WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) ‚Äď Montag (05.06.2017)

Suicide Commando, © Danny Sotzny
Suicide Commando, © Danny Sotzny
Geschätzte Lesezeit: 17 Minute(n)
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Vierter und letzter Tag des diesj√§hrigen Wave-Gotik-Treffen, aber wir wollten dem allseits bekannten Montags-Blues keinen Raum geben. Und obwohl auch das Wetter passend zum Festival-Ende schlicht zum Heulen war, das Programm schaffte es allemal, f√ľr bessere Stimmung zu sorgen. Szenegr√∂√üen wie Suicide Commando, Funker Vogt und Eisfabrik wurden auf den letzten Festivaltag platziert, um Euch √ľber die Verzweiflung √ľber das Ende der schwarzen Familiensause hinwegzuhelfen. Leisere T√∂ne gab es mit Forndom, spezielle Momente mit Drab Majesty und Massive Ego und gruselig wurde es mit Johnny Deathshadow und The Creepshow. Au√üerdem gab es das lang herbeigesehnte Wiedersehen mit Dorsetshire. Wir haben f√ľr Euch wieder bei den Konzerten reingeschaut und waren bei insgesamt 18 Auftritten dabei. F√ľr die Eiligen haben wir alle Bands in alphabetischer Reihenfolge in unserer Schnellnavigation zusammengefasst. Den Bericht haben wir zur besseren √úbersicht nach den Veranstaltungsorten gegliedert. Viel Spass! Und lasst den Kopf nicht h√§ngen, n√§chstes Jahr ist wieder Pfingsten und dann gibt es auch wieder ein Wave-Gotik-Treffen!

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Schnellnavigation: Cephalgy (D) | Der Fluch (D) | Dorsetshire & G√§ste (D) | Drab Majesty (USA) | Eisfabrik (D) | Erdling (D) | Forndom (S) | Funker Vogt (D) | Holygram (D) | Johnny Deathshadow (D) | Massive Ego (GB) | Oswald Henke (D) | Psyclon Nine (USA) | Schneewittchen (D)¬† | Suicide Commando (B) | S√ľndenrausch (D)¬† | The Creepshow (CAN) | Vain Warr (USA)

agra-Treffenpark

18:00 Eisfabrik (D)
P√ľnktlich 18 Uhr betritt der S√§nger der Band S.P.O.C.K.,¬†Alexander (Android), die B√ľhne, begr√ľ√üt das anwesende Publikum und freut sich sichtlich da zu sein. Er moderiert, wie k√∂nnte es auch anders sein, Elvis an. Dieser kommt auch recht schnell auf die B√ľhne und kl√§rt uns √ľber eine neue Tradition bei zuk√ľnftigen WGT ‚Äď Konzerten auf. Es wird so sein, dass die S√§nger bzw. Musiker ab jetzt ihn ank√ľndigen und nicht umgekehrt – das w√§re doch ein riesiger Spa√ü. Nun gibt er bekannt, dass es jetzt richtig kalt werden w√ľrde, denn ein eisiger Sturm aus dem Norden fegt √ľber die heiligen Hallen der agra. Eisfabrik sind angesagt und wollen ihre eisig klare Musik darbieten. Vorab gibt es noch die Information, dass die Nordlichter ab Dezember wieder auf Tour sein werden. Dies wird¬†seitens der Fans freudig begr√ľ√üt. Die agra ist mehr als nur gef√ľllt. Das spricht daf√ľr, dass die Band ihre Fanbase kontinuierlich ausgebaut haben. Aber nun zum eigentlichen Programm: Zwei eisig verpackte Keyboards stehen im Hintergrund der B√ľhne, ebenso das Schlagzeug. Nacheinander betreten die Hamburger in ihren wei√üen Outfits die B√ľhne. Auf einer riesigen Leinwand sieht man eine Eislandschaft und den Schriftzug der Band, der durch LEDs in den unterschiedlichsten Farben erleuchtet wird. Unterst√ľtzt wird dies noch von einer gigantischen Lichtshow und Nebelschwaden. Somit kann die Party beginnen, denn Eisfabrik stehen f√ľr eine au√üergew√∂hnliche Inszenierung elektronischer Musik. Ausdrucksstarker Gesang mit einer perfekten Mischung aus modernem Elektro mit klubtauglichem Synthie- und Futurepop. Eine im wahrsten Sinne des Wortes coole B√ľhnenshow. Das frostige Konzept zieht sich gnadenlos durchs gesamte Programm. Jeder Song hat zwar sein eigenes Klangbild, trotzdem erkennt man den einzigartigen Stil, der dahinter steht, ganz genau. Ein h√ľpfender Eisb√§r, der Eisbonbons in die Massen wirft, steht ebenso auf dem Programm, wie zwei „Schneekanonen“, die wei√üen Schaum seitlich auf die B√ľhne spr√ľhen. Eine perfekte eiskalt kalkulierte Inszenierung. Dies wird auch von den Fans geb√ľhrend gefeiert. Die vorderen Reihen geben sich ganz dem Takt der Musik hin, jedoch springt der eiskalte Funke leider nicht ganz bis in die letzten Reihen √ľber. Dies tut der Stimmung keinen Abbruch. So eine riesige Menge an Publikum muss auch erst einmal in den Bann gezogen werden. Als Abschluss gibt es den Klassiker Ich m√∂chte ein Eisb√§r sein. Die Fans sind begeistert und singen lauthals mit. F√ľr mich war es ein w√ľrdiger Opener in den heutigen Montag. (CM)

