Prophecy Fest 2017 – Samstag (29.07.2017)

NOETA © Thomas Papenbreer
NOETA © Thomas Papenbreer
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Wir starten in den Samstag mit ein paar Impressionen vom Veranstaltungsort.

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Lotus Thief (11:50) ‚Äď Occult Witchcraft from California
Das Samstag-Programm startete fr√ľh … zu fr√ľh f√ľr uns. Mit √ľber einer Stunde Versp√§tung erreichten wir die H√∂hle, um √ľberrascht festzustellen, dass es die Veranstalter mit der P√ľnktlichkeit wohl auch nicht so genau genommen hatten. Was zu der Versp√§tung f√ľhrte, wissen wir nicht. Was sich jedoch im Verlauf des Tages herausstellen sollte: sie w√ľrde uns begleiten, sich weiter ausbauen und auf die kommenden Auftritte auswirken.

Nun packten wir aber die unverhoffte Gelegenheit beim Schopf und sahen uns erst einmal √§u√üerst innovativen, okkulten Post-Black Metal aus San Francisco an. F√ľr Lotus Thief war es der erste Auftritt in Europa. Im Herbst 2016 hatten diese ihren Longplayer Gramarye √ľber das Label ver√∂ffentlicht. Die stark ambientlastigen St√ľcke, die immer wieder von wahren Ausbr√ľchen harter Riffs, kreischendem Keyboard und zweistimmigem weiblichen Gesang durchbrochen werden, wurden vom Publikum sehr erfreut aufgenommen. Selbiges war erstaunlicherweise beinahe vollz√§hlig wieder vor der B√ľhne in der H√∂hle angetreten. Im Ernst, habt Ihr alle dort √ľbernachtet?

The Moon And The Nightspirit (13:20) – M√§rchenhafte Gespinste aus Feenstaub und Bl√ľtennektar
Dem Auftritt von The Moon And The Nightspirit hatte ich mit gemischten Gef√ľhlen entgegengesehen. Zwar haben mir ihre vertr√§umten, filigranen Kompositionen immer sehr gut gefallen. Aber gerade auf ihrem letzten Album Metanoia waren mir wieder einmal die Schwierigkeiten der Band, Akzente zu setzen, aufgefallen. Ein Song gleicht zu sehr dem n√§chsten und ich machte mich auf 60 Minuten homogen-vertr√§umte Folk-Balladen gefasst. Sehr froh war ich, dass ich mich dann doch geirrt hatte, denn The Moon And The Nighspirit waren wirklich zauberhaft und wie geschaffen f√ľr das archaische Ambiente in der H√∂hle. Dem stellten sie einen zerbrechlichen Kontrapunkt auch M√§rchen und Schamanismus entgegen. Besonders beeindruckend war dabei Agnes Toths filigrane und dennoch kraftvolle Stimme, die f√ľr eine Stunde die Grenzen zu einer anderen Welt aufweichte und f√ľr leuchtend-entr√ľckte Gesichter sorgte.

Spiritual Front (14:35) ‚Äď Der wilde Tanz mit dem Stier
Der Auftritt der italienischen Neo-Folk oder Suicidal-Pop Band, wie sie ihren Stil selbst beschreiben, war eines der unbestrittenen Highlights auf dem Fest. Was f√ľr ein unheilvolles, dunkles und erotisierendes Charisma, das Simone Salvatori da, unterst√ľtzt von einigen Flamenco-Figuren, auf der B√ľhne verspr√ľht hatte! Unterst√ľtzung bekam er dieses Mal von Francesco Conte, der dem einen oder anderen auch als Gitarrist der italienischen Shoegaze-Formation Klimt 1918 bekannt sein d√ľrfte. Stilecht mit schwarzen Anz√ľgen, Hut und Sonnenbrille angetan, spielten Spiritual Front vor dem Hintergrund eines alten italienischen schwarz-wei√ü Filmes einen sexy Pasodoble von Set. Songs wie I Walk The (Dead) Line, Slave und Jesus Died In Las Vegas sind aber auch eine sichere Bank, den Stil und die Quintessenz von Spiritual Front in Szene zu setzen. Zum Schluss stellte Simone noch neues Material in Aussicht, das dann wohl, sehr von allen Anwesenden erhofft, zusammen mit dem gesamten Back-Katalog der Band demn√§chst erscheinen wird.

NO√äTA (15:45) ‚Äď √§therische Texturen, sinnschwere Klangbilder
√älea und √āndris waren f√ľr ihr erstes Konzert au√üerhalb ihrer skandinavischen Heimat im¬†V√§stra G√∂taland angereist. Die noch sehr junge Band z√§hlt zu den Neuzug√§ngen bei Prophecy Propductions und beiden war die Nervosit√§t deutlich anzumerken. Hinzu kamen technische Schwierigkeiten, die sich am zweiten Festivaltag wie ein roter Faden durch das Programm zogen und daf√ľr sorgten, dass sich der eng getaktete Zeitplan immer wieder nach hinten verschob. Der Ton beim Soundcheck wurde allm√§hlich rauer.

