BURGFOLK FESTIVAL 2016 – MĂŒlheim an der Ruhr, Schloss Broich (19.+20.08.2016)

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15 Jahre Burgfolk – ein fulminanter Abschied

Auch die schönste Zeit geht einmal zu Ende, dieses Jahr fand das Burgfolk im Schloss Broich in MĂŒlheim a.d. Ruhr das letzte Mal statt. Es waren 15 wunderbare Jahre mit vielen tollen Bands, toller AtmosphĂ€re, einem gut gelaunten Publikum und einem Veranstalter, der mit Herz und Seele dabei war.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Diese 11 Bands haben dieses Jahr mit uns gefeiert:

Reliquiae, Pyrates!, Folk Noire, Saltatio Mortis, Krayenzeit, Mythemia, The Aberlours, Ingrimm, Ski’s Country Trash, Rapalje und Russkaja

… und wie.

Freitag, den 19.08.2016:

Freitag 17:00 Uhr, die Tore in den Schlossinnenhof öffneten sich, zahlreiche Besucher haben lĂ€ngst vor der Kasse auf den Einlass gewartet. Vorbei an gut gelaunten Ordnern ging es dann fĂŒr einige direkt Richtung BĂŒhne, fĂŒr andere zu den GetrĂ€nkestĂ€nden. Um 17:30 Uhr startete dann das musikalische Programm pĂŒnktlich mit Reliquiae. Als Opener hat man es nicht immer leicht, aber die Band lieferte nicht nur einen souverĂ€nen Auftritt ab, sondern schaffte es sogar um diese „frĂŒhe“ Zeit das Publikum fĂŒr sich zu begeistern. Ihr Sound ist leicht rockig mit historischen und neuzeitlichen Instrumenten, die deutschen Texte eingĂ€ngig. Sie lassen sich was einfallen und so stand SĂ€nger Bastus der Graf auch mal mit Grubenlampe und Bergarbeiterkluft auf der BĂŒhne. Das Publikum spendete Applaus und Jubel, die Spiele sind eröffnet!

Stimmgewaltige Piraten kaperten um 18:30 Uhr die BĂŒhne und sie machten keine Gefangenen. Die RĂ€uber von Pyrates! waren auf Raubfang nach feierwĂŒtigen Festivalbesuchern und sie machten damit jede Menge Beute. Ob einstimmig, zweistimmig, mehrstimmig, die Piraten haben es drauf. Nicht nur auf der BĂŒhne bewegte sich eine Menge, das Publikum entdeckte zunehmend die Möglichkeit seine Gliedmaßen im Takt zu bewegen. Der kurzzeitig einsetzende leichte Regen wurde wegignoriert und statt dessen lieber mit und zu Pyrates! geklatscht. Die Folk Band aus Holland macht gute Laune, ihre Lieder sind kraftvoll und mitreißend und sie machen auch gern mal den ein oder anderen Spaß auf ihre Kosten oder – dank Wasserpistole – „zuleide“ des amĂŒsierten Publikums. SĂ€nger Captain Gallows stellte zwar fest, das Publikum sei noch nicht betrunken genug, aber Spaß hatte es auf jeden Fall so oder so.

Zwischen den Auftritten hatten die Festivalbesucher zum einen die Möglichkeit am oben beschriebenen „Zustand“ etwas zu Ă€ndern oder sie schauten sich an den HĂ€ndler- und Merchandise-StĂ€nden um. Viele kennen sich schon aus den Jahren zuvor, die AtmosphĂ€re ist gelöst und familiĂ€r. Nicht selten mischen sich auch die Musiker unter das Publikum.

Nach einem ausgedehnten Soundcheck klangen gegen 19:40 Uhr wieder angenehme Laute von der BĂŒhne, diesmal von Folk Noire. Einige Bandmitglieder dĂŒrften dem ein oder anderen bereits von der Band Faun bekannt sein. Anders als bei den Piraten zuvor ging es hier ruhiger zu, die melodischen Folk-Songs rieselten durch die Ohren in die GehörgĂ€nge und nisteten sich hier ein. Der laute Beifall zum Ende des Auftritts bewies: es gefiel!

