THE 69 EYES, HARDCORE SUPERSTAR, CRASHDIET – Köln, Essigfabrik (12.04.2011) – Dark Decadence Tour

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Ein dekadentes Fest war angekĂŒndigt, die Dark Decadence Tour machte Halt in der Kölner Essigfabrik. Es war ein kalter Abend in Köln. Die Essigfabrik liegt ziemlich nah am Rhein und ein eisiger Wind machte das Warten vor der Halle zur echten Herausforderung an das modische Bewusstsein der zahlenden GĂ€ste. Da standen sie also nun brav in der Warteschlange, die Älteren, die entweder immer noch ihr Outfit aus den 80ern trugen, oder es extra fĂŒr den Abend aus der Mottenkiste gegraben hatten, neben den JĂŒngeren, die halt die H&M-Variante der angesagten Band-Shirts trugen. Angereist wurde mit dem stilechten GefĂ€hrt, Aufkleber von POISON, KISS, MÖTLEY CRÜE, wohin das Auge auch blickte. Selbst die von Slash so populĂ€r gemachten Zylinder wurden gesichtet, wer hĂ€tte das gedacht!

Sleaze trifft Gothic, trifft Metal, trifft RockÂŽnÂŽRoll, trifft offenbar auch einen Zeitgeist. Die Verbindung einer eher dunklen, modischen AttitĂŒde mit Guter Laune-Party-Metal scheint einen Nerv zu treffen. Die Frage war, ob das Lineup des Abends, immerhin drei nordische Bands, aus Schweden (HARDCORE SUPERSTAR und CRASHDIET) und Finnland (69 EYES), den Erwartungen der Kundschaft gerecht werden könnten.

„Feelgood Hit of the Summer“

Als erste Gladiatoren des Abends stiegen recht pĂŒnktlich CRASHDIET mit den lustigen PĂŒnktchen ĂŒber dem "I" in den Ring. Einmarschmusik war eben jener WohlfĂŒhlhit der QUEENS OF THE STONE AGE, und der legte dann schon mal das Tempo des Auftritts fest: Kurzes Posieren fĂŒr die nicht wenigen (zumeist weiblichen) Fans und es ging mit "Down with the dust" los. Und sofort war klar, das war kein Abend mit Haupt- und Support-Acts. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne… Denn was da im Publikum abging, das gereichte wohl jedem Headliner zu Ehren. Von der ersten Zeile an wurde mitgesungen, mitgerockt, das Haupthaar flog und die Menge wogte. Das war schon sehr beeindruckend. Das Publikum erwies sich zudem als ĂŒberaus textsicher, "Riot in everyone" wurde auch von "everyone" mitgefeiert, etwas ruhiger ging es bei "Beautiful Pain" zu.

Wenn man sich die sehr wechselhafte Bandgeschichte von CRASHDIET vor Augen fĂŒhrt (Selbstmord des ersten SĂ€ngers, stĂ€ndige Wechsel), ist es fast schon erstaunlich, mit welcher IntensitĂ€t und Spielfreude die Band zur Sache geht. Als wollte man all die Probleme der Vergangenheit wegblasen. Insgesamt boten CRASHDIET vierzig sehr unterhaltsame Minuten, wobei der Sound nicht immer ĂŒberzeugen konnte. Offensichtlich war eine Anweisung an den Mixer, die LautstĂ€rke ohne RĂŒcksicht auf den Schmerzpegel aufzudrehen. Da ging dann einiges an QualitĂ€t verloren, die meisten Zuschauer schien es aber auch nicht zu stören. Wohl ein Vorteil, wenn das Haar lang genug ist, die Ohren abzudecken 😉

