DAS BUNKER 20th ANNIVERSARY – USA – Los Angeles, Union Club (14.-16.10.2016)

la_kati1
GeschÀtzte Lesezeit: 7 Minute(n)

Hawaiihemden und Totenkopf Flip- Flops – Industrial unter Palmen

Ein schwĂŒlwarmer Tag Ende Oktober in der Stadt der Engel. Die berĂŒchtigte Partyreihe „Das Bunker“ lĂ€dt zum zwanzigsten Geburtstag und die dunkle WestkĂŒstenszene versammelt sich nach mehreren grandiosen Warm- Up Konzerten heute in einem gerĂ€umigen Club am Pico Boulevard. Etwas außerhalb von Downtown, zwischen kleinen koreanischen Restaurants, mexikanischen Burritowagen und jeder Menge Halloweendekoration an den HĂ€userfronten schallen am spĂ€ten Abend vor allem die Predigten der unzĂ€hligen spanischen Gottesdienste aus den geöffneten TĂŒren auf die Straße. Umso argwöhnischer betrachten die KirchgĂ€nger die dĂŒstere Menschentraube, die sich vor dem Union Club zu formieren beginnt. Ein voluminöser Tourbus versperrt schon seit Stunden die Sicht auf den Eingangsbereich und sorgt durch sein bloßes Herumstehen fĂŒr den charmanten Flair von Rock’n’Roll und Welttourneen. Vorbei an der langen Schlange und den teils bewaffneten TĂŒrstehern geht es in die pechschwarz gepinselten ClubrĂ€ume. Wo sonst Hip Hop Beats dominieren, tummelt sich an diesem Wochenende die typische Mischpoke aus Cyberfreaks, 80er Enthusiasten und avantgardistisch gekleideten Industrialfreunden. Das Bild unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von dem heimischer Festivals- auf den Zweiten allerdings schon, es ist statischer. Wildes Tanzen, Mitschunkeln und das stoische Kopfnicken der letzten Reihen weicht hier einer Art Trancepublikum- das hingebungsvoll die Bands auf den zappendusteren BĂŒhnen fokussiert. Ein paar TĂ€nzer, vor allem vor der bestialisch lauten Noisestage brechen mit dieser kinoartigen AtmosphĂ€re, aber Ausrasten bleibt fĂŒr die meisten ein Fremdwort. WofĂŒr man fast dankbar sein muss, denn auch ohne schwitzende Leiber betrĂ€gt die Raumtemperatur bereits gefĂŒhlte 40 Grad. Hört man sich um, so fallen immer wieder anerkennende Worte ĂŒber die deutsche Industrialszene und unsere riesigen Festivals. Der amerikanische Musikfan wĂ€hnt schmeichelhafterweise das Herz der Subkultur in der alten Welt, nicht in dieser Metropole am Pazifischen Ozean, die Trent Reznor und so viele andere GenregrĂ¶ĂŸen beheimatet.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Ein falscher Artikel wird zum Markenzeichen

Neben einigen deutsch klingenden Bandnamen lĂ€sst sich in der gesamten Aufmachung des Festivals eine ausgeprĂ€gte Germanophilie erkennen- ĂŒber allem Artwork thront der Bundesadler und unsere Armeeklamotten sind ein gern getragenes Accessoire. Auch die Frage nach dem falschen Artikel im Namen der Veranstaltungsreihe klĂ€rt sich rasch- ein Franzose erfand vor vielen Jahren den wohlklingenden Namen „Das Bunker“ und heute erweist sich der eingeschlichene Fehler als durchaus vorteilhaft bei der Suchmaschinenoptimierung. Über so viel Plauderei, Lokalkolorit und Anstehen am Merchstand sind bereits die ersten Acts vergangen und auf der Main Stage bringt die Einmannkombo Author & Punisher mit experimentellem Industrial Doom und Drone Metal ihre Version der erotischen Interaktion zwischen Mensch und Maschine unters Volk, wĂ€hrend nebenan iVardensphere: Singularity mit seinem elektrisierenden Improvisationstalent begeistert. Tactical Sekt hauen direkt im Anschluss den zahlreichen Fans ihr bitterböses Gewummer um die Ohren, hier und dort löst sich nun ein Zuschauer aus der anfĂ€nglichen Trance und hĂŒpft erregt zwischen Dutzenden in die Luft ragenden Handykameras auf und ab. Als nĂ€chstes geht es rĂŒber zu High-Functioning Flesh, hier werden wir Zeuge der maximal ungewöhnlichen KostĂŒmierung, denn sie performen ihren aufrĂŒttelnden Electro-Punk in Blue Jeans und einem Blumenhemd, an dem JĂŒrgen von der Lippe Gefallen gefunden hĂ€tte. Eine Insel des sonnigen kalifornischen GemĂŒts inmitten all diesen Gruftitums. Sie bescheren uns brandneue Songs, wilde Beats und jede Menge 80er Nostalgie untermalt von Joe Cockereskem Ausdruckstanz und sorgen so fĂŒr eine gelungene Abwechslung vom dĂŒsterem Treiben in den anderen Hallen. Dieser Kontrast zwischen dem dunklen Lifestyle und der hiesigen SurfermentalitĂ€t findet sich auch beim Blick auf den Hallenboden, zwischen schweren Armyboots und lackfarbenen PfennigabsĂ€tzen stapfen ein paar schwarze Flip-Flops mit kleinen Tötenköpfen und Schleifchen im Takt der Musik.

