JENNIFER ROSTOCK – Genau in diesem Ton

JRO_Cover
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Unsere Bewertung

3 Rad neu erfunden

8 Rad weiterentwickelt

5 Kitsch

10 Attit√ľde

10 Eingängigkeit

Gesamtwertung

Im Rahmen der bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern sorgen sie gerade mit “W√§hl die AfD” f√ľr Furore (derzeit weit¬†√ľber 15 Mio Aufrufe!!) und auch sonst nehmen sie kein Blatt vor den Mund: Die Wahlberliner von Jennifer Rostock. Schade blo√ü, dass sie mit dieser Message vermutlich nur die Leute erreichen, die ohnehin schon √§hnlich eingestellt sind. Nun denn…

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Noch keine 10 Jahre unter dem Namen Jennifer Rostock unterwegs, k√∂nnen die vier Herren um Frontsau Jennifer Weist bereits auf vier Studioalben zur√ľckblicken und mit Genau in diesem Ton¬†steht nun bereits Longplayer Nummer f√ľnf vor der Haust√ľr und klingelt Sturm. Dabei setzt das Quintett auf die bew√§hrte Mischung aus sauber produziertem, eing√§ngigen Rock und spitzz√ľngigen, intelligenten Texten, die man auch mit Ende Zwanzig noch getrost mitsingen kann. Im Auto. Allein.

Der Opener Uns geh√∂rt die Nacht¬†klingt wie aus dem Lehrbuch: Richtungsgebendes Keyboard-Intro, amerikanisierter satter Sound und ein chorales Whohoho, das selbst den letzten Textlegastheniker zum Mitsingen animiert. Der exakt dreimin√ľtige Song pr√§sentiert¬†das Hochgef√ľhl durchfeierter N√§chte und hat mit Zeilen wie “Wer seine Jugend nicht verschwendet, hat sie schon verpasst” das Zeug f√ľr den Titeltrack eines kitschigen Matthias-Schweigh√∂fer-Films. Kaum aus der Nacht entlassen, wird schon nach Abu Dhabi gejettet, denn: Irgendwas ist immer. Womit wir auch schon bei der aktuellen Single sind, die mit ge√ľbtem Blick f√ľr Details mal wieder genug Kakao f√ľr alles bietet, was sich gerade durchziehen lassen m√∂chte, und wenn es nur zu wenig Chips f√ľr den Dip sind. Oder umgekehrt. Die Meckerorgie¬†pr√ľgelt sich mit einem Augenzwinkern in unter zwei Minuten durch s√§mtliche Klischees. (Meckern √ľbers Meckern = Meckerception). Lyrisch etwas melancholischer geht es in Baukr√§ne¬†zu, das mit der Baustellen-Analogie steten Wandel und Verg√§nglichkeit ohrwurmz√ľchtend besingt. Wir waren hier¬†legt dann gleich noch ein, zwei geh√§ufte Schippen Melancholie und Pathos drauf und weist entfernte Parallelen zu BOYs¬†We were here auf, was nicht zuletzt am Titel liegt. Danach gibt’s mit Neider machen Leute¬†nicht nur wieder einen aus der Kalauerschublade, sondern auch auf Metaebene was auf die blech√ľbers√§hte Fresse. Jennifer Rostock greifen den ironischen Blick auf das Musikbusiness aus K.B.A.G. (Kein Bock Aber G√§steliste)¬†nochmal auf und wenden sich diesmal provokativ an ihre Hater (geiler Begriff, ich wei√ü…).

¬†Warum soll ich meine Titten nicht zeigen, die war’n teuer genug!

Hat sich einer beschwert?
Mit Hengstin hat man dann kurzzeitig das Gef√ľhl, auf einem Album von Miss Platnum gelandet zu sein: Bedrohlich schl√§ngelnder Bass und tief-dr√ľckender Beat untermalen Weists fast schon aggressive Darbietung des weiblichen Alphatiers. Dabei¬†wei√ü sie sich mit gesundem Selbstbewusstsein¬†in einer maskulin dominierten Welt zu behaupten und vermittelt¬†mit dem Song eine Attit√ľde, von der sich Angeh√∂rige s√§mtlicher Geschlechter sicherlich noch etwas abgucken k√∂nnen und jeden Gender-Studies-Studenten schmei√üen lassen. Damit die Message erstmal sacken kann, g√∂nnt uns die Band mit Ebbe und Flut¬†ein bisschen instrumentalen Strand f√ľr den Kopf. Passenderweise¬†geht es von hier nahtlos in Deiche √ľber, das -frei interpretiert-¬†den fast schon routiniert verlorenen Kampf gegen sich selbst/innere Impulse beschreibt, der immer wieder¬†f√ľr √Ąrger im Zwischenmenschlichen sorgt.

