Coppelius – Extrablatt

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Unsere Bewertung

9 Bewertung

Extrablatt! Extrablatt!

Neuigkeiten erster KlanggĂŒte! Kaum 200 Jahre ist es her, da taten sich die GrĂŒndervĂ€ter des gepflegten Kammercore zusammen und brauten in ihren dĂŒsteren Hallen gar “rasende Musik” (Zitat E.T.A Hoffmann). Die Welt scheint wie im Wahn, denn gerade einmal drei Jahre sind seit dem letzten Zinnober vergangen, und schon wieder lĂ€sst sich ein druckfrisches Werk aus dem Hause Coppelius in den HĂ€nden halten. Da lohnt fast ein Abonnement.

In der Zwischenzeit waren die fĂŒnf Herren nebst Butler schwer beschĂ€ftigt mit zahlreichen Auftritten und musikalischen sowie Duellier-Experimenten. Umso erfreulicher ist es, dass keine ErmĂŒdungserscheinungen auftreten – das neue StĂŒck coppelianischer Musikgeschichte kommt angenehm rasant daher. In der Sonderausgabe zeitungsĂ€hnlicher Manier warten nebst einem allerliebst gestalteten Faltblatt zahlreiche rhythmusgeladene StĂŒcke voller Energie und Tempo, wie man sie von Coppelius kennt und liebt.

Hat man die Scheibe aus ihrer grafisch ausgereiften und charmanten Zeitungsverpackung befreit, bleibt nur noch das Einlegen in den modernen Grammophonspieler und: Öhrchen aufgesperrt!

Was zirpt so leis’ und poetisch ins Ohr – aber ja, die Spieldose ist’s! Jedoch – harsche Kritik, ein jeder sollte sich an die Nase fassen, falls er noch weiß, wo diese liegt. Wir stieren nur mehr auf unsere kleinen GerĂ€te und laufen so an der grĂ¶ĂŸten Liebe vorbei, so verkĂŒndet der Herren Butler. Nicht genug der Kritik, es rauscht die Welt im Wahn vorĂŒber, der Reichtum bis zur Dekadenz lĂ€sst den Reichen fast erbrechen vor Überdruss und der moderne Ellenbogen-Mensch, der so gerne Speichel leckt, kriegt auch ein ordentliches Quentchen Fett weg. Holla, die grĂŒne Fee, das sind deutliche Worte, gerade von den Herren, die sonst der modernen Welt gerne den befrackten RĂŒcken zeigen und sich gepflegt vor dem FrĂŒhstĂŒck duellieren.

Aber keine Sorge, es wĂ€ren nicht die Herren von Coppelius, wenn sie nicht der Damen VorzĂŒge aufs Herzlichste besingen wĂŒrden und die Liebe zu – leider meist vergebenen Herzensdamen – wird genĂŒsslich zelebriert. Auch wenn die ein oder andere Liebste in gewohnter Manier danach nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Die zahlreichen tempostarken StĂŒcke werden um einige melodische und melancholische Balladen ergĂ€nzt, und das Subway-to-Sally-Cover Maria ist sicher ein wĂŒrdiger AnwĂ€rter fĂŒr einen herzensbrechenden Konzert-Abschluss. Drei englische Titel strecken leise die musikalischen FĂŒhler in die internationale Welt aus – so, endlich, der wunderbare Coppelius-Klassiker Running Free.

Musikalisch – was soll man sagen. Wo schon dem guten E.T.A. die Ohren schlackerten, können unsere eigentlich nur noch vor VerzĂŒcken abfallen. Deutlich erkennt man den coppelianischen Geist auf den ersten Klang: Den typischen tiefen Rhythmen von Cello und Kontrabass bleibt Coppelius in seinem neuen Werk ebenso treu wie den wilden LĂ€ufen der Klarinetten und klaren Stimmen. Dennoch – vieles wird eingĂ€ngiger. Die Instrumente weben feine Linien umeinander, aber deutlich erkennbar und prĂ€gnanter als bei manchen frĂŒheren Werken. Die Herren sind – so das ĂŒberhaupt möglich ist – noch erwachsener geworden. Ihre VirtuositĂ€t und der Abwechslungsreichtum besteht darin, dass jeder seinen Platz kennt und sich dennoch einen Spaß daraus macht, diesen zu verlassen und froh herumzuspringen. Kennt man dies schon aus dem Sanatorium, so endet die vorliegende Veröffentlichung mit dem liebgewonnenen coppelianischen Mumpitz. Liebe Kinder, Finger weg von meinem Absinth!

Aber bevor wir zuviel verraten, der langen Rede kurzer Sinn, das Fazit: Poesie mit Getöse. Wer gerne rhythmisch den Kopf schĂŒttelt und des Metals sĂŒĂŸe HĂ€rte liebt, wird bei Coppelius ebenso fĂŒndig wie der Liebhaber gepflegten Musizierens. Denn bei allem Übermut und elektrischer VerstĂ€rkung bleibt deutlich: Hier werden klassische Instrumente beherrscht! Klanglich gereift, abwechslungsreich und optisch stimmig lĂ€sst dieses Werk wenig zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Ein Wermutstropfen (ja, der wird auch gekippt!) ist lediglich, dass die HĂ€lfte der Lieder bereits vorab bekannt war und trotz zahlreicher Stoßgebete die wundervolle Klavierversion des “Rightful King” es nicht aufs Album geschafft hat. Aber wer die Herren kennt weiß, dass sie fĂŒr die ein oder andere Überraschung gut sind und so bleibt die gespannte Erwartung, was sich ihre verrĂŒckten Köpfe unter den hohen HĂŒten als nĂ€chstes ausdenken.

Tracklist:
01. Spieldose
02. Welt im Wahn
03. Reichtum
04. Bitten Danken Petitieren
05. Locked Out
06. Butterblume
07. Keine Kamera
08. I’d Change Everything
09. Glanz und Eleganz
10. Glaubtet Ihr?
11. Mitten ins Herz
12. Running Free
13. Geschwind
14. Maria

Gesamt

Unterbewertungen:
Klang: 10 von 10 (abwechslungsreiche StĂŒcke, saubere Aufnahmen mit einem famosen Tonabnehmer)
Texte: 9 von 10 (pointierte, ironische Texte, meist stilistisch einwandfrei)
Optik: 9 von 10 (grafisch und optisch sehr ausgereift, lediglich die Schrift im Booklet ist ohne Monokel schwer zu entziffern)
Liedauswahl: 10 von 10 (ausgewogene Mischung aus treibenden, schnellen StĂŒcken und Balladen)

Autorin: K. von Koriolis

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