WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2017 ‚Äď Samstag (03.06.2017)

VNV Nation, © Jana Breternitz
VNV Nation, © Jana Breternitz
Geschätzte Lesezeit: 17 Minute(n)

Auch der zweite Tag des Wave-Gotik-Treffens 2017 bot wieder f√ľr jeden Geschmack etwas und auch das Wetter zeigte das volle ihm zur Verf√ľgung stehende Spektrum von strahlendem Sommerwetter bis zu Sintflutartigen Regenf√§llen. Wir haben f√ľr Euch am Samstag 15 Konzerte sowie eine Lesung besucht und zusammengefasst. Der Bericht ist zur besseren √úbersicht, und um etwas im jeweiligen musikalischen Kontext zu bleiben, nach dem jeweiligen Spielort zusammengefasst!

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Schnellnavigation: Amorphis | Bloody Dead And Sexy | Esben And The Witch | Klangstabil | Klimt 1918 | Lolita KompleX | Lydia Benecke | Patenbrigade:Wolff | Rotersand | Rotting Christ | Saigon Blue Rain | Stahlmann | The Pussybats | V2A | VNV Nation | Xandria

agra-Treffenpark

18:00 Uhr – Rotersand (D)
Die Er√∂ffnung der Stage auf der agra obliegt heute Rotersand, den Philosophen unter den deutschen Electro-Acts. P√ľnktlich 18 Uhr erklingt das Intro und im blauen Nebel kann man die Umrisse von Krischan J. E. Wesenberg, seines Zeichens Soundbeauftragter der Gelsenkirchener Future-Pop-Formation, erahnen. Kurz darauf folgt Rascal Nikov auf die B√ľhne und die Band startet richtig durch. Zum f√ľnten Mal rocken die Jungs aus dem Pott nun schon das WGT. Immerhin k√∂nnen Rotersand schon auf eine 15-j√§hrige Bandgeschichte zur√ľckblicken. Wenn man so viel Erfahrung hat, kann man seinen Fans ohne schlechtes Gewissen die besten Electro-Filetst√ľcke servieren. Das Publikum lechzte breits danach und war sofort bereit dem Duo durch dieses Electro-Gewitter zu folgen. Dass Rotersand l√§ngst keine Unbekannten mehr sind, zeigt die gro√üe Anzahl der Fans, die bereits zu diesem ersten Konzert die Halle gut f√ľllt. Rascal Nikov sorgt mit First Time und Electronic World Transmission f√ľr nostalgische G√§nsehaut-Momente, spielt aber auch reichlich Material vom neuen Album Capitalism ‚ĄĘ (DS)

19:45 Uhr – V2A (D/GB)
Nur ein kurzer Umbau und es geht weiter mit der Formation V2A. Mit einem beeindruckenden Intro und zwei gro√üen Trommeln schafften es S√§nger Kevin Stewart und S√§ngerin Ines Lehmann die Fans in ihren Bann zu ziehen. Gerade in den hinteren Reihen tanzen viele zu ihrer Musik und das obwohl in der Halle nach dem gro√üen Regen bereits tropische Nebelschwaden wabern. Eins hat die Band auf jeden Fall ordentlich getestet: die B√§sse – da flattern einem die Nasenfl√ľgel! Ordentlich dr√ľckt der Bass aus den Boxen und treibt das Publikum gnadenlos an, sich zu bewegen und zu tanzen, als g√§be es kein Morgen mehr. Das deutsch-britische Duo interagiert mit seinen Fans und heizt die Stimmung damit noch weiter an. Font√§nen mit Dampf schie√üen wie Geysire aus den dem Boden der B√ľhne, Fahnen werden geschwungen, es wird eine durchdachte Lightshow geboten und das Duo drischt ordentlich auf die auf der B√ľhne installierten F√§sser ein – alles Dinge die eine gro√üartige Performance sehenswert machen. Herausragend ist auch die Akustik in der agra. Also beide Daumen hoch f√ľr V2A. (CM)

