Interview: SCHILLER

Schiller © Philip Glaser / Universal Music
Geschätzte Lesezeit: 9 Minute(n)

An einem Mittwoch sitze ich also mit einer Tasse Tee und der Frage an mich selbst, ob meine Fragen denn gut oder interessant genug sind, am Küchentisch und warte darauf, dass mich Christopher von Deylen, besser bekannt als SCHILLER, anruft. Es ist nachmittags, draußen ist es grau und ich bin gespannt darauf, wie der Mann, der schon mit Peter Heppner, Unheilig und sogar Midge Ure zusammengearbeitet hat und auf der ganzen Welt einen Namen hat, denn so ist. Ich nippe noch einmal an meinen Tee, als mein Telefon klingelt und beginne ein Gespräch über das neue Album Future, das Ende Februar erschienen ist, Besitzaufgabe, die Liebe und irgendwie auch Lebensphilosophie.

Hallo, wie geht’s dir überhaupt? Du hast ja heute sowas wie einen Pressetag. Wie viele Interviews waren es denn heute schon?
Heute waren es drei. Aber mir macht so etwas sowas Spaß. Mir geht es gut, man könnte fast schon sagen, mir geht’s blendend (lacht).

Das ist gut zu hören und damit beantwortest du mir schon meine nächste Frage. (lacht) Nämlich die, ob dir das Spaß macht und ob du gerne Interviews gibst.
Mir macht das auf jeden Fall immer Spaß. Gerade heute hatte ich sehr viele nette Gespräche. Ich versuche immer, die manchmal etwas nüchterne Interview-Situation eher in ein Gespräch umzuwandeln und nicht zu einem Frage-Antwort-Spiel werden zu lassen.

Sowas macht auch mehr Spaß, finde ich. Du bist ja nach ziemlich langer Zeit in Berlin nach Kalifornien umgezogen. Beschreib doch mal Berlin. Was ist Berlin für dich? Was macht die Stadt für dich eigentlich aus?
Ich hab ja 15 Jahre in Berlin gelebt, doch dann wurde die Stadt zunehmend zu einem Inspirationssimulator. Es fiel mir dann immer schwerer, mich in der Großstadt neu zu erfinden. Ich habe mich sehr in die Natur gezogen gefühlt, in diesem Fall dann in die Wüste Kaliforniens. Vor drei Jahren habe ich meinen kompletten Hausstand aufgelöst: Ich kam von einer langen Tour nach Hause und habe festgestellt, dass ich den ganzen Besitz, der dort steht, ja gar nicht brauche.

Schiller © Philip Glaser / Universal MusicDen braucht man ja in den meisten Fällen nicht…
Ich hab den während meiner Tour auch gar nicht vermisst, im Gegenteil: Auf irgendeine Weise fing mein Besitz an, mich zu besitzen. Ich hab dann irgendwann über Nacht entschieden, alles wegzugeben und die Entscheidung getroffen, mich auf eine neue Reise zu begeben. Ich habe dann noch ein halbes Jahr über Air BnB oder bei Freunden in Berlin gelebt. Dann kam der Moment, an dem ich nur noch zwei Koffer hatte und sich der Gedanke festigte, dass ich ja weiter und länger weg kann, als ich dachte.

Und wie kommt man dann gerade auf die Idee mit Amerika? Der Schwarzwald hätte es ja für den Anfang vielleicht auch getan…
Ich habe mich in den letzten Jahren immer wieder in den USA aufgehalten und dort Musik gemacht. Die Offenheit und Neugier der Menschen ist einfach bezaubernd. Ich habe das wirklich über die Jahre zu schätzen gelernt, weswegen dann klar war: „Let’s go West.“ (lacht)

Was nimmt man denn mit, wenn man praktisch ans andere Ende der Welt zieht?
Mein kleines Studio, das habe ich ja überall dabei, damit ich in jedem Lebensmoment Musik machen kann. Ein paar Kleidungsstücke. Irgendwann habe ich mal entschieden, dass schwarz die Farbe ist, die zu allem passt, vor allen Dingen zu sich selbst. (lacht) Deswegen musste ich nicht so wahnsinnig viele Klamotten mitnehmen. Ansonsten war es das auch schon. Alles andere fehlt mir immer noch nicht. Wie lange das noch so geht, weiß ich natürlich nicht. Das war auch keine Entscheidung, von der ich wusste oder gehofft habe, dass sie für die Ewigkeit ist. Es kann sein, dass wir uns in einem Jahr wieder sprechen und ich dir sage, dass ich jetzt mit einem Wohnmobil durch den Himalaya fahre. (lacht)

Ja, so ist das eben…
Ich kann dir sagen, dass es viel leichter ist, einen völlig anderen und neuen Lebensweg zu gehen, als man sich das immer vorstellt. Mut zum Neuanfang.