19:45 Psyclon Nine (USA)
Psyclon Nine hatten wohl den tragischsten Auftritt auf diesem Festival. Die Black-Industrial Band aus den USA um S√§nger Nero Bellum startet ihren Auftritt und der Gig nimmt anfangs seinen Lauf, ganz wie er soll – Band und Publikum finden sehr schnell zueinander. Die Stimmung ist gro√üartig ‚Ķ bis etwa zur 55. Minute: Schon vorher wurde eine Flasche auf der B√ľhne umgekippt, was nicht weiter schlimm war. Doch dann passiert es: ein Monitor f√§llt – wahrscheinlich aus Versehen – von der B√ľhne in den Fotograben. Schlagartig wird daraufhin der Band der Saft abgedreht und alle m√ľssen sofort die B√ľhne verlassen. Dies ist doppelt schade, wenn man bedenkt, dass Psyclon Nine f√ľr das Wave-Gotik-Treffen extra ihre USA-Tournee unterbrochen hatten. (DG)

21:20 Funker Vogt (D)
Die Hamelner Band Funker Vogt hat sich einen neuen S√§nger an Bord geholt und zwar keinen Geringeren als Chris L., der sonst die B√ľhnen mit Agonoize und The Sexorcist unsicher macht. Wie diese musikalische Zusammenarbeit klingt, darf heute in der agra genossen werden. F√ľr mich klingt das Ganze aber eher komplett nach Agonoize, als nach Funker Vogt, aber das mag einfach an der dominanten Stimme von Chris L. liegen. Eine interessante Entwicklung ist es auf jeden Fall. Mit ihren, die Tanzfl√§chen f√ľllenden Songs zeigen Funker Vogt einmal mehr, dass sie zum Who’s Who der Dark-Electro Szene geh√∂ren und nichts an H√§rte eingeb√ľ√üt haben. Im Gegenteil: Chris L. st√ľlpt mit seiner puren Anwesenheit und seiner markanten Stimme einen doch recht pr√§gnanten eigenen Anteil √ľber das Projekt. Damit stellt sich f√ľr mich die Frage: Wie viel Funker Vogt steckt noch in der Band? Auf alle F√§lle sieht die B√ľhne nach dem Umbau komplett wie ein Sch√ľtzengraben aus und auch w√§hrend der Darbietungen wird die eine oder andere Dekoration gewechselt. Eine aufwendige Lichtershow taucht die B√ľhne und die agra in buntes Licht. Das anwesende Publikum ist restlos bis in die letzten Reihen begeistert, denn Frontmann Chris wei√ü, was die anwesende Meute von einer gelungenen B√ľhnenshow erwartet. Die Halle ist entsprechend gef√ľllt und die partyhungrigen Fans tanzen und bewegen sich von der ersten bis zur letzten Sekunde. Mit Funker Vogt gibt es druckvolle B√§sse, klubtauglichen Darkelectro und die laute, markant verzerrte Stimme von Frontmann Chris voll auf die Ohren und zwar gnadenlos bis zum Tinitus. Und gleich geht der wilde Ritt weiter, denn nun stehen die Belgier Suicide Commando auf dem Programm. (CM)

