FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS – M√ľnster, Skaters Palace (11.01.2016)

Frank Turner, (c) Michael Gamon
Frank Turner, (c) Michael Gamon
Geschätzte Lesezeit: 8 Minute(n)

Frank Turner ist wieder einmal auf Deutschlandtour, wie so oft in den letzten Jahren. Und wieder einmal spielt er eine Mischung aus gro√üen Hallen (Palladium, K√∂ln) und kleineren Locations (Skaters Palace, M√ľnster). Aber ein paar Dinge waren an diesem Montag dann doch ein wenig anders als sonst‚Ķ

Frank Turner hatte sich f√ľr diese Tour den jungen Will Varley als Support eingeladen, der an diesem Abend seine erste Show in Deutschland √ľberhaupt spielte. Ganz ehrlich, ich kannte Will Varley vor diesem Abend eigentlich gar nicht. Ich hatte mal gegoogelt, geyoutubet (schreibt man das so, wo ist mein Duden?), aber das war es auch schon.

Will Varley macht im Prinzip da weiter, wo Dylan in den Sechzigern aufgeh√∂rt hat. Er stellt sich mit der Gitarre auf die B√ľhne und erz√§hlt in Songs verpackte Geschichten oder umgekehrt, mal mehr, mal weniger strukturiert. Das ist eine schwierige Sache, wenn das Publikum zum einen nat√ľrlich feiern will, zum anderen die Sprache des Erz√§hlers nur bedingt spricht. So dauerte es dann auch eine Weile, bis der Funke an diesem Abend √ľbersprang und das best√§ndige Hintergrundgemurmel immer weniger wurde und der Applaus am Ende eines Songs immer mehr. Es tut mir fast schon leid, dass ich die Titel der gespielten Lieder nicht kenne, sonst k√∂nnte ich genau sagen, ab wann das Publikum pl√∂tzlich reagierte, zuh√∂rte und dann tats√§chlich auch mitsang. So ist es an euch, die Hausaufgaben zu machen und euch Will Varley anzuh√∂ren. Es lohnt sich‚Ķ (http://www.willvarley.com/)

Weiter ging es mit Skinny Lister, einer Band aus dem S√ľden Londons, die ich nicht kannte, wohl aber ein Gro√üteil des Publikums. Denn es dauerte ungef√§hr zweieinhalb Minuten und der Bereich vor der B√ľhne war in Bewegung. Skinny Lister spielen eing√§ngigen Folk Punk, mit dem kleinen Extra in Form von Lorna Thomas, der charismatischen S√§ngerin in roten Lackpumps und Spitzens√∂ckchen. Ich habe dann die Gelegenheit genutzt, die Halle war voll, M√ľnster sang und tanzte, mein Abendessen nachzuholen. Als ich wiederkam, surfte der Bassist mit seinem Bass auf dem Publikum, ein wahrlich nicht allt√§glicher Anblick‚Ķ Wenn es die Aufgabe der Vorband ist, das Publikum anzuheizen, dann hat Skinny Lister diese Aufgabe mit Bravour erf√ľllt. (http://skinnylister.com/)

Setlist SKINNY LISTER – M√ľnster, Skaters Palace (11.01.2016):
01. Raise A Wreck
02. George’s Glass
03. If the Gaff Don’t Let Us Down
04. Colours
05. Bold as Brass
06. John Kanaka
07. Rollin‘ Over
08. Trouble On Oxford Street
09. Seventeen Summers
10. This Is War
11. Forty Pound Wedding

Ich hatte eingangs erw√§hnt, dass an diesem Montag einige Dinge etwas anders waren, als √ľblicherweise. Frank Turner geh√∂rt zu der kurzen Liste an Musikern und Bands, deren Shows ich immer besuche, so lange sie ansatzweise in meiner N√§he stattfinden. Frank Turner hat mich nie entt√§uscht und so war es dann im Vorfeld auch keine Frage, ob man den langen Weg nach M√ľnster auf sich nehmen sollte, um Show #1809 zu besuchen.

