ROME – Parlez Vous Hate?

ROME - Parlez Vous Hate?
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8.5

Gesamtnote

8.5

Es ist im Dezember 2020, die Welt verharrt zum zweiten Mal in diesem Jahr unfreiwillig unter der Bleischürze, grau, verlangsamt, weggeschlossen mit der verängstigten Ungeduld kleiner Kinder, wilder Tiere, um Fassung ringende Belehrer. Wer raus darf, tut, was getan werden muss. Wer drin bleiben muss, verliert langsam die Lust und den Blick auf Alles, was mal draußen das Leben war. Alle zusammen verlieren wir das Maß: in Sprache, in Empathie, im Maß über Empathie – das scheint nun verhandelbar, wieder über die alten Mechanismen, die zu Brenngläsern werden. Und viele glauben nicht mehr an Dinge, die sie nicht sehen können, vertrauen aber dafür Dingen, die sie leicht miteinander verbinden können. Kurz vor dem Jahreswechsel kündigt Jerome Reuter dann sein 18. Album mit dem Song Panzerschokolade an. Nanu, hatten wir nicht erst im August das letzte Werk des Luxemburgers auf dem Teller liegen, jenes introvertierte, einen eigentümlichen Konservatismus frönenden Album, das ich wegen seiner reichen Ambiguität in den letzten Monaten immer wieder sprachlich wie musikalisch befragt hatte?

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Ende Januar dann fragt Rome: “Parlez Vous Hate?” und ich antworte: “Na klar!”. Wir sind alle echt aufgerieben.

Parlez Vous Hate? ist Romes Pandemie-Album. Freilich wird die Seuche nirgends direkt thematisiert, aber es wäre naiv, wenn man den Neuling nicht systemisch einordnen würde. Klar war Jerome Reuter immer der umtriebige Geist, bei dem nie ein Jahr ohne neuen Longplayer verging. Aber selbst der kurze Abstand zu The Lone Furrow (2020) dürfte überraschen. Aber was soll man schon tun, wenn zum einen alle Clubs geschlossen sind und die Realität überall Inhalt schreit. Man haut es eben raus. Und man haut es (beinahe) alleine raus, denn die sonst so dichten Kollaborationen, die besonders auf dem Vorgängeralbum so hervortraten, bleiben auf Parlez Vous Hate? aus. Das mag zum einen am, nun … Hygienekonzept liegen (Vielleicht dichte ich hier auch nur zu viel Romantik in die kameradschaftlichen Abende in den Aufnahmeräumen …) oder ist schlicht dem neuen Albumkonzept geschuldet. Das nimmt sich nämlich deutlich kompakter, weniger verkopft, kämpferisch und ja – viel eingängiger als The Lone Furrow und auch Le Ceneri de Heliodoro (2019) aus.

Das geschieht, indem Reuter die (Folk-) Songs allgemein dynamischer auf den Punkt bringt, bisweilen sogar Rock- und Punk-Elemente einfließen lässt. Das kann dann schon mal wie im Fall von Born In The E.U. in die Richtung einer ganz bestimmten proletarischen Stadium-Hymne aus Übersee gehen, die nun aber den Odem Romescher Vergeistigung vor sich her trägt. Inwiefern das allerdings besser eine Schnapsidee hätte bleiben sollen, werden wir wohl erst erfahren, wenn wir den Song alle im Refrain live mitgröhlen werden. Sollte es dann überhaupt noch Clubs geben, versteht sich. Da spricht der Titeltrack schon eine dissonantere, mit Säge-Gitarren versehene Sprache und liefert den intendierten Grundtenor des Albums, genussvoll wie eine Abrissbirne: Hier wird nicht mehr verinnerlicht sinniert, sondern in alle Richtungen ausgeteilt. Zeilen wie:

“We’ll burn it all down and call it progress anew/ We’ll put you all in chains and call it freedom, mind you!”

scheinen im gegenwärtig aufgeheizten Geschrei für Jedermann gemacht zu sein. Man darf sich den Schuh anziehen oder man lässt es eben. Parlez Vous Hate? ist eh expressiver Natur und adressiert alle anderen, nur eben nicht einen selbst. Geschieht denen recht.

Ja, an dieser Stelle zeigt Album Nummer 18 den bissigen sarkastischen Unterton, den man sonst von Rome eher wenn, dann nur feinsinnig oder eben melancholisch gewöhnt ist. Die Kürze der Songs und ihre Eingängigkeit täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Reuter auch wieder die ganz klassischen Rome-Stücke liefert. Da wären Death From Above und Blood For All, so typisch in Songstruktur, Lyrics und Samplings, dass man die Songs beinahe intuitiv unter Fanservice gedanklich auf die nächste Setlist speichert. Ähnlich verhält es sich bei Feral Agents, bei denen die Samples auch im Song direkt eingesetzt werden und Percussions an Stelle der Akustikgitarre treten. Keiner dieser Songs ist ein schlechter Song. Doch zeigen sie, dass Rome eben doch nicht so ganz aus seiner Haut kann. So sind Der Adler trägt kein Lied und Alesia auch die dunklen pathoszehrenden Sehnsuchtsstücke auf Parlez Vous Hate?, für die wir das Luxemburger Projekt in den letzten 16 Jahren lieben gelernt haben. You Owe Me A Whole World sticht mit knurrender Bissigkeit und beißender Anklage fast nachlässig, rotzig und druckvoll gespielt dann noch einmal zwischen all der Vertrautheit hervor.

Mit dem neuen Album liefert uns Reuter Rome in allen bekannten Facetten: Folk, Rock, ein bisschen Ambient, Punk und Panzerschokolade und verbindet damit Berlin (2006) über Flowers From Exile (2009) und A Passage To Rhodesia (2014) zu Parlez Vous Hate? Denn sind die damals frei verkäuflichen Göring-Pillen, die zum großen Teil Methamphetamin enthielten, heute nicht der verteufelte wie teuflische, kriminalisierte, fiebrig in riesigen Mengen gekochte, ruhelose Taktgeber entgrenzter Entmenschlichung, deren Konsum sich durch alle Klassen zieht? Der Longplayer startet und schließt mit instrumentalen Stücken: das eine aus der Konserve (Shangri Fa), das andere aus der Ambient-Küche (Fort Nera, Eumesville) – eine Klammer aus Eindrücken – maßgeschneidert.

Parlez Vous Hate? scheint jedenfalls das flackernde Abbild eines Zeitgeistes und obwohl ein sehr gutes Album, in der Reihe der Werkschau von Jerome Reuter  in späterer Rückschau vielleicht nur ein Einschub.

Parlez-Vous Hate? ist in verschiedenen Versionen am 29. Januar bei Trisol Music Group erschienen.

Tracklist ROME – Parlez-Vous Hate?:

01. Shangri-Fa
02. Parlez-Vous Hate?
03. Born In The E.U.
04. Death From Above
05. Panzerschokolade
06. Der Adler Trägt Kein Lied
07. Toll In The Great Death
08. Feral Agents
09. You Owe Me A Whole World
10. Blood For All
11. Alesia
12. Fort Nera, Eumesville

Weblinks ROME:

Facebook: https://www.facebook.com/romeproject
Instagram: https://www.instagram.com/romeneofolk

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