PIXIES – Frankfurt, Jahrhunderthalle (11.10.2009)

Geschätzte Lesezeit: 6 Minute(n)

Konzert: Pixies
Ort: Jahrhunderthalle, Frankfurt
Datum: 11.10.2009
Zuschauer: vielleicht 3.500 (nicht ausverkauft)
Dauer: Pixies 75 min, Dinosaur Pile-Up 30 min

Vier Bands prägten meine alternative musikalische Früherziehung ganz besonders: die Smiths, Violent Femmes, Pixies und mit einem wenig Abstand (nach hinten) The Cure – vielleicht mochte ich die wegen des Singular-Bandnamen etwas weniger. Live gesehen habe ich damals aber keine der vier; erst viel später holte ich zumindest einmal The Cure nach. Als mein Interesse daran kleiner war, wäre ab und zu die Gelegenheit da gewesen, die Pixies, die einzige amerikanische Band, die ich vor zwanzig Jahren wirklich vergöttert habe, auch einmal live zu erleben. In letzter Zeit leider nicht. Und da schlug dann der sozialpsychologische Effekt der Knappheit gnadenlos zu, je schwieriger die Band zu sehen war, desto größer der Trieb, ohne weiteres Nachdenken hinzugehen.

Eigentlich war das Risiko nämlich zu hoch. Eine Band, deren Werk man anhimmelt und die man immer mehr in den eigenen Musik-Olymp hebt, kann eigentlich nur enttäuschen. Und dann die Trennung, die immer wieder zitierte schlecht gewordene Stimme des Frontmanns… viel Potential für Ernüchterung!

Aber drauf gepfiffen; das Prinzip der Knappheit interessieren keine Bedenken und ich hatte mein Ticket.

Frankfurt war ein schön ausgewählter Ort für die Doolittle Jubiläumstour, weil in der angestrebten Hallengrößen-Kategorie die dortige Jahrhunderthalle zu den besseren Vertreterinnen zählt. Auf dem Weg hin war uns sehr klar, was uns im Zuschauerraum erwarten würde. Lediglich beim Frauenanteil gab es im Wagen unterschiedliche Theorien, die schwankten zwischen 20 % und fünf (einzelnen Frauen), die dann aber alle über 30. Im strömenden Regen vor der Halbkugel Jahrhunderthalle zeigte sich da schon einmal unser außerordentlicher Sachverstand. Überall Frauen weit unter 30, viele auch jünger als die Platte, die heute gespielt werden sollte. Na das fing ja schon einmal gut an!

Falsch auch meine Vorstellung, das Konzert werde selbstverständlich ausverkauft sein. Gut besucht, ja; ausverkauft allerdings bei weitem nicht.

Punkt acht begann eine dreiköpfige Vorgruppe, The Dinosaur Pile-Up, von denen ich bisher nichts kannte. Die drei Engländer (Matt, Tom und Steve) haben eine klassische Instrumentierung: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Und sie hatten offenbar einen Plan. Analog dem Fußballmotto "Wenn wir hier nicht gewinnen, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt" des kürzlich verstorbenen Rolf Rüssmann, knallten die Briten mit einer brachialen Lautstärke drauflos, bis es plötzlich qualmte. Eine Monitorbox hatte sich ob der vielen Dezibel zur Flucht durch Verschmoren entschieden!

Mir war nicht nach Flucht. Dinosaur Pile-Up waren nicht verkehrt. Sie erinnerten mich stark an Ash, allerdings an deren härtere Phasen. Aber Stimme und Melodiestrukturen hatten enorme Ähnlichkeit mit den Iren. Und weil ich die sehr mag, gefielen mir auch Dinosaur Pile-Up gut. Nicht so gut, dass ich gleich eine CD gekauft hätte (haben sie wohl auch noch nicht; bisher gibt es nur eine EP), weh taten die 30 Minuten aber nur wörtlich, nicht im übertragenen Sinne.

