BLACKFIELD FESTIVAL 2009 Tag 2 – Gelsenkirchen, Amphitheater (21.06.2009)

Geschätzte Lesezeit: 9 Minute(n)

Nach dem großartigen Auftakt am Samstag waren Faun leider erst unsere erste Band am zweiten Tag. Zuvor hatten bereits die italienischen Synth-Rocker Dope Stars Inc. und das Peter Spilles Nebenprojekt Santa Hates You gespielt, von denen wir Letztere sehr gerne gesehen hätten. Auch Faun hatten ihren Set bereits begonnen als wir das Festivalgelände betraten, was uns dann aber auch nicht mehr so sehr störte, da Faun zumeist ruhige Mittelaltermusik mit Dudelsack und ähnlichen Instrumenten machen und ich persönlich mit dieser Art Musik nur recht wenig anfangen kann. Ich ließ mich daher eher etwas berieseln, zahlreiche andere Zuschauer im Innenraum hatten allerdings eine Menge Spaß und waren etwas enttäuscht, dass die Band nur 35 Minuten spielen konnte.

Als nächstes stand Kontrastprogramm an, denn Felix Marc und Vasi Vallis mit ihrem Futurepop-Projekt Frozen Plasma waren an der Reihe. Und wie Felix treffenderweise ansagte, war nun Sunshine Reggae angesagt, denn so locker, luftig, leicht ging es dann auch tatsächlich weiter. Auch wenn Felix üblicherweise Bandmitglied bei Diorama ist (und zudem vor kurzem sein erstes Soloalbum veröffentlichte), so hat sich stilistisch doch eher Vasi durchgesetzt, der Frozen Plasma als aktuellen Nachfolger und Weiterentwicklung seiner vorherigen Band NamNamBulu versteht und zudem zumeist VNV Nation bei deren Liveauftritten begleitet. Frozen Plasma machen einfache Tanzmusik zum feiern und sich bewegen, was dann auch viele taten. Viel Anspruch ist vordergründig nicht zu erkennen, aber als musikalische Untermalung zur sich nun langsam durchsetzenden Sonne, erschien es äußerst passend. Die Sonne strahlte sogar noch ein wenig heller, als Lis van den Akker, Sängerin der Band "Misery", die Bühne betrat um zum Abschluss gemeinsam mit Felix den Song "Earthling" zu performen, den sie auch schon auf der gleichnamigen Single mit ihm sang. Auch wenn mir Frozen Plasmas Musik etwas zu seicht ist und daher nicht so sehr zusagt, so kann man ihnen, und insbesondere Felix mit seinen fast schon akrobatischen Darbietungen, einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen.

Setlist:
01. Intro
02. Speed Of Life
03. Murderous Trap
04. Tanz Die Revolution
05. Hypocrite
06. Warmongers
07. Irony
08. Earthling
(with Lis van den Akker/Misery)

Abwechslung war auch weiter Trumpf, den nun hatte die Letzte Instanz das Sagen. Ich hatte die Band erstmals im letzten Jahr beim Amphi Festival 2008 live gesehen, wo insbesondere Cellist Benni Cellini mit seinem roten Rasterhaar und dem stylischen Instrumentenaufbau alle Blicke auf sich zog. So war es natürlich auch beim Blackfield Festival, doch besteht die aus Dresden stammende Letzte Instanz natürlich nicht nur aus einem Cello, sondern zudem aus den Akustik- bzw. Elektrogitarristen Holly D. und Oli, aus Michael Ende am Bass, M. Stolz an der Violine und Specki T.D. am Schlagzeug. Auch ein Sänger darf natürlich nicht fehlen, der hier ebenfalls auf den Namen Holly hört und seine Geschichten deutschsprachig vorträgt. Musikalisch liegt die Instanz im weiten Feld des Mittelalterrocks mit klassischen Elementen und ist für ihre energiegeladenen Shows bekannt. Neben Eigenkompositionen präsentieren Holly und Co. live gerne auch mal Fremdinterpretationen, heute musste zwischenzeitlich der Europe Hit "The Final Countdown" dran glauben. Auch wenn Mittelaltersounds nicht zu meinen bevorzugten Klängen gehören, war der Auftritt ordentlich und die Mittelalterfans im Amphitheater waren sowieso begeistert.

