HURRICANE FESTIVAL 2014 – Scheeßel, Eichenring (20.06.-22.06.2014)

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Scheeßel – die Staubwolke des Nordens! Trifft sicherlich nicht immer zu diese Aussage, aber an diesem Wochenende gleicht die Gemeinde im Norden einer Savannenlandschaft, deren Staubpartikel von dicken, fetten ElefantenfĂŒĂŸen empor gewirbelt werden. Auch im 18ten Jahr des Bestehens ist das Hurricane Festival wieder einmal eine der grĂ¶ĂŸten PilgerstĂ€tten im Norden fĂŒr Freunde gepflegter Musik aus allen erdenklichen Sparten.


Freitag, den 20.06.2014


I Heart Sharks
sind als erste Band auf der White Stage eingeteilt und die testen erst einmal die Anlage im Zelt. Krasse BĂ€sse und eine noch bessere Stimmung, unglaublich fĂŒr diese Uhrzeit! Kaum ist der letzte Ton verklungen, geht es auf der Blue Stage mit Drenge etwas Gitarren- dafĂŒr weniger Basslastiger zu. Die 2-Mann-Combo unterhĂ€lt ihre Fans mit einigen guten Songs, die auch die Rockfraktion so langsam in Fahrt kommen lassen. „Interessant“ geht es derweil auf der Green Stage zu, denn Fucked Up fallen zunĂ€chst nicht direkt mit ihrer durchaus guten Musik auf, sondern durch das extrovertierte Auftreten von SĂ€nger Damian Abraham, der schnell die BĂŒhne verlĂ€sst um sich erst ĂŒber den Wellenbrecher zu lehnen und seine Fans zu herzen und zu kĂŒssen und danach auch gleich noch zu ihnen herĂŒberspringt um unter ihnen seinen Song weiterzusingen, sich auf ihren Schultern tragen zu lassen und spĂ€ter auch mit den SecuritykrĂ€ften zu schmusen. Das ganze natĂŒrlich Oberkörperfrei und mit dem Talent, die stark herunterhĂ€ngende Hose nicht zu verlieren. Ein Auftritt der allen die dabei waren in Erinnerung bleiben wird. Da kommt kurz darauf eine Entspannung bei The Naked And Famous gerade recht. Die Band aus Neuseeland um die hĂŒbsche Frontfrau Alisa Xayalith zieht das Publikum schnell in ihren Bann und Songs wie Girls like You laden die Fans zum TrĂ€umen ein.


The Subways
sind eine der typischen Festivalbands, auf die man sich wirklich immer verlassen kann. Sie liefern eine derartige Spielfreude, dass es eine wahre Wonne ist und ganz gleich ob SĂ€nger Billy Lunn springt oder Frontfrau Charlotte Cooper ihre MĂ€hne durch die Gegend schĂŒttelt, der Spaß ist ihnen immer anzusehen und das steckt an. Zum Set gehören auch einige neue Songs, darunter die am gleichen Tag erschienene neue Single My Heart Is Pumping To A Brand New Beat. Diese neuen Tracks finden sich gut im GesamtgefĂŒge ein, aus denen natĂŒrlich die Klassiker wie Rock’n’Roll Queen oder We Don’t Need Money To Have A Good Time herausragen, bei denen sich ein wahrer Hurricane guter Laune entlĂ€dt.

Kurz darauf haben sich schon eine ganze Reihe Fans vor der blauen BĂŒhne eingefunden um die Schweden The Sounds um Frontfrau und Chefin Maja Ivarsson gebĂŒhrend zu empfangen. Und diese heizen ihrem Publikum mit kraftvollen New Wave beeinflussten Rocksongs und dem starken Organ der SĂ€ngerin ordentlich ein. Spaß satt versprechen immer irische Bands und Flogging Molly machen da ganz sicher keine Ausnahme. Seit 17 Jahren stehen sie fĂŒr punkige Spielfreude und haben schon so manches FestivalgelĂ€nde unsicher gemacht. So natĂŒrlich auch heute, wo sich einige, sicher auch trinkfreudige, Fans vor der HauptbĂŒhne eingefunden haben. Es wird getanzt, gegröhlt und Staub aufgewirbelt, dass es eine wahre Freude ist.

