Interview: PROJECT PITCHFORK (Peter Spilles)

Project Pitchfork, © Marius Meyer
Project Pitchfork, © Marius Meyer
GeschÀtzte Lesezeit: 11 Minute(n)

Das neue Album Look Up, I’m Down There steht in den Startlöchern, live gab es schon die ersten Kostproben davon zu hören. So beispielsweise Anfang Oktober bei der Show in Krefeld, bei der wir am frĂŒhen Abend ein ausfĂŒhrliches GesprĂ€ch mit Mastermind Peter Spilles gefĂŒhrt haben. In gemĂŒtlicher Backstage-AtmosphĂ€re ging es dabei um die Tour selbst, das neue Album, die HintergrĂŒnde und Inspirationen dazu, Unterschiede zwischen „Pitchfork damals“ und „Pitchfork heute“, die weiteren PlĂ€ne und vieles mehr.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Ihr seid ja jetzt schon ein paar Tage auf Tour. Wie war’s bisher?
Super. Wir werden jetzt erst warm, aber das ist immer so. Die ersten Konzerte sind Eingewöhnungsphase. Wir hatten eine ziemlich lange Pause zwischen WGT, Amphi und Tour, das war außerhalb der Routine, sodass man erstmal wieder reinkommen muss, um mehrere Shows hintereinander zu spielen. Jetzt macht es Spaß! Die Konzerte waren schön.

Ihr habt die Tour mit zwei Doppelkonzerten angefangen, was relativ ungewöhnlich erscheint.
In beiden FĂ€llen – in Dresden und Frankfurt – liegt das da dran, dass die Fans sich bei den letzten Konzerten beschwert haben, dass die LĂ€den zu voll waren und trotzdem Leute nicht reingekommen sind. Da haben wir gesagt, spielen wir halt an zwei Tagen. Einmal mit einer Publikumsbegrenzung in Dresden, damit es nicht ganz so eng wird, dass die Leute Angst kriegen und in Frankfurt halt, damit alle, die es sehen wollen, auch sehen können.

War es denn eigentlich so geplant, dass verschiedene Leute an den Abenden kommen?
Das bleibt den Leuten ĂŒberlassen. Das können wir ja nicht planen.

Weil Du meintest, dass möglichst viele die Chance kriegen sollen…
NatĂŒrlich, aber wenn dann sich Fans gleich zwei Tickets kaufen, ist das auch schön. Dann können sie sich auch mal die Stadt angucken und so. Dann hat man ein bisschen mehr Zeit.

Als Vorbands sind jetzt Extize und Reaper mit dabei. Warum ist die Wahl auf die beiden gefallen?
Die hatten Zeit. (lacht) Man fragt ja immer verschiedene Bands an, die hatten Zeit und haben direkt zugesagt. Deswegen sind die jetzt dabei. Man macht sich natĂŒrlich auch Gedanken, einen recht abwechslungsreichen Abend zu gestalten. Da war das die Wahl, die getroffen wurde.

Was ich ungewöhnlich fand, ist, dass das neue Album mitten in der Tour erscheint. War das so geplant oder ist das eher ein Zufall?
Das ist eigentlich eher ein Zufall. Wir haben das 25. JubilĂ€umsjahr, da kann auch mal was Unerwartetes passieren. Als das Album dann fertig war und die Tour jetzt so liegt, dass der zweite Teil der Herbst-Tour folgt, wenn das Album draußen ist, wĂ€re es ja fies, wenn wir nicht jetzt auch schon neue Songs spielen wĂŒrden. Deswegen spielen wir auch jetzt schon neue Songs und das ist dann einfach so passiert. Im FrĂŒhjahr gibt es eine richtig große offizielle Tour, aber die wĂŒrde dann vom Titel her nicht mehr zu unserem JubilĂ€um passen.

Hat das denn Auswirkungen auf die Setlist? Sodass Ihr sagt, Ihr spielt vor dem Album weniger Neues und danach mehr?
Nein, eigentlich kaum. Aufmerksame Konzertbesucher werden festgestellt haben, dass wir auch dann, wenn wir ein neues Album prĂ€sentieren, selten mehr als vier Songs von dem Album spielen. Das liegt einfach daran, dass die menschliche Psyche so gebaut ist, dass wenn allein zwei neue Songs hintereinander kommen, man das GefĂŒhl hat: „Und wo sind die alten Songs?“ Da baut sich schnell eine Stimmung im Sinne von „jetzt wollen wir aber mal was Altes hören!“ auf. Deswegen wirken vier Songs auf so ein langes Set verteilt angenehm erfrischend und stören nicht. Das ist eine Psychologie, die man als Band lernen muss bei der Setlist – sie so anzupassen, dass das Publikum immer unter Strom steht.