Da stellt sich mir die Frage: Schränken materielle Dinge die Freiheit nur ein? Und was bedeutet Freiheit für dich?
Ich finde, dass wir uns – und das soll jetzt keinesfalls moralinsauer klingen – oft von Dingen abhängig machen, die man so vermutlich gar nicht braucht. Ich habe natürlich das Glück gehabt, während sehr ausgedehnter Schiller Live-Touren Tag und Nacht in einem Bus gewohnt zu haben. Das war mein Zuhause. Da ist so wenig Platz, da kann man ohnehin nicht so viel mitnehmen. Ich habe das also schon ein wenig üben können und bereits auf Tour festgestellt, dass das sehr angenehm sein kann. Diese Einsicht bringt eine große Freiheit mit sich. Die Dinge, von denen man glaubt oder eingeredet bekommt, dass man sie benötigt, um glücklich zu sein, braucht man in Wirklichkeit gar nicht. Das ist zumindest meine individuelle Erfahrung.

Das glaube ich auch. Da wird viel suggeriert. Im Pressetext zum Album Future wird ja diese Szene beschrieben, wo du um vier Uhr morgens aufgestanden bist und telefonierst. Wie sieht denn dein Tag wirklich aus? Sitzt du jeden Morgen um vier Uhr telefonierend am Rand der Wüste? (lacht)
Ich stehe tatsächlich sehr gerne, sehr früh auf. Ich mag diese frühen Morgenstunden zwischen 5 Uhr und 9 Uhr. Das sind eigentlich die Stunden, bei denen ich am nächsten bei mir selbst sein kann. Es gibt da wenig Ablenkung. Die Welt ist noch so ganz ruhig und der Tag erwacht langsam. Ich liebe das.

Das klingt ja fast schon romantisch…
Ich bin ein großer Fan des Hellwerdens und eigentlich bin ich auch eher ein Sonnenaufgangs- als ein Sonnenuntergangsbetrachter, weil ein Sonnenaufgang immer etwas von einem Neuanfang hat. Das berührt mich. Und tatsächlich ist es so, dass ich sehr früh aufstehe, mir dann morgens mindestens einen Espresso mache, mich ins Studio beziehungsweise an meine digitale Werkbank setze und dann am produktivsten bin. Um die Uhrzeit gibt es wenig Ablenkung und wenig Zerstreuung, ich kann mich in den frühen Morgenstunden sehr gut fokussieren.

Schiller © Philip Glaser / Universal MusicDa bist du das krasse Gegenteil von mir. Mich braucht früh morgens niemand ansprechen.
Ehrlich?

Ja, ich bin früh morgens ganz furchtbar. Dafür kann ich bis nachts um vier wach sein – da bin ich dann am produktivsten.
Das kann ich nicht, da gehen dann abends spätestens um 22 Uhr bei mir die Lichter aus.

Ja, verständlicherweise. Sag mal, was ist denn bisher das Schönste am Umzug nach Kalifornien und wie hat sich der Umzug auf die Produktion des neuen Albums ausgewirkt?
Das Aufregendste für mich war, Teil der Natur zu sein und die Kraft der Natur zu spüren. Ich habe mich am Rande der Mojave-Wüste aufgehalten, um die unberührte Natur so hautnah zu erleben, das war echt toll. Was auf der anderen Seite aber genauso toll war, war die positive Energie meiner musikalischen Gäste. Die meisten leben zur Zeit in Kalifornien. In Los Angeles wartet ja keiner auf niemanden, da kann man sich sehr schnell sehr einsam fühlen. Alle, mit denen ich gearbeitet habe, waren hingegen sehr offen. Das ergab dann einen gemeinsamen Nenner. Ich habe dort unerwartet intensive Freundschaften erlebt.

Wo wir gerade bei musikalischen Gästen sind: Wie hast du denn deine Gastsängerin Kéta getroffen. Los, erzähl! Wo hast du sie her? (lacht)

Mein Musikverlag hat auch ein Büro in Los Angeles, was ich gar nicht wusste. Kéta wurde mir ans Herz gelegt als eine junge und sehr besondere Sängerin. Ich habe mich dann mit ihr getroffen, da war sie gerade 17 Jahre alt. Für mich war das sehr spannend, jemanden zu treffen, der auf der einen Seite noch sehr jung ist, aber gleichzeitig eine gefestigte Sicht der Dinge hat. Gerade bei essentiellen Dingen wie dem „Leben“ und der „Welt an sich“. Gleichzeitig befindet man sich, wenn man noch so jung ist ja auch in einer Phase des Ausprobierens und Aufbruchs. Man versucht, sich selbst und das eigene künstlerische Wesen zu ergründen, was ja manchmal gar nicht so einfach ist.

