HURRICANE FESTIVAL 2013 Tag 1 – Scheeßel, Eichenring (21.06.2013)

Geschätzte Lesezeit: 7 Minute(n)

Wie schon so oft zuvor fragt man sich auch Anno 2013 wieder „Was haben sich die Veranstalter wohl bei der Namensgebung dieses Festivals gedacht?“. Nomen Est Omen heißt es und das scheint beim Hurricane Festival Jahr fĂŒr Jahr Programm zu sein. Fiel 2012 fast der letzte Festivaltag buchstĂ€blich ins Wasser, so stand in diesem Jahr der Start zunĂ€chst unter keinem guten Stern, denn am Donnerstag hagelte es nicht nur Unwetterwarnungen ĂŒber den Äther, sondern auch echten Hagel ĂŒber das große GelĂ€nde um und auf dem Eichenring im niedersĂ€chsischen Scheeßel. Immer wieder mussten die vorzeitig angereisten Besucher bestenfalls ihre Fahrzeuge aufsuchen und so manches Zelt, so mancher Pavillon, fiel den Niederschlagsmassen und dem unbĂ€ndigen Wind zum Opfer. Dank guter Informationspolitik blieb es aber bei SachschĂ€den und pĂŒnktlich zum eigentlichen Festivalstart am Freitagmittag erholte sich das Wetter zusehends und es konnte pĂŒnktlich um 15:00 Uhr mit den Arkells losgehen, wĂ€hrend wir uns gerade durch den alljĂ€hrlichen Verkehrswahnsinn gekĂ€mpft und den Unterboden des Zeltplatzes besiegt hatten.

Richtig los geht es fĂŒr uns daher erst mit den Shout Out Louds, die nicht nur ihr aktuelles Album Optica vorstellen, sondern uns den Nachmittag auch mit allerhand Klassikern aus ihrer ĂŒber zehnjĂ€hrigen Historie versĂŒĂŸen. Passend zum zuckersĂŒĂŸen Pop bricht nun auch die Sonne durch den Himmel und das sich von nun an durch die Festivalzeit ziehende lustige „Jacke aus, Jacke an“-Spiel kann beginnen. Jetzt also Jacke aus und so kommen auch Songs wie The Comeback, Impossible, Please Please Please und vor allem Tonight I Have To Leave It viel nĂ€her an unsere Herzen.

Die Green Stage wird derweil von Boysetfire ordentlich gerockt, bevor ein echter Stimmungsgarant die BĂŒhne betritt und ob seiner BĂŒhnenoutfits zunĂ€chst mal den ein oder anderen ĂŒberrascht, denn Gogol Bordello sind hier mit HĂ€kelmaske, Gartenschlauch-Blasinstrument sowie folkloristischer Kleindung und Instrumentierung angetreten um ihre Fans -und jene die es fortan vielleicht werden- in die hohe Kunst des Polka-Ska-Whateverrocks einzufĂŒhren. Multi-Kulti in seiner besten Form und mit soviel Power, dass man einfach mitmachen, -feiern und -tanzen muss. Unglaublich wie solche Musik immer wieder live funktioniert und die Massen spielend vereint.

Deutlich gemĂ€ĂŸigter geht es da schon auf der Blue Stage zu, wo sich die beiden KurzhaartrĂ€gerinnen Tegan And Sara mit ihrer Band eingefunden haben, um ihr vor allem weibliches Publikum mit sĂŒĂŸen Poprhythmen zu verzĂŒcken. Insbesondere in den ersten Reihen schaut man wie gebannt auf die hohe BĂŒhne und bietet den KĂŒnstlerinnen im Gegenzug fĂŒr deren Musik auch durchaus ein paar tiefe Einblicke. Wir aber wechseln alsbald die Location und wenden uns wieder dem „Green-Motto“ des Festivals zu, denn auf der Mainstage steht nun eines unserer persönlichen Highlights des ersten Tages an: The Hives! Im gewohnten Mariachi-Outfit erklimmen die Schweden die mit ihrem großen Puppenspielerbanner behangene BĂŒhne und auf geht! In ihrer Heimat wird heute passenderweise Mittsommernacht gefeiert und das beflĂŒgelt die NordlĂ€nder natĂŒrlich nur umso mehr. Come On! und Main Offender klingen aus den Boxen und schon ist man mitten im Spektakel, das Frontmann Pelle immer weiter anheizt, als wolle er das Rammstein-Feuerwerk bereits Stimmungstechnisch vorziehen. Er strotzt so voller Selbstvertrauen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er sich selbst als zukĂŒnftigen PrĂ€sidenten vorschlĂ€gt und voller Stolz verkĂŒndet, er habe nun eigenhĂ€ndig den Regen vertrieben. Die Zuschauer quittieren dies durch vielfache und lautstarke „Thank you Hives (for stopping the rain)“-Rufe. Um diesem gottgleichen Anspruch gerecht zu werden sucht Pelle immer wieder den Kontakt zu seinen Fans, steigt auf die Lautsprecherboxen und springt wie ein Derwisch ĂŒber die BĂŒhne. Die selbst eingeflogenen Stage-Ninjas haben da natĂŒrlich einiges zu tun um alles auf Vordermann zu halten, denn Kracher a la Hate To Say I Told You So und Tick Tick Boom sorgen fĂŒr ekstatische GefĂŒhle auf und vor der BĂŒhne, bis man sich nach dem abschließenden Patrolling Days kurz zum Verschnaufen zurĂŒcklehnen muss.

