NOCTURNAL CULTURE NIGHT 2017 – Deutzen, Kulturpark (08.-10.09.2017)

Phillip Boa And The Voodooclub, © Thomas Bunge
Phillip Boa And The Voodooclub, © Thomas Bunge
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Endlich ist es wieder so weit: Das kleine, aber feine Nocturnal Culture Night-Festival geht in die 12. Runde und wartet wieder mit einem sehr gelungenen Programm auf. Nicht nur musikalisch hat Veranstalter Holger Troisch wieder tief in die Trickkiste gegriffen. Auch das Rahmenprogramm in Form von Lesungen und Stummfilm-Vorf√ľhrungen und den Aftershow-Parties am Freitag und Samstag ist wieder sehr vielf√§ltig und findet sicher zahlreiche Zustimmung. F√ľr das leibliche Wohl ist ebenfalls bestens gesorgt. Rundherum steht den aus nah und fern angereisten Fans ein gut organisiertes Festival-Wochenende bevor.

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Freitag, 08.09.2017:

Der Freitag liegt fast ganz in schwedischer Hand. Das heutige Programm auf der Parkb√ľhne wird von Red Mecca er√∂ffnet. Im Vorjahr waren Jan Strandqvist und Frida Madeleine bereits zum ersten Kennenlernen beim NCN, √ľberzeugten das Publikum und gewannen damit das Newcomer-Voting. Das Electronica-Duo l√§dt zum Tanzen und Tr√§umen ein. Die zarte Stimme von Frida und die ambientartigen Synths ergeben eine perfekte Symbiose und ziehen den Zuh√∂rer in ihren Bann.

Me The Tiger, ebenfalls aus Schweden, erwecken die Weidenbogenb√ľhne mit ihrem Electro-Pop aus der einj√§hrigen Pause. Das Trio hat sein neues Album What Is Beautiful Never Dies im Gep√§ck und will damit an die Erfolge vom ersten Auftritt beim NCN im Vorjahr ankn√ľpfen. Energiegeladene Sounds lassen die F√ľ√üe nicht lange still stehen.

Ab 18.50 Uhr stehen Sturm Caf√© auf der Amphib√ľhne und bringen mit den treibenden Beats und den abstrakten Texten die ersten Reihen zum ausgiebigen Abhotten. Die schwedischen EBMer werfen mit Schei√ünormal, Sicherheit, Stiefelfabrik und Sonne sehr schwungvoll die Tanzmaschinerie an. S√§nger Jonatan L√∂fstedt und sein Mitstreiter Gustav Jansson wissen, wie man eine Party in Gang bringt und die Fans tanzen und feiern.

Auf der Weidenbogenb√ľhne haben sich inzwischen Ruined Conflict, die amerikanische Kopie von VNV Nation, platziert. Ja, sie wollen sich vom Original abheben, gelingt aber eben nur fast. Selbst dem unge√ľbtem Zuh√∂rer entgeht die √Ąhnlichkeit nicht. Dies tr√ľbt aber das Konzerterlebnis nicht wirklich. Die sph√§rischen Sounds, die warmen Melodien und die markante Stimme ziehen das Publikum in den Bann.

Die Girls Under Glass sind eine der richtig lange bestehenden Bands beim diesj√§hrigen NCN. Bereits 1986 gegr√ľndet, haben sich nat√ľrlich entsprechend viele Fans aller Altersstufen auf den R√§ngen vor der Amphib√ľhne versammelt. Den ersten Teil des Konzerts bestreitet Thomas ‚ÄěTom‚Äú L√ľcke am Mikro, der mit seinen Verrenkungen schon manchmal ein bisschen angsteinfl√∂√üend aussieht. Die 90er Jahre, also Teil 2, √ľbernimmt dann Volker Zacharias, was wirklich sehr viel schwungvoller klingt und aussieht. Wall of Sound, Flowers, das Madonna-Cover Frozen, Burning Eyes und das von beiden S√§ngern gemeinsam gesungene Ohne dich sind nur einige der gespielten Titel. Vielleicht hat der eine oder andere die Girls wieder neu f√ľr sich entdeckt.

