LAIBACH – Köln, Bürgerhaus Stollwerck (14.03.2014)

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Ein Abend mit Laibach, darauf habe ich fast 30 Jahre gewartet. Ich bin also sicher nicht objektiv. Warum es aber so lange gedauert hat, das kann ich gar nicht sagen.

Ich habe Laibach während meiner Schulzeit in den glorreichen 80ern kennen gelernt. Es war die Musik der Außenseiter, der Rebellen. 1987 erschien Opus Dei, das Album mit den Cover-Versionen Leben heißt Leben (natürlich Life is life von den fürchterlichen Opus) und Geburt einer Nation (One Vision von Queen). Die deutschen Texte, die fragwürdige Symbolik, das martialische Auftreten, alles Elemente, die auch damals (vielleicht sogar mehr als heute) für (im besten Fall) Aufsehen und im schlimmsten (und wahrscheinlichsten) Fall erst einmal für Abneigung sorgten. Und zwar dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs, der damals zwar schon durchlässiger schien, aber dennoch zur Lebensrealität gehörte. Inzwischen scheint es ja fast, als läge unseren Volksvertretern daran, einen neuen Eisernen Vorhang zu errichten… Die Geschichte Laibachs ist untrennbar verknüpft mit den politischen Entwicklungen in dem Teil Europas, der für uns damals noch Ostblock hieß und von dem man sich gar nicht vorstellen konnte, dass er einmal zur Europäischen Union gehören würde (seit 2004).

Meine erste Chance, Laibach zu sehen, bekam ich im Mai 1995 auf dem letzten Indie Tours Festival auf Burg Querfurt. Laibach spielte spät, ich war müde, ich hab´s verpennt.

Als ich also die Anfrage bekam, ob ich kurzfristig mit nach Köln fahren würde, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Seit Volk, dem letzten richtigen Album waren immerhin ein paar Jahre vergangen. Ein Lebenszeichen gab es in 2008 mit Laibachkunstderfuge, einer Reinterpretation von Bachs Kunst der Fuge und 2012 mit dem Soundtrack zu Iron Sky. 2012 gab es folgerichtig auch die letzten Live-Auftritte der Band.
Nun gibt es mit Spectre also ein neues (richtiges) Album und auch neue Konzerte. Bei vielen Bands ist die Aussage schnell gemacht, dass es sich doch um „mehr als nur ein Band“ handelt, meistens impliziert diese Aussage dann einen Kult, ein Lebensgefühl, oder der jeweiligen Band wird eine stellvertretende Position in der Musikgeschichte eingeräumt.
Laibach ist tatsächlich mehr als eine Band. Laibach ist mehr als ein multimediales Konzept (Musik, Film, Literatur). Laibach ist Teil der NSK, Neuen Slowenischen Kunst, ein interdisziplinäres Kunstkollektiv, das sich in 1992 selbst zum Staat ohne Staatsgebiet und demnach ohne Grenzen erklärt hat. Nicht wenige Leute tragen ihren Ausweis auch heute noch mit Stolz im Portemonnaie. Mit Spectre gibt es nun also auch eine Partei, mit Manifest und Parteibuch (http://spectre-party.org)

An die Stelle der politischen Symbolik sind trotz dessen bei Laibach 2014 die popkulturellen Referenzen getreten. Der Titel des Albums erinnert natürlich an James Bond, Resistance is futile ist ein sehr offensichtliches Star Trek-Zitat. Dies scheint eine folgerichtige Entwicklung zu sein, in Zeiten, in denen die große Politik sich immer mehr als Schauspiel entpuppt, in denen Kriege und Konflikte auf wirtschaftlicher Ebene ausgefochten werden, mit den Waffen Hollywood, McDonalds oder auch Gazprom. Geradezu prophetisch erscheint ein Titel wie Eurovision, in dem es heißt: „Europe is falling apart. Laibachs Vision für Europa ist also alles andere als rosarot.

Am Eingang der Halle wurde der Besucher heute bereits von einem Zettel begrüßt, auf dem der eigentlich angekündigte Beginn der Show von 21 Uhr auf 22 Uhr verschoben wurde. Dies gab mehr Zeit, das Publikum zu begutachten. Es gibt kein typisches Laibach-Publikum. Es gibt Jeans und T-Shirts, es gibt aber auch fantasievolle Uniformen und viel schwarzen Eyeliner. Zur Einstimmung gibt es Swing, Jazz, Klassik, eine wahre Geduldsprobe für das Kölner Publikum (und bei aller kulturellen Offenheit auch für den Rezensenten). Langsam erscheinen Projektionen des Spectre-Symbols auf den Leinwänden, das Licht wird langsam dunkler, einzelne Scheinwerfer streifen über die Köpfe der Zuschauer, es läuft Ljubjanske Razglednice, gespielt vom Slowenischen Sinfonie Orchester und um Punkt 22 Uhr ist es soweit:
Die Lichter gehen aus und die Show beginnt mit Eurovision. Erinnerungen an den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest stehlen sich völlig unangemessen in meine Gedanken (das Abschneiden des Grafes war tatsächlich Thema in den Gesprächen vor dem Konzert?!?!) und sind ebenso schnell vergessen. Milan Fras als Frontmann hat eine Bühnenpräsenz, die selbst auf dem Balkon, den ich mir zwecks besserer Übersicht ausgesucht hatte, zu spüren ist. Vor den beiden Leinwänden, auf denen während des ganzen Konzerts projiziert wird, steht das Schlagzeug, davor dann drei Keyboards und das Mikrofon für Milan Fras. Mina Spiler, die seit 2006 Laibach als Sängerin und Keyboarderin unterstützt steht ebenfalls hinter ihrem Keyboard. Ich hatte das neue Album noch nicht vor dem Konzert gehört. In manchen Fällen mag das ein Fehler sein, da man keine Verbindung zu den neuen Songs hat und eine objektive Beurteilung bei einem Live-Auftritt oft schwierig sein kann. Umso angenehmer ist es da, berichten zu dürfen, dass mich Spectre vom ersten Moment an in seinen Bann geschlagen hat. Eine Eingängigkeit, die ich so nicht erwartet hatte, Ohrwurm-Qualitäten wohin man auch hört. Dies ist sicher ein Kritikpunkt, wenn man mit bestimmten Erwartungen an ein Werk heran tritt. Ich hatte keine Erwartungen und war begeistert. Gerade die beiden Eröffnungstracks Eurovision und Walk with me funktionieren auf der Bühne als Opener eines Konzertes ganz fantastisch. The Whistleblowers, ein Tribut an Assange und Snowden ist dermaßen eingängig…

