Aida Night Of The Proms – Oberhausen, König-Pilsener-Arena (23.12.2012)

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So kurz vor dem Heiligen Abend scheint die Nacht in Oberhausen alles andere als still zu werden. Die AIDA Night Of The Proms wartet nĂ€mlich nicht nur mit leisen und lauten Tönen auf, sondern vor allem mit einem Line-Up der absoluten Extraklasse. Und auch im 18. Jahr ihres Bestehens kommen sich hier Klassik und Pop so nahe wie noch nie. Eine Reise durch die Musikgeschichte, durch diverse Genres, die kraftvoll durch Stimmgewalt und Instrumentenkunst inszeniert wird, scheint gerade recht zu kommen, um das letzte FĂŒnkchen Magie in die doch eher stressige Weihnachtszeit zu zaubern und das Jahr musikalisch allmĂ€hlich ausklingen zu lassen.

Den Startschuss setzt um Punkt 19 Uhr die New Yorker A-cappella Combo Naturally 7, die energiegeladen loslegt und beweist, dass das einzige Instrument, das zum Musikmachen notwendig ist, die eigene Stimme ist. Stilecht imitieren die Herren alle erdenklichen Instrumente und haben mit ihrem Talent beim begeisterten Publikum sofort einen Stein im Brett. Songs wie Wall of sound oder While my guitar gentle weeps, die sie im fortschreitenden Programm darbieten, bestÀtigen unseren ersten Eindruck: diese Jungs sind genial! Fast schon gebannt von dieser Energie wechselt die Stimmung immer wieder in der Menge und lÀsst angefangen bei tosender Begeisterung bis hin zu angenehmer GÀnsehaut nichts aus. Eine wirklich beeindruckende Show!

Weitere atemberaubende Intermezzi werden immer wieder vom begnadeten Orchester Il Novecento unter der Leitung von Robert Groslot geliefert, das sich nicht nur detailgetreu GrĂ¶ĂŸen wie Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge oder der FĂŒnften von Beethoven annimmt, sondern auch mit der Titelmusik von The good, the bad & the unknown bandit ĂŒberzeugt, das im klassischen Gewand eine unheimlich einnehmende Stimmung erzeugt. Und auch im Battle gegen die stimmlichen Instrumente aus dem Hause Naturally 7 beweisen sich die Musiker Il Novecento und die Reaktion der gebannten Menge lĂ€sst erkennen, dass es heute Abend nur Gewinner geben kann.

Auch der HollĂ€nder Remy van Kesteren zeigt auf eindrucksvolle Art und Weise, wozu GefĂŒhl, HĂ€nde und eine Harfe fĂ€hig sind. FĂŒhlt er sich zunĂ€chst noch im Schoße des Orchesters geborgen, scheut er bereits bei seinen nĂ€chsten StĂŒcken Asturias und Moldau nicht die NĂ€he zum Publikum und zaubert inmitten der Menge nicht nur gefĂŒhlsbetont wundervolle KlĂ€nge mit seinem Instrument, sondern umschmeichelt mit dem Wohlklang auch Herz und Sinne der hier Anwesenden.

Als GegenstĂŒck wird es mit den Durchstartern Jupiter Jones erstmals richtig rockig. Doch trotz der poppigen GitarrenklĂ€nge bleibt auch bei den Deutschrockern aus der Eifel die Stimmung gefĂŒhlvoll und sanft und ihr wohl bekanntester Song Still, den Frontmann Nicholas MĂŒller seiner Mutter widmet, erzeugt ein warmes LĂ€cheln in der Menge, das Zufriedenheit und Wohlgefallen widerspiegelt. Doch man bleibt nicht nur leise und in GefĂŒhlsduselei versunken, denn bei Immer fĂŒr Immer winkt die Menge, angestiftet von SĂ€nger Nicholas, mit ihren zuvor ausgegebenen LĂ€mpchen „als gĂ€be es kein Morgen mehr“. Eine schöne Momentaufnahme, die sicher nicht nur der bodenstĂ€ndigen Band, sondern auch ihren Fans ins GedĂ€chtnis gebrannt wurde.

Da hat man nun ein vollgepacktes Programm voller musikalischer Unterhaltung und mĂŒsste meinen, dass das sicher ausreichen sollte. Doch die AIDA Night Of The Proms gibt sich mit einem „ausreichend“ nicht zufrieden und so wird fĂŒr ganze besonderes Entertainment noch mit einer kleinen instrumentellen Schlittenfahrt aufgefahren, bei der Patrick de Smet und Carlo Wilhelms zusammen mit einer jungen Frau aus dem Publikum, die den Peitschenknall erzeugt darf, musikalische Interaktion par excellence hinlegen. Ein wirklich ansprechendes Schauspiel fĂŒr Augen und Ohren. Und wo wir als Publikum schon so sehr mit einbezogen werden
 wie wĂ€re es denn mal mit einem Quiz? Einem BilderrĂ€tsel? Einfach so zwischendurch. Dieser enge Kontakt zum Publikum kommt bei diesem gut an und sorgt fĂŒr eine nahezu familiĂ€re AtmosphĂ€re.

