Interview: NOÊTA

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GeschÀtzte Lesezeit: 7 Minute(n)

Die schwedischen Musiker von NoĂȘta halten nicht besonders viel von einengenden Genre-Grenzen. Auf ihrem Album Beyond Life And Death erschaffen die KĂŒnstler mit ihrer Musik Klangwelten, die ebenso wunderschön, wie schwer fassbar sind. Kurz nach Erscheinen von Beyond Life And Death am 17. Februar 2017 erklĂ€rten sich Êlea und Ândris bereit, uns einen Einblick in ihre Arbeit zu gewĂ€hren

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Es ist eine sehr große Freude fĂŒr mich, dass ich fĂŒr unsere Leser von monkeypress.de die Möglichkeit bekommen habe, Euch ein paar Fragen zu Eurem ersten Longplayer zu stellen. Aber zuerst und bevor ich damit anfange, möchte ich Euch zu Eurem wunderbaren und ambitionierten Album beglĂŒckwĂŒnschen!
Dankeschön!

Ihr habt das Genre, dem Ihr Eure Musik zuordnet als „anti-normativen“ Black-Metal beschrieben. Was genau macht die anti-normative Komponente dieser Bezeichnung denn aus?
Wir haben „anti-normativ“ als SchlĂŒsselbegriff fĂŒr unsere Musik und den Entstehungsprozess gewĂ€hlt. SpĂ€ter haben wir dann begriffen, dass jeder etwas anderes darunter verstehen kann. Wir wollten mit den eintönigen Vorlagen brechen, die von vielen Musikern benutzt werden. Außerdem wollten wir auch den Konformismus in Frage stellen, der sowohl durch die sozialen Erwartungen rings um das musikalische Schaffen, als auch durch die musikalischen Genres selbst immer gegenwĂ€rtig ist. Insbesondere ist das bei SĂ€ngerinnen innerhalb dieser Sound-Richtung feststellbar. Worin liegt die Herausforderung, einen Sound, den man schon bei PJ Harvey oder Dead Can Dance findet, noch einmal zu kopieren?

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Wir wollten eher Musik erschaffen, die noch die Essenz von etwas UnverfĂ€lschtem hat, als etwas EingĂ€ngiges, um es besser verkaufen zu können. Musik kann sich schwerer mitteilen, wenn sie keinem gĂ€ngigen Genre zugeordnet werden kann. Wenn man ungewohnte Tempowechsel, keine eingĂ€ngigen Refrains und regulĂ€re Song-Strukturen benutzt, hat man nur wenig, um sich den Zuhörer zu angeln – das war uns bei dieser Art von Musik von Anfang an klar, aber es war eine bewusste Entscheidung. In dieser Hinsicht denken wir, sind unsere unkonventionellen Methoden das, was wir mit „anti-normativ“ ausdrĂŒcken möchten.

Ihr habt Beyond Life And Death als Konzeptalbum entwickelt, das drei Teile umfasst: 1. Die Begegnung mit Emotionen als Lebensinhalt, 2. als kalte Resignation und Angst und 3. als von Grauen erfĂŒllten Respekt vor einer unbeugsam, entfesselten Natur. Sind diese drei Teile miteinander verbunden? Und wie wĂŒrdet Ihr diesen konzeptionellen Rahmen beschreiben?
Wir haben mit den drei Emotionen begonnen, die wir beschreiben wollten, bevor daraus vollstĂ€ndig ausgeformte Konzepte geworden sind. Die Teile hĂ€ngen zusammen, wenn auch abstrakt in dem Sinne, dass sie alle drei Ausdruck unbestĂ€ndiger GefĂŒhle im Leben sind, die jeweils durch eine andere Linse betrachtet werden. Sie alle sind Begleiterscheinungen im Ringen eines Menschen mit seinem psykhe (Denken). Es ist ein konzeptioneller Rahmen, der sich eher darauf konzentriert emotionale Situationen zu beschreiben, als festgeschriebene Konzepte.