Richtig flott geht es auf der Parkb√ľhne weiter. Mr. Kitty, der Synthie-Popper aus Texas, umschmeichelt mit sehr tanzbaren und mitrei√üenden Songs die F√ľ√üe der Zuh√∂rer. Sein 2017 ver√∂ffentlichtes Album A.I. ist schon eine wunderbare Quelle von Dancefloor-Abr√§umern, die auch im Ged√§chtnis bleiben.

Headliner des ersten NCN-Tages sind Covenant aus Schweden. Die Arena ist sehr gut gef√ľllt, der blaue Nebel wabert von den B√ľhne in den Deutzener Himmel und alle warten gespannt auf Eskil und seine Crew. So starten die Jungs mit dem Leiermann auch gleich voll durch und heizen die Stimmung vor der Amphib√ľhne ordentlich auf. Gespielt werden viele alte Titel, aber auch die Songs der neuen Platte The Blinding Dark kommen nicht zu kurz. Man leidet mit Eskil, der sich dem gesungenen Weltschmerz hingibt, l√§sst sich von dem vor Energie strotzenden Daniel Jonasson zum Herumspringen mitreissen oder nickt einfach nur cool im Takt wie Daniel Myer. Zum Schluss bleibt kein Bein ruhig und fast kein musikalischer Wunsch offen.

Samstag, 09.09.2017:

Ab 14.30Uhr l√§dt der J√§ger 90 zu einem Rundflug √ľber Deutzen ein. Mit Pilotenhelm und -brille bewaffnet donnert der J√§ger mit H√∂chstgeschwindigkeit los. Am Sonntag ist Krieg, Dessau und das mit Thomas Anders legend√§rem Umh√§ngekeyboard gespielte Magic Fly animieren zu einem kleinen Ausdauertraining. Es wird gestampft und getanzt. S√§nger und Pilot Thoralf Dietrich ist eine Rampensau par Excellence und bringt eine sehr energiegeladene EBM-Performance auf die gro√üe B√ľhne.

Die Melancholie h√§lt mit dem Auftritt von den Golden Apes Einzug auf der Weidenbogenb√ľhne. Nat√ľrlich darf der obligatorische Regenguss zum NCN in Deutzen nicht fehlen und hier passt er ja ganz eindeutig zur Stimmung dazu. Ebenso unverzichtbar ist die Zigarette in Peer Lebrechts Hand. Diese Stimme scheint nicht von dieser Welt zu sein. Die Berliner Indie-Rocker ziehen eine Menge Fans an, die sich vor der B√ľhne im Takt wiegen und sich dabei der √ľbertragenen Schwermut hingeben.

Die Neugier auf Boytronic ist bei den NCN-Besuchern sehr gro√ü, denn vor der Amphi-B√ľhne ist schon ganz sch√∂n Betrieb. In neuer Besetzung hat die Synthiepop-Formation um S√§nger James Knights in diesem Jahr ein neues Album zusammengebastelt. Und obwohl die gespielten Titel alle gut klingen und auch den erwarteten 80er Jahre-Charme aufbringen, warten doch alle nur gespannt auf den gr√∂√üten Hit der Band: You aus dem Jahr 1983.

P√ľnktlich um 20.05 Uhr betritt ein weiteres Szene-Urgestein die Amphib√ľhne. Entsprechend voll ist es auch in den R√§ngen. Oswald Henke und seine Goethes Erben sind wieder auf Tour und beehren die s√§chsische Provinz mit einem herrlich abgerundetem Programm. Unterst√ľtzt wird die Band von der bezaubernden Sonja Kraushofer, die sowohl stimmlich als auch optisch sehr gut ins Bild passt. Der neue Titel Lazarus, Lebend lohnt es, Mensch sein, Himmelblau erklingen, ebenso die Zinnsoldaten. Eine mystische Stimmung verbreitet sich als die Kerzen in den vorderen Reihen verteilt werden. Grau wird es dann bei Oswald Henkes Hotelzimmer-Erfahrungen, einer sehr interessanten Performance. Offensichtlich geh√∂rt es im Moment zum guten Ton, bei Live-Konzerten einen obligatorischen David Bowie-Ged√§chntnissong zu spielen. Auch so bei den Erben. Oswald Henke und Sonja Kraushofer huldigen ihrem Idol mit Heroes. Der Sitz der Gnade bildet dann einen fulminanten Abschluss. Dieses Konzert macht Lust auf mehr.