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, dass so eine Begegnung sehr spannend ist.
Sieh mal, ein Veteran, der schon sehr lange Musik macht, der weiß ja wirklich genau, wer er ist und was er möchte, was er kann und was er nicht kann. Aber mit jemandem zusammen zu arbeiten, der sich selbst noch gar nicht konkret gefunden hat, das hat meine eigene Neugier sehr beflügelt.

Ich zitiere jetzt mal aus dem Album: „More love. That’s it. That’s the meaning of life!“ Was bedeutet denn Liebe für dich und wie würdest du sie definieren?
Ich glaube Liebe – sowohl im zwischenmenschlichen als auch im universellen Zusammenhang – ist die einzige Wahrheit. Und das klingt jetzt bestimmt unsagbar kitschig, aber das ist nun einmal so. Das Thema wurde so oft verfilmt und so oft beschrieben, dass man sich schon fast albern vorkommt, es auszusprechen. Andererseits hat das natürlich auch seinen Grund, warum das Thema so eine unglaubliche Relevanz hat.

Ja, da hast du Recht…
Man kann sich natürlich nicht zwingen, jemanden, mit dem man nicht sonderlich gut klar kommt, zu lieben. Das geht natürlich nicht. Aber wenn man Liebe als einen offenen Umgang betrachtet und auch als eine Art Nächstenliebe – das klingt jetzt auch wieder kitschig – dann ist das, so glaube ich, etwas, womit man im Leben deutlich weiter kommt als mit dem Gegenteil.

Schiller © Philip Glaser / Universal MusicDas stimmt natürlich… Das Album klingt für mich übrigens so wie ein kompletter Tagesablauf. Aufstehen, mit der Kaffeetasse durch die Wohnung laufen, durch die Stadt gehen, Alltagsdinge erledigen… Und dann abends ins Bett fallen. Welches Album hat denn so ein Gefühl bei dir hervorgerufen?
Was? So einen Soundtrack zu einem kompletten Tag?

Ja.
Da muss ich überlegen.

Überleg.
Serenity von Bvdub. Wunderschön.

Um auf den Albumtitel Future zurück zu kommen: Was wünscht du dir für die Zukunft? Und siehst du der Zukunft positiv oder negativ entgegen?
Positiv. Ganz klar positiv. Alles andere ist Zeitverschwendung. Auf der einen Seite ist die Zukunft ja kein Dauerlutscher. Wir sind ja das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, was in der Lage  ist, seine Zukunft selbst zu gestalten. Gründe, die gegen irgendetwas sprechen oder Umstände, die etwas erschweren, gibt es stets genug, aber das ist ja kein Grund, es nicht trotzdem zu versuchen.

Das ist absoluter Tiefenoptimismus.
Ich spreche ja jetzt nicht von einem „Wir ändern die Welt“-Ansatz, sondern davon, dass man manchmal auch sein eigenes kleines Morgen optimieren kann und sich abseits von dieser Hypergegenwart, in der wir uns bewegen, selbst verwirklichen kann.

Was ist denn eine Hypergegenwart?
Wir können alles in Echtzeit kommentieren und streamen und haben immer noch das Gefühl, irgendwas zu verpassen. Ich hoffe, dass das Album ein Soundtrack oder vielleicht ein Trigger für dieses Gefühl von „Ich mache jetzt die Tür zu, setze mich hin und bin ganz bei mir selbst“ sein kann.

Gute Schlussworte. Da schließt sich dann der Kreis wieder zum Anfang. Ich danke dir für deine Zeit und das tolle Gespräch. Vielleicht philosophieren wir das nächste Mal gemeinsam in einer Hängematte über die Welt und das Leben…

Tourdaten SCHILLER:

27.09.2016 Dresden, Messe
28.09.2016 Rostock, Stadthalle
29.09.2016 Hamburg, Barclaycard Arena
30.09.2016 Hannover, Swiss Life Hall
01.10.2016 Köln, Lanxess Arena
02.10.2016 Bielefeld, Seidenstickerhalle
03.10.2016 Erfurt, Messe
05.10.2016 Oberhausen, König-Pilsener-Arena
06.10.2016 Frankfurt/Main, Festhalle
07.10.2016 Mannheim, SAP Arena
08.10.2016 Stuttgart, Porsche Arena
09.10.2016 Freiburg, Rothaus Arena
12.10.2016 München, Olympiahalle
13.10.2016 Leipzig, Arena
14.10.2016 Berlin, Mercedes-Benz Arena

Weblinks SCHILLER:

Homepage: www.schillermusic.com
Facebook: www.facebook.com/schillermusic

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Bilder: Philip Glaser / Universal Music

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