23:05 Suicide Commando (B)
Dass nach dieser Energieleistung von Funker Vogt die Stimmung kaum besser h√§tte werden k√∂nnen, w√ľrde ich jetzt gerne schreiben, und dass die belgische Band Suicide Commando alles, bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hat. Dem war zwar nicht ganz so, trotzdem liefern die Jungs eine gro√üartige Show ab, bei der es wirklich an nichts fehlt. Weder an einem charismatischen Frontmann, ¬†dessen Grinsen irgendwie an den Joker aus Batman erinnert, noch an einer recht aufwendig inszenierten Licht- und B√ľhnenshow. Wie wir die Jungs des Kommandos kennen, laufen im Hintergrund stilecht blutige Videosequenzen mit zerschundenen K√∂rpern, Skeletten und anderen d√ľster morbiden Bildern zur visuellen Untermalung der EBM-Kracher. Die Fans werden animiert mit lautem Gegr√∂le und viel Geh√ľpfe dem Bandnamen alle Ehre zu machen. Dies wird auch ausgiebig in den ersten Reihen getan. √úberall sieht man sich bewegende Fans. Tats√§chlich sah man nach dem Auftritt den ein oder anderen abgek√§mpften Fan, dem das Selbstmordkommando mit Tanz und Beats den letzten Atem geraubt hatte. Die Temperaturen in der Halle sind dazu noch √§u√üerst schwei√ütreibend und Nebelschwaden legen alles in ein mystisches Licht. Bekannte Lieder wie Hate me, Dein Herz, meine Gier oder Cause of Death: Suicide werden von der Menge begeistert aufgenommen und so erwartet den H√∂rer ein angemessen heftiger Trip aus gro√üartigen Shouts, kn√ľppelharten Beats und dunklen Soundgew√§ndern. Johan van Roy mimt dazu den Gepeinigten, in dessen Gehirn sich Psychosen winden und aufstauen, mit der einzigen Linderung, den Wahn hinaus zu schreien. Bei Hellraiser, einem der letzten St√ľcke an diesem Abend, entl√§dt sich dann die aufgestaute Energie des Publikums in einem wilden Get√∂se. Begeistert und mit einer Menge Adrenalin im Blut ging es dann nach Hause. (CM)

Altes Landratsamt

17:00 Vain Warr (USA)
Nicht immer ist der erste Eindruck der tats√§chlich entscheidende. Bei der amerikanischen Post-Punk Band Vain Warr ist auf den ersten Blick noch nicht erkennbar, in welche musikalische Richtung sich der Abend entwickelt. Nach dem sich die drei Musiker aus New Orleans aber richtig warm gespielt haben, gibt es im Publikum sehr viele zufriedene Gesichter. Vain Warr, gegr√ľndet 2016, bestehen aus S√§nger Josh Strawn, Toby Driver (Bass), und Ron Varod (Gitarre). F√ľr Josh Strawn, der bisher mit Projekten wie Blacklist, Religious to Damn und Azar Swan auf sich aufmerksam gemacht hat, ist dies erst der zweite Auftritt in Deutschland. Das Publikum ist dementsprechend auch noch sehr √ľberschaubar, die Location f√ľllt sich erst nach und nach. Gespielt werden heute ihr Erstlingswerk Deadline Season und wohl auch St√ľcke von Josh Strawns ehemaligen Projekt Blacklist. Strawn ist ein sehr politischer Mensch, dementsprechend sind die Texte nat√ľrlich auch gesellschaftskritisch, besch√§ftigen sich mit moralischen Fragen. Die 60 Minuten Spielzeit sind dann auch schnell rum, wenn man sich erst einmal auf Vain Warr eingelassen hat. Aber das inzwischen gut gef√ľllte Alte Landratsamt wartet schon mit dem n√§chsten Act auf: Holygram. (AZ)

