RAMMSTEIN – Düsseldorf, Merkur Spiel-Arena (18.06.2022)

Rammstein © Sandro Griesbach
Rammstein © Sandro Griesbach
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Heute stand der vorerst heißeste Tag des Jahres an. Beste Voraussetzung für den Besuch eines Rammstein Konzerts, nicht wahr? Das bisschen Hitze sollte jedoch keinen der 40.000 Fans davon abhalten, sich endlich auf den Weg in die Düsseldorfer Merkur Spiel Arena zu begeben. Schließlich haben alle seit zwei harten Jahren auf diesen Abend gewartet. Das Publikum war schwarzbunt gemischt. Von jung bis alt war alles vertreten. Denn unter den Besuchern befanden sich nicht nur Hardcore Rammstein Fans. Hier nimmt man auch durchaus mal den Schwiegervater, die kleine Nichte oder den Nachbarn mit. Man muss nicht zwingend ein Anhänger der Neuen Deutschen Härte sein. Schließlich handelt es sich um ein einzigartiges Happening. Die spektakulären Shows der Band sind weltbekannt und jegliche Tickets sind seit Jahren in Windeseile ausverkauft. Und wenn sich eins herumgesprochen hat, dann ist es diese überschwängliche Begeisterung, die den Fans ins Gesicht geschrieben steht, sobald sie ein Konzert der Band verlassen. Es fallen Worte wie „der absolute Wahnsinn“, „es war gigantisch“, „ich werde nie wieder ein ‚normales‘ Konzert besuchen können“. Man kennt durchaus Fragmente einer Rammstein Show, hat auch mal eine Live DVD gesehen. Doch was dieses ganz besondere Feeling ausmacht, versuchen wir an diesem Abend herauszufinden. Apropos Feeling… auf dieser Tour gibt es in ausgewählten Städten ein besonderes Angebot für blinde Fans. Diese können sich für eine spezielle, begleitete Tour im Stadion anmelden. Einmal die Beschaffenheit des überdimensionalen Kinderwagens spüren oder die Struktur des rußigen Kessels, in dem Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz flambiert wird. Wie massiv fühlen sich die Stahlstützen wohl an? Gitarrist Paul Landers nimmt sich vor dem Konzert extra Zeit, ertastet gemeinsam mit den Fans den Bühnenbereich und erklärt geduldig die einzelnen Elemente. Welch wunderbare Aktion.

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Doch widmen wir uns diesem Abend. In der Arena blicken wir auf eine 60m breite Bühne mit einem gigantischen Aufbau. Hier wurde ein enormer Aufwand betrieben. Zwischen den riesigen Stahlkonstruktionen steht mittig ein 36 Meter hoher Turm. Hunderte Scheinwerfer wurden in sämtlichen Größen verbaut. Der Look im Industriegewand ist atemberaubend. Die Bühne bietet mehrere Ebenen und wir sollen im Laufe des Abends noch erleben, welche integrierten Möglichkeiten noch in diesem Kunstwerk schlummern.

Die Innentemperatur der Arena betrug übrigens knackige 40 Grad. Um 19:30 Uhr betrat das französische Klavierduo JATEKOK die kleine Zweitbühne inmitten des Publikums. Adélaïde Panaget und Naïri Badal interpretierten Rammstein Songs wie z.B. Engel, Frühling in Paris oder Ohne Dich. Dies ist naturgemäß ein schwieriges Unterfangen. Der Auftakt polarisierte, denn für viele zählt nur das Original. Und dieses sollte nach diesen ausgiebigen 40 Minuten nun nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Zunächst öffnete sich allmählich das Dach der bisher geschlossenen Arena. Pure Erleichterung machte sich breit. Um 20:45 Uhr erklang eine Durchsage mit der Bitte auf Filmaufnahmen zu verzichten. Ein plötzlicher, immens lauter Knall, gepaart mit einem ersten Pyroeffekt ließ einen kurz erstarren und ging einem durch Mark und Bein. Schwarzer Rauch breitete sich über der Bühne aus. Das war der Startschuss für RAMMSTEIN. Lasset die Spiele beginnen. Sänger Till Lindemann und Gitarrist Richard Z. Kruspe kamen übrigens bei der brütenden Hitze mit Mänteln auf die Bühne. Armee Der Tristen vom aktuellen Album läutete den Abend ein. Die Lyrics laden dazu ein, sich einzureihen und einem im Gleichschritt Richtung Glück zu folgen. Welch ein Geniestreich, damit loszulegen. Die Fans waren vom ersten Moment an dabei, reckten die Arme in die Höhe und stimmen beim Refrain mit ein. Da es noch hell war, setzte man bei der Pyrotechnik zunächst auf Sparflamme. Die imposante Bühnenkulisse sollte ihren Look an diesem Abend noch einige Male verändern. So breiteten sich plötzlich beim Song Links 2-3-4 einige riesige, rote Banner mit dem schwarzen Rammstein Logo an den Wänden und auch an mehreren Stellen im Innenraum aus. Till marschierte dazu und leitete das Publikum an. Mit Zeig Dich ging es dann richtig zur Sache. Die Temperaturen im Stadion stiegen nochmal an, das große Flammeninferno war eröffnet. Und spätestens jetzt war allen in der Umgebung klar: Rammstein sind in der Stadt. Denn Düsseldorfs Himmel färbte sich analog zu den gesungenen Zeilen rot. Zusätzlich brachte ein Bass Solo von Oliver Riedel die Menge zum Jubeln. Till drehte nun auch auf. Er feixte mit dem Publikum und deutete in Zeichensprache an, dass die Damen im Publikum durchaus mal ihre Brüste freilegen könnten. Die Farbe Rot dominierte auch den nächsten Song: Mein Herz Brennt. Die Scheinwerfer passten sich farblich an und die nächste Überraschung folgte prompt. Till wankte gebrechlich wirkend nach vorne zum Bühnenrand. An seinem Oberkörper war ein Herz befestigt, das auf einmal entflammte und dann lichterloh und bedrohlich brannte.

