Out Of Line Festival 2008 (03.11.2008) in Oberhausen

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Auch in 2008 richtete das in Berlin ansässige Out Of Line Electrolabel wieder eine Festivaltour durch deutsche Lande aus. Das NRW-Konzert fand Im letzten Jahr in der Bochumer Matrix statt, dieses Mal war das Eisenlager in Oberhausen die neue Heimat. Out Of Line hatte sich mal wieder viel vorgenommen und schickte eine bunte Mischung auf Reisen, um so weiter auf sich aufmerksam zu machen. Als Headliner konnten die französischen Art-Electroniker Die Form gewonnen werden, die seit kurzem zum Roster von OOL gehören.

Den Anfang machten aber die Schweden Auto-Auto aus Göteborg, ebenfalls Labelneulinge, die mit "Celeste" gerade ihr zweites Album bei Out Of Line veröffentlichten. Leider war das Eisenlager zu diesem frühen Zeitpunkt noch sehr spärlich besucht und so entging vielen der wirklich ansprechende Synthpop der beiden Hauptakteure Johan Hellqvist & Erik Frankel, die sich live noch mit einem zusätzlichen Keyboarder verstärkt hatten. Ihre Einflüsse liegen insbesondere bei skandinavischen Bands wie S.P.O.C.K., Apoptygma Berzerk oder Covenant, wobei sie von Letzteren auch visuell beeinflusst wurden und ebenfalls in Anzügen auftraten. Diese wahren jedoch schwarz, dazu weiße Hemden und auch Krawatten durften nicht fehlen. Das Ganze wirkte als Gesamtpaket sehr stimmig und man darf konstatieren, dass das Label hier einen guten Griff getan hat, von Auto-Auto wird man (hoffentlich) in Zukunft noch einiges hören. In Oberhausen gab es 25 Minuten Synthpop bester Güte zu hören, danach begannen aber schon die Umbauarbeiten für den nächsten Act.

Und bei diesem ging es gleich deutlich härter, vor allem aber auch merklich lauter zur Sache. Amduscia kommen aus Mexiko, was man auch sofort vermuten würde, denn gewisse Ähnlichkeiten zu ihren Landsleuten Hocico sind -auch wenn sie es vermutlich nicht mehr hören können-  wohl kaum zu überhören. Sänger Polo tanzte im Cyberoutfit und begleitet von harten Beats, über die Bühne, seine beiden Mitstreiter Edgar und Raul verhielten sich hinter ihren Keyboards hingegen eher defensiv, fast schon etwas gelangweilt. Das nun etwas zahlreicher anwesende Publikum begann sich in den vorderen Reihen zu bewegen und auch weiter hinter wurde vermehrt mitgewippt. Platz zu tanzen war allerdings auch weiterhin mehr als genug in den locker stehenden Reihen. Amduscia sorgten für Stimmung bei den Fans, trotzdem hätte es etwas abwechslungsreicher und vielleicht auch leiser sein dürfen, so verschwamm das Ganze etwas zu einem dumpfen Brei aus harten Beats, was den Fähigkeiten der drei nicht voll gerecht wurde, aber wie schon angesprochen zumindest den Adrenalinspiegel der Beteiligten ein Stück weit nach oben puschte.

Nach einer guten halben Stunde kehrte wieder etwas Ruhe ein und die Umbaupause für Ashbury Heights begann. Hatte der erste Umbau noch 30 Minuten gedauert, war man dieses Mal nach zehn Minuten soweit und der neue Live Keyboarder
Johan Andersson betrat als Erster die Bühne, kurze Zeit später gefolgt von den beiden Hauptakteuren der schwedischen Band: Mastermind Anders H. und seine zu diesem Zeitpunkt noch Mitstreiterin Yasmine "Yaz" Uhlin. Yaz verlies die Band jedoch unmittelbar nach der Festivaltour, um mit ihrer neuen Band "Javelynn Fate" allein weiter zu machen. Die neue Sängerin heißt übrigens Kari Berg.

Doch jetzt wieder zurück zur Out Of Line Festival Tour und somit zurück in die Zeit, als Yaz noch Teil von Ashbury Heights war: Das Set bestand aus den bekannten Songs des Projekts, das im letzten Jahr einen  wirklich beträchtlichen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Anders wirkt aber noch heute zum Teil recht unbedarft und zu offensichtlich bemüht auf der Bühne, wohingegen Yaz in ihrem knappen Höschen meist den unnahbaren Vamp mimte und an eben jenem Kleidungsstück zupfte. Das Gebotene wirkt, je öfter man die Band live sieht, leider immer aufgesetzter, vielleicht wird hier frisches Blut in Gestalt der neuen Sängerin Kari in Zukunft gut tun. Trotzdem wussten ihre Songs auch dieses Mal angesichts ihrer Eingängigkeit zu überzeugen und es war schon amüsant zu sehen, wie viele Agonoize-Shirts tragende Menschen zu "Blutengel"-ähnlichen Sounds mittanzten und -sangen. Allen voran natürlich beim größten Hit "Smaller", der frenetisch empfangen wurde. Beim letzten Track ging dann quasi mit Ansagen einiges daneben, aber das störte die Fans nur wenig und so ging der Auftritt recht unspektakulär und plötzlich nach knapp vierzig Minuten zu Ende.

