L7 & WHITE MILES РKöln, Underground (07.09.2016)

L7, © Michael Gamon
L7, © Michael Gamon
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Pretend you‚Äôre dead. Was f√ľr ein Knallersong. Ein Tanzfl√§chenf√ľller. Einer der wichtigsten Songs der 1990er Jahre. Zumindest f√ľr mich. Ich erinnere mich gerne an die Discotage zur√ľck, wenn nach Nirvanas Smells like teen spirit L7 aufgelegt wurde, der DJ damit den Rock-Grunge Level hoch hielt und gleichzeitig einen guten √úbergang zu entweder Metallica (damals noch gut!) oder den Ramones / Iggy Pop / Fugazi hinlegte.

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L7 spielten diese nat√ľrliche Melange aus Punk und Hardrock, die pr√§destiniert war, um diesen √úbergang zu schaffen. ‚ÄėJudas Priest trifft auf die Ramones‚Äė, las ich letzte Tage irgendwo. Bei sowas schmunzle ich immer etwas, es klingt f√ľr mich wie verzweifeltes namedropping f√ľr eine Band und deren Sound, der bis dahin noch nicht oder nur in Ans√§tzen existierte. Soundgarden vor Black hole sun klangen √§hnlich, auch Helmet und noch ein paar Gruppen mehr. Gemeinsam hatten all diese Bands, dass sie mit Nirvana in den Grunge-Topf geworfen wurden, obwohl sie da gar nicht richtig reinpassten. Grunge war f√ľr mich immer etwas subtiler und weniger nach Hardrockgitarren klingend, wie es diese Bands taten oder tun. Aber es gab nun mal diesen Topf und als Sub Pop Band, was L7 seinerzeit waren, waren sie da eben drin. Zusammen mit Hole und den Babes in Toyland waren L7 die M√§dchenbands des Grunge, selbst wenn hier und da ein Bassist mitmachte. Du kannst auch Rrriot Girl-Band sagen. Noch so ein Label, das L7 verpasst wurde. Ob das besser passt als ‚ÄėGrunge-Band‚Äė oder ob beides √ľberhaupt nicht zutrifft, ist schlussendlich wumpe.

Nach 24 Jahren Bricks are heavy, L7‚Äôs bestem Album und einem der wichtigsten der 1990er Jahre (sage nicht nur ich, das sagt auch der Rolling Stone), sind Donita Sparks, Suzi Gardner, Jennifer Finch und Demetra Plakas wieder gemeinsam auf Tour. Und nicht nur das! An den Namen ist es abzulesen: L7 touren in just der Besetzung, in der sie ihre gr√∂√üten Erfolge hatten. Also mit Jennifer Finch, deren Ausstieg 1998 zur Aufl√∂sung, oder wie ich jetzt sagen muss, zur mehrj√§hrigen Pause der Band f√ľhrte.

Im letzten Jahr spielten sie bereits erste Konzerte in den USA, in diesem Sommer steht nun Europa auf dem Programm. Das K√∂lner Konzerte war urspr√ľnglich in der Live Music Hall angesetzt. Optimistisch und scheinbar zu optimistisch gedacht. Die 1500er Halle sollten L7 nicht f√ľllen. Das Downgrade in das viel kleinere Underground erfolgte letzter Woche. Und selbst hier waren ein paar kleinere L√ľcken zu erkennen. Himmel hilf, wie peinlich ein Konzert in der Live Music Hall geworden w√§re, wenn dort die vielleicht 200 Leute rumgestanden h√§tten. Im Underground wirkte es so okay voll. Das war besser.

Nachdem White Miles aus √Ėsterreich den Abend musikalisch durchaus ordentlich er√∂ffnet haben, stehen L7 gegen 21:15 Uhr auf der kleinen B√ľhne des Underground. Donita Sparks tr√§gt schwarzes Augen Make-up. Das hat sich zu fr√ľher nicht ge√§ndert. Was vor 20 Jahren jedoch passend und irgendwie gut aussah, wirkt heute und aus der Distanz einiger Konzertreihen so dunkel und gealtert, dass es mich irritiert. Ich kann nicht anders und nehme das zum Anlass, um mir Suzi Gardner und Jennifer Finch genauer anzuschauen. (Die Schlagzeugerin ganz hinten liegt nicht wirklich in meinem Blickfeld.) Die Band ist sehr gealtert, oder platt gesagt: der Rock‚Äôn‚ÄôRoll hat seine Spuren hinterlassen. Um das festzustellen, muss ich gar nicht lange schauen. Ich habe in diesem Sommer viele ‚Äėalte‚Äė Bands gesehen, nirgends viel mir das √§lter werden so sehr auf wie bei L7. Eine Randnotiz nur, die mit der Musik nichts zu tun hat, die mich aber den ganzen Abend √ľber nicht mehr losl√§sst.