Wie fĂŒhlt sich das fĂŒr Euch an? Das Album kommt am 28., ist aber eigentlich schon fertig. Eigentlich ist es da, aber es kann doch keiner hören…
Naja, wir haben ja den Player bei YouTube online gestellt. In anderthalb Minuten kann man schon recht ĂŒppig was vom einzelnen Song hören. Aber natĂŒrlich ist das schon ein kribbeliges GefĂŒhl. Das hĂ€tte man gern schneller, aber das geht einfach nicht: Presswerke, Verpackungshersteller, die brauchen alle ihre Zeit.

In der Album-Info habe ich gelesen, dass von einer „ZĂ€sur“ die Rede ist, einem „neuen Kapitel“… Empfindest Du das Album selbst auch als ZĂ€sur?
Nein. Aber es werden ja immer Leute dafĂŒr bezahlt, schwungvolle Worte und gut ausgepolsterte Formulierungen zu erfinden, da haben wir das durchgewunken.

Es stand auch drin, dass alle EinflĂŒsse von den 90ern bis heute drin wĂ€ren.
Im Prinzip ja. Es ist ja nun mal so: Ich bin der Songschreiber. Auch die Songs, die ich Anfang der 90er geschrieben hab, das war ich und jetzt bin ich es auch. NatĂŒrlich ist da ein roter Faden. Man wird den Komponisten hören, erkennen oder wiedererkennen. Das ist ja auch wichtig.

WĂŒrdest Du denn selbst diese Differenzierung sehen: „Pitchfork damals“ und „Pitchfork heute“?
Klar, man wĂ€chst. Ich bin jetzt ein besserer Songschreiber als Anfang der 90er. Was aber auch daran liegt, dass damals die Technik noch nicht soweit fortgeschritten war wie jetzt. Ich kann jetzt viel schneller arbeiten und muss nicht extra in ein Studio fahren, um mit MagnetbĂ€ndern zu hantieren. Man hat viel mehr Freiraum fĂŒr KreativitĂ€t.

Deswegen jetzt also auch der Jahres-Rhythmus?
(lacht) Ja, das liegt auch daran, weil es einfach schneller geht.

Wenn wir ĂŒber EinflĂŒsse reden: Was wĂŒrdest Du sagen, sind die EinflĂŒsse fĂŒr das neue Album?
Ich selbst, mein Leben. Das ist immer das Ding: In der Produktionsphase fĂŒr das Album höre ich so gut wie keine Musik. Ich will nicht von außen beeinflusst werden, weil ich merke, wie sich dann Melodien oder Aufbauten von Songs, die ich nebenbei höre, in meiner Musik wiederfinden. Da ist die Welt um mich herum durch mich gespiegelt und auf eine Melodie zentriert.

Ein unvermeidlicher Blick beim Album geht immer auf den Titel. Warum Look Up, I’m Down There?
Ja, warum… Erstmal brauchte das Ding natĂŒrlich einen Titel. Die Vorstellung, dass jemand sagt „schau nach oben, ich bin dort unten bei euch“ ist fĂŒr mich eine Science-Fiction-Sache, die mich inspiriert hat. Das wirft viele Fragen auf. Man kann es so und so deuten, auch fĂŒr TrauerbewĂ€ltigung nach dem Motto „es ist nicht alles vorbei nach dem Tod“. Ob das dann stimmt, weiß ich nicht. Aber der Album-Titel lautet so.

Als Vorbote habt Ihr TitĂąnes gewĂ€hlt. Warum fiel die Wahl darauf? WĂŒrdest Du sagen, dass das ein guter ReprĂ€sentant ist?
Nein, weil wir ja heutzutage immer gucken mĂŒssen: Was lĂ€sst sich finanzieren? Was kann man machen? Welcher Song hat Botschaften, die sich bildlich irgendwie umsetzen lassen, ohne komplett was anderes zu sein? Bei dem Song war es so, dass ich daraus ein No-Budget-Video machen konnte und das einfach innerhalb von drei Tagen umgesetzt hab…

Okay, das ist schnell… Wie wĂŒrdest Du die Botschaft da beschreiben?
Es geht um VergÀnglichkeit und um die Sicht von dem, was unvergÀnglich ist, auf die VergÀnglichkeit.