„Sadistic Boys and Girls“

Es war Zeit fĂŒr HARDCORE SUPERSTAR, die wohl die meisten der Anwesenden fĂŒr den Headliner des Abends gehalten hĂ€tten. Diese Rolle sollten aber die 69 EYES ausfĂŒllen. Los ging es mit "Sadistic Girls" vom neuen Album „Split your lip“ und auch wenn ich mich hier wiederholen muss, das Publikum kannte jede Textzeile. Ungelogen, es wurde von der ersten Zeile an frenetisch mitgesungen. Dass das ein Heimspiel fĂŒr die vier Schweden wird, das war von Anfang an ganz klar. Laut VIC ZINO, dem Gitarristen der Band, gehören die Auftritte der Dark Decadence-Tour zu den Besten seiner Zeit mit HARDCORE SUPERSTAR (VIC selber ist seit 2008 dabei, HARDCORE SUPERSTAR gibt es seit 1997). Und so wurde es auch ein Konzert, das wohl am besten mit dem Begriff „unterhaltsam“ beschrieben werden kann. Gute Laune auf der BĂŒhne, gute Laune im Publikum, was will man mehr? Zum Beispiel gutgelauntes, weibliches Publikum auf der BĂŒhne? Dazu kam es dann bei „Last call for alcohol“, obwohl vom neuen Album schon jetzt ein fester Bestandteil des Rituals. Kein Wunder bei der EingĂ€ngigkeit
 Als Zugabe gab es dann noch „Moonshine“, auch ein neuer Song, der schon jetzt nicht mehr wegzudenken ist. Dass am Ende noch die „Hymne“ kommen wĂŒrde, nĂ€mlich „We donÂŽt celebrate Sundays“ war ja eigentlich schon klar, trotzdem ein gelungener Abschluss, der Band und Publikum sichtlich zufrieden zurĂŒck lĂ€sst.

„I wanna do bad things with you”

Die "Helsinki Vampires" von 69 EYES betraten als letzte Band des Abends die BĂŒhne. Programmatisch wurde der Titelsong von "True Blood" als Intro gewĂ€hlt, man wollte halt auch die jĂŒngeren Zuschauer als Zielpublikum ins Boot holen. Obwohl sie auch erst 9 Alben (genau so viel wie HARDCORE SUPERSTAR) in der Diskographie stehen haben, betreten mit 69 EYES die dienstĂ€lteste Band des Abends die BĂŒhne. Und trotz der Verneigung vor der aktuell wohl besten Umsetzung des Vampirthemas ("True Blood") hatte sich die Halle nach HARDCORE SUPERSTAR doch merklich geleert. Es war ein wenig wie diese Bilder mit Apfel, Birne, Banane, Schraube, was passt da nicht? Glam Rock und Sleaze hat in Finnland ja seit HANOI ROCKS eine sehr eigene Tradition, aber der GothÂŽnÂŽRoll der 69 EYES wirkte an diesem Abend, in diesem Umfeld, bei diesem Publikum einfach zu altbacken, zu wenig energiegeladen. Die Band spulte ihr Programm routiniert ab, aber der Funke wollte nicht ĂŒberspringen. Da half auch die Elvis-PerĂŒcke (?) von Jyrki 69, seines Zeichens Frontmann der Band nicht mehr. Ob es nun spaßig oder gar selbstironisch gemeint sein sollte, es passte fĂŒr mich ĂŒberhaupt nicht. So als wollte man eigentlich THE SISTERS OF MERCY sein, aber weil das nicht klappt, packen wir eine Prise Selbstironie dazu. Sie spielten gut, sie klangen auch gut, als Zugabe gab es sogar „Brandon Lee“, die musikalische Hommage an den THE CROW-Darsteller und Sohn von Bruce Lee, aber das war dann zu spĂ€t. Alles in allem ein eher enttĂ€uschender Auftritt an diesem Abend, aber vielleicht lag es auch an der Zusammensetzung des Publikums, dass es nicht der erhoffte Abschluss des Konzerts wurde.

Die Essigfabrik in Köln ist ein sehr angenehmer Veranstaltungsort, der sogar gute Akustik bieten kann. An diesem Abend war es nur leider (fĂŒr mich) nicht möglich, den Konzerten ohne Ohrstöpsel zu folgen, da es einfach zu laut war. Mir geht der Spaß an einem Konzert verloren, wenn ich befĂŒrchten muss, einige Tage mit eingeschrĂ€nktem Hörvermögen durch die Gegend laufen zu mĂŒssen. Ich hatte das GefĂŒhl, dass in dieser Hinsicht in den letzten Jahren ein Umdenken stattfindet, aber an diesem Abend war davon nichts zu spĂŒren. Vielleicht werde ich auch einfach zu alt fĂŒr Sleaze Metal


Bilder des Konzerts befinden sich in unserer Konzertfotos Sektion (Bildkommentare sind durch Anklicken der Sprechblase möglich) oder direkt durch Anklicken der jeweiligen Bandfotos.

The 69 Eyes:

Hardcore Superstar:

Crashdiet:

Autor: Andreas Viehoff
Fotos: Frank GĂŒthoff

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