Das geht eigentlich ganz gut bei The National, die mittlerweile unter BlĂ€ser- und Drumeinsatz die Blue Stage eingenommen haben und mit Klassikern am Fließband wie Squalor Victoria, Bloodbuzz Ohio oder Mistaken For Strangers fĂŒr wohlige Stimmung sorgen. Und es wird sogar getanzt, wobei sich einer der stets gut gelaunten Security hier so positiv hervortut, dass sich auch der mit Anzug und Gummistiefel bekleidete Frontmann Matt Berninger stark beeindruckt zeigt. Dies sei das er erste Mal, dass er einen Security tanzen sieht und dann auch noch zu ihrer Musik, die nicht gerade als besonders tanzbar gilt. Auch das Publikum steht dem in nichts nach und zeigt sich zudem als sehr textsicher, singt viele der Songs mal laut -vielfach aber auch eher leise vor sich hin- mit und genießt die warmen KlĂ€nge der Band aus New York City, die natĂŒrlich auch noch das bewegende Fake Empire zum Besten gibt und die Zuschauer damit ebenso in VerzĂŒckung bringt, wie mit Matts spĂ€tem Ausflug ins Publikum beim abschließenden Terrible Love. Ein toller Auftritt.

Zeitgleich steppt der BĂ€r auf der GrĂŒnen BĂŒhne weiter, denn Billy Talent geben dank Red Flag von Beginn an den Ton an und lassen sich auch von (un-)freiwilligen RĂŒckwĂ€rtsrollen auf der BĂŒhne nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Insgesamt 18 Tracks prasseln auf die Fans nieder und es wird schon recht dunkel als die vier Kanadier um Rampensau Benjamin Kowalewicz den Endspurt einlĂ€uten und mit Devil On My Shoulder, Devils In A Midnight Mass, Surprise, Surprise und Fallen Leaves gleich vier Hits in den Abendhimmel dreschen, die die Ohren der Anwesenden noch einmal ordentlich durchpusten.

Wer es etwas ruhiger mag, hatte derweil wieder einmal auf der Blauen BĂŒhne Gelegenheit dazu, denn dort stand nach 2011 der nĂ€chste Auftritt von Portishead an, die ihr Set passenderweise mit dem Song Silence beginnen. Das ganze Geschehen auf der BĂŒhne wirkt anders als bei den meisten der hier gebuchten Bands eher improvisiert und so scheinen sich die Musiker immer wieder zwischenzeitlich abzustimmen oder sich in ferngelegenen SphĂ€ren zu befinden, die sie dem hier und jetzt etwas entrĂŒcken. Trotzdem verfehlt ihre Musik die Wirkung beim Publikum nicht und auch ein Zeichentrickartiger Film, der an jene von Pink Floyd erinnert, unterstreicht die AtmosphĂ€re des Auftritts nachhaltig. Die Zuschauer sind begeistert und es wird vor allem natĂŒrlich bei Sour Times applaudiert was das Zeug hĂ€lt.