Der Headliner des Abends ist dagegen angetreten um den altehrwĂŒrdigen Burginnenhof in einen wahren Hexenkessel zu verwandeln und das können sie – Saltatio Mortis! Zu keiner Stunde des Tages war es so voll vor der BĂŒhne, eigentlich schade, denn wer jetzt erst gekommen ist, der hat zuvor was verpasst. Ihr Album Zirkus Zeitgeist rockte nicht nur die Charts, sondern ließ an dem Abend die Steine der Burgmauern wackeln. Mit ohrenbetĂ€ubendem Applaus wurden die Jungs empfangen und die Euphorie fĂŒr Saltatio Mortis hielt sich den ganzen Auftritt lang. „Ich bringe euch Feuer“ aus Prometheus ist hier kein leeres Versprechen, die Pyrokanonen gaben ALLES. Alea der Bescheidene fegte ohne Unterlass ĂŒber die BĂŒhne, vereinnahmte das Publikum ganz, das nenne ich eine Rampensau im besten Sinne. Zwischen Band und Publikum ging es hoch her, fast alle Lieder wurden mitgesungen, es wurde getanzt, geklatscht, gejubelt und immer wieder hörte man „Saltatio Mortis“-Sprechchöre. Mit den Worten „Ran an die Fleischtheke“ gönnte sich Alea ein Bad in der Menge, bzw. ĂŒber der Menge, denn die trug ihn kreuz und quer durchs Publikum und wieder zurĂŒck zur BĂŒhne. Zum Ende des Auftritts holten Saltatio Mortis Michael Bohnes, den Veranstalter des Burgfolk, auf die BĂŒhne. Sichtlich bewegt richtete er Worte des Dankes fĂŒr die letzen 15 Jahre an das Publikum und musste sich die ein oder andere TrĂ€ne verdrĂŒcken.

Der erste Festivaltag endete mit einer bombastischen Stimmung, das Ànderte auch der vor einiger Zeit einsetzende Regen nicht.

Samstag, den 20.08.2016:

Frisch gestÀrkt und getrocknet fanden sich die Festivalbesucher am Samstag wieder auf Schloss Broich ein. Sieben Bands standen heute in der Running Order und darunter so einige Highlights.

Krayenzeit eröffneten heute den lustigen Reigen. Mit ordentlich Feuer unterm Hintern musizieren Sie die Festivalbesucher, die schon da sind, wach. Sie ĂŒberzeugten mit Spaß auf der BĂŒhne, beherrschen ihre zahlreichen Instrumente perfekt (tolle Gitarrensolos) und die stimmliche Kombination von SĂ€nger Markus Engel und Jessica Kondermann an der Geige war super. Sie machten mit ihrem Auftritt Lust auf das neue Album Tenebra und spielten daraus u.a. den Song In Vino Veritas, ein Lied mit absolutem Ohrwurm-Potential. Das Publikum signalisierte durch sein rhythmisches Winken – es war wach – und mit Spaß bei der Sache.

Im Anschluss hieß es BĂŒhne frei fĂŒr Mythemia, eine Band aus der Stadt, die es eigentlich nicht gibt. SĂ€ngerin Shilan Anderson gab auf sehr charmante Weise zu verstehen, man kenne mittlerweile jeden, aber auch wirklich jeden Witz darĂŒber also mache man lieber sofort Musik. Direkt im ersten Song ertönte immer wieder ein Klang, der an einen Eulenruf erinnerte, dieses kleine Detail schien den Festivalbesuchern so zu gefallen, dass er ihrerseits kurzer Hand auch in andere Lieder der Band „eingebaut“ wurde. Mythemia bezogen ihr Publikum in den Auftritt ein und glĂ€nzten stimmlich nicht nur bei Balladen. Ihre Lieder besingen Mythen, Reisen und Legenden und sind dabei absolut tanzbar. Unter Beifall und Jubelrufen wurden sie von der BĂŒhne verabschiedet.

„Keltic Folk Beat“ stand um 15:10 Uhr an, prĂ€sentiert von The Aberlours. Sie waren zum ersten Mal beim Burgfolk dabei und wie gut dass sie es nach 600 km Fahrt geschafft haben, denn sie waren ein echtes Highlight. Beschwingt und mit viel Witz und Charme rockten sie die BĂŒhne. Ihre Musik ist leichtfĂŒĂŸig und eingĂ€ngig. Das traf den Nerv der Besucher und sie steuerten dem Auftritt Klatschen und Jubel bei. Immer wieder sorgte Klaus Adolphi mit seinen lockeren SprĂŒchen fĂŒr Lacher und so wurde aus Steffen Thomas am Akkordeon auch schnell mal der „HĂŒtchenspieler aus Absurdistan“. Gegen Ende ĂŒberraschten Sie mit einem ausgedehnten Schlagzeugsolo und verließen die BĂŒhne mit großem Beifall.

Völlig anders kamen um 16:20 Uhr Ingrimm daher. Die dĂŒsterste und hĂ€rteste Combo des Festivals bietet alles was das Metal-Herz sich wĂŒnscht, sie selbst bezeichnen ihre Musik auch als Metal aus dem Mittelalter. Der Sound ist schnell und treibend aber man kombinierte ihn neben Gitarren und Schlagzeug auch mit dem klassischen Dudelsack, nur eben nicht ganz so klassisch gespielt. Der Dampfhammer aus Regensburg feierte bereits sein 10jĂ€hriges und erspielte sich bei bestem Wetter und strahlender Sonne Zugaberufe, erfolgreiche Zugaberufe, denn ein Lied gab es noch obendrauf, bevor es dann wieder in den Backstage ging.