Setlist:
01. Mea Culpa & Engel
02. Flucht Ins Glück
03. Tanz
04. Ohne Dich
05. Mein Todestag
06. Finsternis
07. Das Stimmlein
08. Wir Sind Allein

Was als nächstes folgte war dann aber auch für mich der absolute Wahnsinn. Ich hatte IAMX bereits mehrfach vorher live gesehen und mich daher ganz besonders auf diesen Auftritt gefreut. Trotzdem war ich etwas unsicher, ob das Ganze auch bei Tageslicht und auf einer großen Openair-Bühne funktionieren könnte. Doch diese Zweifel waren schneller verflogen als man das Wort "Zweifel" hätte aussprechen können. Es ging sofort richtig ab, der Körper begann zu pulsieren, die Beine sich zu bewegen und man verfiel automatisch dem Rhythmus des Meisters Chris Corner. Neben ihm besteht IAMX live noch aus drei weiteren Personen, als da wären Janine Gezang am Keyboard bzw. Gitarre, Tom Marsh an den Drums und Dean Rosenzweig als rockender Gitarrist. Dies verleiht dem Sound auch die optische Energie die er für die perfekte Party braucht, denn stillstehen steht bei Dean und vor allem bei Janine wohl niemals auf der Speisekarte, genau wie die meisten Nahrungsmittel, denn Übergewicht kann man der Band sicher nicht vorwerfen.

Die Songauswahl war logischerweise toll, besteht das Repertoire der Band doch fast ausnahmslos aus wahren Perlen. Heute boten IAMX einen guten Überblick über ihr bisheriges Schaffen, spielten Songs aus ihren bisherigen drei Alben und warfen dementsprechend der hungrigen Meute auch ein paar neue Songs vom aktuellen Album "Kingdom Of Welcome Addiction" zum Frass vor, welche sich gut in die Gesamtperformance einfügten. Aber natürlich lechzte die Fangemeinde auch nach Klassikern und Songs wie "Nightlife" oder "Kiss And Swallow", bei denen es kein Halten mehr gab. Ein durchweg energiegeladener Auftritt mit viel Spaß und wenigen Pausen, denn Ansagen braucht ein Chris Corner nicht, er lässt lieber seine Rhythmen für sich sprechen und so ging jedes Lied quasi in das nächste über und steigerte so noch die Verschmelzung von Band und Publikum. Für mich das absolute Highlight des Festivals, besser gehts wohl nicht.

Setlist:
01. Bring Me Back A Dog
02. Nature Of Inviting
03. The Alternative
04. Sailor
05. An I For An I
06. My Secret Friend
07. Spit It Out
08. Nightlife
09. Kiss + Swallow

Suicide Commando müssen wohl an dieser Stelle nicht mehr vorgestellt werden, denn Mastermind Johan Van Roy macht bereits seit über zwanzig Jahren die Szene unsicher und schenkte uns dabei solche Hymen wie ?Desire?, ?See You In Hell?, ?Hellraiser? oder ?Bind, Torture, Kill?, welches dann auch den Set beim diesjährigen Blackfield Festival eröffnete. Die Songs von Suicide Commando folgen vielfach einem ähnlichen Muster, überraschen aber trotzdem mit so mancher Spielerei. Harte Beats und der aggressiv-verzerrte Gesang von Johan paaren sich mit vielfach eingesetzten Samples aus Spielfilmen oder ähnlichem. Thematisch beschäftigen sich Suicide Commando Songs, wie die oben angesprochenen Titel schon andeuten, zumeist mit der dunklen Seite der Gesellschaft, dem Morbiden und Abgründigen wie Selbstmord und Tod.