Eine Prise Dark Wave kann man auf der Parkb√ľhne bei Lebanon Hanover schnuppern. Mit sehr melodischer und tanzbarer Tracks √ľberzeugen Larissa Iceglass und William Maybelline von ihren musikalischen F√§higkeiten. Das zahlreiche Publikum vor der B√ľhne scheint jedenfalls hingerissen.

Den Samstag beschlie√üen Phillip Boa and the Voodooclub auf der Amphib√ľhne. Die bereits in den 80er gegr√ľndete Indie-Band ist ja fast ein Stammgast in und um Leipzig, so auch bereits zum zweiten Mal hier in Deutzen. Da es sich auch hier um ein Fossil der Szene handelt, ist das Interesse gro√ü.

Sonntag, 10.09.2017:

Das Mittagsprogramm auf der Weidenbogenb√ľhne bestreiten Empathy Test aus Gro√übritannien. Nach eigenen Angaben noch nicht ganz ausgeschlafen, legt sich die jugendlich frische Synth Pop-Band dennoch gleich richtig ins Zeug. Wer diese Band bisher nicht kannte, wird sie sp√§testens jetzt so schnell nicht mehr aus dem Ged√§chtnis bekommen. Mit Titeln wie Here is the Place und Losing Touch kommen die Jungs von der Insel sehr gut an. Es wird nicht nur eifrig im Takt genickt, sondern auch getanzt. S√§nger Isaac Howlett ist trotz der ‚Äěfr√ľhen Morgenstunden‚Äú sehr mitteilsam, bedankt sich zwischendurch immer wieder beim Publikum und bewirbt auch flei√üig die k√§uflich zu erwerbenden Musikerzeugnisse. Der anschlie√üende Sprint zum Merchandisestand an der Amphib√ľhne ist leider nicht von Erfolg gekr√∂nt. Alles ausverkauft! Schade!

Aus dem Mittagstief hilft uns Lucifer’s Aid auf der Amphib√ľhne. Die Fans der harten T√∂ne kommen hier voll auf ihre Kosten. In den ersten Reihen hat sich auch eine kleine Schar zum Cardin-Training eingefunden, es wird getanzt und gearbeitet. Da schlagen die EBMer-Herzen h√∂her!

Beschaulicher geht es da bei Saigon Blue Rain auf der Parkb√ľhne zu. Die DreamPop/Darkwave-Band aus Frankreich zieht jeden Zuh√∂rer in ihren Bann. S√§ngerin Oph√©lie bringt sehr viel Leidenschaft in ihren sirenenhaften Gesang. Die Songs sind fast durchweg tanzbar und bei den langsameren Balladen kann man sich einfach nur treiben lassen und tr√§umen. Das Trio kommt sehr gut beim Deutzener Publikum an und wird mit viel Applaus verabschiedet.

Auf der kleinen Kulturb√ľhne bekommt man dann anschlie√üend auch was f√ľr Augen und Ohren geboten. Otto Dix aus Russland bieten etwas f√ľr fast alle Sinne. Das 2004 gegr√ľndete Trio ist in seiner Heimat sehr popul√§r und versucht sich an der Eroberung der europ√§ischen Szene. Man kann sich dem Anblick von S√§nger Michael Draw einfach nicht entziehen und dennoch kaum glauben, das diese Stimme irdisch ist. Die Texte sind leider unverst√§ndlich, da ausschlie√ülich russisch gesungen wird. Dennoch f√ľhlt man sich sofort mitgezogen und wie hypnotisiert, nicht zuletzt durch die melancholischen und scheinbar schwerm√ľtigen Kompositionen.