Musikalisch ist es eine tolle Fahrt zur√ľck in den Zeitraum der ersten drei Alben. Da L7 √ľberhaupt keine neuen Songs haben, wird es ein reines Nostalgiekonzert mit allen wichtigen Hits von damals. L7 leben auf dieser Tour ihre Vergangenheit. W√ľrde ich gedanklich dem Publikum Flanellhemden, Chucks und ausgewaschene Jeans verpassen, es w√§re eins zu eins eine Reise in die Vergangenheit. Ich sah tags zuvor ein paar Livevideos auf YouTube aus dem Jahr 1993. Und was soll ich sagen, dieser Abend war wie annodazumal. Die Band hat sich nicht ver√§ndert und sie haben die Rockgesten nicht verlernt. Die Windmaschinen tun ihr √ľbriges, sie lassen die Haare ordentlich wehen. Was w√ľrde Doro Pesch wohl dazu sagen? Aber es ist saunaartig hei√ü im Underground, daher ist der Ventilator ein n√ľtzliches B√ľhnenequipment.

Drei gleichberechtigte Gesangsstimmen, das kann nicht jede Band aufweisen. Den Gesang der ersten drei Songs teilen sich Donita Sparks, Suzi Gardner und Jennifer Finch. Soviel Abwechslung hatte ich nicht erwartet. Und auch nicht ein so properes Set. Das Konzert wirkt frisch, nicht heruntergenudelt. Davon h√§tte man jedoch ausgehen k√∂nnen, wenn man sich die immer gleiche Setlist anschaut und den sp√§rlichen Besuch im Underground dazurechnet. Nachzuvollziehen w√§re ein mittelm√§ssiger Auftritt. Aber nichts davon, L7 scheint es egal, wie oft sie Pretend we‚Äôre dead bereits gespielt haben und wie viele ihnen dabei zuh√∂ren. Pretend we‚Äôre dead, einer meiner H√∂hepunkte des Konzertes, wird √ľberraschend leise abgefeiert, st√§rker und wilder geht es beim Songdouble vor der Zugabe zu. Bei Shitlist und Shove ist die Stimmung am ausgelassensten. Gut gefallen hat mir auch die Coverversion American society. Sie ist sch√∂n ausgew√§hlt. Da der Song ein √§hnliches oder nahezu gleiches Gitarrenriff besitzt wie Pretend we‚Äôre dead, passt er perfekt vor den gr√∂√üten Hit der Band.

Zusammen mit Fast and frightening bilden diese beiden Songs die Zugabe. Und zu der gibt es noch eine Geschichte zu erz√§hlen: Zu den ersten Takten von Fast and frightening fliegt ein Bierbecher in Richtung B√ľhne. Zwar leer, aber immer noch aus Hartplastik trifft er punktgenau Jennifer Finch voll an der Stirn. Eine glatte zehn! Autsch! Aber wir sind in einer Rock‚Äôn‚ÄôRoll Show und so zeigt die Bassistin keinerlei Anzeichen von Schw√§che sondern spielt einfach weiter. Ich zolle Respekt, denn das muss wehgetan haben! Bereits eine Stunde zuvor lag sie beim zweiten Song mit dem R√ľcken auf den ersten Reihen. Jennifer Finch scheint hart im Nehmen. Doch nicht nur deswegen hinterl√§sst die Bassistin bei mir den frischesten Eindruck der √ú50 Clique. Mir kommt ein Foto von Axl Rose in den Sinn. Es zeigt ihn auf der letzten Konzerttour als Aushilfss√§nger der Band AC/DC. Oh je dachte ich damals, wie schlimm sieht er nun aus. An diesem Abend dachte ich √§hnliches.

Als L7 die B√ľhne verlassen entdecke ich einen niedlich wirkenden, silbern glitzernden Totenkopf auf der schwarzen Jacke von Suzi Gardner. Es war wirklich ein merkw√ľrdiger Abend.

What happened to my Rock’n’Roll?

Setlist L7 @ Köln, Underground (07.09.2016):
  1. Deathwish
  2. Andres
  3. Everglade
  4. Monster
  5. Scrap
  6. Fuel My Fire
  7. One More Thing
  8. I Need
  9. Slide
  10. Crackpot Baby
  11. Must Have More
  12. Drama
  13. Freak Magnet
  14. Shove
  15. Shirley
  16. Shitlist
  17. American Society (Eddie & The Subtitles cover) (Z)
  18. Pretend We’re Dead (Z)
  19. Fast and Frightening (Z)

Fotos: Michael Gamon

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