Interview: DIRK SCHEUBER

GeschÀtzte Lesezeit: 8 Minute(n)

ZunĂ€chst erschien das Interview exklusiv auf der Homepage von Dirk Scheuber, nun ist es auch hier zu lesen. AnlĂ€sslich des Solo-Albums The Me I See des Keyboarders von Project Pitchfork hatten wir die Ehre und das VergnĂŒgen, mit ihm ein ausgiebiges Interview zu fĂŒhren und den Weg zu beleuchten, der zum Album gefĂŒhrt hat, welche Antriebe und Inhalte dahinter stecken, welchen Anteil Chris Ruiz hatte und vieles mehr. Dabei zeigte er sich als ein sehr ehrlicher und aufgeschlossener Musiker, bei dem man merkt, dass beim Album eine Menge dahintersteckt.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Das Album steht nun in den Startlöchern. Erst einmal grundlegend gefragt: Wann kam der Entschluss, ein Solo-Album aufzunehmen?
Der Gedanke dies endlich mal umzusetzen, existierte ja schon eine halbe Ewigkeit in meinem Kopf. Der Antrieb und die Kraft waren sich noch sehr uneins. Erst nach meinem mehr oder weniger Fast-Ableben und der Neu-Orientierung meiner selbst kristallisierte sich und manifestierte sich, der enorme Wunsch, all das in irgendeiner Form nach außen zu kehren oder in irgendeiner Emotion zu kompensieren. Und so kam dann eins zum anderen. Und mit The Me I See existiert nun ein weiterer Schritt in nĂŒchterner Form, der mich immer mehr zur mir selbst bringt. Ich hatte soviel aufzuarbeiten und musste soviel neu verstehen lernen. Am meisten jedoch mich selbst. Auf diesem Weg bin ich auf sehr viel Liebe gestoßen, egal ob von der Familie, Freundeskreis oder Kollegen. Ich bin sehr dankbar fĂŒr sehr viel und werde dies auch tief in meinem Herzen fĂŒr mich aufbewahren und schĂŒtzen.

Bevor wir nĂ€her zum Inhalt kommen, zunĂ€chst die Frage nach einer musikalischen SelbsteinschĂ€tzung: Wie wĂŒrdest Du selbst den Sound des Albums beschreiben?
Das ist immer ‘ne Frage die man nicht wirklich beantworten kann. Ich persönlich habe fĂŒr mich entschlossen, das zu machen, was mir persönlich am vertrautestem war. Und da ich mich immer schon zu unterschiedlichsten musikalischen Stilen hingezogen fĂŒhlte, habe ich quasi alles, was sich an wohlklingenden Tönen in meinem Herzen versucht, in etwas mir Vertrautes umzusetzen. Ich wollte keine Mitmusiker oder andere musikalische Konstellation um mich herum haben, um letztlich auch keine Kompromisse eingehen zu mĂŒssen. Ich wollte nur mich und das, was mein GefĂŒhl mir zukommen lĂ€sst.

ZufĂ€lligerweise fiel mir kĂŒrzlich die CD Deines einstigen Projekts Kyova wieder in die HĂ€nde. Hier war es ein deutlich rockigerer Sound. Hast Du Dich davon bewusst abgewendet oder hat sich der Sound auf The Me I See einfach so ergeben?
Kyova war ein Versuch, auf irgendeinen Zug aufzuspringen der nicht in meine mir gewollte Richtung fuhr. Das zu erkennen und sich selbst einzugestehen, bedarf ‘ner gewissen Erfahrung. Das Erhoffte hat sich nicht eingestellt, was auch nicht schlimm ist. Aber ich habe auch aus dieser Zeit viel fĂŒr mich mitgenommen, sowohl negativ wie positiv. Es war nicht der Weg, der fĂŒr mich gedacht war. Gelernt habe ich aber durchaus aus dieser Zeit.

Kommen wir wieder zur neuen Scheibe: Ein Blick auf das Cover zeigt Dein Gesicht zur HĂ€lfte und in Schwarz-Weiß gehalten. Was steckt hinter der nur halben Abbildung und der Schwarz-Weiß-Ästhetik?
Die Schwarz-Weiß-Ästhetik ist absolut gewollt und das will ich auch so beibehalten. Bei der Abbildung selber kann man sich Gedanken machen oder auch nicht. Ich wollte was Ehrliches, was nah dran ist, ohne Posen oder sonst dergleichen. Ich kenne Chris Ruiz, der die Bilder gemacht hat, ja auch schon ‘ne ganze Weile, und bin irgendwann mal auf seine Seite gestoßen. Was ich da gesehen habe, entsprach absolut meiner Vorstellung und so habe ich ihn angefragt ob er Lust hat. Nach ‘ner kurzen ErklĂ€rung meiner Vorstellungen hat er es auch sofort verstanden. Ich bin sehr glĂŒcklich mit dem, was er daraus gemacht hat. Das bin ich!