Eine wahre Freude ist es danach auch, den Senkrechtstartern Chvrches im Zelt seine Aufwartung zu machen. Die Schotten zeigen eindrucksvoll, dass der Hype um ihren Electropop gerechtfertigt ist und legen mit We Sink gleich stark los und ab da ist es quasi ein SelbstlĂ€ufer und das Publikum tanzt
 Ein wirklich toller, aber auch verdammt lauter Auftritt bei dem sich die BĂ€sse geradezu tief in den Kehlkopf bohren. Da tut es gut, dass Elbows Auftritt auf der Green Stage wieder etwas leiser und chilliger daherkommt. Los geht’s mit Charge vom neuen Album The Take Off and Landing of Everything und auch wenn die Band komplett auf Showelemente verzichtet, schwelgen die Zuschauer förmlich unter der angenehmen Stimme von Guy Garvey dahin. Vor fĂŒnf Jahren gewannen Elbow einen Brit Award als „Beste britische Gruppe“ und warum das durchaus verdient war, zeigen sie mit bodenstĂ€ndigen Songs mit viel Tiefgang.

Auch das deutsche Pendant Thees Uhlmann steht fĂŒr anspruchsvolle Texte und da der ehemalige Tomte SĂ€nger als Norddeutscher Jung vom Lande hier quasi ein Heimspiel besitzt, ist die Begeisterung im Publikum natĂŒrlich groß. Er wirkt einfach immer wie einer von uns, einem dem man es abnimmt, dass er trotz seines Erfolges eben wirklich auf dem Boden geblieben ist. Die 12-teilige Setlist besitzt all das, was man von ihm und seiner Band hören möchte, ganz gleich ob Am 07. MĂ€rz, Das MĂ€dchen von Kasse 2, Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf oder & Jay-Z singt uns ein Lied, welches leider noch ohne Casper auskommen muss, dafĂŒr rappt Thees dann eben selbst den sonst von Casper vorgetragenen Part, denn dieser schont sich zu dem Zeitpunkt noch fĂŒr seinen eigenen Auftritt, wĂ€hrend wir bei den sĂŒĂŸlich ruhigen KlĂ€ngen mit gelegentlichen Rockeinlagen von The Kooks etwas chillen. Ein wunderbarer Mix aus den bekannten Liedern brachte pure EntzĂŒckung in die Gesichter der Zuschauer und vor allem den jĂŒngeren, weiblichen Fans dĂŒrfte es schon recht heiß geworden sein. Und heiß versprach nun auch die Schlussphase des ersten Festivaltages zu werden



Casper
ist gerade ein echt unbeschreibliches PhĂ€nomen. Kaum einer scheint derzeit seine Fans so im Griff zu haben, wie eben dieser spitzbĂŒbisch und unscheinbar aussehende Rapper. Ein wahrer Dirigent der Massen auf der BĂŒhne. Schon vor seinem Auftritt beginnen sich die ersten Sprechchöre im Publikum breit zu machen und explodieren in dem Augenblick, wo ihr Idol die BĂŒhne fĂŒr sich einnimmt. Casper versteht es aktuell wie kaum jemand sonst seine doch sehr minimalisierte Show zu einer einzig großen Party auf dem gesamten GelĂ€nde zu verwandeln. Sicherlich winkt beim nĂ€chsten Auftritt beim Hurricane die richtig große BĂŒhne – dieser Schritt wĂ€re nur mehr als logisch. Die pure Freude im Gesicht von KĂŒnstler Casper ist einfach ansteckend und dies sollte er sich auch bewahren. Zu XOXO stand dann auch kein geringerer als Thees Uhlmann zusammen mit Casper auf der BĂŒhne und damit sich dieser kleine Besuch auch besonders lohnt, wurde zusammen der Tomte Song Ich sang die ganze Zeit von dir als Cover zelebriert. Ein Auftritt, der wirklich keine WĂŒnsche offen lĂ€sst.

Wesentlich schwieriger war es da schon, einen passenden Eindruck von der Red-Stage an diesem Abend zu bekommen. HochkarĂ€ter laden ein und dementsprechend ist auch der Zuschauerzuspruch vor der BĂŒhne. Überall versuchen sich die Leute nach vorne zu drĂ€ngeln. Teilweise ist es nicht möglich, sich eigenstĂ€ndig fortzubewegen. Aber auch von hinten betrachtet, mit einem Hauch von Musik von den anderen BĂŒhnen, legen We Came As Romans, Bad Religion und Bring Me The Horizon eine grandiose Show ab, die jede fĂŒr sich glĂ€nzte. Quirlige FrontmĂ€nner oder einfach welche, die mit ihrem Charisma punkten.