Zwar sind die weiblichen Stimmen an diesem Abend deutlich unterreprĂ€sentiert, doch das Stimmvolumen von Anastacia schafft es auch alleine, das ein oder andere mĂ€nnliche Wesen locker unter den Tisch zu singen. Nach einer etwas lĂ€ngeren Auszeit aufgrund einer Krebserkrankung feiert die New Yorkerin nun ihr Comeback und lĂ€sst uns alle teilhaben an ihrer neu erweckten Kraft. Zwischen RosenblĂ€ttern und komplett ohne Sonnenbrille, ihr damaliges Markenzeichen, betritt die Pop-Ikone die BĂŒhne und weiß mit ihrer gewohnt souligen Stimme die Menge sofort auf ihrer Seite. Die Kracher Left outside alone, Best of you und I’m out of love mobilisieren nochmal alle Kraft- und Stimmreserven im ausgelassenen Publikum, bevor dieses in seine wohlverdiente Pause entlassen wird.

Die zweite HĂ€lfte wird nicht weniger namhaft und nach einem klassischen Auftakt befinden wir uns sofort in der schönsten Liebesgeschichte, die der Musik je gewidmet wurde. Hatten Naturally 7 gerade noch die ersten Töne a-cappella angestimmt, umschmeichelt wenig spĂ€ter die Stimme von John Miles unsere Sinne. „Music was my first love and it will be my last“ – da spricht ein Vollblutmusiker und berĂŒhrt damit nicht nur andere Artgenossen, sondern jeden, fĂŒr den Musik etwas mehr ist als nur ein paar aneinander gereihte Töne. Und spĂ€testens beim Song Angel, den er vor 20 Jahren geschrieben hat und nun seinem erkrankten Enkel und der Stiftung widmet, die seine Tochter aufgrund der Erkrankung ins Leben gerufen hat, dringen erste TrĂ€nen der Bewegung nach außen. GefĂŒhlvoller kann es wohl kaum kommen. Oder doch? Denn direkt im Anschluss legen Miles und Anastacia mit I belong to you ein Duett hin, das aufwĂŒhlt, berĂŒhrt, amĂŒsiert und verzĂŒckt. Wir befinden uns hier und jetzt im absoluten Wechselbad der GefĂŒhle.

Und dieses wird von einem weiteren internationalen Topact durchbrochen, auf den sicher jeder den ganzen Abend sehnsĂŒchtig gewartet hat. Mick Hucknall, Stimme und Sinnbild der 2011 aufgelösten Simply Red, zieht mit Songs wie Holding Back the years oder Stars nochmal alle Register und sorgt dafĂŒr, dass in der Arena niemand mehr sitzen mag. Stattdessen wird ausgelassen getanzt und lauthals mitgesungen. Seine Songs kennt hier jeder, selbst die Kleinsten, die ihrem Idol – oder dem Idol ihrer Eltern – mit ausgeklĂŒgelter kindlicher Perfektion nacheifern. Strahlende Gesichter, wohin man auch sieht. Auch Micks Augen strahlen und alles, was er hier tut, tut er mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit, die nur ein BĂŒhnenprofi wie er transportieren kann. Duette liefert auch er sich, einerseits mit Naturally 7 und Nicholas MĂŒller von Jupiter Jones, andererseits mit John Miles, ein weiteres Duett der Giganten, das beim Publikum einschlĂ€gt wie eine Bombe.

Das i-TĂŒpfelchen wird diesem ohnehin schon phantastischen Abend in den letzten Minuten der Show aufgesetzt, denn das große Finale hĂ€lt ein gemeinsames Hey Jude, zu dem jeder KĂŒnstler etwas beitrĂ€gt, bereit. Ein gelungener und krönender Abschluss eines sagen- und stimmungshaften Abends!

Setlist:
01. Naturally 7 – Feel it in the air tonight
02. Il Novecento – OuvertĂŒre Die schöne Galathee

03. Remy van Kesteren – Allegro fĂŒr die tanzende Harfe
04. Il Novecento – The good, the bad & the unknown bandit
05. Jupiter Jones – Nordpol-SĂŒdpol
06. Jupiter Jones – Still
07. Jupiter Jones – Immer fĂŒr immer
08. Remy van Kesteren – Asturias
09. Remy van Kesteren – Moldau
10. PDS,Carlo & Guest – Schlittenfahrt
11. Naturally 7 – Wall of sound
12. Naturally 7 – While my guitar gentle weeps
13. Anastacia – Left outside alone
14. Anastacia – Best of you
15. Anastacia – I’m out of love
16. Il Novecento – Toccata und Fuge
17. Remy & PDS – La vida Breve
18. Naturally 7/Il Novecento – N7 Battle
19. John Miles & Naturally 7 – Music
20. John Miles – Angel
21. John Miles & Anastacia – I belong to you
22. Il Novecento – FĂŒnfte von Beethoven
23. Mick Hucknall – Holding back the years
24. Mick Hucknall – Stars
25. Mick Hucknall – If you don’t know me by now
26. Mick Hucknall & Naturally 7 – That’s how strong my love is
27. Mick Hucknall & John Miles – Something got me started
28. Alle – Hey Jude

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Weitere Fotos des Events gibt es hier

Autorin: Tanja Pannwitz
Fotos: Michael Gamon

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