18:30 Holygram (D)
Auch bei der Band Holygram t√§uscht der erste Eindruck: Man denkt als erstes an eine Sch√ľlerband bis die f√ľnf Jungs aus K√∂ln das Alte Landratsamt rocken und der 60-min√ľtige Auftritt leider viel zu schnell vergeht. Holygram performen ihre Deb√ľt-EP Holygram und treffen damit ganz offensichtlich den Geschmack des Leipziger Publikums. Von der ersten Minute an wei√ü die Post-Punk Band zu √ľberzeugen. Im Jahr 2016 gegr√ľndet, bringt Holygram markige Riffs, melodi√∂se Sequenzen, einen charismatischen S√§nger und einen schlagkr√§ftigen Schlagzeuger auf die B√ľhne. Es ist eine Freude der Band beim Spielen zuzusehen und man w√ľnscht sich, die Songs w√ľrden ewig andauern. Inzwischen ist die Location richtig voll, offensichtlich sind viele Leute neugierig auf die Newcomer. Bei dem hymnischen Song Hideaway, dem sph√§rischen Daria¬†oder dem rasanten Still there¬†kann man sich Holygram ganz ergeben. Eine wirklich tolle Band von der noch sehr viel zu erwarten ist! (AZ)

19:50 Drab Majesty (USA)
Die dritte Band des letzten WGT-Abends im Alten Landratsamt sind Drab Majesty. Schon beim B√ľhnenumbau nach Holygram sind die beiden Musiker in ihrer Auftritt-Gewandung und machen sehr neugierig auf die folgende Vorstellung. Drab Majesty ist eine amerikanische Post-Punk Band, ein Projekt des/der geschlechtsneutralen Deb Demure alias Andrew Clinco. Die selbsternannten Tragic-Waver kommen aus Los Angeles, dem Schmelztiegel verschiedenster Musikstile. Und so ist man auch angesichts des etwas befremdlichen Intros nicht wirklich √ľberrascht: Es gleicht einem Ritual und genau das soll es wohl auch darstellen. Drab Majesty bieten dem Leipziger Publikum nur eine Light-Version ihrer sonstigen Performance an. Daf√ľr sind die Songs sehr einnehmend und entspannt, die Musik ist sehr melodi√∂s und durchaus tanzbar. Inzwischen ist das Alte Landratsamt auch wieder richtig gut gef√ľllt. Offensichtlich ist das Interesse an dem exotisch anmutenden Projekt des Marriages-Drummers, der sein aktuelles Album The Demonstration¬†bewirbt, gro√ü. Kurz vor dem Konzertende kommt King Dude, der amerikanische Dark-Folk-S√§nger, zur gesanglichen Unterst√ľtzung mit auf die B√ľhne. Nach einer Stunde sph√§rischen Entschwebens landet das Publikum wieder in der Leipziger Wirklichkeit. (AZ)

Haus Leipzig

14:00 Oswald Henke (D)
Oswald Henke gibt im Haus Leipzig vor vollem Hause seine ‚Äěkleine‚Äú musikalische Lesung. Auf dem Keyboard wird er dabei von Pianisten Sebastian Boettcher begleitet, den der eine oder andere vielleicht schon im Dezember am Piano von Goethes Erben gesehen hat, als er dort Tobias Sch√§fer vertrat. Oswald greift w√§hrend der Lesung, ganz wie wir es gewohnt sind, aktuelle und unbequeme Themen auf – sowohl politische als auch gesellschaftliche. Damit regt er sein Publikum zum Mitdenken und Nachsinnen an. Dies tut er in seiner bekannt-fesselnden und energiegeladenen Art und Weise. So war es dann auch kein Wunder, dass er zum Ende seiner Vorstellung mit stehenden Ovationen bedacht wurde. Dies war ein wahrlich gelungener Einstieg in den letzten Tag des Wave-Gotik-Treffens.