Auf der großen Green Stage geben sich derweil die Headliner die Klinke in die Hand. Nach The Kooks bringen die Grammy PreistrĂ€ger von Arcade Fire bereits am ersten Tag des Hurricane Festivals 2014 den besonderen Flair in die WĂŒstenstadt im Norden Deutschlands. Die Kanadier trumpfen gewaltig mit ihren Stimmen und diversen Musikern auf. Durchbrochen wird der mĂ€nnliche Part, gesungen von Win Butler, von der stellenweise sehr hohen Frauenstimme RĂ©gine Chassagnes. Eine ganz besondere AtmosphĂ€re liegt zusammen mit dem ganzen Staub in der Luft ĂŒber Scheeßel. Ein Glanz, der sich auch in den nĂ€chsten Tagen gerne weiter zeigen darf.

Bildergalerie: Besucherfotos Hurricane Festival Tag 1 (20.06.2014)

Bildergalerie: Bandfotos Hurricane Festival Tag 1 (20.06.2014)u.a. mit Casper, Bring Me The Horizon, Bad Religion, The Subways, Chvrches

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Samstag, den 21.06.2014

VerfĂŒhrung pur! Was machen die nur mit uns? Überall steigt einem der Duft von feinsten Speisen in die Nase. Dieses Aroma dringt selbst durch jene Nasen, die voller Staub hĂ€ngen. Eine wirklich herrliche Auswahl, die von den ĂŒblichen Pizza oder Bratwurst VerdĂ€chtigen bis hin zu Hausmannskost oder Steffen Henssler Exoten sicher keinen Wunsch offen lĂ€sst. WĂ€hrend dessen hauchen To Kill A King die ersten zarten Keyboard KlĂ€nge von der Blue Stage gen Publikum. Sie erinnern leicht an die KlĂ€nge von Frank Turner, aber sie schaffen es leider nicht ganz zu ĂŒberzeugen. Anscheinend mĂŒssen KrĂ€fte gespart werden fĂŒr den heutigen Samstag oder es ist schlicht und ergreifend einfach noch viel zu frĂŒh am Tag. Ein wirklich langer Tag, der dennoch irgendwie wie im Schnelldurchlauf abgespielt wird.

Schon winken die Briten von Skindred einem vom der großen BĂŒhne zu. Eine wirklich tolle musikalische Kombination, die von EinflĂŒssen von Punk und Metal geprĂ€gt ist, die jedoch melodisch von Reggae-KlĂ€ngen durchbrochen wird. Das scheinbar richtige Rezept fĂŒr den frĂŒhen Samstag. SĂ€mtliche HĂ€nde vor der Green Stage sind gen Himmel gestreckt. Eine Combo, die wirklich verdammt viel Spaß bringt.

Eine scheinbar wirklich dĂ€mliche Aktion ist es, den Instragram-Account des Hurricane Festivals in die HĂ€nde der Punkrocker von Zebrahead zu geben, meinen zu mindest kleinlaute Mitarbeiter des Festivals. Gut, der schmunzelnde Gesichtsausdruck spricht da eher eine andere Sprache. Zebrahead haben jedoch nicht nur den Instragram-Account fest im Griff, sondern auch die Zuschauer. SĂ€nger Ali Tabatabaee benötigt nur einen Satz „Please, everybody dancing“ und die Meute im Staub folgt seinen Anweisungen. Überall fliegen die Staubpartikel, die zwischendurch auch gerne mal die Gestalt von Klopapierrollen annehmen. Immer mal wieder werden die Songs durch eingespielte Themes bekannter Filme durchbrochen und lockern die Stimmung weiter auf. Der aufgeforderte Sitzstreik entlĂ€dt sich in flummigleich springenden Menschen. Dabei dĂŒrfen sich die ersten Reihen auch noch ĂŒber eine Wasserflaschendusche der Security erfreuen.

