ROME – Hansa Studios Session

Rome
GeschÀtzte Lesezeit: 4 Minute(n)

Unsere Bewertung

9

Gesamtnote

„Eine Momentaufnahme im kĂŒnstlerischen Schaffen des Ausnahmeprojektes: unmittelbar, direkt und authentisch“

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Rome sind und waren immer schon Feuilleton.

Selbst, wenn man das Ausnahmeprojekt von JĂ©rĂŽme Reuter im Destillat des intelligenten Neo-Folk genauer betrachtet, aus dem bereits alle Epigonen des Genres herausgefiltert wurden, erreichen Texte und Melodien einen intellektuellen Gleichklang, dass man sich als Hörer mitunter schrecklich ungebildet fĂŒhlt.

Die Luxemburgische Band liefert einzigartige musikalische Arrangements zwischen Chanson, Dark Ambient, Apocalyptic Folk und Coldwave. Rome zeigen sich inspiriert von Lyrikern und Schriftstellern wie Camus, Genet oder auch Shakespeare – allesamt große, wie streitbare Geister ihrer eigenen Epoche. Die Songs handeln von den Gestrauchelten, den Gescheiterten, den Zweiflern, den Ausgestoßenen und den Gejagten. Die meisten von ihnen finden ihr Setting im vergangenen Jahrhundert, dem Zeitalter der Extreme, der Hoffnungslosigkeit und des Neubeginns, das uns geprĂ€gt, verstört und mit vielen offenen Fragen zurĂŒckgelassen hat.

JĂ©rĂŽme Reuter widmet sich diesen Fragen in seinem Gesamtwerk. Er greift das dem Neo-Folk innewohnende Konzept von „Emptiness“ auf, verknĂŒpft es mit dem GefĂŒhl der Entwurzelung seiner Protagonisten und erschafft daraus eine dĂŒstere Melancholie aus Verlorenheit. Er selbst nimmt die Rolle des dunklen Chansonniers ein. Daraus erwĂ€chst eine Synthese, die beim Hören ein so unglaubliches GefĂŒhl tiefen Sehnens auslöst, das im Grunde nur noch durch die herausfordernde lyrische Ausgestaltung und die KomplexitĂ€t der vielschichtigen Arrangements ĂŒbertroffen wird. Ja, Rome ist eine Band fĂŒr alle, die Lust auf das Bohren dicker Bretter haben.

Und als ob das nicht schon reichen wĂŒrde: Rome gehören obendrein noch zu den produktivsten Bands des Genres. Auf 16 Veröffentlichungen kann JĂ©rĂŽme Reuter innerhalb seiner 12-jĂ€hrigen Schaffensperiode mit Rome zurĂŒckblicken. Darunter befinden sich Mammut-Alben wie Die Æsthetik der Herrschaftsfreiheit, das unter einem einzigen konzeptionellen Schirm schon allein Material fĂŒr ganze drei Veröffentlichungen bieten wĂŒrde. Bisher fand sich darunter allerdings noch kein Live-Album.

Das Ă€ndert sich nun mit Hansa Studios Session bis zu einem gewissen Grad. Aufgezeichnet wurde live, denn fĂŒr das Album wurde konsequent immer das erste Take genommen. Die Song-Auswahl spiegelt die Quintessenz der zuvor zu Ende gegangenen Tour wider. Ganz bewusst wollten Rome mit Hansa Studios Session eine Momentaufnahme des KĂŒnstlers zu dieser Zeit (dem 02. Oktober 2016) und an diesem Ort (einem der namhaftesten Tonstudios der Welt) einfangen.

Nur das Publikum fehlt und anstatt der ĂŒblichen zwei Stunden fĂŒr ein Konzert ließ man sich insgesamt 14 Stunden Zeit und vertraute das Unterfangen den erfahrenen Ohren und HĂ€nden von Michael Ilbert an. Der schwedische Ton-KĂŒnstler hat nicht nur neben einer Vielzahl weitere Preise auch einen Grammy auf dem Kaminsims stehen, sondern auch ein eigenes Tonstudio im Hansa-Komplex Berlin. Wer so ĂŒberlegt in exzellentes Understatement investiert, erhĂ€lt am Ende seiner BemĂŒhungen exzellentes Understatement. Selbst die Gestaltung des Covers lĂ€sst bei dieser Form von Kompromisslosigkeit keine Zweifel mehr aufkommen.

Unter den ausgewĂ€hlten acht Songs befinden sich Klassiker, wie Der Brandtaucher, Reversion (das einzige StĂŒck, das mit den vertrauten Sprach-Samples unterlegt ist), A Legacy Unrest und Querkraft, das nach anfĂ€nglichen Gleichklang durch ein verĂ€ndertes Arrangement gĂ€nzlich neu aber nicht im Mindesten weniger bewegend aufschlĂ€gt. Noch mesmerisierender und fesselnder als die Original-Version durch puristische Instrumentierung und perfekt dosierte Tempowechsel erscheint The Torture Detachment. Dadurch und den dramatisch anschwellenden verzweifelten Gesang (nie hab ich JĂ©rĂŽme Reuter so aus sich raus gehen hören) wird der Song durch die Aufnahme praktisch noch einmal neu erschaffen. Das beste StĂŒck auf Hansa Studios Session.

Vom aktuellen Album The Hyperion Machine hören wir Stillwell (und Transference), das JĂ©rĂŽme Reuter mit seiner unvergleichlich sonoren, nachdenklichen Stimme, die auf den Aufnahmen ein leicht kratzendes Timbre aufweist, durch fĂŒnf Minuten zarte IntimitĂ€t trĂ€gt, nur begleitet von einer akustischen Gitarre und einer schĂŒchtern-matten pastoralen Orgel. Man möchte dieses Kleinod nehmen, an einen sicheren Ort bringen und nur in ganz besonderen Momenten hervorholen, um seine Seele daran zu wĂ€rmen.

Mit Mine, bisher unveröffentlicht, wartet Rome mit einem besonderen Leckerbissen auf, denn es zeigt sie Band von ihrer Ă€ußerst seltenen, rockigen und wuchtigen Seite. Eine echte RaritĂ€t, wie das ganze Album.

Anspieltipp: The Torture Detachments

Hansa Studios Session ist am 30.06.2017 bei Trisol Music Group erschienen.

Tracklist ROME – Hansa Studios Session:

01. Transference
02. Der Brandtaucher
03. Querkraft
04. Stillwell
05. Reversion
06. Mine
07. The Torture Detachment
08. A Legacy of Unrest

Weblinks ROME:

Official: http://rome.lu
Facebook: https://www.facebook.com/romeproject

Weblink Hansa Tonstudios:

Official: http://www.hansatonstudio.de

Hansa Studios Session

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