Heidnisches Dorf

21:40 Forndom (S)
Es regnet den dritten Tag in Folge und im Heidnischen Dorf kommt so langsam ‚Äúthe trve festival-blues‚ÄĚ auf: der Schlamm schwappt √ľber die Kn√∂chel, von den Klamotten der Besucher steigt Dampf im Glanz der fadenscheinigen Beleuchtung auf und aus den B√∂rsen wird das Geld f√ľr ein letztes Horn vom g√ľldenen Asen-Segen zusammengekratzt. Auf der B√ľhne sitzt ein unscheinbar wirkender, b√§rtiger Mann in authentischer Alltagskleidung der ancient north und beginnt mit ruhiger, leicht br√ľchiger, aber faszinierender Stimme zu singen. Schlagartig verstummen alle bis jetzt doch sehr lautstark gef√ľhrten Gespr√§che und das Publikum richtet seinen Blick and√§chtig auf Forndom. Hierbei handelt es sich um das schwedische Projekt von H.L.H. Sw√§rd, der seine Interpretation von Heathen-Folk als ‚Äúscandinavian art and atmosphere‚ÄĚ beschreibt. Da der K√ľnstler f√ľr Studioaufnahmen alle seine Instrumente allein einspielt und ohne Stage-Musiker reist, sind Frame Drum, N√§verlur und eine Reihe weiterer traditioneller Instrumente vom Band zu h√∂ren. Sw√§rt selbst spielt heute nur die Tagelharpa, die ihm aber wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nicht ganz gehorchen m√∂chte. Kopfsch√ľttelnd und einige entschuldigende Worte murmelnd versucht er das Instrument immer wieder zu stimmen, l√§sst sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Ruhe ist auch n√∂tig, wenn man die Musik von Forndom auf sich wirken lassen m√∂chte. Alle St√ľcke sind hoch spirituell, beinahe schamanisch und in ihrer Einfachheit so verzaubernd, dass man die kargen, k√ľhlen und unber√ľhrten Landschaften Schwedens zu Zeiten des alten Tempels von Uppsala beinahe schmecken kann. Wenn man denn m√∂chte. F√ľr alle anderen gibt es Kl√§nge, die erden und den Geist auf eine Reise schicken. Besinnlich und beinahe feierlich verklingen so die letzten Minuten des diesj√§hrigen Wave-Gotik-Treffens im Heidnischen Dorf. (KS)

Kohlrabizirkus

17:00 S√ľndenrausch (D)¬†
P√ľnktlich 17 Uhr er√∂ffnet die Band S√ľndenrausch aus Hamburg den letzten Tag des WGTs im Kohlrabizirkus. Mit einer Mischung aus Pop und Metal, die das Publikum begeistert, startet die Show um die Songwriterin und S√§ngerin Kira. Begleitet wird sie von ihrem Bandkollegen Michael und den Stage-Supportern Jonathan Murphy an den Saiten und Benjamin Hoelzer am Schlagzeug. Neben einigen schnellen Tracks, wie B√∂ser Wolf¬†und Feuerregen¬†folgen, mit unter anderem Schwarz wie Ebenholz, auch ruhigere, romantische Songs, die dem Publikum sichtlich mindestens genauso gut gefallen. Sp√§testens zur Halbzeit wird es im Kohlrabizirkus richtig voll, woran sicher nicht nur das Wetter – es regnet wieder einmal wie aus Eimern – sondern auch die sympathische Band aus Hamburg Schuld ist. (DS)

