AMPHI FESTIVAL 2013 Tag 2 – Köln, Tanzbrunnen (21.07.2013)

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Mit
satten SynthieklĂ€ngen geht es am noch heißeren Sonntag im Staatenhaus weiter. Chrom sorgen
dafĂŒr, dass das Festivalpublikum mit ausgeklĂŒgelten elektronischen
Ohrwurmmelodien auf die richtige Betriebstemperatur gebracht wird. Kein Wunder,
dass hier und da schon deutlich mehr exzessiv Bewegung betrieben wird als das
obligatorische Kopfwippen. Wem das alles noch eine Spur zu lieblich daherkommt,
wird spÀtestens im Anschluss bei Tyske
Ludder
seinen Spaß haben, denn die Jungs hĂŒllen sich nicht nur in ein
krachendes EBM-Gewand, sondern sind mit ihren Botschaften mindestens genauso direkt.
UnmissverstÀndlich legen auch Santa
Hates You
nach. Das perfekt harmonierende Gespann aus Project Pitchfork
Mastermind Peter Spilles und der italienischen Schönheit Jinxy lotet song- und
showtechnisch alle WĂŒnsche der Fans aus. Ob sexy, wild, romantisch oder brachial…Songs
wie Raise The Devil oder Rocket Heart, bei dem sich beide auf
einer alten Couch vergnĂŒgen, sorgen fĂŒr das gewisse Etwas dieses Auftritts.
Mindestens genau so viel Beachtung wie die Protagonisten selbst bekommen ihre
Komparsen, die mit ihren Tiermasken und ihren plötzlich ausbrechenden
BewegungsergĂŒssen ein skurriles Bild schaffen.  

Doch
nicht nur in der Halle tobt das Leben, auch auf der Mainstage wird bereits ausgelassen gefeiert. Nachdem [x]-Rx bereits zum dritten Jahr in
Folge die Amphi-eigene BĂŒhne betreten, soll sich heute das Ausmaß dieser Aktion
zeigen. Zwar ruft das Aggrotech-Hardstyle-Duo zur FrĂŒhgymnastik auf, das, was
sich dem Festivalbesucher hier jedoch bietet, ist ein Feuerwerk aus Bewegungen
und Zuckungen, das alles mitreißt, was sich versucht, in der warmen
Mittagssonne zu entspannen. Bei diesen eindringlichen KlÀngen und dem Bild der
nahezu synchron tanzenden Cybergothic-Fraktion kann hier niemand seine Beine
lange still halten. Weniger dĂŒster und krachig geht es mit Ben Ivory weiter, einem Act, den man in den vergangenen Jahren
sicher schmerzlich gesucht hĂ€tte. In diesem Jahr schaut man aber etwas ĂŒber den
Tellerrand und siehe da… diese avantgardistischen, rockig-poppigen KlĂ€nge des
jungen, stimmstarken Berliners scheinen bei einem Großteil der Menge gut
anzukommen. Mal mit lauteren, mal mit leiseren Tönen weiß man hier zu
ĂŒberzeugen und verzichtet natĂŒrlich auch nicht auf die Eurovision Song Contest
Vorentscheids-Single The Righteous Ones,
die hier einige sogar aus dem Effeff mitsingen können. Um LĂ€ngen dĂŒsterer und
nachdenklicher geht es mit der Schweizer Combo The Beauty of Gemina weiter, die zum ersten Mal die
TanzbrunnenbĂŒhne erklimmen. Mit seiner eindringlichen Stimme schafft es
Frontmann Michael Sele schnell, die Masse in seinen Bann zu ziehen, und ihren
Herzschlag mit der Fusion aus schweren GitarrenklÀngen und elektronischer
Untermalung zu kontrollieren. Songs wie Victims
Of Love
, The Lonesome Death Of A Goth
DJ
oder der Überhit Rumours sind
hierbei bedeutende Pfeiler des großen Ganzen. Der glĂŒhende Feuerball lacht auf
uns hinunter und mittlerweile wird es schwierig, ein schattiges PlÀtzchen unter
den schĂŒtzenden Schirmen zu ergattern. Mit seiner Formation Icon of Coil trotzt jedoch Publikumsliebling
Andy LaPlegua der brennenden Hitze und wetzt von einem Ende der BĂŒhne zum
anderen. „Das ist der perfekte Zeitpunkt, um richtig betrunken zu werden“,
scherzt er und provoziert damit bei dem einen oder anderen den Weg des Mundes
zum alkoholhaltigen Becher. Energiegeladen knallt uns das sympathische
Ganzkörperkunstwerk einen Song nach dem anderen vor den Latz, angefangen bei Serenity Is The Devil ĂŒber Existence In Progress bis hin zu
Krachern wie Shallow Nation oder Shelter. Ein phantastischer Auftritt!