Der erste Teil des Konzertes war dann auch konsequent das komplette neue Album, wohl in neuer Reihenfolge. Alle Stücke wurden mit einem entsprechenden visuellen Konzept präsentiert, welches sehr eindrucksvoll auf den beiden Leinwänden und mit Licht geformt wurde. Ich hatte ein düsteres Konzert erwartet und war wohl ebenso überrascht, wie die Fans, die weniger Pop und mehr Krach erwartet hatten.

Aber Erwartungen müssen enttäuscht werden. Eine Aussage, die man genau so erwartet, ist im Sinne des erweiterten Kunstbegriffs sinnlos. Und Laibach ist Kunst. Die Sinnlosigkeit von Aussagen wird eindrucksvoll mit den Ansagen an das Publikum untermauert. Statt dem persönlichen Gruß der Band gibt es konservierte „Thank you“, „You are the best audience“, „We love you“ aus dem Rechner, der Höhepunkt ist sicher der Moment, in dem das System Audience Participation einfordert: Say ho, say ho ho… Und wenn das Publikum dann Folge leistet, wird die ironische Geste zur Kunst.

Nach dem neuen Album folgt ein genau zehnminütiges Intermezzo und der zweite Teil des Konzertes wird eingeleitet von Brat moj (Brother of mine), begleitet von Aufnahmen eines Sexualaktes, der die Inhalte noch mal in einen anderen Kontext setzt. Verstörend, aber gut. Es folgen Stücke aus dem Soundtrack zu Iron Sky, mit Leben-Tod der einzige Track vom damaligen Hit-Album Opus Dei und dann vier Cover-Versionen: Die Warme Lederhaut (Warm Leatherette ist ja immer noch ein Szene-Hit), Bob Dylans Ballad of a thin man, mein persönliches Highlight, Love on the beat von Serge Gainsbourg, das sich als erstaunlich zahm im Vergleich zum Original entpuppt, mit See that my grave is kept clean ein waschechter Blues von Blind Lemon Jefferson.

Während des Intermezzos habe ich einem Gespräch zugehört, das wohl in ähnlicher Form oft an diesem Abend geführt wurde: „Na, wie gefällts dir?“ – „Ist schon ok, aber im Vergleich zu früher…“ Diese beiden Besucher werden sich über Tanz mit Laibach und sicher auch über Das Spiel ist aus gefreut haben, die wohl die meisten Reaktionen im Publikum ausgelöst haben.
Wir leben in einem Zeitalter erneuter Umwälzungen, unser Bild von Ost und West, von Gut und Böse verschwimmt zunehmend. Auch unser Bild von Europa ändert sich, die Euphorie weicht den Enttäuschungen, die Funktionäre machen nur noch selten einen Hehl daraus, dass wirtschaftliche Interessen ihr Denken und Handeln bestimmen. Dies geschieht angeblich nur zu unserem Besten, deshalb werden wir auch nicht gefragt. Wir wollen nur Gutes, für alle und für jeden. Ein neues Zeitalter braucht neue Visionen, einen neuen Soundtrack, Laibach ist Teil dieses Soundtracks. Auf dass wir eine Vision von Europa und die Welt finden, von der wir alle träumen können, ohne nachts angsterfüllt aufzuwachen.


Setlist Laibach:

01. Eurovision
02. Walk with Me
03. Americana
04. We Are Millions and Millions Are One
05. Eat Liver !
06. Bossanova
07. Koran
08. Whistleblowers
09. No History
10. Resistance Is Futile

INTERMEZZO von 10 Minuten

11. Brat Moj
12. Ti, Ki Izzivaš
13. B Mashina
14. Under the Iron Sky
15. Leben-Tod
16. Warme Lederhaut (Warm Leatherette – Cover von The Normal)
17. Ballad of a Thin Man (Cover von Bob Dylan)
18. See That My Grave Is Kept Clean (Cover von Blind Lemon Jefferson)
19. Love on the Beat (Cover von Serge Gainsbourg) (Z)
20. Tanz mit Laibach (Z)
21. Das Spiel ist aus (Z)

Autor: Andreas Viehoff
Fotos: Michael Gamon

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