John O’Connell – BOWIES BÜCHER

John O’Connell – BOWIES BÜCHER
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Literatur, die sein Leben veränderte

Wissen wir bereits alles über David Bowie? Gibt es noch irgendetwas, das wir erfahren sollten? Ist die Ambivalenz zwischen dem schillernden Chamäleon, dem bleichen Herzog, dem zurückgezogen lebenden Familienvater und dem prophetischen Schmerzensmann seiner letzten Lebenstage dechiffriert? Es gibt wohl kaum einen zweiten Künstler, der in ähnlicher Weise eklektischer Baumeister seiner Selbst war, virtuos der Kunst immer einen Schritt voraus und doch vom Mainstream oft unverstanden blieb, obwohl man sich dort gern mit ihm schmückte. Gegen David Bowie hat niemand was zu haben. Jeder liebt ihn. Er war in seiner zauberhaften, intellektuellen Exzentrik sakrosankt. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, erhalten wir in Buchform nun auch noch folgende Information: Der Mann, der anhaltend sechs Jahrzehnte musikalisch in einer Weise prägte, dass Musiker:innen nahezu aller Genres ihn als ihren maßgeblichen Einfluss nennen, der direkt oder indirekt selbst Pate verschiedener Genres war, liebte Bücher und hat exzessiv gelesen. Mehr noch: Der Inhalt dieser Bücher habe den Künstler nachhaltig geprägt und Eingang in sein Gesamtwerk gefunden.

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Nun kommt es dann und wann vor, dass sich Künstler:innen für mehr als nur eine Kunstform interessieren und daraus ihre Inspiration ziehen. Sehr viele sind erfolgreich in mehr als einer Disziplin unterwegs. Und so liest sich diese Information auf David Bowie bezogen erst einmal wie eine Binsenweisheit und die Tatsache, dass man daraus nun ein Buch macht, schmeckt erst einmal nach dem leidlichen Versuch, hier noch einmal etwas abzugreifen.

Aber der Journalist John O’Connell weiß doch deutlich mehr zu berichten. Die Liebe Bowies zu den Büchern ging wirklich sehr weit. So reiste der Musiker mit speziellen Bibliothekskoffern und war auf Tourneen gern mal mit bis zu 1500 Bänden unterwegs. Die Idee zu Bowies Bücher fußt auf der Ausstellung David Bowie Is, die von Victoria & Albert von London aus, zwischen 2013 bis 2018, rund um die Welt ging. Neben sehr vielen Devotionalien – etwa 500 Objekten aus dem Privatarchiv des Künstlers – gab es eben auch jene Liste, die Bowie drei Jahre vor seinem Tod verfasst hatte. Sie umfasst 100 Bücher, die aus seiner Sicht sein Leben am meisten geprägt haben. Neben dieser Liste, wurden seinerzeit selbstverständlich auch sämtliche Bücher ausgestellt, was für sehr viel Aufsehen sorgte. Und eben jene Liste war für O’Connell eben der Schatz, auf dem sich sein Buch gründen sollte. Und ein Schatz ist es in der Tat.

Jeder will selbstverständlich wissen: Was steht dort denn alles drauf? Oder noch besser: Warum? Oder Warum dies und nicht jenes? Das Buch, und so beschreibt es O‘Connell selbst, kann als Vieles gelesen werden. Es ist zum einen biographischer Abriss. Denn es ist möglich, die Bücher in eine Reihenfolge zu bringen, in der sie Bowie beeinflusst haben mögen. Sie selbst erscheinen auf der Liste nicht in einer solchen. Zum anderen ist es sozialgeschichtlich interessant. Welche Bücher haben in welchem Zeitraum welche Bedeutung gehabt? Denn es finden sich nicht allein belletristische Bände in der Liste. Oder ist die Aufzählung reine Selbstdarstellung und Inszenierung? Wir wissen es, Bowie liebte so etwas. Wie viel von den Romanfiguren findet sich im Thin White Duke oder den Spiders Of Mars?

John O’Connell hat akribisch recherchiert. Er wird alle diese Bände gelesen haben. Mehrmals hat er David Bowie zu Interviews getroffen. Er hat ihn über Jahre journalistisch begleitet. Die Liste, die Bowie über seine Bücher hinterlassen hat, war ohne jeden Kommentar. O’Connell ordnet jedes Buch ein, schreibt etwa eine Seite über Autor, Inhalt und Rezeption zur Entstehungszeit und zu der Zeit, von der er annimmt, dass der Künstler es gelesen haben könnte. Am Ende jedes Kapitels gibt es einen zum Buch passenden Song-Tipp – auch da kann man bei dem Superstar ja aus den Vollen schöpfen – und einen weiteren Buchtipp. Vieles vom dem, was John O‘Connell schreibt, ist Spekulation, vieles aber auch sehr gut recherchiert. Über Bowies Bücher lernt man den Künstler noch einmal ganz neu kennen. Darüber hinaus bekommt man eine Liste großartiger Literatur an die Hand, die zum Rein- und Weiterlesen anregt. Ein gelungenes, kurzweiliges Buch. Eine unterhaltsame und lehrreiche Schnitzeljagd.

Zum Anfixen, hier die ersten sieben Einträge von Bowies Bücher – sehr bunt, sehr abwechslungsreich :

1. Anthony Burgess, Clockwork Orange (1962)
2. Albert Camus, Der Fremde (1942)
3. Nik Cohn, Awopbopaloobop Alopbamboom (1969)
4. Dante Alighieri, Inferno (ca.1320)
5. Junot Diaz, Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao (2007)
6. Yukio Mishima, Der Seemann, der die See verriet (1963)
7. Frank O’Hara, Selected Poems (2009)

Bowies Bücher – Literatur, die sein Leben veränderte ist am 26. Juni im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Weblinks Bowies Bücher:

Verlag: https://www.kiwi-verlag.de/buch/john-o-connell-bowies-buecher-9783462053524
Bowie: https://www.facebook.com/davidbowie 

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