Im stĂ€ndigen Wechsel zwischen den drei Areas verstreicht langsam die Nacht und schon beginnt Daniel Graves mit seinem Nebenprojekt Necessary Response. In ungewohnt legerer Joggingplinte und mit etwas kieksiger Stimme unterscheidet sich diese Darbietung vom direkt anschließenden Aesthetic Perfection Gig, der Sound bleibt leider durchgehend mies aber Graves ÂŽ FrontsauqualitĂ€ten machen seine Auftritte trotzdem zu einem kurzweiligen VergnĂŒgen und seine eingeschworene Fangemeinde sieht ihm alles nach, auch den Umstand, dass er sich wĂ€hrend der Konzerte fast durchgehend selbst in dem großen Spiegel betrachtet, der am Seitenrand der Halle hĂ€ngt. Höhepunkt des Abends sind VNV Nation, die der deutsche FestivalgĂ€nger zwar schon deutlich zu oft gesehen hat, deren Performance aber auch immer wieder ein Genuss ist. Sie spielen einige alte RaritĂ€ten und ihre sanften, melodischen KlĂ€nge und schönen Visuals tragen uns dem Ende der Nacht entgegen und werden dank des Jetlags zu einem entzĂŒckenden Schlaflied. Kurz nach den Zugaben wird also mĂŒdigkeitsbedingt flugs ins Hostelzimmer geubert, dort wartet noch eine enervierende Mischung aus Dauertelefonierern und GĂ€sten mit gruseliger Schlafapnoe. Ein Königreich fĂŒr ein Einzelzimmer.

Ein kleines StĂŒck Strand haben wir beim Amphi schließlich auch

Der Sonntag und damit der letzte Festivaltag beginnt wieder erbarmungslos sonnig und mit einem herrlichen Blick auf das Hollywoodzeichen in den diesigen, versmogten Bergen am Horizont dieser unwirklichen Stadt. Die palmengesĂ€umten Straßen und die kilometerweiten, menschenleeren SandstrĂ€nde wirken wie eine surreale Kulisse und trotzdem fĂŒhlt es sich dank des gewohnten Festivalalltags ein bisschen wie Heimat an. Ein kleines StĂŒck Strand haben wir beim Amphi schließlich auch. Die Noisestage bietet an diesem Tag eine herrlich absurde Mischung feinsten Kraches und die KostĂŒmierungen sind so einfach wie effektvoll, besonders faszinierend ist Alexandra Atnif in ihrer gesichtslosen, puppenhaften Aufmachung, mit der sie vom Fleck weg ihren eigenen Horrorfilm drehen könnte. Ihren noisigen Industrial Techno nennt die Musikerin aus Bukarest selbst „Rhythmic Brutalism“, in Kombination mit ihren zombieesken Bewegungen und verstörenden Visuals entsteht eine schaurig-schöne AtmosphĂ€re, die einen mit ihrer suggestiven Poesie schnell gefangen nimmt.