18:20 Erdling (D)
Die Industrial-Rocker von Erdling um Frontmann Neill Devin folgen nach, um den Zirkus unter der Kuppel zu rocken!! Mit ihren energie-geladenen Songs schaffen sie es von Anfang an das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Es gibt aber auch Worte zum aktuellen Weltgeschehen, gegen den Terror und dass man sich von diesem nicht sein Leben diktieren lassen sollte. Beim Song Frei wie der Wind muss dann auch niemand mehr umst√§ndlich gebeten werden – die Arme gehen ganz von allein nach oben und bewegen sich im Takt. Und bei Blitz und Donner gibt es dann endg√ľltig kein Halten mehr. Im Chor singen alle den Refrain mit. Gef√ľhlt ist das Konzert mit seinen gerade mal 50 Minuten viel zu kurz und viel zu schnell vorbei. (DS)

19:40 Cephalgy (D)
Die n√§chste Formation ist keine Unbekannte in der Szene: Cephalgy stehen nun im Kohlrabizirkus auf dem Programm. Leider ist an diesem Montag die Location nicht wirklich gut besucht. Gothic und Electro – kaum eine Band schafft es, finstere D√ľsterkl√§nge und tanzbaren Electrosound so perfekt miteinander zu verbinden. Die deutsche Band um J√∂rg G√∂hler, kombiniert dunkle Lyrik, abgrundtiefen Gesang und d√ľstere Sounds mit wummerndem Electro-Beat, dunklen elektronischen Klanggew√§ndern ohne langweilige Synthie-Kl√§nge. So scheint es denn auch, dass die meisten Besucher eben wegen dieser Gruppe sich in den Kohlrabizirkus begeben haben. Frontmann J√∂rg animiert seine Fans immer wieder zum Mitfeiern und flirtet recht heftig mit den Fotografen im B√ľhnengraben. Er ist eben ein cooler Typ. L√§ssig, immer mit einer Hand in der Hosentasche performt er seine Songs. Auch ein Duett mit S√§ngerin Sanny steht mit Symphony of my Heart auf dem Programm. Danach gibt es noch ein Solo von Sanny. Die Fans sind begeistert und Frontmann J√∂rg wei√ü auch diese doch √ľberschaubare Meute bis in die letzten Reihen mitzurei√üen und somit wird es doch ein recht feiner Musikgenuss. Cepalghy sind zur√ľck! (CM)

21:10 Schneewittchen (D) 
Nicht das erste Mal sind Schneewitchen, bestehend aus S√§ngerin Marianne Iser und Pianist Thomas Duda, zu Gast beim WGT, wie der Moderator bei der Ank√ľndigung verlauten l√§sst. Der Kohlrabizirkus ist gut gef√ľllt, die Band ist bekannt in der schwarzen Szene. Musikalisch ist beim Klangbild von Schneewittchen alles bunt vertreten, von Gothic bis Pop und von Chanson zum Punk und Rock. Dazu gesellen sich die unterschiedlichen Stimmfarben von Marianne, die sich einmal kratzig nach Nina Hagen und einmal sanft nach Rosenstolz anh√∂ren. Das l√§sst das Bild doch insgesamt sehr gew√∂hnungsbed√ľrftig erscheinen. Es ist aber auch nicht uninteressant, wie die S√§ngerin zwischen Romantik, Kitsch, Pathos und Dramatik pendelt. Untermalt wird ihre Kunst von ihrer Lust am Verkleiden und der theatralischen B√ľhnenshow. Ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Show und Theater-Pose, eindringlich vorgetragen, in vollem Ernst. Die Texte sind verst√§ndlich und nachvollziehbar. Das Duo aus Hannover findet selbst, dass ihre Konzerte polarisierend wirken. Ich fand es durchaus h√∂rens- und sehenswert, wobei ich auch gegenteilige Stimmen h√∂rte. (JB)