Gibt
es eigentlich eine Möglichkeit, GÀnsehaut zu haben, obwohl es um einen herum
brĂŒtend heiß ist? Klar geht das, nicht zuletzt mit den Jungs von Letzte Instanz. Eindringliche Trommeln
bestellen die Dresdner Mittelalter-Rocker auf die Mainstage und ehe man sich versieht, ist jedes Mitglied an seinem
Platz und lebt fĂŒr die Musik und den Augenblick als gĂ€be es kein Morgen. Die Flucht Ins GlĂŒck ist dabei nur Sinnbild dessen,
was hier mit dem Publikum passiert. Die dynamischen Mannen um Fronter Holly liefern
das stĂŒtzende GrundgerĂŒst fĂŒr seinen Gesang, der die Menge immer mehr gefangen
nimmt. Bei so viel kettensprengender Energie, so viel Hingabe zum Moment ist es
kein Wunder, dass sich die feinen HĂ€rchen mehrmals aufstellen und die Fans
nicht nur bei Songs wie Sing! aus
tiefster Seele mitsingen oder bei Hollys Spielen freudig mitspielen, sondern
auch Violinist M. Stolz behutsam ĂŒber ein Meer aus HĂ€nden tragen.

WĂ€hrenddessen
verklingen mit Faun im Staatenhaus die letzten vertrÀumten
Töne. Doch wer auf Emotionen setzt, der findet sich mitunter auch an der
angenehm kĂŒhl klimatisierten Theaterstage
wieder, auf der Alice Neve Fox, das
Akustikprojekt von Kirlian Camera Frontfrau Elena Alice Fossi, das
Festivalpublikum verzaubert. Aus den bestuhlten Reihen hat man einen
wunderbaren Blick auf die dĂŒstere BĂŒhne, in deren Lichtkegel sich die Musiker
um Elena Alice Fossi und sie selbst zeigen. Begleitet von einer wunderbaren
Fusion aus FlĂŒgel, Kontrabass, Cello und Gitarre werden hier nicht nur Kirlian
Camera- oder Spectra*Paris-StĂŒcke wie The
Fountain Of Clouds
oder Movie Ghouls
neu interpretiert, sondern auch Werke von den Editors, Muse oder Tears for
Fears. Den ganz besonderen Charme bekommt diese andÀchtige Darbietung durch die
Mimik und Gestik der Italienerin selbst, die sich in ihrem bodenlangen,
wallenden schwarzen Abendkleid mal sanft wiegt, mal etwas energischer bewegt
und an anderer Stelle auf die Knie geht.  

ZurĂŒck
im Staatenhaus warten direkt zwei
erotisch angehauchte Shows in Folge auf die interessierten Besucher. Nachdem Umbra Et Imago mit einer gnadenlosen
Show, in der die SexualitÀt in jeglicher Hinsicht Dreh- und Angelpunkt des
Geschehens ist, vorgelegt haben, schließt sich die geheimnisvolle Darbietung
von Die Form an. Mit hohen BauzÀunen
baut man hier und heute eine Grenze zwischen dem, was auf der BĂŒhne geschieht,
und dem, was die Menge damit macht. Mit Ledermaske verhĂŒllt tritt Philippe
Fichot auf die BĂŒhne und nimmt sich und seine Person direkt zurĂŒck, indem er
sich am Ă€ußersten BĂŒhnenrand platziert. Das Sagen und die Show gilt den Protagonistinnen,
mal in Gestalt der gelenkigen TĂ€nzerin, die sich lasziv und akrobatisch vor
einer Projektionsleinwand bewegt und die Menge fesselt, mal in Gestalt von
Éliane P., die sich mit ihrer starken Stimme bei StĂŒcken wie Bite of God oder Silent Order in die höchsten Höhen singt. Ausdrucksgesang und –tanz
in Vollendung gepaart mit sĂŒĂŸer Sehnsucht nach nackter Haut. Eine gelungene und
Ă€ußerst Ă€sthetische Darbietung!

