Der Tod von Bruno Kramm trifft uns in der Monkeypress-Redaktion tief. Wir alle kannten Bruno persönlich, haben über Jahrzehnte mit ihm gearbeitet, ihn bei Konzerten, Veranstaltungen und in zahlreichen Gesprächen erlebt und seine Arbeit begleitet. Deshalb ist dies für uns keine gewöhnliche Nachricht, über die wir berichten. Es ist der Abschied von einem Menschen, der uns und unsere Arbeit über viele Jahre begleitet hat. Von einem Menschen, der für die Schwarze Szene weit mehr war als Musiker, Produzent oder Labelmacher. Kaum jemand stand so tief in dieser Szene, kaum jemand hat sie über so viele Jahrzehnte hinweg an so vielen Stellen mitgeprägt.
Bruno Kramm ist am frühen Samstag, dem 26. September 2026, im spanischen Granada gestorben. Wenige Stunden zuvor hatte er gemeinsam mit Stefan Ackermann als Das Ich in der Sala Planta Baja gespielt. Das Konzert am 25. September war Teil der aktuellen Spanien-Termine des Duos. Nach dem Konzert kam es zu einem medizinischen Notfall. Rettungskräfte und Polizei wurden alarmiert und konnten vor Ort nur noch den Tod eines zusammengebrochenen Mannes feststellen. Mehrere spanische Medien berichten über den Todesfall. Eine offizielle Todesursache ist bislang nicht bekannt, weshalb Spekulationen an dieser Stelle keinen Platz haben.
Für uns ist es schwer zu begreifen, dass dieser Mann nun nicht mehr irgendwo auftauchen, auf einer Bühne stehen oder mit seiner unverwechselbaren Art über Musik und die Szene diskutieren wird. 1989 gründete Bruno Kramm gemeinsam mit Stefan Ackermann Das Ich in Bayreuth. Aus den frühen elektronischen Arbeiten des Duos entwickelte sich eine Formation, die eng mit der Entstehung und Entwicklung der Neuen Deutschen Todeskunst verbunden ist. Das Ich verband elektronische und klassische Elemente mit Gothic, Industrial und expressionistischer Lyrik und entwickelte daraus eine ganz eigene musikalische Sprache. Stücke wie „Gott ist tot“, „Kain und Abel“ oder „Destillat“ gehören längst zum musikalischen Gedächtnis der Schwarzen Szene. Die offizielle Bandgeschichte beschreibt die frühen Arbeiten von Kramm und Ackermann ausdrücklich als Teil der Entstehung dieser Stilrichtung.
Doch Bruno Kramms Wirken reichte von Anfang an weit über Das Ich hinaus. Mit Danse Macabre schuf er eine Struktur, die für die Schwarze Szene über Jahrzehnte zu einem wichtigen Anlaufpunkt wurde. Aus der Arbeit als Musiker und Produzent entwickelte sich ein umfangreicher Label- und Medienkosmos, über den zahlreiche Künstler ihre Musik veröffentlichen konnten. Bruno war dabei nicht nur Komponist und Musiker, sondern auch Produzent, Labelmacher und jemand, der Künstlern Raum und Öffentlichkeit verschaffen wollte. Genau darin lag ein wesentlicher Teil seiner Bedeutung: Er machte nicht einfach selbst Musik, sondern half dabei, Strukturen aufzubauen, in denen andere Musik entstehen und ihren Weg zu ihrem Publikum finden konnte.
Zu diesem Kosmos gehörte auch NEGAtief, das von Bruno Kramm herausgegebene Magazin. Es war Teil jener Medienlandschaft, die sich mit der Schwarzen und alternativen Musikszene beschäftigte und Künstler, Veröffentlichungen und Entwicklungen dokumentierte. Damit schließt sich auch für Monkeypress ein Kreis. Unsere Verbindung zu Bruno reicht viele Jahre zurück, über eine Zeit, in der sich die Szene, ihre Medien und ihre Kommunikationswege grundlegend verändert haben. NEGAtief und Danse Macabre gehörten zu dieser Geschichte ebenso wie die vielen persönlichen Begegnungen, Gespräche und gemeinsamen Jahre innerhalb der Schwarzen Szene.