21:20 Uhr – Klangstabil (D)
Kaum ein Act erregt an diesem Abend auf der agra mehr Aufsehen als das deutsche Experimental-Industrial-Duo Klangstabil. Die eing√§ngig-d√ľsteren Melodien in Verbindung mit den pr√§gnanten Stimmen von Maurizio Blanco und Boris May zieht das Publikum in ihren Bann und die Band wird enthusiastisch begr√ľ√üt. Darauf aufbauend entfaltet Musik des Klangpop-Duos eine tiefgreifende Wirkung und l√§sst die Songs schnell zu Herzen gehen. Soundtechnisch getragen von experimenteller, leicht krachiger Electronica sind die St√ľcke obendrein noch absolut clubtauglich. Die Konzerthalle der agra ist sehr gut gef√ľllt. Die Kombination aus glasklarem Beat und n√ľchternem Sprechgesang trifft den Nerv der Anwesenden √ľber die ersten Reihen hinaus. Von Song zu Song steigt die Stimmung: die Halle tanzt, feiert und heizt sich immer mehr auf. Ein Hexenkessel! Der Beifall nach jedem Song wird tosender und die Pfiffe lauter. Klangstabil wissen zu √ľberzeugen und es bleibt zu fragen, wie das die Headliner VNV Nation im Anschluss das noch toppen m√∂chten. (CM)

23:05 Uhr – VNV Nation (IRL/GB)
Mit einer kleinen Versp√§tung beginnen VNV Nation um 23:15 mit ihrem Programm. Unerm√ľdlich touren sie rund um den Globus und nun sind sie heute zum siebten Mal auf dem WGT, hier auf der agra, um die Halle zum Beben zu bringen. Wer die Band schon einmal live gesehen hat, wei√ü, dass Frontmann Ronan Harris keine Gnade kennt. Erbarmungslos wird man in eine futuristische Wunderwelt katapultiert und muss einfach nur noch tanzen und Spa√ü haben. Die positive Energie, die von der B√ľhne auf das Publikum einprasselt, l√§sst den Adrenalinspiegel recht schnell ansteigen und durch die Gl√ľckshormone bekommt man unweigerlich richtig gute Laune. Die Musik von VNV Nation ist durch eine Mischung clubtauglicher, elektronischer Melodien mit trancigen Elementen, sowie orchestralen Einfl√ľssen gekennzeichnet. Ihre Texte setzen sich sowohl mit gesellschaftlichen Fragen, als auch mit pers√∂nlichen Erlebnissen und Erfahrungen auseinander. √úber allem steht ein futuristisches Konzept, das sich wie ein roter Faden durch die Musik und die Geschichte der Band zieht. Frontmann Ronan zieht von der ersten Sekunde an alle in seinen Bann und bringt die richtig volle Halle zum Beben. Um mich herum sehe ich tanzende Fans, die gl√ľckselig von einem Ohr zum n√§chsten Lachen. Eine gro√üartige Lichter- bzw. Lasershow taucht die agra in buntes Licht. Ronan Harris nutzt die komplette B√ľhne, um sein Publikum gnadenlos zum tanzen zu animieren. Auch in den letzten Reihen, sieht man wieviel Spa√ü er daran hat, die Massen zu bewegen. Nat√ľrlich d√ľrfen die Klassiker Nova, Control, Lost in Space und Illusion fehlen. Bei letzteren liegen sich die Fans in den Armen und bewegen sich ergriffen zum Takt. Auch die eine oder andere Tr√§ne sieht man auf verz√ľckten Gesichtern. Das Lied ist einfach zu traurig sch√∂n. Bei Control und Lost in Space singen die Fans den Refrain und Ronan steht nur noch begeistert kopfsch√ľttelnd auf der B√ľhne. Die Stimmung ist einfach nur gro√üartig. Ein Fan schwenkt ausgiebig eine irische Fahne. Diese muss Ronan einfach haben und als er sie bekommt, schwenkt er diese ergriffen. Leider leert sich im Laufe des Konzertes die Halle enorm. Dies lag wohl eher an den hohen Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit, als an der Performance der Band. VNV Nation muss man einfach einmal erlebt haben. F√ľr mich eines der Highlights auf dem diesj√§hrigen WGT und das wahrscheinlich auch f√ľr viele der hier Anwesenden. (CM)