Das optische Highlight des Sonntags ist sicher der Auftritt von Spectra*Paris auf der Weidenbogenb√ľhne. Die Pl√§tze in den ersten Reihen sind angesichts des Ultraminis von Elena Alice Fossi sehr begehrt. Das Nebenprojekt der Kirlian Camera-S√§ngerin verspricht eine musikalische Zeitreise in die 80er Jahre. Das 2017 ver√∂ffentlichte Album Retromachine Betty weckt nat√ľrlich Erwartungen an diesen Auftritt am sonnigen Sonntagnachmittag. Zu Beginn gibt es technische Probleme, die erst beim dritten Lied behoben sind. Wer eine 1:1 Kopie von Kirlian Camera erwartet hat, wird entt√§uscht. Elena Fossi hat in Spectra*Paris ihren eigenen Stil gefunden. Leider will der Funke zum Deutzener Publikum nicht so recht √ľberspringen. Eigentlich schade, denn sowohl optisch als stimmlich macht Spectra*Paris etwas her.

Parallel dazu haben sich Ash Code aus Italien auf der Parkb√ľhne eingerichtet. Beim NCN 2015 noch auf der alten Weidenbogenb√ľhne gesetzt, braucht es heute deutlich mehr Platz f√ľr das interessierte Publikum. Die drei Electrowaver sind erst vor kurzem von ihrer S√ľdamerika-Tour zur√ľckgekehrt und sind nun wieder in Europa unterwegs. Erst 2014 gegr√ľndet, hat die Band bereits eine ansehnliche Fangemeinde, die sich auch heute vor der B√ľhne eingefunden hat. Eine aufw√§ndige B√ľhnenshow ist hier nicht notwendig, die sehr tanzbaren Songs des Trios machen dies √ľberfl√ľssig. Und auch die langsameren Balladen sind eing√§ngig. Die warme Nachmittagssonne will nur nicht so recht zur Grundstimmung der Songs passen.

Daf√ľr passt die Sonne perfekt zum nachfolgenden Act auf der gro√üen Amphib√ľhne. Die R√§nge f√ľllen sich zusehends, was wohl an der Popularit√§t der Band liegt. Sigue Sigue Sputnik sind die absoluten Paradiesv√∂gel unter dem diesj√§hrigen Line-up und ein toller Hingucker. Zwischen Rock¬īn Roll, Glitter, Psychobilly und Elektropunk angesiedelt, bedient die Band ein breites musikalisches Spektrum. Gitarrist Tony James tr√§gt heute Fetisch mit Pferdeschwanz und S√§nger Martin Degville einen orangefarbenen Anzug mit dazu passenden Pumps. Also hat sich neben der Musik auch der Kleidungsstil weiter entwickelt. Na, wer’s tragen kann! Wenn man sich an die aufregende Optik gew√∂hnt hat, kann man sich ganz auf die fabrizierten T√∂ne konzentrieren und die k√∂nnen sich wirklich h√∂ren lassen. Die Band ist super drauf und hat sichtlich Spa√ü am Spiel. Nat√ľrlich werden Sigue Sigue Sputnik daf√ľr mit reichlich Beifall und einem feiernden Publikum belohnt.

Der Sonntags-Headliner und kr√∂nende Festivalabschluss sind in diesem Jahr Suicide Commando. Das bereits 1986 gegr√ľndete Electro-/Industrialprojekt mit seinem wohl bekanntesten Dancefloorkracher See you in Hell will noch einmal die Massen zum Tanzen bringen. Das 2017 ver√∂ffentlichte Album Forest of the Impaled birgt da eine Menge Potenzial. Selbst nicht eingefleischte Fans kommen da in Wallung und so tanzt das Deutzener Publikum in die Sonntagnacht in Vorfreude auf die Nocturnal Culture Night 13.

Zum Abschluss noch eine Reihe weiterer Impressionen:

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