WARPAINT РKöln, Live Music Hall (23.02.2014)

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Warpaint sind heiss. Das ist in diesem Fall kein Hinweis darauf, dass es sich um attraktive Frauen in einer All Girls Band handelt (als ob das irgendeinen Unterschied machen w√ľrde), sondern eine simple Tatsache, die sich daran festmachen l√§sst, dass das urspr√ľngliche f√ľr das Gloria in K√∂ln angesetzte Konzert der Band in die viel gr√∂ssere Live Music Hall verlegt wurde. Ob das eine gute Entscheidung war, darauf kommen wir noch zu sprechen. Doch beginnen wir am Anfang.

Den Anfang an diesem Abend machten All we are aus Liverpool. Bei All we are handelt es sich um ein Trio, bestehend aus Gitarre, Bass, (Stand)Schlagzeug. All we are bezeichnen ihre Musik selber als ‚ÄěBee Gees on diazepam‚Äú. Wenn das nicht mal eine gute Beschreibung ist. Meine Beschreibung w√§re etwas anders ausgefallen, vielleicht der verlorene Soundtrack zu Lost Highway? Eine fantastische Mischung aus zum Teil dreistimmigen Gesang, tiefen, druckvollem Bass (wenn da nicht die architektonische Besonderheit der Live Music Hall gewesen w√§re) und ganz viel Strampelei auf der Wah-Wah-Pedale‚Ķ Es stimmt schon, als h√§tten die Bee Gees zu viel David Lynch geschaut. Ich war vom ersten Augenblick an begeistert und auch das restliche K√∂lner Publikum zollte mehr als nur Achtungsapplaus. Da ich zu der Zeit noch relativ weit vorne stand, war es mir ein besonderes Vergn√ľgen, das Zusammenspiel der Bandmitglieder zu beobachten. Vorne, am Rand der B√ľhne standen die drei Musiker, in der Mitte das Standschlagzeug, links davon der Gitarrist und rechts die S√§ngerin/Bassistin. Der Schlagzeuger entpuppte sich als das Herz der Band, er hielt den Sound zusammen, mit st√§ndigen Blicken zu seiner Mitstreitern, viel herzlichem Lachen und offensichtlichem Spa√ü an der Sache. Mir hat es sehr gut gefallen, ein absoluter Geheimtipp! (https://www.facebook.com/thisisallweare)

Danach dauerte es eine ganze Weile‚Ķ Eine ganze Weile, w√§hrend der sich die Halle noch mal weiter f√ľllte. Offensichtlich hatte noch eine ganze Menge Zuschauer ihre Zeit an den Bierzelten im Hof verbracht, man war ja f√ľr Warpaint da. Warpaint hatten sich ganz unbemerkt zu einer ganz sch√∂n hippen Angelegenheit entwickelt. Seit ihrem Deb√ľt The Fool waren immerhin 3 Jahre vergangen, als voriges Jahr dann endlich das zweite Album mit dem einfachen Namen Warpaint erschien. War das ein Neuanfang, alles auf Anfang, neues Image, neue Musik? Eher nicht. Warpaint machte da weiter, wo The Fool aufgeh√∂rt hatte. Die Produktion war wohl etwas ausgereifter, aber die Stichworte Psychedelic, Shoegaze, Indie, Rock passten noch immer und so musste auch keine neue Schublade gesucht werden. Umso √ľberraschender war es dann, dass pl√∂tzlich eine neue Halle f√ľr den Start der Tournee gesucht werden musste. Das Gloria, ein feines Theater im Herzen von K√∂ln, eine fantastische Location f√ľr Konzerte war schlichtweg zu klein, zu gro√ü war die Nachfrage nach Tickets. Die Entscheidung fiel auf die Live Music Hall, eine weniger feine, daf√ľr viel gr√∂√üere Halle, nicht mehr im Herzen von K√∂ln, aber was soll¬īs. Aus einem wirtschaftlichen Standpunkt kann ich die Entscheidung gut nachvollziehen. Mehr verkaufte Karten, eventuell mehr Gewinn (Man darf nicht vergessen, dass eine gr√∂√üere Halle auch mehr kostet, das Gloria wollte eventuell eine Entsch√§digung und so weiter). Es ist also fraglich, ob der Gewinn letztendlich so viel h√∂her ausgefallen ist. Dann sind da nat√ľrlich noch die Fans. Die Fans, die ihre neue Lieblingsband endlich mal live sehen wollten. Und ist es nicht sch√∂n, dass man so viel mehr Leuten den Besuch des Er√∂ffnungskonzertes erm√∂glichen konnte? An dieser Stelle wird das K√ľchenmesser zweischneidig‚Ķ Es stimmt schon, viel mehr Publikum. Aber da kommen wir dann zu den Besonderheiten der Live Music Hall, die f√ľr einige Veranstaltungen zwar durchaus geeignet ist, f√ľr eine bestimmte Art von Konzert allerdings √ľberhaupt nicht, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach.