Altes Landratsamt

16:40 Uhr – Saigon Blue Rain (F)
Den Auftakt in den Samstag im Alten Landratsamt machen Saigon Blue Rain (ehemals: Stupid Bitch Reject), einer Dream-Pop/Darkwave Band aus Frankreich. Vor der B√ľhne hat sich vorwiegend m√§nnliches Publikum versammelt, was wohl an S√§ngerin Oph√©lie liegt, die mit ihrer Stimme und ihrer gef√ľhlvollen Performance alle in ihren Bann zieht und f√ľr G√§nsehaut sorgt. Mit ihren ruhigen und unaufgeregten Songs bringt die Band die Zuh√∂rer zum Runterfahren und Tr√§umen. Hier wird keine gro√üe B√ľhnenshow geboten, die ist aber auch gar nicht n√∂tig. W√§hrend der Songs spielt Oph√©lie mit der Mikro-Schnur, singt voller Leidenschaft und Melancholie. Zu h√∂ren sind Songs vom 2016 erschienen Album Noire Psych√© und unter anderem das Q-Lazzarus-Cover Goodbye Horses. F√ľr alle Fans von gut abgehangenem Darkwave sind Saigon Blue Rain wohl l√§ngst kein Geheimtipp mehr und immer wieder ein Konzertbesuch wert. (AZ)

18:00 Uhr – Klimt 1918 (I)
Am sp√§ten Nachmittag im Alten Landratsamt verursacht der Umbau der B√ľhne eine Mischung aus Skepsis und Neugier. So richtig will der kleine, d√ľnne, blasse Mann mit der Pilzfrisur und wei√üem Hemd, der mit leiser Fistelstimme hektische bis besorgte Anweisungen an die Rowdies gibt und nerv√∂s an der mitgebrachten kompliziert aussehenden Soundanlage rumfingert, nicht zum vor der B√ľhne stehenden Publikum passen. Auch der Rest der italienischen Post-Rock Band legt einen nervenzerfetzenden Perfektionismus an den Tag. Der Soundtechniker blickt immer wieder auf die Uhr und rollt ausgiebig mit den Augen. Dann, gerade noch rechtzeitig, ist es dann doch noch vollbracht und auf der Leinwand hinter der B√ľhne flimmern Szenen aus uralten italienischen Schwarzwei√üfilmen. Was nun die n√§chsten 70 Minuten folgt, ist schlicht atemberaubend: tiefe Melancholie und unstillbare Sehnsucht, getragen von einem weiten, eindringlichen Gitarrenteppich, der das Publikum davon tr√§gt. Einige breiten die Arme aus und schlie√üen vertr√§umt die Augen, andere recken die F√§uste in die Luft und sch√ľtteln die K√∂pfe zum donnernden Drum-Sound. Beides ist m√∂glich, gleichzeitig – so vielschichtig sind Klimt 1918. Innerhalb der ersten drei Songs wandelt sich die Stimmung im Publikum von abwartender Zur√ľckhaltung zu euphorischer Anerkennung. Das Quartett aus Rom nimmt das √ľberaus positive Feedback der Anwesenden mit freudig-√ľberraschter Zur√ľckhaltung zur Kenntnis. Marco Soellner √ľberl√§sst, ganz introvertierter K√ľnstler, den √ľberwiegenden Teil der Kommunikation seinem Gitarristen Francesco Conte. √úberhaupt scheint der S√§nger an diesem Abend viel daf√ľr zu tun, um m√∂glichst nicht im Mittelpunkt zu stehen m√ľssen. Denn im Zentrum steht bei Klimt 1918 ganz klar die Musik, die sich in der Tradition von Bauhaus und Joy Division sieht und sich anh√∂rt, als h√§tten Slowdive The Cure gek√ľsst. (KS)