Bei Propaganda Child begegnen die Worte „I stop to love the internet“. Was steckt dahinter?
Ich kenne viele Kids, die zwar ein vollkommen funktionsfĂ€higes Smartphone haben, aber weder wissen, wie man googlet noch sonst irgendwas und dann eigentlich nur WhatsApp benutzen. Ich denke, unsere Generation ist eher so, dass wir das Internet im vollen Umfang nutzen und es ist erschreckend, wie wenig davon bei der nĂ€chsten oder ĂŒbernĂ€chsten Generation ĂŒbrig bleibt, die aus meiner Erfahrung heraus einfach nur Sprachnachrichten verschickt, aber das Internet eigentlich links liegen lĂ€sst und nicht weiß, wie sie von A nach B kommt, obwohl sie Google Maps hat.

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Du merkst in dem Zusammenhang ja vielleicht auch, dass immer mehr Leute im Publikum stehen und Handy-Fotos machen.
Ja, das ist ja schon lÀnger der Fall.

Da gehen dann schon wĂ€hrend der Show Bilder ins Netz. Wie empfindest Du das von oben von der BĂŒhne aus?
Ich denk mir einfach immer nur, dass ich so nicht ein Konzert besuchen wollen wĂŒrde. Die gucken dann meistens auch auf ihren kleinen Monitor und kriegen von außerhalb eigentlich gar nichts mit. Das ist im Prinzip Zeit- und Geldverschwendung fĂŒr diejenigen, die es machen.

Aber es ist nichts, was Dich irgendwie persönlich stört?
Nein. Anfangs gab es ja Bands, die ein striktes Handyverbot auf Konzerten gemacht haben, damit bloß nichts mitgefilmt wird. Auf der anderen Seite sehe ich es so, dass das im Prinzip ja nur gut sein kann. Die haben nie Millionen Klicks und die Leute, die das angucken, kriegen einen ungefĂ€hren Eindruck von dem, was sie verpasst haben, wenn sie nicht da waren.

Dann ist da noch Sunset Devastation auf dem Album. Was ist das fĂŒr eine morgendliche Zerstörung?
Es geht um den Kreislauf, die Vernichtung auch als Neubeginn zu sehen. Alle Atome, aus denen du und ich bestehen, waren irgendwann mal in einer Sonne. Die Sonne ist vor Milliarden von Jahren explodiert und hat einen Haufen Neues gemacht, es wurde Neues erschaffen. Jetzt sitzen wir hier zusammengeformt durch Zufall auf diesem rotierenden Ball. Das ist die Erkenntnis, dass immer wÀhrender Aufbau auch Zerstörung fordert, sonst wÀre kein Platz mehr im Universum.

Also eine Art ewiger Kreislauf?
Ja, sieht ungefĂ€hr so aus. Wobei: Ob der ewig ist, da streiten sich ja die Wissenschaftler noch, ob das eine ewige Expansion ist oder ein pulsierendes Geschehen. Aber in unserer Lebenszeit ist das ja sehr schwer zu berechnen. Lebensformen, die lĂ€nger existieren als wir, wĂŒrden das wohl genauer sehen können und wĂŒssten, wie es lĂ€uft.

Zudem ist da Open With Caution. Was ist es, das wir vorsichtig öffnen sollten?
Pandora. Die BĂŒchse der Pandora.

Das Thema ist auf dem Album also zweimal aufgegriffen…
Auf dem Album werden viele Themen zweimal aufgegriffen. Das ist eines davon.

Wenn Du das Album als Ganzes siehst: Wie ist die Erwartungshaltung? Hat man so etwas beim 17. Album ĂŒberhaupt noch?
Ich hab keine Erwartungshaltung. Ich hoffe, dass es den Leuten gefÀllt, weil ich es richtig geil finde. Auch meinen Jungs gefÀllt es sehr gut und jetzt hoffen wir, dass es dem Publikum genauso geht.

