KRAFTWERK – DĂŒsseldorf, Ehrenhof (01.07.2017)

Kraftwerk, © Dirk Wirtz
Kraftwerk, © Dirk Wirtz
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Die Grand Tour 2017 ist auch schon wieder Geschichte und die Profis haben auf ihren leichten Super-RennrĂ€dern die schweren Berg-Etappen in den Alpen und PyrenĂ€en hinter sich gebracht. Zeit, um noch mal einen Blick zurĂŒck auf das Rahmenprogramm des Grand DĂ©part der Tour de France zu werfen. Dieser fand ja bekanntlich in DĂŒsseldorf statt und hatte aus musikalischer Sicht gesehen ein absolutes Highlight zu bieten. Laut Medienberichten zufolge soll Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France, in Persona auf Kraftwerk zugegangen sein, um fĂŒr einen Auftritt beim Grand DĂ©part Werbung zu machen. Diese wiederum willigten ein – sicher nicht ganz umsonst – und Ă€ußerten laut Medienberichten zufolge den Wunsch, dass die französische Gruppe Air als Support auftreten soll. Ja, Hallo!? Was bitte schön war das fĂŒr ein Lineup? Dementsprechend fanden auch die wohl knapp 15.000 Karten fĂŒr die Abendveranstaltung reißenden Absatz und das Konzert war, wie bei Kraftwerk Konzerten ĂŒblich, innerhalb kĂŒrzester Zeit ausverkauft.

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Als Abschlussveranstaltung nach dem Prolog in Form eines Einzelzeitfahrens durch die Teilnehmer der Tour, sorgten also Kraftwerk und Air fĂŒr den musikalischen Epilog eines sehr ereignisschwangeren Tages. Der Tag fing wettertechnisch leider wenig erfreulich an, es regnete ziemlich den ganzen Tag ĂŒber, was auch beim Einzelzeitfahren zu einigen StĂŒrzen fĂŒhrte. Den Besuchern der ersten Etappe schien dies aber relativ egal zu sein, man merkte deutlich: Deutschland hatte Lust auf die noch vor Jahren, bedingt durch etliche Doping-Skandale, verpönte Tour. Ein Mega-Event, welches den deutschen Radsport berechtigterweise nach vorne bringen wird. Da sich das Einzelzeitfahren mit dem Konzerteinlass zeitlich ĂŒberschnitt, konnten auch die Musikliebhaber noch einen Blick auf das Rennen werfen, die Akteure pesten direkt am Ehrenhof auf der RĂŒckseite der ĂŒberdimensionalen BĂŒhne vorbei, welche rĂŒckseitig mit dem Cover des 2003 erschienen Tour de France Soundtracks von Kraftwerk verkleidet war. Großartig.

PĂŒnktlich auf die Sekunde, um 19:30 Uhr, betraten Air die BĂŒhne, zuvor hatte es auch schon aufgehört zu regnen und siehe da, es lugte sogar hier und da die Sonne zwischen den Wolken durch. UnterstĂŒtzung fĂŒr den Auftritt hatten Jean-BenoĂźt Dunckel und Nicolas Godin von einem Live-Drummer und einem zusĂ€tzlichen Keyboarder. Die BĂŒhne war mehr als gut bestĂŒckt. Mindestens zwei Moogs waren aus der Ferne zu erkennen, ebenso der Klassiker Korg MS-20 und und und
 Mit dem soften Venus aus dem 2003er Werk Talkie Walkie fand der Einstieg ins Konzert direkt sehr synthie-lastig statt. Dies Ă€nderte sich aber im Laufe des Auftritts deutlich. Nicht, dass die Synthies weniger geworden wĂ€ren, aber generell kam der Sound von Air durch die UnterstĂŒtzung der beiden Gastmusiker deutlich rockiger und psychedelischer rĂŒber als man es von den digitalen Pressungen her gewohnt ist.

Kraftwerk, © Dirk Wirtz

Kraftwerk, © Dirk Wirtz

Sparsam an Worten zum Publikum, auch das ein Merkmal der beiden Musiker – dafĂŒr lieferten Air ihre grĂ¶ĂŸten Hits ab, da braucht es auch nicht viele Worte. Gleich vier Tracks des elf Lieder umfassenden Auftritts stammten vom Allzeit-Klassiker Moon Safari und spĂ€testens bei Kelly watch the Stars, der etwas Captain-Future-Soundtrack anmutenden Hitsingle, wusste auch jeder im mittlerweile sehr gut gefĂŒllten Ehrenhof, um wen es sich auf der unfassbar großen BĂŒhne handelte. Ein wirklich guter Auftritt endete nach einer Stunde Spielzeit mit dem fulminant vorgetragenen Song La Femme d’Argent, welcher in einer aufbauschenden Klang-Szenerie und einem meisterlichen Nicolas Godin am Bass, vielen Leuten einen „Eargasmus“ erzeugt haben dĂŒrfte. Sehr stark!