All diesen Widrigkeiten zum Trotz, f√ľllten¬†NO√äTA die H√∂hle bald mit ihren kargen und doch faszinierend sch√∂nen Klangbauten. Insbesondere √äleas eindringlich-verinnerlichte Stimme jagten mir immer wieder Schauer √ľber den R√ľcken. Unwillk√ľrlich geht der Blick beim H√∂ren dieser Band nach innen und dort w√ľhlt die d√ľstere und poetische Atmosph√§re einiges auf. Bei ihrem Set griff das Duo dabei sowohl auf Songs wie Hades von ihrem Deb√ľt psykhe, als auch von ihrem ersten Longplayer¬†Beyond Life and Death zur√ľck, von dem mir an diesem Nachmittag insbesondere In Drowning und fesselnde Darkest Desire in Erinnerung.

Das Publikum war begeistert. Viele schienen hier gerade ein vielversprechende Neuentdeckung zu machen, als¬†NO√äTA doch ziemlich unvermittelt ihren Auftritt stark verk√ľrzen mussten. Die weit voran geschrittene Zeit d√ľrfte wohl ein Grund gewesen sein. Den beiden Musikern war die Entt√§uschung anzumerken. Ziemlich knapp fiel dann auch die Verabschiedung nach dem letzten St√ľck aus. Auch die Zuh√∂rer reagierten mit Unverst√§ndnis und versuchten die Band durch energische „Zugabe“-Rufe zur√ľck auf die B√ľhne zu holen. Auch ich muss zugeben, dass mich dieses Vorgehen, vor allem auch die Art und Weise wie der Band mitgeteilt wurde, dass ihr n√§chster Song auch ihr letzter sein w√ľrde, sehr befremdet hat. Zum ersten Mal bekam ich hier den Eindruck, dass in der gro√üen Prophecy Familie, zwar alle K√ľnstler gleich sind, andere aber vielleicht doch ein bisschen gleicher.

Nach dem anti-normativen Black-Ambient Kl√§ngen aus Schweden beschlossen wir, uns eine Pause vom Programm zu g√∂nnen und suchten das nebenan gelegene Restaurant auf. Die √∂sterreichische Band Dornenreich, die mit einem speziellen Akustik-Set aufwartete und damit f√ľr viele Besucher ein Highlight auf dem Fest darstellte, musste ohne uns auskommen. Nach allem, was wir so h√∂rten, gelang ihnen dies problemlos.

The Vision Bleak with Shadow Philharmonics (18:20) ‚Äď Tales from the Crypt
Gest√§rkt und wieder besserer Laune waren wir p√ľnktlich zum Soundcheck von The Vision Bleak zur√ľck. Die Horror-Metal Band um Ulf Theodor Schwadorf (schwer besch√§ftigt an diesem Wochenende) und Allen B. Konstanz (u. a. Ewigheim) hatte sich Verst√§rkung geholt. So wurde der Auftritt von Cello und Violine (Aline Deinert, u. a. Die Kammer) an den Saiten unterst√ľtzt und im Hintergrund ein Paar gewaltige Kesselpauken aufgebaut. Stimmlich kamen noch ein ausgebildeter Tenor und ein spooky Sopran (wundersch√∂n: Babs Caladmor) hinzu.

Das so vervollst√§ndigte Ensemble brannte, allen voran nat√ľrlich wie immer Allen B. Konstanz, ein wahres Feuerwerk fetten, barocken Goth-Metal ab, der geradewegs aus einem Hammer-Streifen h√§tte kommen k√∂nnen. Alle auf der B√ľhne vertretenen Instanzen griffen wie ein Orchester perfekt ineinander, so dass selbst die Streicher noch deutlich zu h√∂ren waren. So bekam man Songs wie Death Ship Symphony, Carparthia oder From Wolf To Peacock vorher noch nie zu h√∂ren. Nach gef√ľhlt f√ľnf bis sechs St√ľcken, war jedoch der Auftritt zu Ende. Ich h√§tte mir da wirklich mehr gew√ľnscht.

Hexvessel (19:50)‚Äď Psychedelische Baumkuschler aus dem Land der tausend Seen
Psychedelic Forest-Rock so bezeichnen Hexvessel ihre Art von Musik und es ist wundervoll. Mit ihren neuen Album When Are Death schien es damit aber pass√© zu sein und die Finnen wandeln nun mehr auf den ausgetretenen Pfaden von Bowie, The Doors oder Jethro Tull. Tja, nichts ist f√ľr die Ewigkeit. Trotzdem, oder gerade deswegen war ich sehr gespannt auf ihren Auftritt. Es wurde wieder eng auf der B√ľhne, als das K√ľnstlerkollektiv seine Positionen einnahm. Vor der B√ľhne wurde es auch eng. Der Auftritt von Hexvessel wurde von den meisten Anwesenden mit Freude erwartet. Und das nur zu recht. Durch und durch sympatische K√ľnstler pr√§sentierten wundervoll-versponnene Melodien und Mit-Gr√∂hl-Hymnen. Als Mat McNerney dann auch noch New Hip Moon von seinem anderen Projekt Graves Pleasure anstimmte, sah ich nur noch gl√ľckliche Gesichter.