Auf Licht folgte Dunkelheit. Denn mit der Puppe sollte es richtig düster und beklemmend werden. Als wäre der Song an sich nicht bedrückend genug. Live visualisierten Rammstein diesen noch, bis einem ein unbehaglicher Schauer den Rücken herunterlief. Der riesige, silberne Puppenwagen wurde auf die Bühne geschoben. Darin lag eine furchterregende Puppe. Schlagartig ging der Wagen in Flammen auf. Till sang gefühlt um sein Leben und die Tragödie wurde noch durch die völlig verzweifelten Gesichter der weiteren Bandmitglieder verstärkt. Das Publikum sang voller Inbrunst mit „Dann reiß‘ ich der Puppe den Kopf ab, ja ich beiß‘ der Puppe den Hals ab“. Und nach einem völlig konträren, wundervollen Gitarrensolo wurde aus dem Nichts aus sämtlichen Richtungen schwarzer Flitter in die Luft geschossen. Dieser verteilte sich im gesamten Stadion, während der Song allmählich ausklang. Was für eine Dramatik! Das eigene Herz pochte definitiv wesentlich schneller als sonst. Nun traute man sich auch wieder auszuatmen. Völlig gegensätzlich ging es dann kurz danach zu. Als der Song Zeit einsetze, lagen sich im Publikum halbnackte Männer in den Armen. Die sphärischen Klänge weckten sogleich Wehmut hervor. „Zeit, bitte bleib steh’n, bleib steh’n. Zeit, das soll immer so weitergehen… ein jeder kennt – den perfekten Moment.“ Einen tiefen Seufzer später erwartete uns erneut ein völlig konträres Programm. Auf einer Empore sah man zunächst einzig und allein Richard als DJ. Dazu lief ein Remix des erfolgreichen Hits Deutschland. DJ Richard sollte nicht lange allein bleiben. Vier weitere Bandmitglieder gesellten sich in schwarzen Ganzkörperanzügen auf die Bühne. Sie breiteten die Arme aus und transformierten sich zu LED-Strichmännchen. Passend zur Musik boten sie eine kleine tänzerische Performance. Aber das sind doch die harten Jungs von… Ja! Und? Mit einem sanften Übergang entwickelte sich der Song dann zu der gewohnten Version weiter. Die Fans hatten nun richtig Bock. Im Innenraum kam es zu spielerischen Raufereien und der Pogo war im vollen Gange. Auf der Bühne bewiesen die Jungs wahre Spielfreude. Von den hohen Temperaturen ließ man sich nicht einschränken. Man ergab sich seinem Schicksal und das tat der Freude auf allen Seiten keinen Abbruch. Nun kam der überdimensionale Kochtopf zum Einsatz. Der von Blut übersäte „Metzger“ Till trug eine Kochmütze und seine Schlachtschürze war mit einigen Messern bestückt. Er hob den riesigen Deckel vom Topf und warf ihn scheppernd auf den Boden. Es war angerichtet: Flake stand mit seinem Keyboard im Kessel und spielte munter weiter. Während das Publikum die Lyrics von Mein Teil sang, bewaffnete sich Till mit einem Flammenwerfer. Diesen richtete er auf den Kessel und machte Flake ordentlich Feuer unter dem Hintern. Das Ergebnis stellte Till nicht wirklich zufrieden, also bestieg er ein stattliches Geschoss, um wildentschlossen und erbarmungslos immer wieder auf sein Opfer zu feuern. Man erwischte sich übrigens erneut dabei, dass man den Atem anhielt und am Ende wirklich froh darüber war, dass Flake überlebt hat. Er kletterte aus dem Topf, klopfte sich ab, schüttelte sich und legte noch wilde Dance Moves aufs Parkett. Die Fans rasteten förmlich aus. Till suchte scheinbar unterdessen hinter den Kulissen einen Tatortreiniger auf und kehrte wieder sauber und hergerichtet zurück. Er wechselte seine Rolle und mimte beim Song Du Hast den Dirigenten. Die Menge zeigte vollen Einsatz und als die Gitarren einsetzen, nahm ein weiteres Flammeninferno seinen Lauf. Till schoss mit einer Armbrust in die Höhe und aus der Mitte der Arena erfolgte der Gegenangriff Richtung Bühne. Ehe man sich versehen konnte, schossen Flammensäulen aus allen Ecken gen Himmel. Die rasche Hitzeentwicklung flößte einem dabei gehörigen Respekt ein. Man hatte kaum Gelegenheit, aus dem Staunen herauszukommen. Mit dem Klassiker Sonne ging es weiter. Während Till den Song voller Leidenschaft sang, wurde die Arena in gelbes Licht getaucht. Als er bis zehn hochzählte, begleiteten ihn dabei jeweils heftige Feuerstöße, die im Stadion ringsherum in den Himmel aufstiegen. Und erneut schaffte es der mächtige Bühnenaufbau zu faszinieren. Ein riesiges Lichtelement verwandelte sich in eine atemberaubend schöne „Sonne“, die ein Raunen in der Arena auslöste. Die „Sonne“ drehte sich langsam und ihre Strahlen richteten sich auf das Publikum im Innenraum. Ein Rammstein Konzert kann wahrlich selige Momente auslösen. Schließlich verneigte sich die Band vor dem Publikum und es folgte eine kurze Pause.