Obwohl die KĂŒnstler der Noise Stage denkbar wenig Spielraum haben, ein winziges Podest und ein paar Regler zum Dranherumschrauben, schaffen sie es doch, uns alle in ihren Bann zu ziehen- sei es mit samuraiartiger Verkleidung und autistischem Wippen oder Tanzeinlagen, die nach einem Exorzisten verlangen. Etwas zurĂŒckhaltender aber nicht minder großartig kommt WMX daher, ein unauffĂ€lliger schĂŒchterner Bub, der hinter seinem Equipment aufblĂŒht und seine Zuschauer mit krachigen, tanzbaren Klangexperimenten in die Weiten des amerikanischen oldschool Power Noise entfĂŒhrt. Heute fliegen einem in dem kleinen Raum auch ausnahmsweise nicht die Ohren weg- das Trommelfell bedankt sich. Schafft man es sich einmal von dieser wunderbaren BĂŒhne loszueisen, verfĂŒhren einen nebenan KANGA mit lieblich-mĂ€dchenhaftem Gesang Ă  la Birthday Massacre oder Garbage. Ihre Darbietung ist voller Sexappeal und Extrovertiertheit und einige der Lieder wie Vital Signs haben durchaus Ohrwurmpotenzial. Von den beiden Heavy Poppern werden wir sicher noch hören. Gleich danach heizen uns die Berserker von Caustic ein- wenn auch nicht mehr blutjung, strotzen sie doch vor Kraft und schreien sich gekonnt die Seele aus dem Leib, begleitet von Ă€ußerst tanzbaren, treibenden Beats machen die Jungs ordentlich Druck und ziehen der Main Stage einiges an Zuschauern ab- dort spielen nach einem soliden, etwas ruhigen Auftritt von Assemblage 23 nun die Legendary Pink Dots auf, hier geht es deutlich entspannter zu als nebenan und eine treue Fangemeinde hat sich eingefunden, der man anmerkt, dass die psychedelischen Rocker zu ihren alten Helden gehören. Als schlussendlich Covenant diesen ziemlich harmonischen, gediegenen Abend auf der Main Stage ausklingen lassen, ist die Stimmung zum Feuerzeug in die Luft recken, leider ist 2016 und stattdessen wird ein Meer von Handydisplays geschwungen. Covenant wirken auf der stockfinsteren BĂŒhne auch ohne Haupthaar gewohnt Ă€therisch und verzaubern ihr Publikum auf charmanteste Art und Weise. Ein bisschen mehr BĂŒhnenbeleuchtung hĂ€tten sich aber nicht nur die Fotografen gewĂŒnscht, zeitweise gleicht der Auftritt einem obskuren Schattentheater und man kann nur erahnen, wo auf der BĂŒhne sich der ein oder andere Schwede befindet. So fĂ€llt es auch weniger auf, dass gar nicht allen Bandmitgliedern die Einreise genehmigt wurde- die vermaledeiten Visabestimmungen fordern ihren Tribut.

Die dĂŒsteren kalifornischen Musikfreunde liegen sich am Ende der Nacht brĂŒderlich in den Armen, begeistert von dem zurĂŒckliegenden Konzertmarathon, der schon am Donnerstag mit IAMX begann und hier sein fulminantes Ende findet. Die allgegenwĂ€rtigen, kunstvollen Neon-Leuchtreklamen weisen den Weg zurĂŒck durch die ausgestorbenen Straßen der Millionenmetropole, links und rechts sind die BĂŒrgersteige gesĂ€umt von den abgenutzen Zelten der unzĂ€hligen Obdachlosen, die davor sitzen und sich mit gedĂ€mpften Stimmen unterhalten. In dieser atemlosen Stadt prallen so viele Welten aufeinander und unsere kleine Subkultur ist eine davon. Egal wohin wir reisen, es gibt ein paar Menschen dort, die unseren Musikgeschmack teilen, fĂŒr den selben Krach schwĂ€rmen und nichts verwerfliches daran sehen, wenn das Ausgehoutfit nur aus etwas schwarzem Klebeband besteht oder stachelige Schweißerbrillen beinhaltet. Und so fĂŒhlen wir uns mit unseren Sonderbarkeiten schnell angekommen und am richtigen Ort, selbst wenn zwischen uns und der Heimat mehr als neuntausend Kilometer und verflucht lange FlĂŒge liegen. Aber das GefĂŒhl nach einem langen Festivalwochenende ist ĂŒberall auf der Welt unvermeidbar und ewig gleich- staubig, ĂŒbermĂŒdet, glĂŒckselig und mit einem Restklingeln in den Ohren.

Photos: http://www.laweekly.com/slideshow/das-bunker-celebrates-20-years-as-las-best-industrial-ebm-club-7509690

Kommentar verfassen