JAMES BAY – Köln, E-Werk (10.11.2022)

Fotos: JAMES BAY
James Bay, © Angela Trabert
Geschätzte Lesezeit: 7 Minute(n)

Der britische Singer-Songwriter James Bay machte auf seiner Europa Tour in Berlin, Köln und Bremen Halt. Moment mal, James WER? Diese Frage hört man oft. Irgendwie ist der Name des begnadeten Musikers noch längst nicht überall präsent. Nennt man aber die magischen vier Worte, die bei nahezu jedem einen hartnäckigen Ohrwurm auslösen, herrscht schnell Klarheit. Mit Hold Back The River gelang dem jungen Briten im Jahre 2014 ein Hit, der in wirklich jeder Radiostation auf Heavy Rotation lief. Zurück zur Tour: Wir waren im Kölner E-Werk zugegen. Die Venue war seit Wochen ausverkauft und somit bildete sich vor der Location eine stattliche Schlange mit wartenden Besuchern. Diese waren recht bunt gemischt und dazu schick angezogen. Schätzten wir zuvor den Frauenanteil auf 85% ein, wurden wir prompt eines Besseren belehrt. Nix da, hier waren gar nicht mal wenige Herren der Schöpfung vertreten. Diese Überraschung ist schonmal gelungen. Die Halle füllte sich zügig. Insgesamt fanden sich also 2.000 Fans im Innenraum und auf der Empore ein. In den Blick fielen sogleich 2 rote Gasluftballons in Herzform. Ein Hauch von Liebe hing also bereits in der Luft. Mit unseren Oropax waren wir auch bestens auf womögliche Kreischattacken vorbereitet.

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Zunächst galt es aber, den Opener des Abends kennenzulernen. Den 31-jährigen Amerikaner Kevin Garrett hatte hier wohl bislang niemand auf dem Schirm. Mit seinem 45-minütigen Set erhielt er reichlich Gelegenheit, Werbung für sich zu machen. So betrat er tatsächlich ganz allein die riesige Bühne. Eher schüchternen Schrittes nahm er seinen Platz ein. Komplett im Jeans-Look war er lediglich mit einer Akustikgitarre ausgestattet. Im Spotlight stehend stellte er sich erstmal vor „Ich heiße Kevin Garret und komme aus den USA, Pittsburg. Aber ich spreche nur ein bisschen Deutsch.“ Er bedanke sich für das zeitige Erscheinen des Publikums und sang mit sanfter Stimme die ersten Zeilen seines Songs Precious. Nach wenigen Momenten erntete er sogleich den ersten Jubel. Sichtlich beeindruckt konterte er „We’re gonna have a lot of fun tonight.” Seine leichte Unsicherheit war mit dem ersten Song sogleich verflogen. Der folgende Beifall vermittelte zudem Sicherheit. Humorvoll ergänzte Kevin “I think, I’ve already done my job.”

Die Musik des Solokünstlers war leicht zugänglich und sehr gefühlvoll. Mit geschlossenen Augen sang er über Herzschmerz, Sehnsucht und unerfüllte Liebe. Seine eigenen Songs wechselten sich mit einzelnen Coverversionen ab. Pray You Catch Me schrieb er einst als Co-Autor für keine geringere als Beyoncé. Bescheiden fügte er hinzu „But she doesn’t sing it often anymore.“ Während er seine Musik darbot, blieb er ruhig auf seiner Position stehen. Interaktion mit dem Publikum fand währenddessen auch nicht statt. In den Ansprachen punktete er aber immer wieder mit seinem Humor. So stellte er fest, dass er seinen eigenen Atem bis ans andere Ende der Halle hören könne. Daraufhin bedankte er sich dafür, dass das Publikum die wertvolle Energie für den Rockstar des Abends aufbewahre. Er sei schließlich nur der Opener. Seine traurige Ballade Little Bit Of You kündigte er mit sarkastischen Worten an: „It’s a sad song, that’s fun for us.“ Ein Highlight stellte definitiv Kevins eigene Interpretation des Songs When The Party’s Over von Billie Eilish dar, so ernteten seine hohen Töne besonderen Beifall.  Alles in allem war sein Set jedoch wenig abwechslungsreich. Sowohl das Tempo, als auch die Stimmung seiner Songs blieb auf recht gleichbleibendem Niveau. Es war ganz nett anzuhören, aber seine 45-minütige Spielzeit reichte dann auch wirklich aus.