Wie von früheren Gigs bekannt, wurde die Zeit bis zum Auftritt von Agonoize wieder amüsant überbrückt, in dem allerlei Kinderlieder der Marke "Pippi Langstrumpf" oder "Hey Hey Wickie" aus den Lautsprechern ertönten. Als Intro für den eigentlichen Auftritt hatten sich die Berliner das Titelstück zum Horror-Klassiker "Halloween" ausgesucht und dann konnte es los gehen. Und es ging ordentlich los und vor allem nach vorne. Spätestens beim Cover des Beastie Boys Smashers "Fight For Your Right" war Partystimmung pur angesagt, auch wenn die "Horrorshow" der drei sicher nicht jedermanns Sache ist. Es ist eine stete Gratwanderung zwischen interessanter Performance und einer plakativen Inszenierung der lächerlichen Art. Sänger Chris schlitzt sich dramaturgisch die Pulsader oder auch den Bauch auf und Kunstblut spritzt durch die Menge. Plötzlich wirkt die Halle voller und die Stimmung steigt weiter stetig an. Hier wird nicht intellektuell getextet, sondern es geht einfach nur voll drauf los. Es geht um Glauben, Gewalt und Sex, viel Sex. Das Ganze endet natürlich mit ihrem Hit "Koprolalie", bei dem jetzt, statt Blut, weiße Flüssigkeit aus Chris‘ Schritt spritzt. Sicher ist dies nicht hochgradig anspruchsvoll und an allen Ecken und Enden des Eisenlagers konnte man Leute erkennen, die das Treiben einfach nur belächelten, aber einen gewissen Unterhaltungswert kann man der Band ganz sicher nicht absprechen. Und das ist ein Aspekt, warum man ein solches Event überhaupt besucht. Insofern war der Agonoize Auftritt für mich bis dahin eigentlich am einprägsamsten.

Ein letztes Mal wurde dann umgebaut und dieses Mal waren die Arbeiten etwas aufwendiger, denn neben einer kurzen Reinigung der Bühne (Stichwort Kunstblut) war die Installation von hohen Zäunen am vorderen Rand der Bühne angesagt. Der Headliner des Abends stand auf dem Programm und damit eine ganz andere Herangehensweise an das Thema Erotik und Sex, welche in der Folgezeit von Die Form an den Tag bzw. den Abend gelegt werden sollte. Bei den Franzosen  beherrscht künstlerischer Anspruch das Geschehen. Mastermind Philippe Fichot hat sein Equipment ganz rechts quer zur Bühne aufgebaut und verbirgt sein Gesicht mit einer an einen alten Taucherhelm erinnernden S/M-Maske. Der weibliche Gesang wird natürlich durch die tolle Sopranstimme von Eliane P. bereitet, die ganz vorne links ihren Platz findet. Im Hintergrund laufen morbid-erotische Videos, während der Hauptteil der Bühne als Spielplatz für balletartigen Ausdruckstanz dient, selbstverständlich innerhalb des erotischen "Die Form Universums". Die Tänzerin präsentierte sich in verschiedensten Outfits, wobei diese meist mehr als spärlich ausfielen, allerdings niemals plakativ oder billig wirkten. Ihre Nacktheit war Teil der Show, erfüllte aber keinen billigen Selbstzweck. Dementsprechend stand nun auch vollkommen anderes Publikum in den vorderen Reihen, als es noch bei Agonoize der Fall war und jetzt wurde dem Geschehen auf der Bühne andächtig zugeschaut, statt dazu zu tanzen. Leider wanderten einige der Zuschauer auch schon vor Beginn der Die Form Show ab, so dass es zwar übersichtlicher, dafür aber wenigstens etwas intimer wirkte. Zu den musikalischen Highlights gehörte natürlich "Savage Logic", aber auch weitere Hits der beiden Franzosen waren im Programm enthalten, so dass hier jeder Fan voll auf seine Kosten kam.

Es war in meinen Augen dieses Mal ein recht zwiespältiges Festival. Zu sehr unterschied sich der Anspruch einer Band wie Die Form von ihren Co-Headlinern, so dass keine konkrete Ausrichtung der Veranstaltung erkennbar war. Das sorgte zwar für etwas Abwechslung, hielt viele aber wohl auch im Vorfeld von einem Besuch ab. Es wird abzuwarten bleiben, ob Out Of Line für die nächste Festivaltour an diesem Konzept festhalten wird, oder man dann ein homogeneres Programm zusammenstellt. Enttäuscht musste heute sicher keiner nach Hause gehen, zu Jubelstürmen waren jedoch auch nur die wenigsten aufgelegt.

Bilder des Festivals befinden sich in unserer Concert-Pictures Sektion
(für Bildkommentare muss man aus Spamverhinderungsgründen leider
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Die Form:


Agonoize:


Ashbury Heights:


Amduscia:


Auto-Auto:

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