Das letzte Lebenszeichen in Form des Songs ?Hate Me? datiert bereits aus dem Jahre 2007, doch arbeitet Johan derzeit an einem neuen Album, von dem er, verstärkt durch Leo (Noisuf-X) und Torben Schmidt (Infacted Recordings, Lights Of Euphoria), bereits die kommende Single "Die, Motherfucker, Die" beim Blackfield Festival präsentierte und die Vorfreude damit weiter anheizte. Nach fünfzig schweißtreibenden Minuten beendete das großartige ?Hellraiser?, mit dem gegen Ende mehrfach lautstark geschrienen Titelnamen das Konzert und damit auch den aggressiven Teil des Festivals.

Setlist:
01. Bind Torture, Kill
02. Menschenfresser
03. Conspiracy With The Devil
04. Dein Herz Meine Gier
05. Hate Me
06. Love Breeds Suicide
07. Die, Motherfucker, Die
08. Cause Of Death: Suicide
09. Hellraiser

Die nun folgenden Mesh hatten leider verstärkt mit Soundproblemen zu kämpfen, bei ihnen schien der Sound zum Teil sogar richtig wegzubrechen, die Instrumente wurden leiser etc. Ansonsten war es wieder einmal ein gewohnt guter Gig der Briten, auch wenn man bei ?Gothic?-Festivals öfter den Eindruck bekommt, dass Sänger Mark Hockings sich nicht ganz wohlfühlt und nicht immer mit vollem Einsatz dabei ist. Aber die eingängigen, doch zugleich druckvollen Songs machen dies leicht wett, so dass die Synthiejünger sicher zufrieden sein konnten.

Vielleicht etwas mehr erhofft hatte man sich aber womöglich im Bezug auf neue Songs, hatten Mesh doch nur wenige Tage vor dem Festival ihr neuestes Werk ?A Perfect Solution? für den Oktober angekündigt, gespielt wurde mit "Everything I Made" allerdings nur ein neuer Song daraus . Aber vielleicht wollte man sich weitere Songs für die kurz nach Albumrelease im November stattfindende Tour aufheben. Den Schlusspunkt des heutigen Konzerts lieferte übrigens natürlich wieder die von den letzten Auftritten bekannte, und vor allem geliebte Version von ?From This Height?, bei der es gegen Ende technoid-tanzbar zugeht und den drei ?anderen? Musikern Richard Silverthorn, Geoff Pinckney (beide Keyboard) und Sean Suleman (Drums) die Chance gegeben wird, aus dem Schatten von Mark herauszutreten und sich einen Extraapplaus zu verdienen. Es wäre eigentlich an der Zeit, diese Version mal im Studio einzuspielen, denn die Fans verzehren sich danach …

Setlist:
01. Firefly
02. People Like Me
03. What Are You Scared Of?
04. Everything I Made (neu)
05. Leave You Nothing
06. Not Prepared
07. Can You Mend Hearts
08. It Scares Me
09. Petrified
10. Friends Like These
11. Crash
12. From This Height

Als wären VNV Nation und Mesh nicht schon genug des Guten gewesen, hatten es die Veranstalter sogar fertiggebracht, mit Apoptygma Berzerk noch eine weitere Synthpopgröße zu verpflichten. Einem seit jeher Garanten für klasse Live-Shows. Auch sie hatten leichte Soundprobleme, aber das hielt das Publikum nicht davon ab, die hymenhaften Sounds der Norweger ordentlich abzufeiern. Apoptygma Berzerk haben Anfang des Jahres ihr sechstes Studioalbum ?Rocket Science? veröffentlicht, das einmal mehr die Anhängerschaft spaltete. Die einen priesen die Weiterentwicklung, andere wollten den mehr dem Mainstream zugewandten Weg nicht mehr mitgehen. Trotzdem scheint sich die Fanschar eher vergrößert zu haben, so dass der Schritt wohl als gelungen anzusehen ist.