Langsam grooven sich die Besucher des Hurricane Festival ein. Zeit zum TrÀumen bieten The Preatures im Zelt. Zarte Beats, die mit einer zarten, aber krÀftigen Frauenstimme getragen werden. Ein Sound, der sich sehr durch tiefe Gitarren- und Basssounds auszeichnen, die wunderbar vom Keyboard begleitet werden. Eine besondere Stimmung herrscht auf der White Stage und passend dazu speit die Zeltdeko Luftblasen. Die kleine Horde von Menschen vor der Stage macht mÀchtig Stimmung.

Die SchaukĂ€sten auf der Blue Stage sprechen fĂŒr Kenner nur eine Sprache – FĂŒnf Sterne Deluxe. Hier muss man ganz klar sagen, dass Deluxe fĂŒr das besondere Entertainment-Erlebnis steht! Das Bo ist völlig in seinem Element und agiert im Zusammenspiel mit seinen Mitstreitern einfach nur perfekt. Gerade sein norddeutscher Charme lĂ€sst sĂ€mtliche Frauenherzen einfach nur dahinschmelzen. Ach ja, und die Musik war natĂŒrlich auch noch vom Feinsten. LĂ€ssig, chillig und einfach etwas zum WohlfĂŒhlen. Wohler hĂ€tte man sich sicher nur noch gefĂŒhlt, wenn man dem Nachbau einer Bar in Hamburg, die bei ihnen auf der BĂŒhne stand, einen Besuch hĂ€tte abstatten können.

Weg vom Hip-Hop – hin zum deutschsprachigen Rock / Punk auf der großen Green Stage. Hier machen Donots aus Ibb-Town – wie sie die verschlafene Stadt im Tecklenburger Land gerne selbst nennen – den Anfang. Die Jungs begrĂŒĂŸen ihre AnhĂ€nger mit „liebes, gutaussehendes Hurricane – willkommen auf der 20 Jahre Club Tour“. Und obwohl man hier natĂŒrlich nicht wirklich von einem Acker-Club sprechen kann, bringen die Donots diesen berĂŒhmten gemĂŒtlichen Charme auf den Acker. Und die Frage von Frontsau Ingo Knollfrau „Wollt ihr unsere Kerzen auf dem Kuchen sein?“ kann man mit einem deutlichen JA beantworten. Die Donots treffen den Trend der Zeit perfekt und feiern mit ihren alten und sicherlich neugewonnen Fans eine riesige Sause.

Von IbbenbĂŒren geht es nun ungefĂ€hr 180 km weiter nach DĂŒsseldorf. Die Broilers trumpfen nun auf der Green Stage auf. Die Donots waren im Gegensatz zu den Broilers wesentlich agiler und frecher auf der BĂŒhne, aber durch ihre wirklich vorhandene Routine bewegen die DĂŒsseldorfer die Massen vor der BĂŒhne. Mit ihrem ersten Top 1 Album im GepĂ€ck strotzen sie nur so vor Selbstvertrauen und Spielfreude und schaffen es sogar den heftigen Regenschauer ĂŒber Scheeßel zu verscheuchen, was Sammy mit „da kommt die Sonne – unser Partyloch“ kommentiert. Ob die alten Klassiker wie Cigarettes & Whiskey oder die neuen Hits wie Ist da jemand – sie kommen einfach an. Ebenso wie die Ansage „Christian und Andy gebt uns mal Van Halen“. Und schwupps wird das Set durch ein kurzes Van Halen Cover von Jump durchbrochen, welches sie aber nur zu besonderen ProllanlĂ€ssen rausholen, versichert die geborene Frontsau. Beim Song Wie weit wir gehen fordert SĂ€nger Sammy das Publikum auf, seinen Lieblingsmenschen groß zu machen und auf den Schultern zu tragen. Was soll man sagen? Ein besonderer Moment beim Hurricane, welcher auch noch mit einem Mann auf Frauenschultern getoppt wird. Hut ab, unbekannte Frau! Und was fehlt noch fĂŒr einen perfekten Broilers Gig? Richtig. Ein Circle Pit mit dem Helden in der Mitte, ein Bengalo auf der BĂŒhne zĂŒnden und den Abgesang mit den Worten „… bedanken bei den feinen, feinen Menschen…“. Gab es alles. Ein Auftritt der keine WĂŒnsche mehr offen lĂ€sst – gut, dieser Gig hĂ€tte ein bisschen lĂ€nger dauern können.