FĂŒr mich hört sich Beyond Life And Death, wie auch Euer Debut psykhe sehr elaboriert und ausgereift an, musikalisch wie intellektuell. Könnte Ihr mir etwas zu Eurem kĂŒnstlerischen und akademischen Hintergrund erzĂ€hlen?
Ândris ist ein ausgebildeter Folk-Musiker, Tontechniker und Analog-Photograph. Er unterrichtet in diesen Bereichen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Êlea ist eine visuell-effects KĂŒnstlerin und ebenfalls Tontechnikerin. Sie arbeitet in der Filmindustrie. Aber auch außerhalb der beruflich fachlichen Welt, haben wir beide in ganz unterschiedlichen Bereichen, Dinge gelernt und unsere Erfahrungen gemacht. Das alles findet definitiv auch insofern seinen Weg in unsere musikalische Arbeit, als dass wir uns immer die Neugier bewahren, unser Wissen zu erweitern und neue Ideen zu entwickeln; kĂŒnstlerisch, emotional und intellektuell.

LĂ€sst man mal die ganzen alten Griechen beiseite: was könnt ihr mir ĂŒber weitere Inspirationen sagen (kulturell, musikalisch, literarisch, Persönlichkeiten etc.), von denen Eure Arbeit an Beyond Life And Death beeinflusst wurde?
Oh, das waren so viele, dass es schwierig ist, die hier alle zusammen zu fassen. Wir beide werden von unterschiedlichen Dingen beeinflusst, wenn wir arbeiten. Im Allgemeinen reichen diese EinflĂŒsse von zeitgenössischer Schlagwerk-Kunst wie Stoneway von Rolf Wallin, ĂŒber Ambient Black-Metal, Ă€ltere Folk-Music bis hin zu zeitgenössischem Fingerpicking Folk und Blues wie Songs von Tallest Man On Earth. Wir lassen uns auch von verschiedenen Philosophen inspirieren. Am Anfang haben wir uns stark auf Aristoteles konzentriert, im weiteren Verlauf vor allem auf Kant und Kierkegaard. Dann sind da noch die Fotografien von Cooper & Grofer, genauso wie Verbundenheit zur Natur und Geschichte durch BĂŒcher wie Tracing Old Norse Cosmology von Anders AndrĂ©n.

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Es schien eine offenbar sehr starke Verbindung zur antiken griechischen Philosophie und Mythologie bei Euch gegeben zu haben, betrachtet man allein die Bedeutung und den Ursprung von Begriffen wie noĂȘta und psykhe. Einige Titel auf der EP wurden auch mit Begriffen aus der griechischen Mythologie benannt. FĂŒr mich hatte es den Anschein, als ob diese starke Verbindung auf Beyond Life And Death etwas von seiner PrioritĂ€t verloren hat. WĂŒrdet Ihr sagen, dass auf Eurer neuen Veröffentlichung Euer philosophischer Ansatz abstrakter geworden ist, eher ĂŒbergeordnet und befreit von einem akademischen Korsett?
Wir hatten immer schon auch EinflĂŒsse außerhalb der griechischen Philosophie genutzt. Draumr auf unserer EP beispielsweise zeigt unsere nie abreißenden Verbindung zur alten nordischen Kosmologie. Man merkt sehr schnell, dass sich verschiedene Philosophen immer wieder dieselben Fragen stellen, aber ganz unterschiedliche Herangehensweisen haben, diese dann beantworten zu wollen. Die antike griechische Schule hat sich in vielerlei Hinsicht ĂŒberholt, obwohl ihre Konzepte heute noch aktuell sind. Es gibt Philosophen jĂŒngerer Schule und neue Erkenntnisse; betrachtet man allein die Entdeckungen in der Neurobiologie (z. B. wissen wir heute, dass die Theorien ĂŒber TrĂ€ume und Emotionen, wie Aristoteles sie entwickelte, vor diesem Hintergrund nicht korrekt sein können.). Aber wir können immer noch ĂŒber diese antiken Konzepte sprechen, ohne, dass wir ihre antiquierte Sprache benutzen mĂŒssen. Unsere Verbindung dazu war immer da und wird auch immer bestehen bleiben, wenn auch heute etwas abstrakter.

