STEVEN WILSON – Essen, Colosseum (22.03.2013)

Geschätzte Lesezeit: 4 Minute(n)

Was fĂŒr ein Konzert! Nach Verlassen des Essener Colosseums war da dieses unglĂ€ubige Staunen ĂŒber das, was man gerade erlebt hatte. WĂ€re nicht dieser eisige Wind gewesen, hĂ€tte man sich wahrscheinlich immer noch wie in anderen SphĂ€ren gefĂŒhlt, als wĂŒrde man immer noch auf diesem unnachahmlichen Klangteppich dahin schweben.

Aber der Reihe nach. Steven Wilson ist begnadet. Wenn man sich mit ihm und seinem ƒuvre auseinandersetzt, bekommt man das GefĂŒhl, dieser Mann besteht von den Haarspitzen bis zu den Zehen nur aus KreativitĂ€t. Ob als Kopf von Porcupine Tree, bei No-Man, Blackfield oder als Produzent von Opeth oder King Crimson – die Liste von Steven Wilsons Projekten ist so lang, dass man sich schon fragen muss, ob dieser Mann auch mal schlĂ€ft.

Mit seinem Soloprojekt stellt er nun auf einer Tour sein drittes Album The Raven That Refused To Sing vor. Mit diesem Album gelang ihm das KunststĂŒck Platz 3 in den deutschen Albumcharts zu erreichen. Ob auf den Covern der Magazine Visions und RockHard oder einem Interview im Spiegel – plötzlich kommt man an Steven Wilson nicht mehr vorbei. Und das zu Recht. Das neue Album ist ein Meisterwerk.

Anders als die Konzerte der letzten Jahre findet die diesjĂ€hrige Tour ausschließlich in bestuhlten Hallen statt. Ein Konzert im Sitzen löst erstmal keine Begeisterung aus. Und auch den GĂ€ste im Essener Colosseum merkt man eine Befangenheit ob der Umgebung an – weiße Tischdecken im Foyer, livrierte Damen und Herren hinter der Bar, das scheint so gar nicht zu einem ProgRock-Konzert zu passen.

PĂŒnktlich um 20:00 Uhr geht es dann los. Luminol als Opener wie auch auf dem neuen Album klingt noch nicht so perfekt abgemischt, wie man es von Steven Wilson gewohnt ist. Aber spĂ€testens beim zweiten Song Drive Home ist das vergessen. Ab diesem Song ist man gefangen in verschachtelten musikalischen Strukturen, abrupten Wandlungen von Rhythmik und Dynamik und geradezu epischen KlĂ€ngen. Und plötzlich ist ein Sitzplatz doch nicht mehr so abwegig. Anstatt sich um eine gute Sicht auf die BĂŒhne kĂŒmmern zu mĂŒssen, kann man sich den Details der Songs hingeben. Obwohl der Begriff Song eigentlich schon fast diffamierend ist. Nein, es sind Kompositionen, die Steven Wilson mit seinen phantastischen Musikern darbietet. ProgRock, Metal, Ambient, Jazz, die Grenzen sind fließend; Steven Wilson spielt mit den Musikstilen wie ein Maler mit Farben. Und man merkt ihm die ganze Zeit an, mit welcher Freude ihn die Zusammenarbeit mit Guthrie Govan (Gitarre), Marco Minnemann (Schlagzeug), Nick Beggs (Bass, Chapman Stick), Theo Travis (Querflöte, Saxophon, Klarinette)und Adam Holzman (Keyboard) erfĂŒllt. Diesen Musikern gelingt es, seine Visionen perfekt umzusetzen. Mit einer LĂ€ssigkeit werden hier die Instrumente getauscht, gĂ€nzlich ohne Hektik. Es ist eine wahre Wonne zu sehen, was die Musiker an ihren Instrumenten können. Spielt Nick Beggs mal nicht den Bass und wechselt zum unglaublichen Spiel am Chapman Stick, ĂŒbernimmt Steven Wilson den Bass-Part. Alternativ spielt Steven Wilson Akustik-Gitarre im Einklang mit Guthrie Govan an der rechten Gitarre und Theo Travis fĂŒllt das Klangbild an der Klarinette. Beim großartigen Song Insurgentes vom gleichnamigen Album ĂŒbernimmt Theo Travis den Piano Teil an Steven Wilsons Arbeitspiano, an dem normalerweise Wilson wĂ€hrend des Konzertes rumturnt, barfĂŒĂŸig – wie bei fast allen seinen Auftritten -, mal sitzend, mal auf dem Hocker kniend. Es muss nicht wirklich erwĂ€hnt werden, dass mit Marco Minnemann an den Drums eine erstklassige Besetzung vorhanden ist. Auch Adam Holzman liefert am Keyboard eine sehr souverĂ€ne Show ab.