Gegen 23:00 Uhr richten sich dann aber fast alle Augen erst einmal auf die GrĂŒne BĂŒhne, denn dort wo schwarze TĂŒcher schon den ganzen Tag weitere BĂŒhnenelemente verdeckten, steht nun der Headliner des ersten Festivaltages an: Rammstein! Die wollen nur spielen? Von wegen denn es geht gleich mit Ich tu dir weh los und dank eines buchstĂ€blichen Feuerwerks schaut ganz Scheeßel mittlerweile auf das Geschehen von Feuermeister Till Lindemann und seinem Gefolge. Die harten Rhythmen mit deutschen Texten verfehlen ihre Wirkung nicht und aus zigtausenden Kehlen erschallen die Lieder des deutschen Exportschlagers. Der geizt im Gegenzug wieder einmal nicht mit allerlei lustigem Feuerwerk, sei es mit Hilfe von Flammenwerfern, auf den Frontmann niederfallendem Feuerregen oder ĂŒber das Publikum hinwegfegenden FeuerbĂ€llen. Gespickt mit weiteren makaberen Zutaten wie dem Hackebeil-Mikro, dem blutverschmierten Metzgeroutfit oder dem unter Beschuss stehenden Kochkessel samt Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz beweist die Show wieder einmal, dass Rammstein wissen wie man eine böse Party mit Augenzwinkern feiert. Viel Neues ist natĂŒrlich nicht zu erwarten, zu durchgestylt und ausgefeilt ist das seit langem und natĂŒrlich darf bei derartiger Feuerkraft auch tatsĂ€chlich nichts dem Zufall ĂŒberlassen werden. Eine Neuerung gibt es aber doch zu vermelden, die sich auch schon bei den Konzerten in Wolfsburg andeutete, denn gegen Ende richtet der sonst als Ă€ußerst wortkarg bekannte Till Lindemann urplötzlich das Wort an sein Publikum um sich mit den Worten „Danke, war sehr schön bei Euch“ von seinem Publikum zu verabschieden. TschĂŒss Till, es war auch wieder schön mit euch!

„Schön“ ist dann auch ein absolut passender Ausdruck fĂŒr das, was uns beim Headliner der Blauen Stage heute erwartet, denn das sind die islĂ€ndischen Sigur RĂłs allemal. Und noch mehr als das sind sie beeindruckend; auch auf einer derart großen Outdoor-BĂŒhne wie hier! Ihre Performance zu beschreiben fĂ€llt schwer, zu vielschichtig ist das, was uns da von der BĂŒhne entgegentritt. Die begnadeten Musiker erzeugen eine so dichte AtmosphĂ€re, dass einem der Atem stockt und SĂ€nger JonsĂ­s elfenhaft helle Stimme schwebt derart erhaben ĂŒber den vielfach dĂŒsteren Sounds seiner Mitmusiker, wie es vielleicht sonst nur eine Lisa Gerrard (Dead Can Dance) vermag. Neben bekannten Tracks stellen die IslĂ€nder natĂŒrlich auch Songs aus ihrem neuen Album Kveikur live vor, die sich gewohnt schlĂŒssig ins Gesamtbild einfĂŒgen. Eine echte Reise in eine ferne Welt beginnt und endet erst als die letzten Töne gegen 2:00 Uhr nachts verklingen und ein vertrĂ€umtes und tief beeindrucktes Publikum zurĂŒcklassen. Was fĂŒr ein Auftritt!

Ungleich hĂ€rter endet hingegen fast zeitgleich das Programm auf der Red Stage, wo sich die DĂŒsseldorfer Callejon fĂŒr eine Stunde so richtig austoben durften. Mit dem Fettes Brot Cover Schwule MĂ€dchen begann ein Auftritt voller deutscher Texte, harten Gitarrenriffs und einer Menge guitar posing.

Wurden die Zuschauer bei Sigur RĂłs noch mit zauberhaften Melodien auf die kommende Nacht vorbereitet, dĂŒrften die Fans von Callejon dank ausgepowerter Körper in der Nacht ebenfalls gut geschlafen haben.

Was fĂŒr ein toller erster Tag, der mit starken Acts und einem durchweg vielschichtigen Programm punkten konnte. So darf es die nĂ€chsten Tage gerne weitergehen!

Wir haben fĂŒr euch schon einmal eine Galerie mit Bildern des ersten Tages zusammengestellt, die ihr hier oder durch Anklicken der Bilder erreichen könnt:

Galerie Hurricane Festival Tag 1 (Freitag, den 21.06.2013)

Die Berichte und Fotos von Tag zwei und drei folgen kurzfristig!

ZurĂŒck zum Artikel
Galerie Hurricane Festival Tag 1 (Freitag, den 21.06.2013)

Weitere Fotos des Events gibt es hier

Geschrieben von
Mehr von Sparklingphotos.de

TORUL & EGOAMP – Oberhausen, Kulttempel (11.10.2015)

EGOamp wurde von Asmodi Caligari und Cesare Insomnia gegrĂŒndet. Das Projekt wird...
Weiterlesen