Zwischendurch rockte noch die Alternative Band Bastille auf der Blue Stage auf. Eine Band, die im letzten Jahr ihren endgĂŒltigen Durchbruch verbuchen durfte. Und auch so passierte viel in der Zwischenzeit bei Bastille. Nicht mitbekommen? Es muss nicht immer ein Wechsel in der Belegschaft oder eine neue CD sein. Bastille haben ordentlich an BĂŒhnenprĂ€senz und Selbstsicherheit dazugewonnen. So wirken ihre Songs einfach noch mal eine Spur besser. Sowas kann nur mit tanzenden und feiernden Menschen honoriert werden.

Tanzen ist ein gutes Stichwort. Etwas anderes geht bei den Dropkick Murphys nun auch wirklich nicht. Die irischen KlĂ€nge lassen kein Bein unberĂŒhrt. Eine riesige Party im Zeichen des Kleeblatt wird vor der Green Stage (ob das Zufall ist?) regelrecht zelebriert. Die gĂ€ngigen irischen Rhythmen werden von den Dropkick Murphys perfekt mit rockigen und punkigen Sounds angereichert. Eingeleitet wird ihr Gig mit The Boys are Back und sogleich wirbelt die Band ĂŒber die BĂŒhne und Ă€hnlich quirlig geht es ebenfalls vor der BĂŒhne ab. Lediglich zu Rose Tattoo wird es etwas ruhiger um die Green Stage. Was aber auch nach mehr als 30 Minuten Dauerfeuer sehr angenehm sein kann.

Zwischen angenehm und sonderbar siedeln sich wahrlich die Pixies an. Die Bostoner Independent Band hat leider vor der BĂŒhne nicht den sehr großen Zuspruch zu verbuchen, was vielleicht auch dem jungen Publikum beim Hurricane Festival geschuldet sein kann. Alte Fans der Band waren jedenfalls sichtbar glĂŒckselig und auch ĂŒberraschend viele jĂŒngere Besucher konnten bei Hits wie Debaser, Monkey Gone To Heaven oder Where Is My Mind fehlerlos mitsingen! Ur-Bassistin Kim Deal wird zwar von Pixies-Fans schmerzlich vermisst, doch macht ihre aktuelle Nachfolgerin Paz Lenchantin ihre Sache wirklich gut und auch die Stimme passt halbwegs als Konterpunkt zum Gesang von Fronter Black Francis. Hier und heute trifft solider Rock auf schrĂ€ges Entertainment. Zum Schluss des Sets wird mal eben die Gitarre von Joey Santiago zerlegt. Aber nicht einfach zerschmettert, sondern wird hier Saite um Saite auf unterschiedlichste Weise vom Gitarrenbody gelöst oder einfach mit Gewalt vom Hals gerissen. Wobei dieses im stĂ€ndigen Einklang mit dem Track Vamos passiert.


Kraftklub
oder die inszenierte Werbekampagne startet nun auf der Green Stage. Wie jeder spĂ€testens jetzt weiß, werden Kraftklub in diesem Jahr ihre zweite CD auf den Markt werfen. Lang erwartet wohlgemerkt. Leicht „over the top“, aber die Aufmerksamkeit war ihnen gewiss. Und man muss zum Auftritt von Kraftklub auch sagen, dass ihm genau dieses Neue irgendwie fehlte. Wirklich viel neues Material wurde nicht geboten und den Rest hat man ja nun auch schön öfter mal gehört oder gesehen. Bessere Zeiten stehen sicherlich bevor.

Auch leicht abgenudelt, aber dennoch immer noch richtig stark und die Massen bewegend ist der Auftritt der DĂ€nen Volbeat! Sie verstehen einfach ihr Handwerk, aber im zweiten Jahr der Festival Saison mit Ă€hnlichem Set, bekommt der Vielhörer doch den ein oder anderen Anfall von Langeweile, auch wenn dieser nur sehr kurz sein mag. Die DĂ€nen verstehen es einfach – auch durch ein riesiges Feuerwerk – die Massen mit ihrem ganz eigenen Sound fĂŒr sich zu gewinnen. Gerade die Songs wie Lola Montez oder auch der Opener Doc Holliday gehen einfach ins Ohr, durchwandern den Körper und lassen diesen zappeln. Ein wirklich wĂŒrdiger Abschluss auf der Green Stage an diesem Samstag.