Wenn
auch etwas weniger freizĂŒgig, dafĂŒr aber mit mindestens genauso viel Herzblut
legen Diary Of Dreams Hand an die Mainstage. Mit ihrem
gedankenzerpflĂŒckenden Ego:X Opener Into X sorgen die umworbenen Herren fĂŒr
jede Menge Kopfzerbrechen. Dank des direkt zu Beginn abgefeuerten Krachers The Wedding kommt man zumindest
kopfabwÀrts schnell auf andere Gedanken und lÀsst sich seelenruhig treiben.
Viel Platz zum Entfalten bleibt den Fans aber heute nicht, immerhin möchte
jeder seinen Idolen so nahe wie möglich sein, ganz gleich ob man sich des
schattigen Luxus erfreut oder sich als Sonnenbrandopfer outet. Jegliche
körperliche Reize sind ĂŒberflĂŒssig, was einzig zĂ€hlt ist die Musik, die Adrian
Hates und seine Mannen von der BĂŒhne zu uns hinunter schicken. Und die hat es
in sich und macht kaum Verschnaufpausen. Ob Butterfly:Dance!,
Mein-Eid oder MenschFeind… hier wird mitgesungen, mitgetanzt, mitgerockt, egal
ob auf oder vor der BĂŒhne. Im rockigen Gewand schippern auch die Herren von Oomph! in den Hafen, der heute
grandiose Stimmung pur verheißen soll. Dank einer laut tönenden Schiffshupe
wissen nun auch alle, dass die Braunschweiger ihren Weg in die Domstadt
gefunden haben. Ganz dem maritimen Nass verbunden, zeigen sich die Live-Musiker
in heller Matrosenkluft, wĂ€hrend Dero Goi sich im Superhelden-KostĂŒm
prĂ€sentiert und wild ĂŒber die BĂŒhne stĂŒrmt. Ob er auch fliegen kann? FlĂŒgel
verleihen uns die Jungs jedoch allemal, nicht zuletzt mit einer gelungenen
Auswahl beliebter Hits, darunter Labyrinth,
TrÀumst Du oder Sandmann. Langsam aber sicher nÀhern wir uns dem letzten Act des
diesjÀhrigen Amphi Festivals auf der Mainstage.
Und wer könnte fĂŒr so eine Spielposition passender sein als die
Gothicrock-Legende Fields Of The
Nephilim
? Stilecht schafft man mit Unmengen an Nebel zeitweise auch, die
typische dĂŒstere Club-AtmosphĂ€re zu kreieren, doch die Natur möchte, dass wir
den Herren heute ganz genau auf die Finger und in die Augen schauen können.
Auch ohne verhÀngende Nebelschwaden schafft es Carl McCoy, uns aus dem Hier und
Jetzt abzuholen und in eine vergangene Zeit zu transportieren, die losgelöst
von allem Irdischen ist. Mit TrÀnen in den Augen oder geballten FÀusten, die
zum Himmel schreien, leben wir gemeinsam mit den Fields Giganten wie Moonchild, Love Under Will oder Preacher
Man
. Ein phantastischer Moment jagt den nÀchsten und es ist bewegend, wie
sehr sich hier jeder ins Zeug legt, um diesen Abend unvergesslich zu machen. Ob
es nun der FĂŒrst der Finsternis selbst ist, der sich mimisch und gestisch immer
wieder ĂŒberbietet und uns mit seinen sonst unter seiner Sonnenbrille
schlummernden stahlblauen Augen durchbohrt, oder die Fans, die textsicher jeden
Ton begleiten. Wirklich phantastisch!

Stimmungsvoll
geht es in den letzten ZĂŒgen auch im Staatenhaus
zu. Wave-Ikone Anne Clark, die vor
drei Jahren bereits die AußenbĂŒhne des Amphi Festivals bespielen durfte, findet
sich heute stilecht in der Dunkelheit wieder. Fast wie Poesie dringt ihre
Stimme an unser Ohr und wird getragen von Folk-, Klassik- und Rockelementen, die bei der Menge Nostalgie-GefĂŒhle wecken und zum TrĂ€umen einladen. Nach einem
solch stimmungsgeladenen, heißen und schweißtreibenden Tag soll es mit Peter Heppner zum Abschluss dann etwas
vertrÀumter und ruhiger bleiben. Nichtsdestotrotz wird die Show des Text- und
Melodiengenius durch ein lautes Grollen und Lichtflackern eröffnet, das bald in
einem blutroten Tauchgang mĂŒnden soll. Wie sehr Lichteffekte und gerade derart
warmes Licht doch wirken, wird beim ersten StĂŒck I Won’t Give Up wieder einmal deutlich. Auch fortlaufend passen
Stimmung, Musik und Licht perfekt. NatĂŒrlich ist es aber in großen Maßen auch
Peter Heppners Stimme, die das gewisse Etwas in den Raum legt und die Fans
verzaubert. Nicht weniger fasziniert ist man von der Tatsache, wie gut doch die
verschiedenen StĂŒcke von Heppners diversen Schaffensbaustellen zueinander
passen, miteinander harmonieren und verschmelzen. Bei der allumfassenden Magie,
die sich wie ein unsichtbares Band durch die Halle windet, dauert es nicht lange,
bis auch Peter aus sich heraus kommt, sich im Takt wiegt und tanzt. Selten hat
man den AusnahmekĂŒnstler so ausgelassen und entspannt erlebt wie an diesem
Festivalsonntag. An den eingefleischten Fans geht so etwas natĂŒrlich nicht
spurlos vorĂŒber, weswegen auch sie immer mehr zu Höchstleistungen auflaufen und
bei Songs wie Once In A Lifetime, Das Geht Vorbei…, Leben…I Feel You oder Die
Flut
nicht mehr zu halten sind. Ein wunderbarer und unvergesslicher
Abschluss mit vielen magischen Momenten, bei dem nicht nur wir, sondern zum
Schluss auch Peter ein StÀndchen erhÀlt!

Wir haben fĂŒr euch schon einmal eine Galerie mit Bildern des zweiten Tages zusammengestellt, die ihr hier oder durch Anklicken der Bilder erreichen könnt:

Galerie Amphi Festival Tag 2 (Samstag, den 21.07.2013)

Autorin: Tanja Pannwitz
Fotos: Michael Gamon 
     

  

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