Dool (21:45) ‚Äď Roh, giftig, auf den Punkt und mitten in die Fresse
Schon bevor die Niederl√§nder im Februar ihr Deb√ľt-Album Here Now There Then heraus brachten, machten sie sich schon einen Namen auf diversen Festivals. Besonders Front-Frau¬†Ryanne van Dorst wei√ü ziemlich genau, wie sie ihr Publikum an die Klippe der Eskalation f√ľhrt und ziemlich unsanft hin√ľber st√∂√üt. Mit ihrer ruppigen, energiegeladenen Performance und ihrer mal r√∂hrigen, mal bet√∂renden Stimme zeigte, was female-fronted abseits aller anderen √§therisch s√§uselnden, h√ľbsch-zurecht gemachten Frauen der Rock- und Metal-Szene bedeuten kann. Sehr beeindruckend. Im Verlauf des Auftritts wurde es vor die B√ľhne immer enger. Immer mehr Besucher str√∂mten nach dem Hexvessel-Auftritt zur√ľck in die H√∂hle, um nachzusehen, wer dort so einen Alarm macht. Dool absolvierten den perfekten Rock-Auftritt und agierten in ihren Performance wie aus einem Guss. Gespielt wurden Songs vom aktuellen Album wie She Goat und¬†Oweynagat, jetzt schon Klassiker und wie geschaffen f√ľr die B√ľhne.

Hypnopazuzu (23:35) ‚Äď Klangpal√§ste aus avantgardistischem Gr√∂√üenwahn
Wenn man pl√∂tzlich bis in den hintersten Winkel der Balver H√∂hle Sally Carrs (Middle Of The Road) mit ihrer v√∂llig √ľberdrehten Stimme die Hippie-Hymne Chirpy Chirpy Cheep Cheep intonieren h√∂rt, w√§hnt man sich am Ende einer langen Reise, auf deren Weg man leider einmal zu oft falsch abgebogen ist. Ich begab mich n√§her Richtung B√ľhne, um dann erleichtert festzustellen, dass Sally doch nur vom Band eingespielt wurde und nicht leibhaftig anwesend war. Zuzutrauen ist David Tibet ja einiges, ja auch so etwas. Inzwischen war der Song dumpfen, atonalen Dr√∂hnen gewichen und die B√ľhne komplett in schwarz getaucht. Nach und nach nahmen die Live-Musiker und auch Youth (Killing Joke) ihre Positionen ein, bevor der Meister die B√ľhne betrat. Unter seinem Arm klemmte eine Flasche Wei√üwein, von der er w√§hrend des Auftritts immer wieder mit s√§uerlicher Miene nippte. Ob’s am Wein lag oder ihm was √ľber die Leber gelaufen war – wer kann’s schon sagen.

An der Musik, jedenfalls, kann es nicht gelegen haben. Hypnopazuzu ist schon eher was f√ľr solche, die gern dickere Bretter bohren und sich an schwierigen Sachen abarbeiten. Die Band h√§ufte √úberbau an, der den Gipfel der Avantgarde noch √ľberh√∂hen wollte. Musikalische Installationen, bei denen man eine ordentliche Portion Space-Mushrooms verbunden mit einem exakt 93 Jahre w√§hrenden Trip ben√∂tigt, um sie zu durchsteigen. Bei jedem anderen h√§tte sich das, was die beiden Underground-Legenden dort auf der B√ľhne an Klangskulpturen modelliert haben, nach gestelztem, gewollt-pr√§tenti√∂sen Gr√∂√üenwahn angeh√∂rt. Aber nicht bei David Tibet, der seitdem er sich entschlossen hat den unterschiedlichsten Genres einen bleibenden Stempel aufzudr√ľcken, keinen Deut‘ darum schert, dass niemand mit ihm Schritt halten kann.

Nachhall
Auch das dritte Prophecy-Fest bewegte Menschen, die jenseits von Genre-Grenzen auf der Suche nach dem Besonderen sind. ¬†Langsam stellt sich eine heimischen und famili√§re Atmosph√§re ein. Man h√§lt sich die letzte Juli-Woche im Kalender frei und meint, es k√∂nne ewig so weiter gehen. Aber auch ein Festival mit einem derartig solit√§ren Charakter wie dem Prophecy-Fest ist vom allgemeinen Besucherr√ľckgang vergleichbarer Veranstaltungen betroffen. So blieb die Besucherzahl hinter den Erwartungen zur√ľck. Nur knapp 1000 statt der angestrebten 1500 Besucher fand ihren Weg nach Balve. Angesichts dieser Situation und weiteren gestalterischen √úberlegungen wird das Prophecy-Fest im n√§chsten Jahr pausieren. Ich hoffe, wir sehen uns dann alle p√ľnktlich im Sommer 2019 wieder!

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