Am Bühnenlayout änderte sich beim Umbau nichts Grundsätzliches. Nur das vordere Drittel der breiten und tiefen Bühne sollte genutzt werden. Der Rest wurde für Scheinwerfer genutzt, die eine Art Lampionknochen an der Decke beleuchteten. Glücklicherweise dauerte der Umbau nicht allzu lange, da als Umbaumusik unerträglicher Metal-Lärm lief.

Kurz nach neun begann ein Einspielfilm auf dem Display auf der Rückwand. Nach der Einblendung des Tagesmottos "Il ├ętait une fois" liefen ruckelige Bilder im Stil eines 20er Stummfilms. Als der beendet war und das Licht in der Halle endlich ausging, erschienen die Bostonians unter riesigem Jubel. Man hörte wirklich nicht, dass der Saal und die Sitzplatztribünen nicht voll waren.

Kim Deal, die, wie man so wenig schön neudeutsch sagt, on-off-Bassistin der Pixies, war dabei. Und sie sollte mir im Lauf des Abends viel Spaß machen, weil sie mit kurzen Kommentaren den Ablauf moderierte. Sie gehörte jedenfalls dazu, hatte offensichtlich gute Laune und wirkte nicht so, als wolle sie gleich ihr Instrument Richtung Gesangsmikro schleudern. An dem stand Gitarrist und Frontmann Black Francis (oder Frank Black oder eigentlich Charles Thompson) ohne Sonnenbrille aber mit eindrucksvollem Stiernacken.

Komplettiert wurde die Band durch die beiden mehr oder weniger haarlosen Joey Santiago an der Gitarre und David Lovering am Schlagzeug.

Es begann mit B-Seiten; mit denen der ?Monkey Gone To Heaven? 12", konsequenterweise in umgekehrter Reihenfolge, unterbrochen allerdings vom ?Bailey’s Walk? von ?Here Comes Your Man?. Ein cleverer Auftakt, wie ich fand. Alle Stücke sind knackig kurz, sodass nach vielleicht acht Minuten auf den Displays "Doolittle" erschien und das vielumjubelte ?Debaser? angestimmt wurde. Da Doolittle streng werkstreu gespielt wurde, kamen jetzt keine Überraschungen. Der Schreihals ?Tame? folgte, bevor mit ?Wave Of Mutilation? und ?I Bleed? zwei meiner Lieblinge kamen. Und gerade der Übergang zwischen ?Tame? und ?I Bleed? beeindruckte mich, denn Black-Frank-Charles‘ Stimme funktionierte beim ruhigen Duett ?I Bleed? hervorragend, obwohl er sich wenige Minuten vorher noch die Seele aus dem Leib gebrüllt hatte. Die angedrohten Stimmprobleme waren da für mich nicht feststellbar und der Abend fühlte sich nach einem Konzert des Jahres an.

Und das hielt noch eine Weile. Auch ?Here Comes Your Man? und ?Dead? hinterließen mich euphorisiert, bevor ausgerechnet ?Monkey Gone To Heaven? einen Knick darstellte. Die wichtige Single war zu lahm, und das wirklich wörtlich gemeint. Der Refrain des Stücks klang ein Stück stockender als auf Platte, fast schon geschleppt. Charles hätte da einen Tritt in den Hintern bekommen sollen, um richtig loszulegen, das traute sich aber offenbar niemand; verständlich beim gewinnenden Äußeren des Sängers.

Dieses Abbremsen versaute mir zwar weder Konzert noch Abend, ein über allem anderen stehendes Erlebnis war damit aber vorbei.

Während der Sänger nicht mit uns sprach, sagte Kim Deal wie erwähnt die Stücke an. "Wir sind immer noch auf der ersten Seite" und ähnlich. Ganz köstlich ihre Frage vor ?Monkey Gone To Heaven. "Sollen wir die erste Seite noch beenden oder gleich zur zweiten übergehen? Erste oder zweite?" Da niemand richtig reagierte, zeigte auch Frank mit seinen Fingern die Frage. Kim Deal spielte dann sogar die ersten Töne von ?Mr. Grieves?, dem Eröffnungsstück der B-Seite, hielt den Bluff aber natürlich nicht durch!