22:30 Esben And The Witch (GB)
Nachdem die wundervolle Sylvaine ihren Auftritt beendet hat, steht mit Esben And The Witch der Headliner des heutigen Programms im Alten Landratsamt an. Die Briten verm√∂gen es wie kaum eine andere Szene-Band, eindrucksvolle Klanglandschaften in Moll zu erschaffen und ihre Zuh√∂rer auf eine fantastische Reise zu entf√ľhren. Schwere, dunkle Welten erf√ľllen das eigentlich karge Innere des Geb√§udes und dienen fortan als Kulisse f√ľr die beeindruckende Stimme von S√§ngerin Rachel Davies, die immer wieder einen perfekten Spagat zwischen ruhigen Passagen und explodierenden Gesangs-Phasen hinlegt. Sp√§testens mit dem √ľberragenden No Dog haben sie auch diejenigen √ľberzeugt, die bisher vielleicht noch nicht mit ihrer Musik in Ber√ľhrung gekommen waren und mit dem wundervollen The Fall Of Glorieta Mountain weint auch das schwarze Herz f√∂rmlich vor Gl√ľck. Man sieht dem Publikum geradezu an, wie sehr der Song es ber√ľhrt hat. Wieder einmal haben Esben And The Witch eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie eine absolute Ausnahme-Band sind und ihr Publikum ganz unabh√§ngig von der Location stets in ihren Bann ziehen k√∂nnen. Klasse! (MG)

Haus Leipzig

18:30 Uhr – Lydia Benecke
Riesigen Zulauf hat die Kriminalpsychologin und Schriftstellerin Lydia Benecke bei ihrem Vortrag im Haus Leipzig. Der Regenguss l√§sst den Andrang vorm Geb√§ude absolut nicht abreissen. Somit beginnt der Vortrag nicht ganz p√ľnktlich erst um 18:40 Uhr. Der Titel der Vortragsreihe (eine Fortsetzung folgt am Sonntag) lautet ‚ÄúPsychopathinnen – Die weibliche Seite der Psychologie‚ÄĚ des B√∂sen und hat damit sicher viele interessierte Zuh√∂rerInnen angelockt. Zun√§chst stellt sich Lydia Benecke selbst vor und erkl√§rt die Spielregeln f√ľr den Vortragsabend (Keine Fotos w√§hrend der Veranstaltung! Daf√ľr unbegrenzte Zeit im Anschluss f√ľr Fragen, Fotos, Autogramme!). Dabei wird schon schnell klar, dass man ein Schnellh√∂rer sein muss, denn Frau Benecke redet ohne Punkt und Komma und Luftholen ist auch nur nach jedem zweiten Absatz drin. Aber dennoch schafft sie es, schon zu Beginn einen Spannungsbogen aufzubauen, der wirklich bis zur letzten Minute bestehen bleibt. Auch wenn sie dabei erstmal kurz einen Werbeblock f√ľr ihre zwei bisher erschienenen B√ľcher (‚ÄúDie Psychologie des B√∂sen‚ÄĚ, ‚ÄúSadisten‚ÄĚ) und ihr demn√§chst zu Ver√∂ffentlichendes (Psychopathinnen) schaltet. Dennoch ist man schon ein bisschen angefixt und neugierig. Zu Beginn erl√§utert sie die Unterschiede zwischen m√§nnlichen und weiblichen T√§tern bei T√∂tungsdelikten und die typischen Eigenschaften von Psychopathen beiderlei Geschlechts. Untermalt mit Beispielen aus ihrer eigenen Praxis, aber immer auch mit einer Prise Humor und Ironie, sorgt Lydia Benecke f√ľr ziemlich viel Heiterkeit und manchmal wohl auch eigenes Wiedererkennen (!) im Publikum. Am Beispiel der Hauptfigur aus beiden Teilen des Films ‚ÄúBasic Instinct‚ÄĚ (Wir erinnern uns: Sharon Stone ohne Unterw√§sche unterm Kleid im Polizeiverh√∂r!) wird der Prototyp einer weiblichen Psychopathin vorgestellt. Die Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen der T√§terinnen werden dabei herausgearbeitet und erl√§utert. Auch das gespannte Publikum kommt dabei zu Wort. Mit der Vorstellung von zwei mehr oder weniger bekannten amerikanischen Serienm√∂rderinnen, Aileen Wuornos und Marybeth Tinning, deren Lebensl√§ufen und Mordmotiven, kommen die Ausf√ľhrungen von Lydia Benecke zum Abschluss. Man h√§tte ihr noch Stunden zuh√∂ren k√∂nnen! (AZ)

