FRANZ FERDINAND / MEDICINE CABINET – Köln, E-Werk (08.11.2022)

Fotos: FRANZ FERDINAND
Franz Ferdinand, © Angela Trabert
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Viel ist passiert in 18 Jahren – Zeit für Franz Ferdinand, zurückzublicken. Erstmals mit Schlagzeugerin Audrey Tait, die den Ende 2021 ausgestiegenen Paul Thompson ersetzt, kamen die schottischen Indie-Rocker nach NRW, zum letzten Deutschland-Konzert des Jahres. Bevor es aber jede Menge Hits To The Head, so im Übrigen auch der Titel der im vergangenen Frühjahr veröffentlichten Best-of-Compilation, gab, unterhielten nach längerer Wartezeit zunächst Medicine Cabinet für gute 30 Minuten.

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In ihrer schottischen Heimat gilt das Quintett schon als Geheimtipp. Viel Musik wurde zwar noch nicht veröffentlicht – die Online-Enzyklopädie Discogs listet bislang gerade einmal zwei Singles, beide im laufenden Kalenderjahr erschienen -, doch Potenzial hat das, was die im silbernen Glitzerkleid auftretene Sängerin Anna Acquroff und die vier weiteren Bandmitglieder darboten, sicherlich. Weitgehend entspannter Indie-Sound, hier und da an das Duo Wet Leg erinnernd, traf auf die recht helle, fast schon kindlich hohe Stimme der Frontfrau. Unterbrochen wurde der Fluss von Gentleman, gesungen von Bassist Cahal Mingus, das interessanterweise im klassischen Postpunk-Sound gehalten ist, eher an Joy Division erinnert und sich zwischen den anderen acht Songs anfühlte wie ein (qualitativ hochwertiger) Fremdkörper.

Vielleicht gibt es auf einem irgendwann erscheinenden Debütalbum ja mehr von Mingus’ Stimme zu hören, aber auch Acquroffs engagierte Performance genügte völlig, um die knapp 2500 Menschen im so gut wie ausverkauften E-Werk zu überzeugen. Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos sprach später von einer Band, “von der Ihr schon bald sicher noch viel hören werdet“. Ins Aufgebot von Festivals wie dem Haldern Pop, Maifeld Derby oder c/o pop würden Medicine Cabinet jedenfalls perfekt passen.

Setlist MEDICINE CABINET @ Köln, E-Werk (08.11.2022)

01. Ctrl Erase
02. Factor 50!
03. You’re The Only One
04. Gentleman
05. Two Time
06. I Wanna Be With Someone
07. Heart To Let
08. The Signs
09. Pariah

Abends halb zehn in Deutschland, Zeit für Franz Ferdinand. Zu schon recht fortgeschrittener Stunde kam das Quintett, bei dem nur Bassist Bob Hardy und eben Frontmann Kapranos von der Urbesetzung übrig geblieben sind, auf die Bühne, die im Gegensatz zu den meisten anderen Konzerten an Ort und Stelle um einen zentral angebrachten Steg erweitert wurde. Nettes Detail: Auf den Boxentürmen beziehungsweise der Bassdrum von Audrey Tait waren im typischen Franz-Ferdinand-Schrift-Fond die Namen der fünf Bandmitglieder angebracht. Ein großes Backdrop mit dem Cover der Hits To The Head-Compilation schmückte zudem den Hintergrund.

Und die Musik? Klar, es gab nichts als Hits (To The Head). Der Polka-beeinflusste Kultsong The Dark Of The Matinée vom Debütalbum setzte den Startschuss, natürlich wurde direkt lautstark mitgesungen und getanzt. Mit weiteren Songs der späteren Alben ging es quasi ohne Atempause weiter, wobei sich der Schreiber dieser Zeilen ein wenig mehr Druck wünschte. Recht leise Gitarren und eine fast durchweg hell erleuchtete Bühne sorgten dafür, dass der Punch musikalisch wie optisch ein wenig fehlte.