Die zweite Seite der Platte ist etwas schlechter als die erste, sie lag früher häufiger mit dem Gesicht nach unten auf meinem Plattenspieler. Trotzdem enthält sie natürlich auch einige großartige Titel, die an ihrem Reiz in den vergangenen Jahren nichts eingebüßt haben, ?Hey? oder ?Gouge Away? beispielsweise sind besser als 99% der neuveröffentlichten Indie- und Alternativelieder, ohne jeden Zweifel.

"We’re almost done with the b side" kurz vorher, und dann war nach 50 Minuten erst einmal Schluss! Aber da ja noch zwei B-Seiten von ?Here Comes Your Man? fehlten, waren die ersten Zugaben klar.

Sehr charmant verabschiedeten sich die vier in die Jahre gekommenen Musiker. Sie kamen nach vorne, gingen an beide Seiten des Bühnenrands und winkten. Auch Francis wirkte dabei gutgelaunt und freundlich, ganz anders als ich ihn mir vorgestellt hatte. Das Bedanken setzte sich dann niedlich fort. Charles, Kim, David und Joey verbeugten sich immer wieder. Allerdings auf der Videowand… Da machten sie immer wieder Diener und andere (Be-)jubel-Posen, toll! Die Pause dauerte eine ganze Weile, aber die Band sah uns ja zumindest digital an.

Ganz konsequent spielten die Pixies dann zunächst auch die abgewandelte Version des bereits vorgetragenen ?Wave Of Mutilation (UK surf)?, es ist schließlich eine B-Seite, und die werden gespielt, basta! Wie unendlich schade, dass die Debaser EPs erst Jahre später erschienen sind. Auf die Live-EP wäre ich gespannt gewesen…

?Into The White Light? (wieder perfekt umgesetzt mit weißen Spots), das wohl längste Lied des Abends, beendete den ersten Zugabenblock. Überall kamen die Ostküstler dann wohl nicht wieder, in anderen Städten der Geburtstagstour allerdings für eine sehr lange zweite Zugabe. Frankfurt lag mittendrin. Sie erschienen wieder, spielten aber nur noch drei weitere Lieder: ?Something Against You?, ?Vamos? von Surfer Rosa und ?Isla De Encanta? von Come on Pilgrim. Und damit endete es leider schon, nach eineinviertel Stunden natürlich viel zu früh. Die vier Musiker, ließen sich am Bühnenrand feiern und verschwanden.

Ich fand den Auftritt gut, streckenweise deutlich mehr. Aber das lustlos-lahme ?Monkey Gone To Heaven? hatte den Funken ausgepustet, der am Anfang hell brannte. Die befürchtete Enttäuschung war der Abend aber keinesfalls, hier haben sich Helden mir gegenüber nicht blamiert; was mich nicht weiter überrascht hätte. Es ist also glimpflich ausgegangen. Ich sollte mein Glück aber nicht strapazieren und habe mir vorgenommen, es bei dem einen Pixies-Konzert zu belassen und sie beim nächsten Mal auszulassen, auch wenn mich das 20er Bossanova Konzert reizte…


Setlist:

01. Dancing The Manta Ray
02. Weird At My School
03. Bailey’s Walk
04. Manta Ray
05. Debaser
06. Tame
07. Wave Of Mutilation
08. I Bleed
09. Here Comes Your Man
10. Dead
11. Monkey Gone To Heaven
12. Mr. Grieves
13. Crackity Jones
14. La La Love You
15. No. 13 Baby
16. There Goes My Gun
17. Hey
18. Silver
19. Gouge Away
20. Wave Of Mutilation (UK Surf) (Z)
21. Into The White Light (Z)
22. Something Against You (Z)
23. Isla De Encanta (Z)
24. Vamos (Z)


Autor : Christoph (Konzerttagebuch.de)

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