Kohlrabizirkus

17:00 Uhr – Stahlmann
Man nehme ein bisschen Rammstein, w√ľrze diese mit einer Prise Elektro und garniere mit einem Eimer voll silberne Farbe: Willkommen im Reich von Stahlmann und ihrem Grundrezept f√ľr Neue Deutsche H√§rte! Hier parken die aus G√∂tting stammende Band ihre musikalischen Visionen. Stoische Gitarren, kalte Elektronik machen Stahlmann zu einem der konsequentesten und charakterst√§rksten Vertreter des Genres inklusive kompromissloser und ehrlicher Texte. Als Opener und f√ľr diese doch fr√ľhen Zeitpunkt ist der Kohlrabizirkus schon recht gut gef√ľllt. Dies zeugt von einer wachsenden Fanbase, die die G√∂ttinger um sich scharen. Mit einer Begr√ľ√üung kann der harte Ritt beginnen. Erw√§hnenswert ist auch die recht gute Akustik hier im Kohlrabizirkus. Von der ersten Sekunde an gehen die Fans mit und Frontmann Martin Soer zieht sie mit in ihren Bann. Es wird geklatscht, ausgiebig getanzt und einfach nur abgefeiert. Gnadenloses Headbangen bis der Arzt kommt oder der Halswirbel knackt. Die Stimmung nimmt von Song zu Song zu und der Beifall wird als Echo von der Kuppel zur√ľckgeworfen. Der charismatische Frontmann interagiert mit seinen Fans und man merkt ihm die Freude an, heute hier zu sein. S√§nger Martin Soer gibt freudestrahlend bekannt, dass am 16.06.2017 ihr neues Album Bastard erscheinen wird und er deshalb einmal die Ballade Nichts spricht wahre Liebe frei als Single ausgekoppelt hat. Lichtkegel tauchen den Frontmann in ein mystisches Licht. Dadurch sind die tiefen Gef√ľhle, um die es in dieser Ballade geht, greifbar. Ein au√üergew√∂hnlicher intensiver Moment. Viele Fans wiegen sich gemeinsam Arm in Arm im Takt. Welch ein Start in den zweiten Tag des Pfingst-Wochenendes. Weiter geht es dann auch gleich mit Symphonic Metal von Xandria. (CM)

18:20 Uhr – Xandria (D)
Nach einem recht schnellen Umbau der B√ľhne gibt es nun p√ľnktlich harte Gitarrenriffs und eine grandioses Stimme auf die Ohren. Metal meets Sopran. Neben dem Schlagzeug stehen links und rechts jeweils drei Banner der Band. Dahinter h√§ngt eine √ľberdimensionale Leinwand mit dem Bandnamen. Die Halle hat sich zwar etwas geleert, aber der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Beim Intro betritt die Band nacheinander die B√ľhne und wird frenetisch und begeistert vom Publikum in Empfang genommen. Die S√§ngerin Dianne van Giersbergen animiert ihre treuen Fans immer wieder zum Klatschen und Tanzen. Dem wird bereitwillig nachgekommen. Auch bei diesem Konzert ist die Akustik au√üergew√∂hnlich gut. Nur das doch recht dominante Schlagzeug wird gnadenlos von der Kuppel im Kohlrabizirkus auf die Zuh√∂rer am Boden zur√ľckgeworfen. Besonders in den ersten Reihen wird gefeiert. Hier sieht man die eine oder andere erhobene Faust, die im Takt in die Luft gesto√üen wird. Au√üerhalb der Halle hat es zu regnen begonnen und zwar wie aus Kannen. Zum Gl√ľck findet diese Konzert ja in einer Halle statt. Aber da die etwas marode Kuppel doch das eine oder ander Loch hat, tropft es im Laufe der Zeit doch recht ausgiebig von der Decke. Die Stimmung ist trotzdem ausgelassen und steigt von Song zu Song. Xandria wissen zu √ľberzeugen und nehmen ihre Fans mit auf einer gro√üartigen Reise in ein Symphonic Metal Wunderland. (CM)