Der Tod von David Bowie √ľberschattet den Konzerttag

Als ich aber an diesem Montagmorgen meine Augen aufmachte und der erste Blick auf mein Smartphone mir die Nachricht brachte, dass David Bowie verstorben war, schien mir der Gedanke an ein spa√üiges Konzert am Abend erst einmal unertr√§glich. Bowies Musik hatte mich seit 1983 mal mehr, mal weniger intensiv begleitet. Seine Platten stehen so ziemlich alle im Regal, daneben noch einige B√ľcher √ľber den Mensch und Musiker Bowie und im Keller lagern nicht wenige Magazine, die ich mir wegen seinem Namen auf dem Cover gekauft hatte. Bowie geh√∂rte zu meinen ersten und auch gr√∂√üten musikalischen Helden, bevor ich ihn auch als Schauspieler und K√ľnstler sch√§tzen lernte. Und auch wenn er in den letzten Jahren nicht mehr viele Platten ver√∂ffentlicht hatte und keine Filme mehr gedreht hatte, es tat gut, ihn da drau√üen zu wissen. Einfach als Beispiel daf√ľr, wie man in W√ľrde altern konnte, ohne seine k√ľnstlerische Integrit√§t, seinen Stil und guten Geschmack, oder auch seine Neugier aufzugeben. Und so freute ich mich immer, wenn in irgendeiner Berichterstattung Bowie neben seiner Frau Iman auftauchte, freute mich, wenn sein Sohn Duncan Jones einen erfolgreichen Film machte, freute mich, dass es ihn gab‚Ķ Mir war nicht nach tanzen zumute, ich wollte zuhause sitzen, ‚ÄěThe Man who fell to Earth‚Äú gucken und das (fantastische) neue Album Blackstar noch einmal ganz in Ruhe genie√üen.

Partystimmung im Skaters Palace M√ľnster

Partystimmung im Skaters Palace M√ľnster

Aber was sollte das f√ľr ein Jahr werden, wenn man schon in der zweiten Januarwoche auf eine Frank Turner-Konzert verzichtet? Also, wo treffen wir uns, wann treffen wir uns, wer f√§hrt, alles klar, bis sp√§ter.

Und so stand ich um kurz vor 22:00 Uhr abends im Skaters Palace in M√ľnster, um mich herum viele, viele Lehramtsstudenten und meine Gedanken kreisten um die lange R√ľckfahrt, mein eigenes kleines Bowie-Festival am n√§chsten Abend und all die anderen Dinge des Alltags, die einen erwischen, wenn man nicht zu hundert Prozent in der Gegenwart verankert ist.

Punkt 22 Uhr war es dann soweit, Frank Turner und seine Sleeping Souls st√ľrmten auf die B√ľhne und entfesselten The Next Storm.

‚ÄěBut I don’t want spend the whole of my life indoors, laying low, waiting on the next storm. But I don’t want spend the whole of my life inside, I wanna step out, and face the sunshine‚Ķ‚ÄĚ Besser h√§tte das Motto f√ľr den Abend ja gar nicht ausfallen k√∂nnte. In nur wenigen Zeilen wurde ich daran erinnert, warum ich gerade jetzt nicht auf dem Sofa liegen sollte, allein, mit meinen Gedanken. Welche Kraft einzelne Songs entfalten k√∂nnen, wenn sie von genug Menschen gesungen werden, keine Ahnung, ob es dazu irgendwo, irgendwelche Studien gibt. Sollte es aber. Ein Konzert mit Frank Turner lebt immer auch vom Publikum, vom Willen des Publikums am Ereignis teilzuhaben. M√ľnster war mehr als willig, M√ľnster wollte singen, tanzen, Spa√ü haben. Sp√§testens bei The Road sangen dann auch alle mit, egal ob sie den Text kannten oder nicht. Frank Turner bezeichnet sich selbst als einen Anh√§nger des Egalitarismus, alle Menschen sind gleich, nur weil er auf der B√ľhne steht und wir davor, das macht keinen Unterschied. Try This at Home!

Und statt dem gro√üen Bowie-Tribute gab es dann ein klitzekleines Lemmy-Tribute, ein paar Riffs auf der E-Gitarre, ein paar gehustete Zeilen Mot√∂rhead und schon formte sich im Publikum ein Circle Pit. Ein Circle Pit zu Josephine, warum nicht‚Ķ? Mit Polaroid Picture folgte sofort einer meiner Favoriten und es f√ľhlte sich gut an, in der Menge zu h√ľpfen, zu singen und zu tanzen, w√§hrend Mr. Turner die traurige Wahrheit verk√ľndete, dass wir im n√§chsten Jahr eben nicht mehr alle noch da sein w√ľrden‚Ķ Nach einem kleinen Akustikset mit Vital Signs und Time Machine ging es dann in die n√§chste Runde Trauerarbeit mit Long Live the Queen. All die besten Songs stecken voller Wahrheit und nicht selten auch Dunkelheit. Und gerade diese Songs m√ľssen gesungen werden, die Freude am Dasein, am Leben, an der Gegenwart verk√ľnden. ‚ÄěYou’ll live to dance another day, Just now you’ll have to dance for the two of us. So stop looking so damn depressed, sing with all your heart‚Ķ‚ÄĚ