Die Live Music Hall schluckt ungeheuer viel Ton. Ich wei√ü nicht woran das liegt, aber in B√ľhnenn√§he ist es unertr√§glich laut und sobald man sich nach hinten begibt, wird es zunehmend, unverh√§ltnism√§√üig viel leiser. Lacht nicht, das klingt zwar erst einmal normal, ist es aber nicht unbedingt. Ich habe bei vielen Konzerten vorne gestanden, mit und ohne Ohrenst√∂psel, bin w√§hrend des Konzerts durch die Halle gewandert und in kaum einer Halle ist es mir so aufgefallen, wie in der Live Music Hall. Oft stand ich gerne mal hinten, weil dort der Sound besser war, ich besser sehen konnte oder mir einfach danach war. In der Live Music Hall steht man hinten, man h√∂rt nicht viel, man sieht nicht viel, auch wegen der Pfeiler in der Hallenmitte) und es ist kalt, da die offene Eingangst√ľr die winterliche Fr√ľhlingsluft hinein l√§sst.
W√§re ich also mal vorne geblieben. Leider wurde es in der Umbaupause voll. Und zwar richtig voll. Da waren sie wieder, die Besucher, die gerne erst einmal hinten bleiben, weil man keine Lust auf die Vorband hat und dann in der Umbaupause nach vorne m√ľssen, ohne R√ľcksicht auf Verluste. Am liebsten noch mit Rucksack auf dem R√ľcken und einem Bier als Drohung in der Hand. Die besonders perfide Variante ist die Dame mit der Handtasche, die sich ihren Weg bahnt. Anerzogene H√∂flichkeit und falsche R√ľcksichtnahme verleiten den wohlerzogenen Mann dazu, eben jener Dame das Vorbeidr√§ngen zu erm√∂glichen. Viel zu sp√§t f√§llt einem dann auf, dass an ihrem ausgestreckten √Ąrmchen noch der Herr der feinen Dame mitgezogen wird, der sich in der Regel als zwei Kopf gr√∂√üer als eben jene Dame und mindestens ein Kopf gr√∂√üer als man selbst entpuppt. An diesem Abend waren es im √ľbrigen drei (!!!) P√§rchen, die aneinander h√§ngend den Anstands-Quadratmeter zwischen meinem Vordermann und mir besetzen mussten. Oh, what fun we had!
Aber lasst uns eine Band nicht wegen der schlechten Hallenwahl und dem hippen Publikum verdammen, denn das wäre unfair.

Die Umbaupause zwischen Vorband und Hauptact dauert l√§nger als gewohnt. Vielleicht lag es daran, dass es Film- und Tonaufnahmen w√§hrend des Konzerts geben w√ľrde, wie auf vielen Aush√§ngen zu lesen war. Nicht nur das, es liefen auch kleine Einsatzteams des WDR mit Kamera und Mikrofon im Publikum umher, sicher um des Volkes Stimme einzufangen.

Es begann mit einem kleinen instrumentalen Intro, w√§hrend dem die Musikerinnen sichtlich unzufrieden mit dem Sound auf der B√ľhne waren. Der Tontechniker am Rand der B√ľhne, wohl verantwortlich f√ľr die Monitorboxen, bekam fortw√§hrend Zeichen, dass irgendetwas nicht so war, wie es ein sollte. So wurde w√§hrend des Intros und der ersten beiden Songs weiterhin am Sound gefeilt. Keep it healthy ist nach dem Intro auch der erste richtige Track des neuen Albums, die Reihenfolge wurde also erst einmal eingehalten. Dann wurde der erste Track vom ersten Ablum, n√§mlich Composure eingestreut, sehr zu meiner Freude. √úberraschend folgte dann schon sehr fr√ľh im Konzert die Single Love is to die, die entsprechende Reaktionen beim Publikum hervorrief. Der zweite H√∂hepunkt des Konzertes war Undertow vom ersten Album, ein gro√üartiger Song in einer fantastischen Version. Leider stand ich zu diesem Zeitpunkt schon hinten, da es die Chronistenpflicht erfordert, ein Ereignis aus jeder Perspektive zu betrachten. So gut die Musik auch war, und Warpaint sind ein tolle Band, so schade ist es, dass die vordere H√§lfte der Halle ein dichtes, unsympathisches Gedr√§nge war, w√§hrend die hintere H√§lfte lediglich darauf warten konnte, dass der Funke von der B√ľhne √ľberspringen w√ľrde. Ob er dies dann tat, muss jeder der Besucher f√ľr sich entscheiden. Das Konzert selber war eine recht ausgewogene Mischung aus nur 13 alten und neuen Songs. Es war also auch kein besonders langes Konzert. Als letzte Zugabe gab es nat√ľrlich Elephants von der Exquisite CorpseEP, der erste gro√üe (?) Hit der Band.

Mir blieb die Erinnerung an ein Konzert der vergeben Chance. Es h√§tte ein Konzert f√ľr die Ewigkeit sein k√∂nnen, im Gloria. So war es ein ordentliches Konzert, in der Live Music Hall. Warpaint h√§tten das Konzert im Gloria verdient gehabt‚Ķ

Setlist Warpaint:
01. Intro
02. Keep It Healthy
03. Hi
04. Composure
05. Love Is to Die
06. Biggy
07. Feeling Alright
08. Billie Holiday
09. Undertow
10. No Way Out (bisher unveröffentlicht)
11. Disco//Very
12. Bees (Z)
13. Elephants Z)

Autor: Andreas Viehoff
Fotos: Frank G√ľthoff

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