21:30 Uhr – Rotting Christ (GR)
Der Regen hat grad aufgeh√∂rt, als wir beim Kohlrabizirkus ankommen. Eine richtige Karawane aus WGT-Besuchern str√∂mt uns entgegen und wir fragen uns: Vor wem sind die denn auf der Flucht? Vor dem bitterb√∂sen Okkultismus der Gothic-Metallern von Rotting Christ? Ja, wohl eher nicht, oder? Beim Betreten der riesigen Betonkuppel bemerken wir, dass wir uns zu fr√ľh Sorgen gemacht haben, denn diese ist noch sehr gut gef√ľllt. Was uns auch dieses Jahr wieder auff√§llt: Zum Kohlrabizirkus verirren sich eher weniger Reifrock und Zylinder tragende Sch√∂ngeister. Das Publikum hier ist eindeutig rustikaler: B√§rte, B√§uche, Bierbecher und Metal-Shirts. Als die Griechen beginnen, ist die B√ľhne in blutrotes Licht getaucht und ein dr√∂hnendes ‚ÄúAve Satani‚ÄĚ ert√∂nt. Ich bleibe vorsichtshalber ein wenig weiter hinten, denn vor der B√ľhne ist einiges los. Rotting Christ haben dort inzwischen Stellung bezogen und geben Breitseite. Die Musiker stellen eine Wand aus, trommelnden, schweren Riffs und rabenschwarzen Unheil hin. Begleitet wird das Ganze von der typisch martialischen Mannbarkeits-Metaller-Attit√ľde: vom vertrauten Black-Metal-F√∂n, √ľber bekr√§ftigenden Schl√§ge auf die Brust, bis hin zu beschw√∂rend stierenden Blicken gen Deckenbeleuchtung ist alles dabei. Ja, die Veteranen Rotting Christ sind eine sichere Bank f√ľr beste Gothic-Metal-Stimmung, einen mystisch-epischen Sound und haben in all den Jahren √ľberhaupt nichts verlernt. So erntet man den Respekt des Publikums. (KS)

