Interview: VON BRÜCKEN

Von Brücken © Tabea Debora Pringal
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Von Brücken – das sind Tobias Schmitz und Nicholas Müller, der mit seiner vorherigen Band Jupiter Jones große Erfolge feiern konnte. Für Fans kam die Nachricht über den Austritt des Sängers sehr überraschend und umso schockierender war für viele die Nachricht, dass der Sänger unter Angststörungen litt. Seit letztem Jahr steht Nicholas Müller wieder auf der Bühne – zusammen mit Tobias Schmitz. Wir trafen das Duo im Düsseldorf zum Interview. Beide wirkten sehr entspannt und freuten sich sichtlich in wenigen Stunden im ausverkauften Zakk aufzutreten (Fotogalerie).

Nicholas, im Mai 2014 hattest du deinen Austritt bei Jupiter Jones bekanntgegeben, dann im Herbst letzten Jahres wurde das Debütalbum Weit weg von fertig mit deinem neuen Projekt von Brücken veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass du doch so schnell wieder Musik gemacht hast?
– Nicholas: Glück! (lacht) Glück und viel Arbeit. Ich bin ja bei Jupiter Jones ausgestiegen, weil ich eine Angststörung hatte/habe, wie auch immer man das nennen will. Naja, ich war damals an einem Punkt an dem ich sagen musste: „Ich muss jetzt hier raus. Ich muss meine Zeit haben um gesund zu werden. Ich kann nicht datieren wie lange es dauern wird.“ Dass es so schnell ging, war tatsächlich großes Glück. Das hatte mit viel Arbeit zu tun, aber selbst mit viel Arbeit hätte es noch viel länger dauern können. Ich hatte tolle Leute um mich herum, mir wurde viel geholfen… Glücklicherweise ging es so schnell. Es hätte auch 2018 werden können.

Ist Musik insofern, nicht nur für dich, sondern für euch beide, eine Art von Heilmittel, das hilft schwierige Zeiten zu überstehen?
– Tobias: Ich würde sagen schon – auf jeden Fall! Wenn du ein super Konzert gespielt hast und es eine Kommunikation mit den Leuten gab, dann nimmst du das mit. Das trägt dich auch ein Stück weit. Ich glaube nicht, dass das einen vor so einer Krankheit retten kann und in dem Fall hat es das ja auch nicht. Aber Musik ist sicherlich ein toller Begleiter. Du kannst unheimlich viel in Musik reinlegen und sagen und dir dadurch selbst helfen.

Seit vier Tagen seid ihr nun wieder auf Tour. Habt ihr das vermisst? Ihr standet schließlich beide mit Jupiter Jones zusammen auf der Bühne.

Von Brücken © Tabea Debora Pringal

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– Nicholas: Ja, total. Ich mag Konzerte sehr gerne, aber ich mag auch dieses Nightliner-Gewusel sehr und auch den Tag, den kompletten Tag, mit den Menschen aus der Band zu verbringen. Das ist, auch wenn wir uns oft sehen, etwas Besonderes, weil das sonst nur passiert, wenn wir proben -was wir relativ selten tun- oder im Studio sind. Eine Tour ist dann noch mal etwas ganz Besonderes, denn wir stehen zusammen auf und gehen zusammen in einem Bus schlafen. Zwischendrin wurde viel geistiger Dünnpfiff erzählt und wenn alles gut geht, haben wir ein Publikum glücklich gemacht. Das ist schon eine Sache, die mir gefehlt hat.

Die Band wächst also ein bisschen wie eine Art Familie zusammen?
– Nicholas: Absolut!

Nervt es nicht irgendwann, wenn ihr lange Zeit auf engstem Raum zusammenlebt und wie du ja eben gesagt hast, fast den ganzen Tag zusammen verbringt?
– Tobias: Die Momente gibt es schon. Klar, gibt’s ja in jeder Familie, dass man sich gegenseitig auf den Senkel geht und dann auseinander geht, aber abends, wenn es auf die Bühne geht, ist dieses Gemeinschaftsgefühl wieder da. Wenn es auf Dauer nicht da wäre, dann müssten wir uns fragen, ob da nicht irgendwas schiefläuft. Momente in den wir alle genervt sind gibt es natürlich, aber manchmal lernt man auch über die Marotten der andern zu lachen. Ich glaube, wir sind aber generell eine Truppe in der viel Humor herrscht. Damit kann man manchmal auch Situationen überstehen, in denen man sonst genervt wäre.
– Nicholas: Und im Idealfall sind wir mit Menschen zusammen, die dazu in der Lage sind damit umzugehen, wenn einer ihnen sagt, dass sie gerade nerven. Können bei uns glaube ich auch alle. (lacht)