Die nĂ€chste 180 Grad-Wende folgte in Form von Ski’s Country Trash. Ehrlicher, handgemachter Rock’n’Roll mit einer Hammerstimme von Ski King. Da passierte eine Menge auf der BĂŒhne, die Band rockte das Haus und hat sich sogar extra fĂŒr das Burgfolk nach 2 Jahren wieder in dieser Formation zusammengefunden. Nicht nur musikalisch wurde der Rock’n’Roll bedient, auch drum herum entstand ein Flair von Jack Daniels und ner guten Zeit mit Party unter Freunden. Der gute alte Jack bekam aber nicht nur in Flaschenform seinen Auftritt und wurde in der Front Row brĂŒderlich geteilt, nein, ihm wurde ein ganzer Song gewidmet. Man merkte allen Bandmitgliedern an, dass sie am Auftritt genau so viel Spaß hatten wie das Publikum vor der BĂŒhne, da wurden Selfies gemacht, wurde auf den Kontrabass geklettert und sich selbst nicht so ernst genommen. Im Publikum bildete sich sogar ein Mosh-Pit, die Besucher waren hellauf begeistert, das selbst gebastelte „Lauter-Klatschen“-Schild wĂ€re nicht ansatzweise nötig gewesen, war aber lustig. Ski King richtete letztendlich einige sehr rĂŒhrende Worte an Michael Bohnes, erklĂ€rte ihn zum Familienmitglied und so wechselten sich die Zugaberufe mit Michael-Sprechören ab. Ski’s Country Trash waren ein absolutes Highlight des Tages und der erste Grund fĂŒr mich heute mal am Merch-Stand vorbeizuschauen.

Das Line-Up bewies Mut zu GegensĂ€tzen, denn nach dem fetzigen Rock’n’Roll wurden die DudelsĂ€cke von Rapalje ausgepackt. Die Jungs aus Holland verstehen ihr Handwerk. Die ĂŒberzeugten KilttrĂ€ger prĂ€sentierten ihre Irish and Scottisch Celtic Folk Music auf hohem Niveau und trafen damit den Nerv des Burgfolk. Die HĂ€nde gingen in die Höhe, es wurde vor der BĂŒhne getanzt und als ob das nicht reichen wĂŒrde, steckten Sie auf der BĂŒhne auch noch kunstvoll einen Dudelsack in Brand. Die rhythmisch hervorschießenden Flammen machten Eindruck. Die abermals geforderte Zugabe setzt die Band dann in einen großartigen Abschluss um, verließ die BĂŒhne, begann im Publikum eine Polonaise, lĂŒftete sogar fĂŒr einen winzigen Augenblick das Röckchen und verließ mit großem Dank und einem Augenzwinkern die BĂŒhne.

Blieb nur noch eine Band fĂŒr den heutigen Tag und nur noch eine fĂŒr den Rest des Burgfolk… aber was fĂŒr eine! Michael Bones hat sich mit Russkaja den perfekten Headliner fĂŒr einen perfekten Abschluss ausgesucht. Der Auftritt war so abwechslungsreich, dass man kaum alles nennen kann. Mit Pauken und Trompeten betrat die Band aus Österreich die BĂŒhne und gab mit ihrer Mischung aus Ska und Crossover der unterschiedlichsten Stilrichtungen Vollgas. Das was dort alleine wĂ€hrend des Auftritts auf der BĂŒhne passierte wĂ€re fĂŒr manch anderen das Sportprogramm eines ganzen Monats. Die gewaltige Stimmfarbe von SĂ€nger Georgij Alexandrowitsch Makazaria machte sprachlos, wo nimmt er das her? Der Mosh-Pit war zurĂŒck. Russkaja waren zum zweiten Mal beim Burgfolk dabei und mit ihrer Aussage „russische Musik ist gut fĂŒr die Gesundheit“ konnten sie so falsch nicht liegen, ĂŒberall im Publikum wurde getanzt, es wurde sogar ein Festivalbesucher auf HĂ€nden ĂŒber die Menge getragen. Wenn ich mir vorstellen mĂŒsste wie Vodka KLINGEN wĂŒrde, dann wĂŒsste ich es jetzt. Als ob die Masse vor der BĂŒhne nicht eh schon voll dabei gewesen wĂ€re, band die Band sie immer wieder auf unterschiedlichste Art in seinen Auftritt ein, mit die lustigste Weise war dabei wohl die sportliche BetĂ€tigung beim Lied Psycho Traktor. Warum? Schon mal einen ganzen Platz voller Menschen fröhlich im Kreis joggen gesehen? Die ErklĂ€rung warum das so gut ist lieferte die Band auf dem Fuße und lĂŒftete dabei direkt die inoffizielle Übersetzung des KGB = „Kollektivbewusstseinserweiterung“. Die Stimmung auf dem Burgfolk kochte, aber die Jungs von Russkaja können auch Balladen und Coversongs wie Wake me up von Avici.

Alles hat zwar ein Ende, aber immerhin ging man mit einem lauten Knall und viel Jubel. Burgfolk 15 – ein wĂŒrdiger Abschied.

Foto: Markus Felix // PushingPixels

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