Zudem kommt es auch limitiert raus. Unter anderem sind dort auch fĂŒnf Remixe von Dir drauf. Wie fĂŒhlt sich das an, Dein eigenes StĂŒck da wieder neu anzufassen?
Das ist manchmal schwer, aber man kann ja immer wieder was anderes machen. Das sind im klassischen Sinne so oldschool Remixe, den Song einfach mal lĂ€nger zu machen. Was zum Beispiel bei diesem Album sehr auffĂ€llig ist, ist dass die Songs insgesamt zeitlich kĂŒrzer sind als auf manch anderen Alben. Von daher war es einfach, sie zu remixen, weil man einfach kleine Melodiebögen noch dazu macht oder Sachen, die einem jetzt besser gefallen. Das wĂ€re fĂŒrs Video schlecht gewesen, aber so macht es Spaß. Aber wenn ich jetzt beispielsweise Remixe fĂŒr andere KĂŒnstler anfertige, ist es so, dass ich meistens erst einmal den gesamten Song wegschmeiße und um die Stimme herum etwas Neues baue. Das mache ich bei Pitchfork nicht.

Klingt logisch.
Ja… Warum?

Bei fremden StĂŒcken hast Du mehr Distanz als bei den eigenen.
Ja, aber ich wĂŒrde ja auch nie einen eigenen Song, den ich eh schon gut finde, komplett wegschmeißen, um etwas anderes draus zu machen. Ja gut, Du hast schon Recht.

Es hĂ€tte sich fĂŒr mich komisch angehört, wenn Du gesagt hĂ€ttest, Du schmeißt Deinen ganzen Song um.
Das kann aber auch lustig sein. DafĂŒr mĂŒsste aber eine zeitliche Distanz da sein. Das könnte ich mit alten Pitchfork-Songs machen. Aber da denke ich mir auch: Wozu? (lacht) Aber da wĂŒrde es gehen. Beim neuen Album hat die Produktion jetzt ein halbes Jahr gedauert, da steckt man dann so drin, dass das erstmal nicht ohne weiteres machbar ist. Ich bin da noch nicht willens, das zu machen.

Die limitierte Variante ist auf 2.525 Exemplare limitiert. Erstmal ist da zweimal die 25 wegen der 25 Jahre…
(auf Englisch gesprochen) 2525

Genau. Das wĂ€re jetzt meine Frage gewesen…
Das ist ein Augenzwinkern fĂŒr alle, die uns schon ganz lange kennen und wissen, dass wir den Song mal gecovert haben. Nach dem Motto „guck mal, hier gibt es kleine lustige Gedankenspiele zu hören“.

Wenn man nun am Merchandise-Stand guckt, sieht man, dass dort auch Dirks Solo-Album verkauft wird. Vor einer Weile habe ich Dirk zu seinem Album interviewt und er meinte, es habe auch eine Ermutigung durch Dich gebraucht, das rauszubringen. Inwieweit wĂŒrdest Du sagen, hast Du ihn da ermutigt?
Wir sind ja Freunde, ich bin auch in sein Leben involviert, genauso wie er in meins. Das war schon auch aufgrund seiner Krankheit eine sehr wichtige Sache, diesen Schritt endlich mal zu machen. Ich hab ihn ermutigt und ihm geholfen, zum Label zu kommen.

Wir haben jetzt ĂŒber das Album und die Tour gesprochen. Nach der Deutschland-Tour geht es im Januar ja noch nach Spanien. Gibt es da eine besondere spanische Fanbase?
Es gibt ĂŒberall auf der Welt Gothic Clubs und es gibt ĂŒberall auf der Welt Gothics und Elektro-Gothics. Die Szene ist weltweit da. Außerdem ist es da dann schon ein paar Grad wĂ€rmer als in Deutschland. (lacht)

Das war es von mir soweit mit Fragen. Wir waren nun schon im Jahr 2017. Gibt es schon weitere PlÀne, was 2017 passieren soll?
Wir werden auf einigen Festivals spielen, das steht schon mal fest. Dazu kommt dann noch ein Spielfilm raus irgendwann in 2017, bei dem wir die Filmmusik gemacht haben, wo wir auch vor einem Jahr das Konzert in Dresden fĂŒr gefilmt haben. Die Filmleute lassen sich da Zeit ohne Ende, da geht nichts voran, da ist man als Musiker dann schon wieder glĂŒcklich, dass man teilweise nur einen Monat warten muss.

Gibt es bei den Festivals schon was Konkretes?
Festung Königstein werden wir spielen, das Kasematten-Festival… Und dann kommt natĂŒrlich die traditionsmĂ€ĂŸige FrĂŒhjahrs- und Herbsttour.

Stehen fĂŒr die FrĂŒhjahrstour schon Daten?
Die sind gerade in der Pressung, sozusagen. Die Booking-Agentur macht die gerade. Die kommen.

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Weblinks PROJECT PITCHFORK:

Homepage: www.project-pitchfork.eu
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Twitter: www.twitter.com/PPFofficial

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