Auf der roten BĂŒhne wird es derweil hingegen fast magisch, denn die attraktive Schwedin Lykke Li verzaubert dort ihre Fans mit ihrer wundervollen Stimme und einem Sound, der nicht von dieser Welt, und schon gar nicht den Feldern Scheeßels zu stammen scheint. Silence Is A Blessing, zumindest wenn man trotzdem noch ihren Songs lauschen kann und so versinkt man immer mehr in eine wohlige Trance, die natĂŒrlich bei I Will Follow, dem wohl bekanntesten Song, einen Höhepunkt findet. Toller Auftritt, der Lust auf mehr macht!

Glamour pur steht aber noch auf der Blue Stage an.  Lily Allen gibt sich die Ehre. Nach der bergab Achterbahnfahrt in ihrem persönlichen Leben steht an diesem Tag fĂŒr die zweifache Mutter eben ihr neues Leben als Mama und SĂ€ngerin im Fokus. Als BĂŒhnenbild im Vordergrund dienen der britischen PopsĂ€ngerin riesige Babyflaschen. Relativ spĂ€rlich bekleidet wird ihr Auftritt immer wieder von diversen TĂ€nzerinnen aufgelockert und bereichert. Eine zuckersĂŒĂŸe kitschige Show, die sicherlich verdammt viele MĂ€dchenherzen entzĂŒckt. Eigentlich ein wahrlich glamouröser Abschluss des langen Tages in Scheeßel, der durch Regenschauer und SandwĂŒste geprĂ€gt ist, doch auf der roten Stage sorgen ja noch Belle & Sebastian parallel fĂŒr leuchtende Augen bei Britpop-Fans. Viele Hits haben sie zwar nicht eingepackt, doch mit The Boy With The Arab Strap ganz sicher einen besonders tollen und auch sonst wissen die sympathischen Briten zu ĂŒberzeugen und lassen sich nicht mal von den zum Teil sehr laut von der Blue Stage herĂŒberwehenden Songs Lily Allens aus dem Konzept bringen, sondern bauen dies geschickt mit ein. Da wird dann mal kurz auf der BĂŒhne das Tanzbein geschwungen oder Sukie In The Graveyard der Britin gewidmet. Schön wars…

Bildergalerie: Besucherfotos Hurricane Festival Tag 2 (21.06.2014)

Bildergalerie: Bandfotos Hurricane Festival Tag 2 (21.06.2014)u.a. mit Pixies, Broilers, Donots, Bastille, Lilly Allen, Kraftklub, Lykke Li

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Sonntag, 22.06.2014:

Faszinierend. Einfach nur erstaunlich will man meinen. Strahlende Gesichter wohin man auch blickt. Dies gilt nicht unbedingt fĂŒr jeden Festivalbesucher, aber fĂŒr jeden freundlichen Menschen, der ein Leibchen mit der Aufschrift „Security“ trĂ€gt. UnwillkĂŒrlich stellt man sich die Frage, wie die das schaffen bei all den sicherlich dĂ€mlichen Fragen. Zweitrangig, denn es ist einfach nur erfrischend, lockert die Stimmung auf und entspannt auch so mal die ein oder andere kniffelige Situation. Einfach wunderbar.

Die Blood Red Shoes verbreiten die ersten KlĂ€nge ĂŒber das noch verschlafene FestivalgelĂ€nde. Das Gegenspiel aus weiblichen und mĂ€nnlichen Gesang erfrischt und schaukelt sich auch immer weiter stimmungstechnisch nach oben. Die zweiköpfige Rockband aus England siedelt sich im Subgenre Indie-Rock ein, kann aber noch nicht jeden Besucher ĂŒberzeugen. Die Stimmung ist fĂŒr diese Uhrzeit okay, könnte aber gerade auch im vorderen Bereich vor der BĂŒhne noch etwas besser sein.