Gibt es manchmal auch Momente in denen ihr das jetzt mit der Zeit bei Jupiter Jones vergleicht? Oder ist das für euch ein Neubeginn bei null?
– Nicholas : Ach, ich denke gerade in meinem Fall lassen sich zwölf Jahre nicht auf Null setzen. Das war ja auch die Startrampe fürs Musik-Buisness: der Weg aus dem Hobby in den Beruf, oder die Berufung. Natürlich vergleiche ich da unbewusst, aber ich werde einen Teufel tun jede meiner Handlung mit früher zu vergleichen und auch den Erfolg miteinander zu vergleichen. Das geht gar nicht. Insofern, was von Brücken angeht, ist das schon ein Neustart, aber aus einem gesunden Mittelfeld, was so Fans angeht, die sind uns natürlich – was heißt natürlich – glücklicherweise, Gott sei Dank, treu geblieben. Aber im Großen und Ganzen ist das schon ein Neubeginn. Ein gewollter Neubeginn und ein wichtiger Neubeginn, weil in den vergangen Hoch-und Tiefzeiten zu leben, das würde keinem etwas bringen.
– Tobias: Es tut gut, mit einem gewissen Maß an Erfahrungen in so ein Projekt zu starten. Wo auf die Erfahrung aufgebaut werden kann, wo wir wissen, das war gut oder das möchten wir so nicht mehr machen. Und es ist gut, dass dieser Tourbetrieb und dieses auf Tour gehen nicht mehr so aufregend ist, dass es einen dabei behindert Musik zu machen, sondern mittlerweile eine gewisse Routine hat. Wir gehen einfach mit mehr Ruhe daran als früher.

Wir sind beide Befürworter des Lebens

Bereits der erste Song Das Türen-Paradoxon auf eurem Album Weit weg von fertig handelt von Neubeginnen und Türen einreißen. Eins der wenigen Lieder, das sich offensiv mit deiner Angststörung auseinander setzt heißt Lady Angst. War es euer Wunsch, dass das Album einen sehr positiven, nach vorne blickenden Charakter bekommt?
– Nicholas: Das wurde nicht ausgesprochen. Aber das ist uns beiden, glaube ich, so gegeben und auch mir als Texter vor allem. Ich kann dieses Pop-Gelalle nicht ertragen, in dem immer alles gefeiert wird, obwohl es gerade nix zum Feiern gibt. Das find ich furchtbar. Auf der anderen Seite finde ich auch dieses ständige rumreiten auf Empfindlichkeiten genauso schlimm. Mein Wesen gibt schon viel Melancholie vor, aber ich bin die meiste Zeit doch gut gelaunt und hab auch meinen Humor, den möchte ich auch in meiner Musik bewahren und nicht künstlich irgendwas darein bringen, was gar nicht aus mir rauskommt. Deswegen ist die Platte eben wie sie ist. Wir sind beide Befürworter des Lebens. Auf der anderen Seite auch Kritiker, was den Alltag angeht. Also das was passiert, das können wir nicht einfach übersehen. Und diese Mischung ergibt am Ende dann Von Brücken.

Von Brücken © Tabea Debora Pringal

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Du hast dich ab einem gewissen Zeitpunkt öffentlich zu deiner Angststörung bekannt. Glaubst du, dass es in der heutigen Gesellschaft schwieriger ist seine Schwächen zu  offenbaren, da wir heutzutage so auf Leistung und Selbstoptimierung ausgerichtet sind?
– Nicholas: Ich hab ja keine Erfahrungen, wie es im 18. Jahrhundert oder 19. Jahrhundert war. Die Frage ist daher nicht „Ist es schwieriger?“ sondern „Ist es schwierig?“. Die Antwort ist leider „Ja“. Dabei müsste es das gar nicht sein. Klar, man nimmt sich teilweise selbst unbewusst als Leistungsträger wahr oder drängt sich in die Rolle des Leistungsträgers und sieht das als unheimlich wichtig an. Das ist schade. Das ist glaube ich auch so eine Zivilisationskrankheit und am Ende eben eine Krankheit unserer Zeit. Im Grunde genommen sind wir aber auch in einer aufgeklärten Zeit angekommen, in der wir über alles sprechen können und sprechen sollten und in der wir auch über alles aufklären sollten. Von daher sind die Grundvoraussetzungen gegeben, es muss nur noch umgesetzt werden, was Aufklärung angeht.

In einem Interview hast du, Nicholas, gesagt, dass du dir nur mit Tobias vorstellen konntest Musik zu machen. Warum ausgerechnet Tobias? Was verbindet euch?
– Nicholas: Wir kennen uns sehr lange und weil ich ihn als Freund und als Musiker unheimlich schätze und seinen Stil mag. Einfach weil’s passt. Ich weiß nicht, vielleicht gibt’s da draußen auch Leute mit denen es auch passen würde…
– Tobias: Bestimmt. (lacht)
– Nicholas: …aber die kenne ich eben nicht. Warum soll ich mich dann auf die Suche machen, wenn ich schon wen gefunden habe?!

Wir müssen uns gegenseitig nicht erklären

Das heißt, es gibt eine klare Rollenverteilung bei euch beiden?
– Tobias: Ja, ich bin für die Musik zuständig und Nicholas für die Texte. Wobei wir natürlich darüber sprechen, ob das gerade auch das ist, was der andere sich vorstellt. Aber ich glaube, auch bezogen auf die Frage zuvor noch mal: Wir müssen uns gegenseitig nicht erklären. Als Typen nicht und auch nicht in unserer Kunst.