22:40 Dorsetshire & Gäste (D)
Abschlusskonzert des Wave-Gotik-Treffens 2017 im Kohlrabizirkus, und es steht eine echte Premiere auf dem Programm. Viel zu lange waren Dorsetshire verschwunden. Jetzt melden sie sich mit einem Knall und vielen G√§sten zur√ľck. S√§nger Monaco X und Szene-Tausendsasa Bruno Kramm (Das Ich) f√ľhren die Wiederauferstandenen zur√ľck auf die Bretter. Vor allem Bruno Kramm ist es, der die Band und ihr Publikum an seinem beweglichen Keyboard immer wieder nach vorne peitscht. Doch auch Monaco X gibt alles, auch wenn er insbesondere zu Beginn des Auftritts immer mal wieder noch etwas verunsichert auf seine Mitstreiter schaut. Spielfreude kann man ihm jedoch sicher nicht absprechen. Der Auftritt lebt von seiner Dynamik und das Publikum mobilisiert noch einmal alle Kr√§fte, um zu den stampfenden Beats zu tanzen. F√ľr Aufsehen sorgen zudem immer wieder die energiegeladenen Gastauftritte von Any Koa (Still Patient?) oder The Invincible Spirits Thomas L√ľdke, w√§hrend es beim Duett mit Nosferatus Tim Vic deutlich d√ľsterer, aber nicht weniger feierwillig zugeht. Die Fans d√ľrfen sich sogar √ľber den einen oder anderen Das Ich-Kracher freuen, aber auch die Stra√üe der Verdammnis¬†steht auf dem umjubelten Weg zum gelungenen Festival-Finale! (MG)

Moritzbastei

20:30 Massive Ego (GB)
Ein Mann (Oliver Frost) mit silber-schwarz bemaltem Glitzer-Gesicht betritt die B√ľhne. Das macht neugierig. Danach begr√ľ√üen Keyboarder (Scott Collins) und der Mann am Mischpult (Lloyd Price) die Menge. Die Bastei ist gleich zu Beginn proppevoll, offensichtlich hat die Band in Deutschland eine gro√üe Fangemeinde. Dann erscheint Marc Massive, der Frontmann der Band: eindrucksvoll in seiner Gr√∂√üe und seiner Maskerade. Er tr√§gt zwei gro√üe Kuhh√∂rner auf dem Kopf, alles ist braun glitzernd geschminkt und die Show beginnt. Der Funke zum Publikum springt sofort √ľber. Die britischen Elektro-Pop Formation wurde bereits 1996 von dem S√§nger, T√§nzer und ehemaligen Model Marc Massive sowie dem Keyboarder Andy J. Thirwall gegr√ľndet. Nach dem Wechsel zum deutschen Plattenlabel Out Of Line wurde die Besetzung um den Frontmann einmal komplett ausgewechselt. Das neue Album Beautiful Suicide gl√§nzt nun mit dunkler Musik. Sogar Marks alter Kumpel Boy George hat ein Lied f√ľr die Ver√∂ffentlichung beigesteuert. Trotz der dunklen Texte um Depressionen, Alltagsangst und Tod ist die Musik tanzbar und poppig. Der Raum h√§tte sicherlich einige Nummern gr√∂√üer sein k√∂nnen, denn es stehen sogar noch Fans drau√üen vor der T√ľr und geniessen die Musik. (JB)

Täubchenthal

16:30 Johnny Deathshadow (D)
Die Opener des letzten WGT-Tages im T√§ubchenthal kommen ziemlich d√ľster daher. Die Hamburger Jungs aus der schillernden und doch so lebendigen ‚ÄúTodeskunst‚ÄĚ-Szene sehen selbst aus wie der Sensenmann, so krass geschminkt sind sie. Die Band gibt es nun schon sechs Jahre und sie leben ihren Industrial-Goth-Metal. Das Deb√ľt-Album erschien im vergangenen Oktober und mit Black With Me zeigen sie eindrucksvoll, dass in puncto Innovationen in diesem Spannungsfeld noch viel m√∂glich ist. Die B√ľhnenshow der Band um den Frontmann Jonathan Schneider kommt an, die Maskerade passt zur Musik und unterst√ľtzt die Show. Das geht gut rein und macht unheimlich viel Spa√ü. Das sehen die Fans genauso und wer sie bis jetzt nicht kannte, ist sp√§testens jetzt ein Fan ‚Ķ einfach cool! (JB)