Bruno war dabei jemand, der selten einfach nur am Rand stand. Er mischte sich ein, diskutierte, widersprach und vertrat seine Positionen mit Nachdruck. Gerade diese Direktheit machte Begegnungen mit ihm besonders. Man konnte mit ihm über Musik sprechen, über die Entwicklung der Szene, über gesellschaftliche Veränderungen oder über die Möglichkeiten neuer Technologien. Auch politisch engagierte er sich über Jahre, unter anderem bei der Piratenpartei, deren Berliner Landesvorsitzender er von 2014 bis 2016 war. Sein politisches Engagement und seine Arbeit als Musiker, Produzent und Labelmacher waren dabei immer wieder miteinander verbunden. Die Stadt Potsdam führte ihn zuletzt unter anderem als Experten für Urheber- und Künstlerrechte sowie als Mitglied ihres Digitalisierungsrats.
Auch musikalisch war die Geschichte von Das Ich zuletzt noch lange nicht abgeschlossen. Nach einer langen Veröffentlichungspause erschien am 31. Oktober 2025 das Album „Fanal“. Es war die erste neue Das-Ich-Veröffentlichung nach vielen Jahren und zeigte, dass Kramm und Ackermann ihre gemeinsame musikalische Sprache keineswegs aufgegeben hatten. Das Album erschien bei Danse Macabre Records und knüpfte mit elektronisch-sinfonischen Klängen, Industrial-Elementen und expressionistischer Lyrik an die charakteristische Geschichte des Duos an.
Noch wenige Tage vor seinem Tod stand Bruno auf der Bühne. Das macht seinen Tod vielleicht besonders schwer begreifbar. Am 25. September spielte Das Ich in Granada, und damit endete ein Weg, der über mehr als drei Jahrzehnte von Bühnen, Studios, Plattenveröffentlichungen, Labelarbeit und unzähligen Begegnungen geprägt war. Dass mit „Fanal“ erst im vergangenen Jahr ein neues Kapitel der Bandgeschichte begonnen hatte, verleiht diesem letzten Konzert im Rückblick eine besondere Bedeutung. Es war ein weiterer Abend auf einer Bühne, auf der Bruno das tat, was ihn über Jahrzehnte begleitet hatte: Musik machen.
Mit seinem Tod stellt sich gleichzeitig eine Frage, auf die es derzeit noch keine Antwort gibt: Wie geht es mit Danse Macabre weiter? Das Label ist mit zahlreichen Künstlern und Veröffentlichungen verbunden und war über Jahrzehnte eng mit Bruno Kramms persönlicher Arbeit verknüpft. Für die Bands und Künstler, die bei Danse Macabre ihre musikalische Heimat gefunden haben, geht es damit neben der persönlichen Trauer auch um ganz konkrete Fragen: Was geschieht mit geplanten Veröffentlichungen? Wie werden bestehende Projekte weitergeführt? Wer übernimmt die Betreuung der Künstler und die organisatorischen Aufgaben? Zum jetzigen Zeitpunkt ist all das offen. Eine offizielle Erklärung zur Zukunft des Labels liegt bislang nicht vor. Alles andere wäre Spekulation.
Und vielleicht zeigt sich gerade darin noch einmal die Größe dessen, was Bruno aufgebaut hat. Er hinterlässt nicht nur Musik. Er hinterlässt ein Label, Veröffentlichungen, Produktionen, ein Magazin, Künstlerbeziehungen und vor allem ein weit verzweigtes Netzwerk von Menschen, die über viele Jahre mit ihm gearbeitet haben. Das Ich, Danse Macabre und NEGAtief sind unterschiedliche Teile eines Lebenswerks, das tief mit der Geschichte der Schwarzen Szene verbunden ist.
Für Monkeypress bleibt deshalb nicht nur die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Musiker und Produzenten. Bruno war Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Wir haben ihn über viele Jahre begleitet, über seine Musik berichtet, ihn bei Veranstaltungen getroffen und seine Arbeit innerhalb der Schwarzen Szene verfolgt. Jetzt müssen wir über ihn in der Vergangenheit schreiben. Das fällt schwer.
Danke, Bruno. Für die Musik. Für die Begegnungen. Für die vielen Jahre. Für Das Ich, Danse Macabre, NEGAtief und für all das, was du dieser Szene gegeben hast. Wir werden dich vermissen.
Bruno Kramm wurde 58 Jahre alt. Er wurde am 13. Oktober 1967 in München geboren.
