THE CHURCH – Köln, Luxor (31.05.2015)

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Als Frontmann Steve Kilbey Ende 2013 die Veröffentlichung eines neuen The Church-Albums fĂŒr Herbst 2014 ankĂŒndigte, versetzte dies die treue Fanschar der australischen Band zunĂ€chst in Freude und Erstaunen gleichermaßen. Freude, weil zu diesem Zeitpunkt das Erscheinen der letzten Studioplatte Untitled #23 beinahe schon fĂŒnf Jahre zurĂŒcklag. Erstaunen, weil Kilbey im gleichen Atemzug erklĂ€rte, dass das GrĂŒndungsmitglied Marty Willson-Piper fĂŒr die Aufnahmen „nicht zur VerfĂŒgung stehen“ und durch den ehemaligen Powderfinger-Gitarristen Ian Haug ersetzt werden wĂŒrde. Ein Raunen ging durch die Kirchengemeinde, zumal eine nĂ€here BegrĂŒndung dafĂŒr bis heute fehlt. Kilbey fĂŒhrte dazu in spĂ€teren Interview lediglich aus, dass Willson-Piper – der im Gegensatz zum dritten verbliebenen GrĂŒndungsmitglied Peter Koppes – seit 1980 nahezu durchgehend zur Bandbesetzung gehörte, auf seine Kontaktversuche nicht reagiert habe. Wie intensiv diese vorgenommen oder warum sie ignoriert wurden, gehört ins Reich der Spekulationen. Willson-Piper Ă€ußerte sich bislang nicht dazu. So erwartete man gespannt das neue Werk der Gruppe, der noch zum dreißigjĂ€hrigen Bestehen die Ehre zuteil geworden war, in die „Hall Of Fame“ des australischen TontrĂ€gerverbandes aufgenommen zu werden und mit großem Orchester ein Konzert im berĂŒhmten Opernhaus von Sydney zu spielen (wurde auch auf DCD und DVD veröffentlicht). Als Further/Deeper im Oktober 2014 in ihrem Heimatland erschien, zeigte sich der Großteil der Gefolgschaft erleichtert – The Church war auch ohne Willson-Piper ein Album gelungen, das die hohen Erwartungen erfĂŒllen und zudem fĂŒr ein positives Medienecho sorgen konnte. Es folgten die obligatorischen Touren durch den australischen Kontinent und Nordamerika


In Europa und speziell in Deutschland schauten die Fans zunĂ€chst in die Röhre, bis sich im FrĂŒhjahr 2015 endlich ein offizieller Album-Release fĂŒr den 19. Juni abzeichnete (die CD erscheint hier sogar mit drei Bonustracks, die ursprĂŒnglich nur auf der Vinyledition enthalten waren). Doch damit noch nicht genug, tatsĂ€chlich wurde auch eine kurze Europatournee mit insgesamt sieben Terminen in Spanien, Frankreich, England, Deutschland, Belgien und den Niederlanden angekĂŒndigt. Das HerzstĂŒck dieser Tour, die The Church erstmals seit 2007 wieder in unsere Breitengrade fĂŒhrte, dĂŒrfte dabei der Auftritt beim namhaften „Primavera Sound Festival“ in Barcelona gewesen sein. Zwei Tage spĂ€ter konnten sich vor allem alle Westdeutschen glĂŒcklich schĂ€tzen, denn die einzige Live-Show hierzulande fand am 31. Mai, einem verregneten Sonntag, im Kölner Luxor statt. Satte 29 Jahre waren vergangen, seitdem die Gruppe dort im Februar 1986 zum letzten (und einzigen) Mal gastiert hatte. Dementsprechend erwartungsvoll strömte das geneigte Publikum, das zu einem nicht unerheblichen Teil aus Leuten Ă€lteren Semesters bestand und sich auch von dem verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hohen Eintrittspreis nicht hatte abhalten lassen, ab 19 Uhr in den ehrwĂŒrdigen Club an der Luxemburger Straße. Kurz nach 20:30 Uhr wurde endlich das Licht gedimmt und Kilbey, Koppes, Haug sowie Drummer Tim Powles enterten die BĂŒhne in Begleitung eines zusĂ€tzlichen Live-Gitarristen