Minimalistischer geht es auf der Blue Stage mit London Grammar weiter. Eine unscheinbare Frau mit noch unscheinbarerem Outfit betritt die BĂŒhne, stellt sich vor das Mikrofon und haucht die ersten Töne hinein. Wobei selbst die gehauchten Töne von einer unbĂ€ndigen Kraft herrĂŒhren. Die unscheinbare Person namens Hannah Reid schafft es mit einer minimalistischen Show – einfach durch ihr wunderbares Instrument Stimme – zu fesseln. Vor der BĂŒhne stehen wie angewurzelt faszinierte Menschen, die einfach nur lauschen und staunen. Gezielt wird applaudiert, die Augen geschlossen und im Takt der Musik wiegen die Körper.

Noch so in Trance versetzt fĂ€llt es doch sehr schwer sich auf Dispatch einzulassen. Die aus Bosten stammende Independent Band vermischt den typischen Indie-Rock mit vielen Elementen aus dem Bereich Reggae. Leider hat dieser Mix aus den verschiedenen Elementen an diesem Tag eher wenige AnhĂ€nger. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen hingegen sicherlich We Invented Paris, die die Meute vor der BĂŒhne erst einmal mit WasserbĂ€llen zu einer Portion Nachmittagssport animieren. Aber ĂŒbertreiben will es das KĂŒnstlerkollektiv nun auch wieder nicht und fordern sogleich zu einem sitzenden Wohnzimmerkonzert auf. Alle sitzen? Nein, natĂŒrlich nicht. Die Security liegt sich im Graben stehend in den Armen und schunkeln im Takt des Boxensounds mit und sind auch sogleich Vorbild fĂŒr sĂ€mtliche sitzenden Besucher. Schunkelnde Einigkeit! Faszinierend, wie schon erwĂ€hnt.

KapitĂ€n Weist entert nun die Green Stage. Bewaffnet mit einer ordentlichen Portion Schnaps und dem Lied Kein Bock stĂŒrmen Jennifer Rostock die BĂŒhne. Spulen ihr so typischen Programm ab, welches durch die lockeren SprĂŒche von Frau Weist aufgelockert wird. Jedoch mit einem Humor, den man mögen muss und der auch spĂ€testens beim zweiten Mal hören nicht mehr witzig ist, da es ihm an SpontanitĂ€t einfach mangelt. Der Applaus und die freudigen Gesichter sind dennoch an diesem sonnigen Nachmittag in der Überzahl.

Und wer vor Jennifer Rostock flĂŒchtet, der landet unter UmstĂ€nden bei Young Rebel Set auf der White Stage im Zelt, die ihr eigenes Set mit Right Here, Right Now von Fatboy Slim beginnen. Der Zuspruch im Zelt ist gigantisch. Die britische Folk-Country-Rockband versteht es, die Meute vor der BĂŒhne anzuheizen, auch wenn sie keine sehr große Show abziehen.

Der heutige Sonntag scheint eh etwas ruhiger zu sein als noch seine VorgĂ€ngertage mit ordentlich viel Punk oder Metalcore. Wieder steht ein einsamer Mensch auf der BĂŒhne. Passenger, der britische Singer und Songwriter Mike Rosenberg, schafft es Ă€hnlich wie London Grammar die Zuschauer in einer Wolke der GlĂŒckseligkeit gefangen zu halten. Zaghaft mischen sich immer mal wieder GesĂ€nge aus dem Publikum unter die krĂ€ftige Stimme von Mike, der auch sogleich auffordert, dass man ruhig mitsingen darf. Sofort erklingt ein lauter Chor, der den SĂ€nger erst einmal völlig aus dem Konzept bringt und er lachen muss. Mit immer wieder auflockernden Worten wie „Ist es okay vor euren Augen Whisky zu trinken? Okay, es ist doch nur Apfelsaft“ oder „Don’t be shy – sing with me“ verschmelzt der SolokĂŒnstler mit seinen Zuhörern, die er spĂ€testens mit einem Simon & Garfunkel Cover völlig im Griff hat.

Alternativ-Rock funktioniert an diesem Wochenende in Scheeßel eigentlich immer – es scheint fast ein NĂ€hrboden dafĂŒr zu sein. Fast, auf jeden Fall. Denn die White Lies schaffen es leider nicht so recht, das Gros des Publikums zu ĂŒberzeugen oder viele HĂ€nde gen Himmel recken zu lassen. Ein bisschen lustlos (oder ĂŒbercool) wirkt das und mit vielen unerklĂ€rlichen Pausen zwischen den einzelnen StĂŒcken bekommen die Londoner keine wirkliche Spielfreude nach außen getragen, die sich auf das Publikum ĂŒbertragen lĂ€sst. Wirklich schade ist diese kĂŒnstlich gezogene Handbremse, denn wĂ€hrend der einzelnen StĂŒcke lĂ€sst sich, ganz wie auf CD, viel Potenzial fĂŒr mehr erkennen.