Mit Photosynthesis, Plain Sailing Weather, Get Better und Revovery folgte dann der Teil der Show, der am besten wohl mit Ausdauertraining zu beschreiben ist. Und folgerichtig war es dann auch bei Photosynthesis, dass das Publikum aufgefordert wurde, sich komplett auf den Boden zu setzen, um dann auf Signal wieder aufzu- und weiter zu springen. Und dass diese Momente funktionieren, ohne dass es zu Verletzungen und/oder √Ąrger kommt, dass eine so gro√üe Gruppe von Menschen auf Kommando aufspringen kann, sich gegenseitig dabei hilft (nicht jeder ist 21 und fit) und Spa√ü dabei hat, das ist die Essenz einen guten Konzerts, eines gemeinschaftlichen Erlebnisses.

Frank Turner hatte das Publikum voll im Griff

Frank Turner hatte das Publikum voll im Griff

Die mir unbekannte Benita (?) feierte an diesem Abend ihren Geburtstag und wurde einmal vom Publikum durch die komplette Halle getragen, eine Runde Crowdsurfing als Geschenk von Frank Turner, √ľberreicht vom M√ľnsteraner Publikum. Doch das gr√∂√üte Geschenk machte sich M√ľnster an diesem Abend selber, mit ausgelassener Stimmung, respektvollen Umgang miteinander und Freude an der Musik.

Wer nach den Zugaben mit I still believe und Four Simple Words noch ein trockenes T-Shirt hatte, der oder dem ist nicht mal mit Rock¬īn¬īRoll zu helfen‚Ķ ‚ÄěAnd who’d’ve thought that after all, Something as simple as Rock ’n‘ Roll would save us all?‚ÄĚ

Der Abend mit Frank Turner war das Beste, was ich an diesem Montagabend, nach diesem Montagmorgen, machen konnte.

Und jetzt noch das kurze Post Scriptum: Ich stand an diesem Abend recht nah an der B√ľhne. Dort war die Stimmung absolut gro√üartig, √ľberw√§ltigend. Allerdings wei√ü ich nicht, wie es im Teil der Halle war, der so gut wie keinen Blick auf die B√ľhne zulie√ü. Denn auch das soll nicht unerw√§hnt bleiben, der Skaters Palace ist f√ľr eine Konzerthalle nicht unbedingt optimal (Captain Subtext: nicht optimal = beschissen) geschnitten. Wer also im rechten Teil der Halle stand, konnte im besten Fall zwischen einigen Pfeilern durch einen Teil der B√ľhne sehen. Wie das Konzert also in diesem Bereich der Halle funktionierte, dar√ľber kann ich nichts sagen.

Ein noch k√ľrzeres Post Post Scriptum: Ich h√§tte auch dieses Mal gerne die Bands unterst√ľtzt und mir vor Ort ein, oder zwei Platten gekauft. Es ist allerdings zur Unsitte geworden, dass Vinyl am Merchstand deutlich teurer ist als bei den einschl√§gigen Online-H√§ndlern. Das mag am schwachen Euro liegen, das mag an den guten Einkaufsbedingungen der Online-H√§ndler liegen, aber ich meine, der Direktvertrieb ohne Zwischenh√§ndler darf nicht erheblich teurer sein. So kaufe ich lieber online oder gar nicht, sorry, Will Varley, Skinny Lister.

Setlist FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS @ M√ľnster, Skaters Palace (11.01.2016):
01. The Next Storm
02. I Am Disappeared
03. The Road
04. Losing Days
05. If Ever I Stray
06. Try This at Home
07. Josephine
08. Polaroid Picture
09. Glorious You
10. Peggy Sang the Blues
11. The Opening Act of Spring
12. Vital Signs
13. Time Machine
14. The Ballad of Me and My Friends
15. Reasons Not to Be an Idiot
16. Glory Hallelujah
17. Mittens
18. Long Live the Queen
19. Out of Breath
20. Photosynthesis
21. Plain Sailing Weather
22. Get Better
23. Recovery
24. The Angel Islington (Z)
25. The Way I Tend to Be (Z)
26. I Still Believe (Z)
27. Four Simple Words (Z)

Fotos: Michael Gamon

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