Auf den großen Leinwänden wurden derweil einzelne Personen aus dem Publikum eingeblendet. Als ein junger Mann mit einem Rammstein Tattoo zu sehen war, brach Jubel aus. Der Kameramann wusste umgehend, was er zu tun hatte. Er nahm diesen Fan immer mal wieder ins Visier und die Begeisterung in der Arena mündete sogar in „Hey, Hey, Hey-Rufen“. Schon ging es weiter. Man wurde über die Leinwände gebeten, die Taschenlampen an den Handys einzuschalten. Dann wurden Zeile für Zeile die Lyrics des Songs Engel eingeblendet. Challenge accepted. Mitten in diesem Meer von Lichtern wurde es gar romantisch. Alle stimmten mit ein und untermalten diese famose Pianoversion mit Leibeskräften. Die Jungs von Rammstein tauchten derweil auf der kleinen Zweitbühne auf und wurden von dem Klavierduo Jatekok aus dem Vorprogramm unterstützt. Derweil breiteten sich die Glücksgefühle munter im eigenen Körper aus. Ach, könnte man doch die Zeit anhalten. Fragte man sich für ein kurzen Moment, wie die Jungs nun galant auf die Bühne zurückkehren könnten, hatten sie auch schon drei große Schlauchboote parat. Konnte es etwas Schöneres geben, als ausgerechnet jetzt von seinen treuen Anhängern zurück auf die Bühne getragen zu werden? Und die Jungs konnten ihren beseelten Fans direkt in die leuchtenden Augen schauen. Doch die Rammstein Party war noch längst nicht vorbei. Mit dem Kracher Ausländer hielt der Spaß nun wieder Einzug. Till verzichtete an diesem Abend übrigens komplett auf Ansagen. Er ließ es sich jedoch nicht nehmen, den Text abzuwandeln: „Und wenn die Sonne untergeht, und man vor Düsseldorferinnen steht… Ich bin kein Mann für eine Nacht, ich bleibe höchstens EINE Stunde“. Hierbei konnte er sich ein sympathisches Lachen nicht verkneifen. Richard und Paul lieferten zudem ein fantastisches Gitarrensolo. Sie gingen dabei langsam aufeinander zu, bis sie mittig im Lichtstrahl standen. Langsam ließen sie den Song ausklingen, sahen sich an und auf einmal trafen sich ihre Lippen für einen Kuss. Sie umarmten sich kurz und ernteten tosenden Applaus. Was fehlte bisher noch? Richtig, Till’s Ritt auf der Phalluskanone. Das pralle Geschoss kam dann bei dem Titel Pussy zum Einsatz. Hier gesellten sich (abgesehen von Drummer Christoph Schneider) alle Musiker direkt an den Bühnenrand. Somit hatten sie die feiernde Meute gut im Blick. Und wie soll es auch anders sein? Auch hier ließ man sich nicht lumpen. Die Kanone war bis zum Anschlag geladen. Diese stieß immer wieder Schaummassen hervor. Kleine Schaumwölkchen flogen durch die Luft und ließen sich auf der Menge nieder. Dazu wurden auch nochmal die Flittergeschosse im gesamten Stadion aktiviert. Diesmal handelte es sich natürlich um weißen Flitter und es sah aus, als hätten Rammstein mal eben die komplette Arena begattet. Bei den folgenden Songs hat man pyrotechnisch nochmal Vollgas gegeben und die Lichtshow sucht ohnehin ihresgleichen. Etwas vergleichbares mag da schwer zu finden sein. Was hörten wir einige Songs zuvor im Titel Zeit? Man solle aufhören, wenn es am schönsten ist. Zum Finale hieß es: Adieu. Im Stadion kehrte tatsächlich eine sanfte Ruhe ein. Die seltenen, ruhigen Momente erlebt man bei einer sonst so bombastischen Show tatsächlich besonders intensiv. Überall machte sich ein Lächeln breit und es schien, als wollten alle diese Momente nochmal fest im Inneren verankern. Die Arena war nochmal stimmlich vereint „Adieu, Goodbye, Auf Wiedersehen. Die Zeit mit dir war schön.“ Zuletzt erlebten wir eine letzte, unsagbar heftige Feuershow. Flammen, Funken, Lichtstrahlen und Feuersäulen soweit das Auge reichte. Die Jungs legten langsam ihre Instrumente ab, Richard warf noch ein paar Plektren ins Publikum und Till verabschiedete sich mit den Worten „Vielen, vielen Dank. Dankeschön.“ Ein letztes Winken. Und die beiden seichten Outro-Melodien machten klar – das war es nun wirklich. Man ließ das Ganze gerade etwas sacken, während auf der Leinwand noch ein Abspann lief. Und um Punkt 23:00 Uhr rutschte einem doch nochmal das Herz in die Hose, als es ein letztes Mal dieser tierisch laute Knall ertönte.