Spritzig und lebendig springen Bonaparte ĂŒber die Blue Stage. Die Berliner mit dem Schweizer Frontmann Tobias Jundt verstehen es auf eine besondere Art und Weise das Publikum zu unterhalten. StĂ€ndig passiert irgendetwas auf der BĂŒhne. TĂ€nzer und TĂ€nzerinnen komplettieren das verrĂŒckte Bild. AuffĂ€llig ist dabei, dass es auch bei mehrmaligem Anschauen der Band kaum Wiederholungen in ihrem Set gibt. Sehr erfrischend und so genau das richtige zwischen den ganzen Einmann-Shows auf der Blue Stage.

Denn schon danach erklimmt der nĂ€chste SolokĂŒnstler die BĂŒhne. Ed Sheeran, den sicherlich jeder dank seiner I See Fire Hobbit-Vertonung kennt. Im direkten Vergleich der Singer / Songwriter muss man aber auch sagen, dass hier Passenger die Nase doch ein bisschen vorne hat. Sheeran fasziniert seine eingefleischten Fans, doch die zum Teil skurrile Darbietung seiner Songs scheint auch den einen oder anderen eher zu verstören als zu begeistern und so pilgern nach anfĂ€nglicher Begeisterung doch schon einige etwas frĂŒher zu The Black Keys auf die Green Stage oder auch zu Tocotronic auf der Red Stage, die beide erdiger daher kommen. Gerade das ungewöhnliche Duo von The Black Keys, live zum Quartett angewachsen, ĂŒberzeugt mit seinem Bluesrock.

Wer jetzt denkt, dass dieser Sonntag ein Schmusetag ist, der irrt sich aber gewaltig. Fettes Brot machen auf der Blue Stage den Anfang. Kaum stillstand – kaum eine Verschnaufpause. Die drei Hamburger bestechen durch ihren spitzbĂŒbischen und norddeutschen Charme. Sie peitschen die Hurricane-Besucher nur so durch ihr Set. Kein Bein bleibt steif auf dem Boden stehen. Im GepĂ€ck haben die Jungs einen Mix aus alten Krachern und Songs aus dem neuen Album 3 is ne Party. Auch die laufende Weltmeisterschaft in Brasilien bleibt mit dem Song Fußballgott nicht ungewĂŒrdigt. Ein richtig guter Auftritt, der kaum noch getoppt werden kann.

Doch auf der großen BĂŒhne stehen schon die Berliner von Seeed in den Startlöchern. Ähnlich wie Fettes Brot – nur mit der berlinerischen ZurĂŒckhaltung – lassen sie die HĂŒften ordentlich kreisen. Wobei auch Songs aus den Soloprojekten der Formation nicht unbeachtet bleiben. Eine schöne Einheit und ein ĂŒberaus wĂŒrdiger Abschied vom diesjĂ€hrigen Hurricane Festival.

Es ist ein Abschied, der wirklich nicht besonders leicht fĂ€llt. Eine schiere Freundlichkeit, die ihresgleichen sucht, schlug einem förmlich ĂŒber die ganzen Tage entgegen – stets bemĂŒht es allen Recht zu machen. Eine Stadt, die dem Projekt „The Truman Show“ gleicht. Eine eigenes fĂŒr dieses Event erbaute Stadt, mit dem Unterschied, dass hier keine Schauspieler GefĂŒhle vorgaukeln. Familie fĂŒr ein Wochenende. Heimisch. WohlfĂŒhlen. Geborgen. Ein Abschied, der nicht leicht fĂ€llt. Oder eher ein Wiedersehen – in 2015!

Bildergalerie: Besucherfotos Hurricane Festival Tag 3 (22.06.2014)

Bildergalerie: Bandfotos Hurricane Festival Tag 3 (22.06.2014)u.a. mit Seeed, Fettes Brot, Jennifer Rostock, Franz Ferdinand uvm.

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Fotos: Michael Gamon, Rainer Keuenhof (Seeed)

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