Das änderte sich allerdings ab Do You Want To, dem wohl größten Hit der Schotten, der nicht auf dem ersten Album ist. Plötzlich stieg die Lautstärke nicht nur beim Jubel des tanzenden wie mitsingenden Publikums und auch der für die Lichttechnik zuständigen Person fiel plötzlich ein, dass es nicht schaden könnte, mal ein wenig was fürs Honorar zu tun. Die folgenden Always Ascending (leider nur verkürzt ohne den “Put Your Ladder Down“-Part gespielt) und Lucid Dreams profitierten in ihrer Wirkung deutlich vom aufflackernden Dunkel-Hell-Wechselspiel und heizten die Stimmung weiter an.

Endgültig kein Halten mehr gab es im Anschluss bei einem Debütalbum-Dreierpack: Erst Darts Of Pleasure, dessen deutsche Zeile “Ich heiße superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch” auch 18 Jahre nach Veröffentlichung immer noch für Belustigung und/oder Kopfschütteln sorgt, dann Jacqueline, das Kapranos einer offenbar so heißenden jungen Dame in der ersten Reihe widmete und zu guter Letzt DER Hit der Bandgeschichte. Klar, die Rede ist von Take Me Out – das Lied, dass selbst Nicht-Fans der Band kennen, wenn sie die vergangenen zwei Dekaden nicht auf dem Mond verbracht haben.

Für weitere Auflockerung im Hitreigen sorgten die Zwischenansagen des großen Charismatikers Kapranos, dem man mit all seiner Mimik, Gestik und Stimme irgendwie auch ein Swing-Crooner-Programm der alten Schule à la Tom Gaebel zutrauen möchte sowie ein von Audrey eingeleitetes Drumsolo, dem sich die vier Herren der Schöpfung nach und nach anschlossen. Nach Outsiders, dem Song mit dem schönsten “Oooohohooo“-Chor der Bandgeschichte, gab es kurz Zeit zum Verschnaufen.

Der Endspurt verlangte allen Beteiligten nochmal alles ab. Nach dem neuen Stück Billy Goodbye und der “Homo-Hymne” Michael setzten Franz Ferdinand mit This Fire, das letztens durch die Verwendung in der Netflix-Anime-Serie Cyberpunk: Edgerunners nochmal einen unerwarteten Popularitätsschub verbuchen konnte, den Schlusspunkt. Hierfür bediente sich Kapranos dem kleinen Einmaleins der Publikuminteraktion. Klatschen, Arme in die Luft, alle hinsetzen und bei Punkt x wieder hochspringen. Das Gros der Fans leistete ihm Folge. So endete die Show nach rund 80 Minuten effektiver Spielzeit – ein wenig Raum für Stücke aus der zweiten Reihe wie Stand On The Horizon, Can’t Stop Feeling oder Glimpse Of Love wäre also noch da gewesen. Schade, aber trotzdem haben Franz Ferdinand hier einmal mehr absolut abgeliefert und eine berauschende “Class of ’05”-Indie-Rock-Show geboten.

Setlist FRANZ FERDINAND @ Köln, E-Werk (08.11.2022)

01. The Dark Of The Matinée
02. No You Girls
03. Curious
04. Walk Away
05. Right Action
06. Evil Eye
07. Do You Want To
08. Always Ascending (Edit)
09. Lucid Dreams
10. Love Illumination
11. Darts Of Pleasure
12. Jacqueline
13. Take Me Out
14. Ulysees
15. Outsiders
16. Billy Goodbye (Z)
17. Michael (Z)
18. This Fire (Z)

Einen Bericht zur vorherigen Tournee der Band findet Ihr hier:

FRANZ FERDINAND & LEONIDEN – Köln, Palladium (05.03.2018)

Weblinks FRANZ FERDINAND

Homepage: https://franzferdinand.com/
Facebook: www.facebook.com/officialfranzferdinand
Instagram: www.instagram.com/franz_ferdinand

FRANZ FERDINAND – Always Ascending

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