23:00 Uhr – Amorphis (F)
Dann, bevor man auch nur ‚Äěyksi, kaksi, kolme‚Äú sagen konnte, war auch schon die B√ľhne f√ľr den Headliner des WGT-Samstags umgebaut und der Sound gecheckt. Amorphis sind, den aktuellen Auftritt mitgez√§hlt, schon das dritte Mal auf dem WGT und so wurden die Fans von Tomi Joutsen fast wie alte Bekannte begr√ľ√üt. Die Finnen feuern ein episches Feuerwerk ab und beweisen einmal mehr, wo sie in der Riege aller Metal-Bands l√§ngst stehen m√ľssten:N√§mlich ganz, ganz oben. Wer Amorphis kennt, wei√ü, dass die Finnen f√ľr perfekt durchdachte Kompositionen stehen, bei denen harte, donnernde Gitarren- und Drum-W√§nde und gutturale Vocals in zauberhafte, epische Melodien und ausdrucksstarken Gesang greifen. Tomi Joutsen, einer der besten S√§nger des Genres √ľberhaupt, kommuniziert so vertraut mit dem Publikum, dass beide Seiten gegenseitig ihre S√§tze zu beenden scheinen. Amorphis wissen genau, was die Fans wollen und die Fans danken es ihnen, indem sie jede Zeile der Songs mitsingen. Headbanging, hochgerissene F√§uste und Pommes-Gabeln wirken wie die perfekte Metal-Choreographie, denn es reiht sich heute abend wirklich Hymne an Hymne. Das Publikum steht wie ein Mann. Gespielt werden vor allem die √§lteren St√ľcke von Tales From The Thousand Lakes, bei dem sich die Band von den spirituellen Geschichten aus der Kalevala inspirieren lie√ü oder Elegy, eines der besten Genre-Alben √ľberhaupt. Das ist eigentlich ein bisschen schade, da ich auf ein paar mehr St√ľcke vom letzten, wirklich grandiosen Album Under The Red Cloud gehofft hatte. H√∂hepunkt f√ľr alle gl√ľcklich eskalierenden Anwesenden, mich eingeschlossen, ist nat√ľrlich My Kantele, das Tomi Joutsen zusammen mit dem ehemaligen S√§nger, nun Gitarristen, Tomi Koivusaari gesanglich performt ‚Äď ein G√§nsehaut-Moment! (KS)

Felsenkeller

18:10 Lolita KompleX (A)
Nachdem Superikone den Tag im Felsenkeller eingeleitet haben, ist es an Lolita KompleX, die Stimmung weiter nach oben zu schrauben. Und auch wenn der Felsenkeller zu dieser Uhrzeit noch recht d√ľrftig besucht ist, geben die √Ėsterreicher alles und kommen mit einem Knall und viel Konfetti auf die B√ľhne. Es wird gerockt und S√§ngerin nana sorgt mit ihrer kindlichen Stimme und ihrem Outfit der Marke Lolita oder Schneewittchen f√ľr einen interessanten Gegenpart zum deutlich robusteren Auftreten von S√§nger Eve Evangel, der hier f√ľr die h√§rteren Gesangsparts zust√§ndig ist. So ist bei druckvoller Musik f√ľr Augen und Ohren einiges geboten und es darf getanzt oder das Haar im Rhythmus gebangt werden. Auf der B√ľhne ist immer etwas los, Langeweile kommt hier keine auf und auch f√ľr so manchen Schabernack sind Lolita KompleX und allen voran Fronter Eve immer zu haben. Ganz gleich, ob er seine Mannen mit freundlichen Tritten in den Hintern anfeuert oder diese mit Konfetti √ľbergie√üt, wovon vor allem Gitarrist Dushi ein Lied singen kann. Ein unterhaltsamer Auftritt. (MG)

19:30 The Pussybats (D)
Und auch die nachfolgenden The Pussybats haben einiges an Energiepotential auf ihrer Seite und legen mit d√ľsterem Glam Rock gleich ordentlich los. Vor allem Bassist Marple gibt immer wieder alles und posiert f√ľr die – trotz starker Regenf√§lle – langsam zunehmende Zuschauermenge, doch auch Gitarrist Maze wei√ü in Sachen Publikumsn√§he zu gefallen. Im Zentrum steht der sich optisch deutlich abhebende S√§nger Sid, der seine fehlende Haarpracht durch zus√§tzliche Energie wett macht und immer wieder die Blicke auf sich zieht. Eigenkompositionen wie Dance With The Devils oder das aktuelle Silver Bullet rei√üen die Fans mit. Auf das Billy Idol Cover Dancing With Myself h√§tte man aber vielleicht besser verzichtet, bietet es doch kaum Neues. Obendrein wird man den Eindruck nicht los, dass sich The Pussybats mit eigenen Songs wohler in ihrer Haut f√ľhlen. Doch sei es drum, The Pussybats liefern eine wirklich gute Show ab und stimmen die Fans so bestens auf die nachfolgenden MGT und The Breath Of Life ein. (MG)

