (Z)
23. Der Wandersmann-Trinklied-Medley (ZZ)
24. Der Spion (ZZ)
25. Willst du? (ZZ)
26. Auf euch (ZZZ)

Bilder des Festivals und der beteiligten Bands befinden sich in unserer Konzertfotos Sektion (Bildkommentare sind dort durch Anklicken der gelben Sprechblase oben rechts möglich) oder direkt durch Anklicken der jeweiligen Gallery-Links bzw. Fotos.

Autorin & Fotos: Daniela Letzner

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