Silikon gegen Sexismus spielt im Gegenzug wieder die Freche-M√§dchen-Karte aus und wirkt wie eine Fortsetzung von Du willst mir an die W√§sche, wobei der gew√∂hnungsbed√ľrftig piepsig-hohe Refrain mir gerade s√§mtliche Hunde aus der Umgebung angelockt hat. Die eigentliche Intention hinter dem Song ist laut Weist allerdings die k√∂rperliche Selbstbestimmung der Frau und die Abgrenzung vom Dasein als Objekt. Im Anschluss kommt Leuchtt√ľrme¬†entgegen seines¬†Texts, der auf grundlegende Ver√§nderung blickt, die alles ins Wanken bringen k√∂nnten, hymnisch und recht leichtf√ľ√üig daher. Dieser¬†Kontrast macht schon was her und f√§llt vielleicht auf Anhieb nicht mal jedem auf. Umso deutlicher wird allerdings die … nennen wir es vorsichtig und politikbefreit ‘offene’ Gesinnung der Band in Nicht von hier, wo sie mit erhobenem Finger Akzeptanz, Toleranz und Willkommenskultur predigen und uns aufzeigen, dass uns unsere Unterschiede nur noch gleicher machen. Dabei verspr√ľht¬†das Keyboard ein eigenartiges Weltraumflair,¬†was mit dem assoziierten Begriff Alien (dt. Ausl√§nder, Fremder) den Bogen um das Songthema spannt, welches derzeit aktueller denn je in den Medien brennt. Nicht nur Horst Seehofer kriegt hier sein Fett weg, auch Europa steht am Pranger:

Europa ist’n Schrebergarten, friedlicher Verein
wir feiern uns’re Gastfreundschaft und das am Liebsten allein

Leider gilt hier das Selbe wie beim AfD-Lied: Auf die Ohren, die es n√∂tig h√§tten, werden diese Zeilen vermutlich nie treffen. Der vorletzte Track Jenga¬†ist¬†mit Akustikgitarre und -bass deutlich weniger auf Krawall geb√ľrstet, bietet allerdings mit dieser instrumentalen Umsetzung eine sch√∂ne Kulisse vor der sich Weist einmal mehr unter¬†den Qualen einer Trennung windet. Getreu dem Motto “It’s better to burn out than to fade away” ist¬†I Love You But I’ve Chosen Dispo¬†der musikalische Vorschlaghammer zum Ausklang, dessen geschriener Refrain vermutlich durch die vorangegangenen¬†Kollaborationen¬†mit Nico Webers von War From A Harlot’s Mouth inspiriert wurde.

Was Jennifer Rostock mit¬†Genau in diesem Ton in ausgereifterer Form¬†abliefern, hat die selben St√§rken und Schw√§chen wie seine vier¬†Vorg√§nger: Das gekonnte “Auf die Schippe Nehmen”, die Wortspiele, die Einpr√§gsamkeit, das Thema Ver√§nderung, sowie eine ordentliche Portion Kitsch. Einzig der textlich st√§rkste Song¬†Hengstin ist ein mutiger Schritt in andere musikalische Gefilde, den vielleicht nicht alle alten Fans mitgehen wollen.

Tracklist JENNIFER ROSTOCK – Genau in diesem Ton:

01. Uns gehört die Nacht
02. Irgendwas ist immer
03. Baukräne
04. Wir waren hier
05. Neider machen Leute
06. Hengstin
07. Ebbe & Flut
08. Deiche
09. Silikon gegen Sexismus
10. Leuchtturm
11. Wir sind alle nicht von hier
12. Jenga
13. I love you but I’ve chosen Dispo

Genau in diesem Ton

Preis: EUR 11,99

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Übrigens sind Jennifer Rostock im September 2016 noch auf kleiner Clubtournee, bevor 2017 die großen Hallen bespielt werden:

Termine JENNIFER ROSTOCK Tour 2016:

06.09.2016 Hamburg, Knust
07.09.2016 Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld
08.09.2016 Berlin, SO 36
11.09.2016 Leipzig, Werk 2
13.09.2016 M√ľnchen, Backstage
14.09.2016 Stuttgart, Im Wizemann
15.09.2016 Z√ľrich, Exil

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