Es verwunderte nicht, dass die Besucher nach diesem Erlebnis völlig aus dem Häuschen waren. Die letzte Feuerattacke sorgte für glühende Wangen. In diesen 135 Minuten konnte sich einfach niemand diesem besonderen Zauber der Show entziehen. Das Wechselbad der Gefühle, all die Eindrücke die man sammelte, der findig ausgetüftelte Verlauf des Abends. Man war Teil dieser kleinen Rammstein Welt. Alles andere zählte in dieser Zeit nicht. Dieses gewisse Feeling baute sich allmählich auf. Es übermannte und vereinnahmte einen. Man konnte hier nur überwältigt und wie berauscht von Dannen ziehen. An dieser Stelle folgt noch eine warme Empfehlung: Wenn Rammstein eines Tages wiederkehren… Packt eure Mutter, euer Patenkind und euren Postboten ein und seht euch ein Konzert an. Diese Momente kann einem niemand nehmen.

Setlist RAMMSTEIN – Düsseldorf, Merkur Spiel-Arena (18.06.2022)

01. Music For The Royal Fireworks (Georg Friedrich Händel)
02. Armee Der Tristen
03. Zick Zack
04. Links 2-3-4
05. Sehnsucht
06. Zeig Dich
07. Mein Herz Brennt
08. Puppe
09. Heirate Mich
10. Zeit
11. Deutschland (Remix by Richard Z. Kruspe)
12. Radio
13. Mein Teil
14. Du Hast
15. Sonne
16. Engel (Piano Version mit Jatekok) (Z)
17. Ausländer (Z)
18. Du Riechst So Gut (Z)
19. Pussy (Z)
20. Rammstein (ZZ)
21. Ich Will (ZZ)
22. Adieu (ZZ)
23. Sonne (Piano Version) (Outro)
24. Haifisch (Haiswing Remix by Olsen Involtini) (Outro)

Weblinks RAMMSTEIN:
Homepage: https://www.rammstein.de
Facebook: https://www.facebook.com/Rammstein
Instagram: https://www.instagram.com/rammsteinofficial
Twitter: https://twitter.com/RSprachrohr

Fotos und Text: Sandro Griesbach und Nadine Kloppert

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