Zeit zum durchschnaufen. FĂŒr 21:15 Uhr war der Start von Kraftwerk angesagt. Zeit, um sich noch mal mit einem GetrĂ€nk zu versorgen. Vermutlich jeder der anwesenden Besucher wird einen der GetrĂ€nkebecher mit nach Hause genommen haben. Auf diesen ist das Cover des Kraftwerk-Albums Tour de France gedruckt, ein gerne genommenes Fan-Utensil fĂŒr einen kleinen Preis. Gleiches gilt natĂŒrlich fĂŒr die 3D-Brillen, die auf den Konzerten der 3D-Reihe am Eingang verteilt wurden. Jedes Etui der Brillen ist entsprechend fĂŒr jeden Auftritt mit dem Datum und Motto des Auftritts individuell bedruckt.

Punkt 21:15 Uhr ging es dann auch schon los, direkt mit einem Konglomerat aus dem Album Computerwelt. Nahtlos ineinander ĂŒbergehende Songs; es schien eine Art Prolog fĂŒr den Auftritt darzustellen. Eins war sehr schnell festzustellen: ĂŒberragender Sound. Selten habe ich auf einem Open Air Konzert oder Festival so einen guten Sound gehört und vor allem gespĂŒrt. Bis ins Knochenmark hinein erschĂŒtterte ein glasklarer Sound mit dezenten Höhen und unglaublich druckvollen Tiefen das Publikum. Über den Rand des kompletten FestivalgelĂ€ndes hinweg aufgehĂ€ngte Lautsprecher sorgten fĂŒr eine vierte Dimension. Neben den visuellen 3D-Effekten sorgten diese Lautsprecher auch akustisch fĂŒr ein Mittendrin, anstelle nur davor. Beim legendĂ€ren Autobahn fuhr man fast mit, im alten Mercedes mit dem Kennzeichen D-KR 70.

SpĂ€testens bei Spacelab hatten dann auch die 3D-Brillen ihren ersten brillanten Auftritt, als das Spacelab mittels der 3D-Effekte auf einen zusteuerte und aus der ĂŒberdimensionalen LED-Leinwand heraustrat. Instinktiv duckten sich einige Leute im Publikum weg, um nicht von der Antenne des schwebenden Himmelskörpers vermeintlich aufgespießt zu werden. Sensationell.

Das Thema Tour de France wurde nicht vernachlĂ€ssigt, war es ja schließlich auch das Motto des Tages. Gleich einen ganzen Block aus dem Album Tour de France Soundtracks wurde in der Mitte des Auftritts abgehandelt. Wie immer bei den 3D-Konzerten begleitet von beeindruckenden Filmaufnahmen aus alten Tagen der Tour de France. Weiter ging es mit den strahlenden Songs GeigerzĂ€hler und RadioaktivitĂ€t, welche spĂ€testens seit der Nuklearkatastrophe in Fukushima so aktuell sind wie schon in der Entstehungsphase 1975.

Besonders erwĂ€hnenswert ist natĂŒrlich der Evergreen Roboter, bei dem sich vier Roboter aus dem BĂŒhnenuntergrund majestĂ€tisch nach oben erhoben und den Song bewegungstechnisch passend zum 3D-Film im Hintergrund laufend begleiteten. Leider hat jedes gute Konzert irgendwann auch mal ein Ende. Kraftwerk setzten mit Boing Boom Tschak, Techno Pop und Musique Non Stop noch mal ein echtes Gewitter an aneinandergereihten Samples ab. Fazit eines sehr kurzweiligen Tages: Kraftwerk mag der echte „Fan“ immer gerne live sehen, aber gerade die akustisch und visuell aufgemotzte Show macht es erst fĂŒr jedermann richtig interessant, Kraftwerk zu erleben. Sehr gerne wieder!

Setlist KRAFTWERK @ DĂŒsseldorf, Ehrenhof (01.07.2017):
  1. Numbers
  2. Computerwelt
  3. It’s More Fun to Compute / Home Computer
  4. Computerliebe
  5. Die Mensch-Maschine
  6. Spacelab
  7. Das Modell
  8. Autobahn
  9. Tour de France 1983
  10. Tour de France Étape 1
  11. Chrono
  12. Tour de France Étape 2
  13. La Forme
  14. Vitamin
  15. Nachrichten
  16. GeigerzÀhler
  17. RadioaktivitÀt
  18. Trans Europa Express
  19. Die Roboter
  20. AĂ©ro Dynamik
  21. Boing Boom Tschak
  22. Techno Pop
  23. Musique Non Stop

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