Setlist: KEVIN GARRETT – Köln, E-Werk (10.11.2022)

01. Precious
02. Lonely Like Me
03. Jolene (Ray Lamontagne Cover)
04. Tell You How I’m Feeling
05. Pray You Catch Me (Beyonce Cover)
06. Little Bit Of You
07. When The Party’s Over (Billie Eilish Cover)
08. Coloring
09. Faith You Might
10. Refuse

Bevor der Star des Abends die Bühne betrat, rüstete sich noch ein weiblicher Fan für den bevorstehenden Auftritt. Auf ein DINA4 Papier schrieb sie mit Kugelschreiber in großen Lettern: „Can I have your pick?“ Um 21:15 Uhr verdunkelte sich das E-Werk. James Bay schnappte sich eine E-Gitarre und jammte direkt mit seinen Musikern drauflos. Sein Markenzeichen – der schwarze Hut – durfte natürlich nicht fehlen. Durch die leicht hochgekrempelte Skinny Jeans kamen seine Boots gut zur Geltung. Beschwingt ging es direkt mit Best Fake Smile zur Sache. Locker flockig wurde hier über falsche Freundschaften gesungen- ein interessanter Ansatz. Auf diese einfach zu pfeifen und seinen Weg frohen Mutes weiterzugehen, anstatt sich sich davon herunterzuziehen zu lassen- so könnte es ja auch gehen. Die gute Laune übertrug sich direkt auf das Publikum. Was direkt auffiel: James lachte, während er sang und seine Augen waren nichtmal geschlossen! Mit Endless Summer Nights hörten wir einen Titel des neuen Albums Leap. Seine Mitmusiker unterstützten James nun stimmlich und im Gegensatz zur Albumversion preschte das gute Stück live ordentlich nach vorn. Für den verspielten Part ging der Solokünstler auf die Zehnspitzen und lieferte sich mit dem Gitarristen ein beeindruckendes Duell. Dabei strahlten sich die beiden Musiker glücklich an. „Cologne, it’s been so long. And it’s great to share a space and be in a room with you again.”

 Woohoo-Rufe begleiteten den Moment, als James sein blaues Hemd auszog. Seine Reaktion folgte prompt: „It was a long lockdown. And I made use of it.” Strahlend bat er seine Fans, bei If You Ever mit einzustimmen. Das allein schien ihm jedoch nicht zu reichen, also setzte er einen Fokus. „I’m feeling a little bit greedy. I wanna hear just you and me.” Gesagt, getan. Seine Musiker hielten inne. Nun gab es nur James und seine Gitarre. Zusammen mit dem Publikum sang er die Zeilen I’ll come around, If you ever want to be in love. I’m not waiting, but I’m willing if you call me up.” Nach jedem Song erfolgte übrigens ein Gitarrenwechsel. So kamen an diesem Abend ganze neun Gitarren zum Einsatz! Gedankenverloren spielte James seine Parts bei Let It Be. Er genoss es sichtlich, jeden einzelnen Akkord zu spielen. Nun erzählte er uns etwas zu der schwierigen Entstehungsgeschichte von Leap. Dabei betonte er, dass uns allen ganze zwei Jahre geraubt wurden. Im April 2020 kündigte er in einem Interview an, dass sein neues Werk fast fertig sei. Darauf folgte, der Oktober, der Januar… Irgendwie ging es nicht mehr voran. Eine dunkle Traurigkeit überkam ihn während dieser fordernden Zeit, die wir alle nie zuvor erlebt haben. Dabei wollte er gar nicht betrübt sein. Inspiriert von seiner Frau und Jugendliebe Lucy fand er den Weg zurück zu seinem inneren Glück. Ihr hat er den traumhaft schönen Titel One Life gewidmet. Konnte es eine schönere Liebeserklärung geben? „Leap, And The Net Will Appear.“ Dieser Spruch des Dichters John Burroughs, steht hinter dem Albumtitel. Wenn man mutig ins Unbekannte springt, fängt einen gewiss ein Netz wieder auf. Wir sind nicht allein und es lohnt sich, darauf zu vertrauen. Als er seine aktuelle Single spielte, strahlte James pure Lebensfreude aus. Seine positive Energie wirkte hochgradig ansteckend.