Bereits die ersten drei Songs gaben in etwa die weitere Richtung des mehr als zweistĂŒndigen Sets vor, das zwar einen breiten Querschnitt durch das Gesamtwerk der Band bot, aber – bis auf wenige Ausnahmen – die Single-Veröffentlichungen eher selten berĂŒcksichtigte. Zudem kamen bei der Menge an bisherigen Veröffentlichungen zwangslĂ€ufig auch nicht von jedem Album Songs zum Zug. Ansonsten stand natĂŒrlich die PrĂ€sentation der aktuellen Platte im Vordergrund, von der insgesamt fĂŒnf StĂŒcke gespielt wurden. Los ging es mit Is This Where You Live vom Album Of Skins And Heart, dem allerersten Langspieler der Gruppe, das nach atmosphĂ€risch-ruhigem Beginn das Tempo ab dem Mittelteil deutlich anzog und so die Zuhörer gleich einzufangen verstand. Nach dem neueren Song Sealine (von der Platte Forget Yourself) erklang mit Laurel Canyon der erste Titel von Further/Deeper. Ein frĂŒhes Highlight des Abends stellte die Live-Version von You Took vom zweiten Album The Blurred Crusade dar, das die Australier in der ganzen epischen Breite der Studioaufnahme darboten. Deutlich wurde an dieser Stelle im Übrigen auch, dass sich The Church in den letzen zweieinhalb Jahrzehnten vom latenten New Wave-Sound der Anfangsjahre noch erkennbarer zu einer Psychedelic Rock-Band entwickelt haben, denn nicht selten sĂ€gten auch bei den Ă€lteren StĂŒcken recht noisige Gitarren durch die Arrangements. SpĂ€testens ab diesem Zeitpunkt wurde der Beifall des Publikums, das sich erstaunlicherweise mit jedweder Forderung nach einzelnen Lieblingsliedern komplett zurĂŒckhielt, zunehmend frenetischer. Man war offensichtlich gewillt, die Gruppe zu feiern und nicht mit WĂŒnschen zu behelligen


Wieder folgte auf einen neueren Song (Operetta) ein Ă€lterer (Myrrh), ehe zwei Tracks von der aktuellen Platte im Block serviert wurden, wobei nach Toy Head insbesondere die Interpretation des Album-Openers Vanishing Man auf eindrucksvolle Weise hervorstach. Das darauffolgende StĂŒck sagte SĂ€nger Steve Kilbey mit dem Hinweis an, dass nun ihr „letzter Radiohit“ an der Reihe sei, und tatsĂ€chlich stimmten The Church Metropolis vom Album Gold Afternoon Fix an, mit dem die Band 1990 vergebens versucht hatte, die vorherigen Single-Charterfolge auf internationalem Parkett zu wiederholen. Nach einem weiteren Song von Further/Deeper (Delirious) ertönte mit The Disillusionst ein nĂ€chstes Highlight des Konzertes. Der Longplayer Priest = Aura, der 1992 die fast vollstĂ€ndige Abkehr der Gruppe von kommerziellen ZwĂ€ngen eingelĂ€utet hatte, ging seinerzeit zwar in der Grunge-Welle aus Seattle unter, gilt unter Fans und Kritikern heute allerdings als ihr Magnum Opus. Und tatsĂ€chlich ragte auch die Performance dieses Songs hervor, bei der Kilbey seinen Bass beiseitelegte und wĂ€hrend der Intonation des kryptischen Textes beinahe wie ein Prediger wirkte. Seine nicht nur in diesem Moment zentrale BĂŒhnenprĂ€senz resultierte fraglos auch aus dem Umstand, dass Haug wĂ€hrend der gesamten Show wesentlich introvertierter als sein VorgĂ€nger Willson-Piper und Ă€hnlich ruhig wie der seit jeher recht zurĂŒckhaltende Gitarrist Koppes auftrat. Mit dem vergleichsweise kurzen Old Flame schloss sich noch ein StĂŒck von der gleichen Platte an, bevor Lightning White (vom neuen Album) und das ebenfalls sehr intensive Block (vom vorletzten Langspieler) zum „Überhit“ der Australier fĂŒhrten. Under The Milky Way vom 1988er Erfolgsalbum Starfish, das mit Abstand bekannteste und somit sicherlich auch strapazierteste Lied der Band, trug das Quintett jedoch ebenso leidenschaftlich vor wie das elegische Miami (von Futher/Deeper) zum Ende des Hauptsets. Nach minutenlang tosendem Applaus legten The Church mit Day 5 und dem kongenialen Reptile, dem wohl grĂ¶ĂŸten Clubhit der Band vom Album Starfish, noch zwei amtliche Zugaben nach und brachten so gegen 22:45 Uhr einen denkwĂŒrdigen Konzertabend zu einem gebĂŒhrenden Abschluss


Setlist THE CHURCH @ Köln, Luxor (31.05.2015):
01. Is This Where You Live
02. Sealine
03. Laurel Canyon
04. You Took
05. Operetta
06. Myrrh
07. Toy Head
08. Vanishing Man
09. Metropolis
10. Delirious
11. The Disillusionist
12. Old Flame
13. Lightning White
14. Block
15. Under The Milky Way
16. Miami
17. Day 5 (Z)
18. Reptile (Z)

Fotos: Sonja Niemeier

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