19:10 Der Fluch (D)
Nachdem die Kanadier Nim Vind ihren Auftritt umjubelt zu Ende gebracht haben, stehen jetzt mit Der Fluch alte Bekannte auf der B√ľhne des T√§ubchenthals. Sie sind gern gesehene G√§ste beim WGT, auch wenn Fronter Deutscher W schnell deutlich macht, dass sie keineswegs die lieben Jungs von nebenan, sondern eher f√ľr die aufsehenerregenden Aktionen zust√§ndig sind. Ich bin der Fluch schallt es zu Beginn aus den Boxen und wir alle folgen den M√§nnern in Sonnenbrillen bei ihrem verr√ľckten Auftritt. Konzerte von Der Fluch sind bekanntlich alles, aber niemals langweilig: Und so springt Deutscher W urpl√∂tzlich auf die Grabenabsperrung, m√§ht alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt, und lehnt sich √ľber das Publikum. Dieses darf auch nicht allzu zimperlich sein, denn es kann durchaus mal passieren, dass man von hei√üem Wachs getroffen wird, wenn der agile Frontmann bei Lass immer eine Kerze brennen ein erst kurz zuvor erloschenes Teelicht her√ľber wirft. Verletzt wurde zum Gl√ľck wohl niemand und so wird der Auftritt bis zuletzt gefeiert. Beim n√§chsten Mal werden sie alle wiederkommen … denn, mal ganz unter uns, wer legt sich schon gerne mit jungen Werw√∂lfen an und wagt es ihnen nicht zu folgen?! (MG)

22:20 The Creepshow (CAN)
The Creepshow sind Femal-Fronted Hellbilly-Rock‚Äôn Roll vom Feinsten. Wer in der ersten Jahresh√§lfte auf einem Konzert der Dark-Rocker von The 69 Eyes war, d√ľrften die Kanadier als Support der Finnen schon bekannt sein. Und als ob das Quintett selbst nicht schon optisch sehr verwegen daherkommt, – vier Typen, die wie Bilderbuch-Versionen amerikanischer Rednecks aussehen und eine zierliche, bis unters Kinn t√§towierte, junge Dame – hat es sich obendrein dazu entschlossen ausgerechnet dem Stoff aus klassischen und modernen Horrorfilmen mit der Kraft von Punk und Rock und ganz viel Roll ein bissiges, schauriges Gewand zu verpassen. Geht das ab? Und wie das abgeht! Derselben Meinung sind auch die gut 300 Fans, die sich eingefunden haben, um es mit The Creepshow den Headlinern im T√§ubchenthal am letzten Veranstaltungstag des WGT noch einmal so richtig krachen zu lassen. Der Kontrabass von Sickboy, der so sehr zu The Creepshow geh√∂rt wie die knappen Shorts von Kenda, d√ľrfen dabei nat√ľrlich nicht fehlen. Leider ist die B√ľhne so schlecht ausgeleuchtet, dass man darauf Beides allenfalls erahnen kann. Macht nichts, wer h√§ngt sein Herz an solche Oberfl√§chlichkeiten, so lange er Musik hat, die so geradeaus und in-your-face ist, wie Sell Your Soul,¬†Born To Lose¬†oder Run For Your Life. Da vergeht die verbliebene Zeit wie einmal in die Ecke spucken und mit einem lachenden und einem weinenden Auge rocken wir die letzten Minuten des diesj√§hrigen Wave-Gotik-Treffens. (KS)

Das war unsere Nachlese zum Wave-Gotik-Treffen 2017, bei der wir insgesamt knapp 70 Konzerte, Lesungen und spezielle Events f√ľr Euch haben Revue passieren lassen. Und schon jetzt k√∂nnen wir es nicht erwarten bis es am 18. Mai 2018 wieder hei√üt „Hier ist Leipzig, Herzlich Willkommen zum Wave-Gotik-Treffen“!

Foto / Author: Anita Zeidler(AZ), Claudia Marquardt (CM), Danny Sotzny (DS), Dietmar Grabs (DG), Jana Breternitz (JB), Katja Spanier (KS), Michael Gamon (GM), Thomas Papenbreer (TP)

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