Wie kann man sich das also verstellen, wenn ihr zusammenarbeitet? Kommt Tobias dann und sagt „Hey, ich hab hier eine Melodie. Texte was dazu!“ oder ist das eher wie bei einem Puzzle, das sich Stück für Stück entwickelt?
– Tobias: Ein bisschen ist das schon so. Entweder gibt es einen Satz, einen Slogan, der ein Aufhänger sein könnte für einen Text, oder ich habe eine musikalische Idee und spiel sie ihm auf dem Klavier vor. Und dann schauen wir: Was löst das aus, ist das irgendwas, das sich lohnt zusammen weiterzuverfolgen oder klingt es doch nach Modern Talking und wir lassen es. Kommt alles vor. Meistens startet es mit einer kleinen Idee und die muss erst einmal alleine entstehen. Ab da geht es dann zusammen weiter. Im besten Fall entsteht ein Ping-Pong-Spiel. Manchmal ist es so, dass ich die Musik im Kopf schon fertig habe und aufnehme, dann hat Nicholas die leidliche Aufgabe den Text dazu zu schreiben. (lacht) Oder es gab Songs, wo das ziemlich parallel passiert ist.

Kam es auch schon vor, dass einer gesagt hat „Du, Dein Text/ Deine Musik, das geht so nicht.“?
– Tobias: So extrem ist es bisher noch nie vorkommen, nur so ein leichter Richtungswechsel, wo dann die Weichen etwas anders gestellt wurden. Oder es gab ein paar Ideen wo Nicholas sagte: „Gefällt mir, aber das ist nicht mein Stil. Dazu finde ich nichts, was mich inspiriert.“.

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Sind das Alltagssituationen die Dich inspirieren, oder eher ein Gefühl, das Du hast?
– Nicholas: In der Regel tatsächlich einfach das, was den Tag über passiert. Das bietet aber auch unheimlich viel. Und dann gilt es diese Themen, diese Situationen, aufzugreifen und da Dinge zu addieren oder eine Geschichte daraus zu machen, die dann auch für andere Menschen interessant ist. Also es ist, wenn man sich die Platte anhört oder sich die Texte durchliest, da nicht ein Thema dabei, das es nicht schon mal gegeben hätte. Oder vielleicht sogar so alltäglich ist, dass man sich denkt: „Darüber brauche ich gar nichts mehr zu erzählen.“. Aber das sind so die Sachen, die ich dann trotzdem am interessantesten finde. Also Dinge, die jeden Tag passieren und das sind auch die Themen, über die ich schreiben kann. Ich glaube, ich kann ganz schlecht fiktionale Zukunftsversionen zu Papier bringen. Also ja: Es ist der Tag, vom Aufstehen bis zum zu Bett gehen und alles, was dazwischen passiert, aber auch die Menschen, die ich treffe.

Das ist in Deinen Texten ja auch zu hören: Es geht um Zwischenmenschlichkeit und Interaktionen zwischen Menschen. Glaubst du, dass Du durch deine Erkrankung sensibler für solche Dinge geworden bist, beziehungsweise eine andere Sicht auf die Dinge gewonnen hast?
– Nicholas: Ja, ich hab auf jeden Fall zwischenzeitlich eine andere Sichtweise gewonnen – oft eine vollkommene irrationale. Das spielt vielleicht auch in den ein oder anderen Text, dass es das galt umzukehren, um eine ganz rationale Sicht auf die Dinge zu bekommen, wie zum Beispiel in Die Parade eine rationale Sicht auf den Tod. Gibt’s das überhaupt? Und wenn ja, wie sieht die aus? Die Antwort ist: Nein, gibt es nicht. Auf der anderen Seite, ist es aber tatsächlich so, dass die Angsterkrankung durch all diese irrationalen Ängste, die sie weckt, diese Bedürfnisse, die aufkeimen, gestillt werden will. Nämlich: Ich muss alles wissen, ich muss die Kontrolle über alles haben. Das macht die ganze Sache erst krankhaft. Über den Weg des Lernens habe ich gelernt das abzuschalten, gelernt auch das Leben auf eine ganz andere Art wahrzunehmen: Viel fatalistischer, denn viele Dinge sind halt einfach so. Ich glaube, es gibt ganz viele Dinge über die sich die meisten Menschen einen unheimlichen Kopf machen und denken: „Oh Gott, was soll denn der Nicolas in dieser Situation denken.“. Und ich denk mir „Ja nun, es ist halt so.“. Ich kann nichts dran ändern. Ich werde kein Pessimist, ich denke eben: „Wenn ich nicht im Heute lebe, dann verschwende ich meine Zeit damit an Morgen zu denken und Gestern nachzutrauern.“. Das habe ich gelernt – ich hätte es gern anders gelernt – aber ich glaube, das ist ein Vorsprung, den ich anderen Menschen voraus habe
– Tobias: Ich fürchte aber, dass es meistens so läuft, dass die Leute erst an einen Punkt kommen müssen, wo sie merken: Hier geht’s nicht mehr weiter.

Ich bedanke mich für dieses Interview und wünsche euch viel Spaß bei Eurem Konzert!

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