Täubchenthal

20:50 Bloody Dead And Sexy (D)
Es gibt etwas zu feiern, denn Bloody Dead And Sexy feiern ihr zwanzigj√§hriges Bandbestehen und werden folgerichtig mit einem “Happy birthday to you…” auf der B√ľhne des T√§ubchenthals empfangen. Die Party selbst wird aber deutlich d√ľsterer gestaltet, denn mit Sick Six Minutes sind wir gleich mitten drin im dunklen Death-Rock Geschehen. Treibende Gitarren rei√üen die Fans immer wieder mit und vor allem S√§nger Rosa Iahn f√ľllt die ihm zugedachte Fronterrolle mit Bravour aus. Immer wieder tanzt er wild und scheinbar unkoordiniert √ľber die B√ľhne, um dann pl√∂tzlich innezuhalten und die Augen weit aufzureissen. Mit starken Songs wie Hey Ho Armageddon! oder A Friend In Mescaline steuern Bloody Dead And Sexy den idealen Soundtrack zu ihrer Geburtstagsparty bei. Wir freuen uns am Ende ersch√∂pft aber gl√ľcklich auf die n√§chsten 20 Jahre. (MG)

NonTox

21:00 Uhr – Patenbrigade:Wolff
Mit gut 10 Minuten Versp√§tung r√ľcken die Bauarbeiter der Patenbrigade:Wolff zur Arbeit auf der B√ľhne an. In der einzigen Outdoor-Veranstaltungsst√§tte des Wave-Gotik-Treffen, neben dem Heidnischen Dorf, dem Non Tox im Leipziger Stadtteil Gro√üzschocher, sind die Brigade-Mitarbeiter bei Nieselregen nat√ľrlich mit Arbeitsschutzkleidung und Bauhelm angetreten. Das Berliner Elektro-Projekt um Sven Wolff (Ex- Dust of Basement) begeistert nicht nur mit den einfachen aber einzigartigen Outfits, sondern auch mit der obligatorischen Bierflasche als Arbeitsausstattung. Das Leipziger Publikum, wahrscheinlich selbst schon sehr gut vorgegl√ľht, ist dann auch √ľber die eine oder andere exklusive Bierdusche von der B√ľhne total begeistert und stachelt die Bauarbeiter mit “Der Brigadier trinkt Bier”-Rufen auch regelm√§√üig zu erneutem Bier-Regen an. Begleitet und unterst√ľtzt wird die schwer arbeitende Brigade von der zauberhaften S√§ngerin Antje Dieckmann, die bei dem Lied Gefahrstoffe so wunderbar ‚ÄěREIZEND‚Äú spricht und selbst auch wirkt. Aber auf der B√ľhne wird nicht nur Bier getrunken, sondern auch mit dem Trennschleifer gearbeitet, dass die Funken fliegen, es wird hantiert mit Kegeln, Warnbaken und Absperrband. Arbeitsschutz wird hier noch gro√ü geschrieben! Das Publikum tanzt und feiert zu TU-144, Die Br√ľcke, Signal und Demokratischer Sektor um dann immer wieder beim Bier (Der Brigadier trinkt Bier) anzukommen. Schon zwingend und wahrscheinlich sehns√ľchtig erwartet geh√∂rt zu einem Patenbrigade:Wolff das Zerlegen der B√ľhnentechnik und die Umverteilung von Bier mittels KG-Rohr an das Publikum in den vorderen Reihen. Die Band feiert sich und wird ihrem Ruf als Spa√ü-Elektroband wieder einmal mehr als gerecht. Als Zugaben in den k√ľhlen Leipziger Abend werden Volksarmee und Stalinallee gestampft. F√ľr alle, die Bier m√∂gen, ein sehr gelungener Abend und f√ľr Liebhaber von Elektromusik nat√ľrlich auch! (AZ)

Foto / Author: Anita Zeidler (AZ), Claudia Marquardt (CM), Danny Sotzny (DS), Dietmar Grabs (DG), Jana Breternitz (JB), Katja Spanier (KS), Michael Gamon (GM), Thomas Papenbreer (TP)

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