Was unsere Lyrics angeht, befanden wir uns eigentlich nie in einem akademischen Korsett, obwohl schon, wie bereits erwĂ€hnt, stets eine Beziehung zwischen Emotion und Philosophie bestand. Wenn wir einfach so philosophische Theorien ohne emotionalen Bezug aussprechen wĂŒrden, wĂ€ren wir eher Akademiker und weniger KĂŒnstler.

Eure Musik wird auch oft als „Begleitung zur Introspektion“ beschrieben. War es hilfreich bei der Arbeit an dem Album bestimmte Stimmungen einzufangen, Euch in bestimmte Stimmungen zu versetzen, wĂ€hrend Ihr diese Innenschau musikalisch zum Leben erweckt habt?
Auf jeden Fall! Einer der Faktoren, der am meisten dazu beigetragen hat, war, dass wir sehr selten im Studio aufnehmen (nur kleine Teile von drei Songs des Albums wurden innerhalb einer Studio-Umgebung aufgenommen). Den grĂ¶ĂŸten Teil unserer Musik haben wir in Ândris Haus geschrieben, produziert, aufgenommen, abgemischt und vollendet. Sein Haus steht auf einer kleinen Insel und ist von stimmungsvoll dĂŒsteren WĂ€ldern umgeben. Dort können wir genau die Umgebung erschaffen, die es uns erlaubt, völlig in dem aufzugehen, was wir tun. So können wir verschiedene Komponenten in unterschiedlichen Bereichen des Hauses aufnehmen, wenn wir die komplette Abgeschiedenheit brauchen, um uns vollstĂ€ndig mit den Emotionen zu verbinden, die abrufen wollen.

Es mag einige Leute geben, die Eure Musik zwar als interessante, aber sperrige Kunst beschreiben wĂŒrden, die zu schwierig ist, sich damit auseinander zu setzen. Wie wĂŒrdet Ihr diese Leute ermutigen einen Zugang zu Eurer Musik zu erhalten?
Wir denken, dass es Musik gibt, die ihren Zuhörer schnell mit einem eingĂ€ngigen Rhythmus oder Melodie abholen kann. Andere Arten von Musik sind herausfordernder und verlangen dem Zuhörer mehr ab. Ihre Schönheit kann sich aus der Gesamtheit der EindrĂŒcke auf dem ganzen Albums zusammensetzen oder in der Analyse ihrer musikalischen Vielschichtigkeit. Diesen Anspruch kannst du bei sehr vielen KĂŒnstlern finden. Je nachdem, ob du von Le Sacre Du Printemps (Igor Strawinsky) sprichst, Sichtweisen auf einen „rohen“ Black-Metal oder dem Noise-Genre etc., einige Leute sind bereit, sich musikalischen Geschmack zu erarbeiten oder die Intentionen der KĂŒnstler verstehen zu wollen, … andere eben nicht.

Habt Ihr PlĂ€ne fĂŒr eine Tour mit Beyond Life And Death gemacht?
Ab jetzt bereiten wir Live-Auftritte vor und beginnen auch schon mit den Proben. Die Auftritte selbst werden hauptsĂ€chlich in den Sommermonaten stattfinden. Genaue Daten werden demnĂ€chst bekannt gegeben. FĂŒr eine volle, umfassende Tour fehlen uns im Moment noch die Mittel, aber hoffentlich holen wir das in der Zukunft nach.

Letztes Jahr habt Ihr einen Vertrag mit Prophecy Productions unterzeichnet. Hatte das Einfluss auf Eure Arbeit mit NoĂȘta?
Wir sind sehr glĂŒcklich mit Prophecy Productions zu arbeiten, da sie uns als KĂŒnstlern komplett freie Hand lassen, uns so auszudrĂŒcken, wie wir es möchten.

Vielen Dank fĂŒr Eure Zeit und die interessanten Antworten!
Vielen Dank!

Weblinks NOÊTA:

Facebook: www.facebook.com/noetaband
Bandcamp: noeta.bandcamp.com

Beyond Life and Death

Preis: EUR 13,99

5.0 von 5 Sternen (1 Kundenbewertungen)

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