Zum Gesamtbild passend wabern die Sucher der perfekt inszenierten Lichtanlage ĂŒber die BĂŒhne und tauchen diese zusammen mit kĂŒnstlichem Nebel in eine abstrakte Welt. Auch die filmische Untermalung passt perfekt. Im Verlauf des Intros zu Watchmaker wird der schon aus frĂŒheren Touren bekannte Schleier herabgelassen, auf den fĂŒr drei Songs teils morbide und verstörende Bilder projiziert werden, wĂ€hrend die Musiker dahinter nur noch schemenhaft zu erkennen sind.

Bei Harmony Korine ist es dann so weit, Steven Wilson fordert die Zuschauer dazu auf, aufzustehen, so wie er es zu Beginn schon angekĂŒndigt hatte, wobei er betonte, dass die SitzplĂ€tze nicht seine Idee waren 😉 Das tut gut und es wird gleich merklich lauter im Auditorium, wenngleich Steven Wilson hier den Einsatz verpasst und es mit einem „Ops“ quittiert, was vom Publikum mit großem GelĂ€chter aufgenommen wird. Wer will es ihm nicht verzeihen?
Allerdings findet ein Großteil der Zuschauer die Idee mit den Sitzen scheinbar nicht so schlecht, denn beim folgenden No Part of me setzen sich die meisten wieder. Nur ein paar Vereinzelte bleiben stehen und verleihen ihrer Begeisterung auch durch Bewegung Ausdruck.

Schlagartig sind auf einmal ca. 100 Minuten um und nach dem großartigen Raider II kommt auch schon das Finale: The Raven That Refused to Sing – im Hintergrund begleitet von dem beeindruckenden Video des Animators Jess Cope basierend auf den Illustrationen von Hajo MĂŒller. Grandios, sowohl optisch als auch klanglich.

Die Zugabe beginnend mit Remainder the Black Dog vom Album Grace For Drowning, welches nahezu unmerklich in ein fulminantes Finale in Form von No Twilight Within the Courts of the Sun aus dem Album Insurgentes ĂŒbergeht, machen das Konzert perfekt. 135 Minuten voller atemberaubender KlĂ€nge, leidenschaftlich und doch mit einer enormen Leichtigkeit, dargeboten von exzellenten Musikern, abgerundet von einer phantastischen Lichtshow, die die Melancholie und Dramatik der Musik noch intensiviert.

Steven Wilson lebt Musik und das merkt man jeder Tonfolge an. Hoffen wir, dass er uns an noch vielen seiner Ideen teilhaben lĂ€sst. Im dieser kleinen aber sehr feinen Nische von Progressive-Rock Musik scheint er derzeit das Maß der Dinge zu sein.

Setlist:
Raven Artwork Video in front of concert with a piece of Bass Communion stuff
01. Luminol

02. Drive Home
03. The Pin Drop
04. Postcard
05. The Holy Drinker (Steven Wilson on bass guitar)
06. Deform to Form a Star
Watchmaker Intro Video (Bass Communion song)
07. The Watchmaker
08. Index
09. Insurgentes

10. Harmony Korine
11. No Part of Me
12. Raider II (Without the outro)

13. The Raven That Refused to Sing
14. Remainder the Black Dog (first half, segued into "No Twilight…") (Z)
15. No Twilight Within the Courts of the Sun (second half) (Z)
Ljudet Innan (Storm Corrosion song)

Bilder des Konzerts befinden sich in unserer Konzertfotos Sektion (Bildkommentare sind durch Anklicken der Sprechblase möglich) oder direkt durch Anklicken der Fotos

Autoren: Diana HollÀnder & Dirk Wirtz
Fotos: Dirk Wirtz

Geschrieben von
Mehr von Sparklingphotos.de

TORUL & EGOAMP – Oberhausen, Kulttempel (11.10.2015)

EGOamp wurde von Asmodi Caligari und Cesare Insomnia gegrĂŒndet. Das Projekt wird...
Weiterlesen