Ein anderes Bild, das auf der Homepage zu sehen ist, zeigt Dich sozusagen als Puzzle. Ein Ausdruck innerer Zerrissenheit?
Auch hier hat er wieder so ziemlich gut das getroffen, was mir sehr entgegen kam. Ohne wirklich vorher zu wissen, war dies etwas, was mich selber ĂŒberrascht hat und ich gerne so wie von Dir interpretiert stehen lasse. Wobei sich die Zerrissenheit nach und nach wieder wie bei einem Puzzle zusammenfĂŒgt. Wichtig ist nur, dass jedes Teil sich an seinem richtigen Platz wieder findet.

FĂŒr die Bilder zeigt sich Chris Ruiz verantwortlich. Hat sich die Zusammenarbeit nur auf die Bilder beschrĂ€nkt? Oder hat er Dich beim Album auch an anderer Stelle noch unterstĂŒtzt?
Wie oben ja schon beschrieben bezieht sich dies nur auf die Bilder. Ich kann mir gut vorstellen, hier und da ein paar meiner Songs auch visuell mit ihm umzusetzen. Mal sehen.

Das Album heißt The Me I See. Welche Idee steckt hinter dem Titel?
Das bin ICH. Ohne Wenn und Aber. Meine Aufarbeitung mit meinem Innersten. Liebe, Verlust, Angst, Hoffnung, Freundschaft und Dankbarkeit.

In Zusammenhang mit Dir kommt unweigerlich auch immer das Thema Alkohol ins Spiel. Nervt Dich das inzwischen oder sprichst Du nach wie vor „gern“ darĂŒber?
Nein, das tut es nicht. Mit dieser Droge setz ich mich immer wieder auseinander. Es kommen immer mal diese Momente, wo ich mir dieses Thema bewusst mache. Es ist die weit verbreitetste legale Droge, die dem Menschen zugĂ€nglich gemacht wird. An dieser Droge sehe ich genauso wenig Gutes wie an anderen uns bekannten auch. Es gibt fĂŒr mich keinen einzigen Grund, diese zu konsumieren. Jeder muss und soll das fĂŒr sich selbst entscheiden.

Reden wir nun einmal ĂŒber ausgewĂ€hlte StĂŒcke vom Album. Angefangen bei Everything. Dort heißt es Lost my Love forever gone… Ist die Liebe tatsĂ€chlich fĂŒr immer weg?
Liebe ist sehr vielseitig. Die IntensitĂ€t der Liebe ist unterschiedlich und deshalb ist die Liebe auch so unberechenbar. Sie bewegt genauso viel Positives wie Negatives. Sie euphorisiert, verletzt, trauert und lacht und wird nie genau definierbar sein, weil sie ehrlich ist – egal in welche Richtung. Man kann und soll sie nicht verstehen, aber respektieren sollte man sie umso mehr. Vielleicht liegt da der SchlĂŒssel.

Wenn man sich den Text von Out of Time durchliest, wirkt es wie ein Wendepunkt. WĂŒrdest Du da zustimmen?
Jeder einzelne Song auf diesem Album ist ein Wendepunkt. Gleichermaßen Abschluss und Neuanfang.

In Space sprichst Du von einem „Sleeping Satellite“. Was hat es mit diesem auf sich?
Es hört sich gut an.

In Godshape heißt es unter anderem „my words are blessing, my words a curse“. Wie wĂŒrdest Du diesen Gegensatz erlĂ€utern?
Vielleicht ist es wie mit der Wahrheit. Jeder will, dass man ihm gegenĂŒber ehrlich ist. Und wenn man es ist und der GegenĂŒber dann doch nicht in der Lage ist, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, kann dies Segen und Fluch gleichermaßen sein. Ob die Wahrheit positiv oder negativ ist. Spricht sie positiv, ist sie ein Segen, spricht sie negativ, ist sie ein Fluch. Wer kann schon damit umgehen, ohne sich letztendlich nicht doch verletzt zu fĂŒhlen?

Arbeitest Du generell gern mit GegensÀtzen? Der Eindruck entsteht hÀufiger auf dem Album.
GegensÀtze ziehen sich an.

Zudem ist 3rd Eye auf dem Album. Was ist das fĂŒr ein drittes Auge, das hier thematisiert wird?
Vielleicht ist es die Einsicht. Ich glaube, das muss jeder fĂŒr sich entscheiden, insofern er es entdecken möchte.