Sagte ich eigentlich schon, dass wir uns erneut irrten? Unsere Ohrstöpsel hätten wir getrost zu Hause lassen können. Selten habe ich solch ein angenehmes Publikum erlebt. Niemand drängelte oder kam einem zu nahe, die Stimmung war gut, aber glücklicherweise gab es auch keinerlei Schreiattacken. Dementsprechend fühlte man sich in dieser Menge sichtlich wohl- dem Konzertfeeling kam dies durchaus zugute. Den Abend konnte man gänzlich ohne Störfaktoren genießen. James reckte seine Faust in die Luft. „A few nights ago I put a thing on Insta. I also tried Tiktok, but that was too stressful. I made a little poll and asked what you want to hear. The song Bad, Nowehere Left To Go, Better or something you’ve never heard before. We have a winner! You’ll get an unreleased song.“ Nun stand er ganz allein mit seiner Akustikgitarre da und performte mit all seiner Leidenschaft ein Liebeslied: Stay After Summer. Ich bin mir sicher, dieses Stück wird es auf das nächste Album schaffen, catcht es einen doch ab dem ersten Augenblick. Akustisch ging es weiter, doch auf der Bühne wurde es wieder voller. Einige Sitzhocker wurden aufgestellt und die Musiker gesellten sich wieder hinzu. Silent Love erzählte von einer heimlichen Liebe. Verspielte Parts verliehen dem Song eine bezaubernde Note.

Das coolste Shirt des Abends trug nebenbei bemerkt, der eher sanft wirkende Drummer. Kennt ihr noch die Gremlins? Gizmo zierte das Oberteil- und zwar im Hardrock Look. Herrlich! Für den nächsten Titel kündigte James Besuch an „Welcome a good friend of mine. One day I hope to be as good as him.” Wer gesellte sich nun hinzu? Kevin is back! Kevin Garrett hat nun also das große Los gezogen, erneut auf der Bühne zu stehen- zur Freude von James. Dieser bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Seine Grübchen kamen dabei immer wieder zum Vorschein. Sein Hut durfte nun auch weichen und mit leicht strubbeligen Haaren schmachtete er gemeinsam mit seinem Kumpel die Ballade Save Your Love dahin. We Were On Fire groovte dann mächtig. Und das Feuer sprang über. Im Publikum setzte Bewegung ein und ein Fan klopfte sich zustimmend mit der Hand auf’s Herz. Hier gönnte man uns eine besondere Extended Version mit einem hammermäßigen Instrumentalpart am Ende. „Thank you. I Can’t tell you, how much it means to me.” Während zu Get Out While You Can gehörig losgerockt wurde, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich an dem Gitarrenständer ein großes, buntes Stoffkrokodil erblickte. Soso, ein riesiges Stofftier hielt also die neun wertvollen Gitarren beisammen. Als die letzten Töne ausklangen, schnappte sich James Bay seinen Hut und verließ die Bühne.

Ok, jetzt folgte dann doch mal ohrenbetäubender Lärm. Alles andere hätte mich auch gewundert. Lässig kehrte der charismatische Sänger nochmal zurück. „Do you want one more? Two more? And then we come back and do it again?” Zunächst stimmte er alleine die emotionale Ballade Scars an. Eine junge Frau hinter mir flüsterte entzückt „Oh Gott, ich LIEBE dieses Lied!“ Auch hier kamen die Musiker nochmal hinzu und verliehen dem Titel einen ordentlichen Schub. Der Weltschmerz kam ganz prächtig zur Geltung. Zuletzt durfte der Schlüsselsong Hold Back The River nicht fehlen. Noch einmal gab sich James seinem virtuosen Gitarrenspiel hin und gemeinsam sangen alle im E-Werk “Hold back the river, let me look in your eyes. Hold back the river, so I can stop for a minute and be by your side. Hold back the river, hold back.” James nahm seine Mitstreiter zwischen seine Arme und gemeinsam verneigten sie sich vor dem Publikum. Sämtliche Plektren fanden unter den Fans schnell neue, stolze Besitzer und die unterschriebenen Setlists haben im Nachgang bestimmt noch einen besonderen Ehrenplatz bei den glücklichen Fängern erhalten.

Ein Konzert von James Bay kommt gänzlich ohne Pyrotechnik oder Special Effects aus. Der talentierte Sänger versteht es auch so, das Publikum mit seiner einzigartigen Aura komplett für sich einzunehmen und ein inneres Feuerwerk der Freude zu schüren. Zudem entfachte er ein dringendes Bedürfnis, sich zu Hause mal wieder ausgiebigst der eigenen Gitarre zu widmen…

Setlist: JAMES BAY – Köln, E-Werk (10.11.2022)

01. Best Fake Smile
02. Endless Summer Nights
03. Give Me The Reason
04. If You Ever Want To Be In Love
05. Wanderlust
06. Us
07. Let It Go
08. One Life
09. Stay After Summer
10. Silent Love
11. Need The Sun To Break
12. Save Your Love
13. When We Were On Fire
14. Pink Lemonade
15. Get Out While You Can
16. Scars (Z)
17. Hold Back The River (Z)

Weblinks JAMES BAY:

Homepage: jamesbay.com
Facebook: www.facebook.com/jamesbaymusic
Instagram: instagram.com/jamesbaymusic

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