Ich persönlich gehöre allerdings eher zur zweiten Gruppe und bevorzuge die alten Alben. Live sind sie aber weiterhin eine großartige Sache. Neben Klassikern wie Deep Red gab es in Gelsenkirchen vor allem neuere Songs zu hören, darunter auch die von mir kaum zu tolerierende The House Of Love Coverversion ?Shine On?, die fast einer Geißelung des Originals gleichkommt. Den Abschluss bildete allerdings beschwichtigenderweise und fast schon gewohntermaßen, ?Non Stop Violence?, bei dem noch einmal alle Kräfte im Publikum freigesetzt wurden, bevor Stephan Groth, Audun Stengel aka ?Angel?, Geir Bratland und Fredrik Brarud mit lautem Applaus von der Bühne entlassen wurden.

Setlist:
01. Weight Of The World
02. Love Never Dies
03. You Keep Me From Breaking Apart
04. In This Together
05. Deep Red
06. Starsign
07. Shadow
08. Apollo, Live On Your TV
09. Until The End Of The World
10. Shine On
11. Non-Stop Violence

Nach einer kurzen Dankesrede der Veranstalter, war es ASP als letzter Band in diesem Jahr vorbehalten, die Bühne des Gelsenkirchener Amphitheaters zu besteigen und ihren Anhängern eine gute Show zu bieten. Sie konnten sich dabei als Headliner des zweiten Abends ihrer treuen Gefolgschaft sicher sein und so war das Rund im Gelsenkirchener Amphitheater auch trotz des Weggangs einiger Elektronikfreunde noch immer sehr gut gefüllt. Mit einem kleinen Feuer- oder besser Rauchwerk gings los und Alexander ?Asp? Frank Spreng und seine Mannen eröffneten ihre Show, den schwarzen Schmetterling im Rücken. ASP stellten unter anderem ihre neue Single "Wer Sonst?" vor und sorgten für ordentlich Stimmung im weiten Rund. Die Fans sangen fast alle Lyrics textsicher mit und umjubelten ihre Lieblinge, die übrigens in den letzten Wochen durch einen offenen Brief an die Veranstalter des WGT für Aufsehen sorgten, von denen sie eine klare Distanzierung von rechtsradikaler Kunst gefordert hatten. Eine Aktion, die ihnen auch abseits ihrer Fanschar einige Unterstützung eingebracht hat.

Setlist:
01. Intro + Ich Bin Ein Wahrer Satan
02. Duett
03. Kokon
04. Wer Sonst?
05. Werben
06. Sanctus
07. How Far Would You Go?
08. Und Wir Tanzten
09. Denn Ich Bin Der Meister
10. Schwarzes Blut
11. Sing Child (Z)
12. Krabat (Z)
13. Ich Will Brennen (Z)
14. Biotopia (Z)

Nach knapp 75 Minuten endete der überzeugende Auftritt und damit das diesjährige Blackfield Festival. ASP waren sicher ein würdiger Headliner und boten mit ihrem düsteren Rock ein treffendes Gegengewicht zu VNV Nation, dem elektronischen Hauptact des Vorabends. Ausgewogenheit war (neben den hier schon genannten Location, Bandauswahl und Organisation) eine weitere der großen Stärken dieser Veranstaltung, die die Messlatte für die nachfolgenden Festivals des Sommers schon einmal verdammt hoch gelegt hat. Das Blackfield hat beste Voraussetzungen, sich ganz oben an der Spitze der Szenefestivals festzusetzen und nun auch endlich im Ruhrgebiet den zahlreichen Freunden dieser Art von Musik ein großes Event zu bieten. Wir selbst freuen uns schon auf das dritte Blackfield Festival im nächsten Jahr an gleicher Stelle. Es wird  wieder irgendwann im Juni stattfinden und wir mit Sicherheit dabei sein.

See you in 2010!

In Kürze folgen noch die kompletten Fotosets der aufgetretenen Bands!

Geschrieben von
Mehr von Sparklingphotos.de

TORUL & EGOAMP – Oberhausen, Kulttempel (11.10.2015)

EGOamp wurde von Asmodi Caligari und Cesare Insomnia gegr├╝ndet. Das Projekt wird...
Weiterlesen