Wenn wir das Album nun wieder als Ganzes betrachten: Gemischt hat es „Der Frost“ von Eisfabrik. Wie wĂŒrdest Du seinen Anteil am Gesamtsound des Albums beschreiben?
Die Eisfabrik war ja mit uns (PP) auf Tour, so hatte ich oft genug die Gelegenheit, mir deren Soundcheck hier und da anzusehen. Ich hatte fĂŒr meine Songs eine gewisse Vorstellung von Sound, der sich mir bis dahin noch nicht so richtig erschloss. Da ich ja bis dato der einzige war, der meine Songs kannte, bekam ich immer mehr das GefĂŒhl, dass in einer gewissen Kombination aus der QualitĂ€t des Sounds der Eisfabrik und meinem Songwriting der SchlĂŒssel steckt. Und so hab ich Gerrit dann in mein Vorhaben miteinbezogen und gefragt, ob er mir da unter die Arme greifen kann. Ich hab ihm nur so ein paar Sachen von mir vorgespielt und gefragt, ob er sich das vorstellen könne. Naja, und so kam eins zum anderen. Er versteht es sehr gut, das gewisse QuĂ€ntchen QualitĂ€t, das mir so vorschwebt, umzusetzen. Er hat die Songs genauso verstanden, wie ich es mir vorgestellt habe. Von Anfang an war da fĂŒr mich klar, dass diese Kombination sehr stimmig ist.

Wie ist generell Deine Erwartungshaltung mit dem Album?
Erwartungen will Ich gar keine haben. Hier wo Ich jetzt stehe, bin ich sehr glĂŒcklich und dankbar. Alles, was jetzt kommt, kann ich selber gar nicht abschĂ€tzen und so bleibe ich selber lieber gespannt auf das, was noch so kommen mag.

Ich habe gelesen, dass Du das Album ursprĂŒnglich gar nicht fĂŒr die Öffentlichkeit angedacht hast. Warum nicht? Und warum hast Du Dich dann entschlossen, es doch rauszubringen?
Von Album war gar nicht die Rede. Erst Peter hat mich dazu ermutigt, die Sache konkreter anzugehen. Ich wusste ja selber nicht, wo ich damit stehe. Meine SelbsteinschĂ€tzung war schon eher positiv, aber es dann doch mal jemanden hören zu lassen, war eher weiter weg, weil ich den richtigen Zeitpunkt nicht richtig einschĂ€tzen konnte, es mal jemanden vorzuspielen. Er war es dann auch, der dann meinte „lass‘ doch mal hören“. Und ja, es gefiel ihm und so hat er dann auch Alex von Trisol mit ins Boot gebracht und ein gutes Wort fĂŒr mich eingelegt. Das war wieder so ein großer Schritt, der zu machen war und plötzlich viel leichter zu machen als erwartet. Da bin ich ihm auch sehr dankbar fĂŒr.

Wie siehst Du den Hörer von The Me I See? Gibt es fĂŒr Dich da eine bestimmte Zielgruppe? Und meinst Du, es ist auch mit den Project Pitchfork-Fans kompatibel?
Ich grenz‘ mich da nicht ein. Klar werden Pitchfork-Fans ein Ohr riskieren, aber genauso gut kann es auch von Leuten gehört und gemocht, werden die musikalisch aus anderen Richtungen kommen. Ich mach mir da keine Gedanken drum. Wenn es gefĂ€llt, freut mich das natĂŒrlich sehr.

Wir haben bereits Eisfabrik angesprochen. Auf ihrer Facebook-Seite wird eine gemeinsame Tour von Dir und Eisfabrik angedeutet. Wie konkret sind die PlÀne da?
Ich werde die Eisfabrik nÀchstes Jahr auf deren Tour supporten.

Könntest Du Dir auch vorstellen, im Rahmen einer Project Pitchfork-Tour Deine StĂŒcke vorzustellen?
Ich will mir nicht immer was vorstellen. Möglich ist alles… Unmöglich aber auch. 😉

Zum Schluss noch die Frage nach einem kurzen Ausblick… Wir haben ĂŒber das Album und TourplĂ€ne gesprochen. Gibt es schon weitere PlĂ€ne, wie es bei Dir solo-technisch weitergehen wird?
Ich bin dabei. Klar wird es Neues geben. Deshalb mach ich das ja… Ich bin mittendrin…

Weblinks SCHEUBER:

Homepage: www.scheuber-music.de
Facebook: www.facebook.com/ScheuberMusic

The Me I See

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Bilder: Chris Ruiz