Sinner’s Day Festival 2011 – B-Hasselt, Ethias Arena (30.10.2011)

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Seit zwei Jahren funkelt ein neuer Stern am Himmel der europĂ€ischen Festivals. Die Rede ist hier vom ambitionierten belgischen Festivalprojekt „Sinner’s Day“, das in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindet und es sich zur Aufgabe gemacht hat, insbesondere selten gesehene Liveacts aus den Achtziger Jahren (zurĂŒck) auf die BĂŒhne zu bringen. Der Sinner’s Day findet jeweils Ende Oktober statt und konnte in den vergangenen Jahren mit Headlinern wie The Human League, Gary Numan, Echo & The Bunnymen, Nina Hagen oder Marc Almond aufwarten. Auch in diesem Jahr steht uns wieder ein interessantes Lineup bevor, an dessen Spitze sich Namen wie The Cult, Front 242, Patti Smith & Band, The Mission oder Karl Bartos befinden. Leider hatten in den letzten Tagen vor dem Festival The Psychedelic Furs (Ersatz: Gene Loves Jezebel) und ganz kurz zuvor John Foxx ihren Auftritt absagen mĂŒssen. Letzterer wird seinen Auftritt am 25.02.2012 in Aarschot nachholen. Zu diesem Event bekommen Zuschauer des Sinner’s Day kostenlosen Eintritt, allerdings ist der Platz in der Halle dann auf ca. 1.000 Personen begrenzt. Trotzdem ein nettes Kompensationsangebot.
Doch zurĂŒck zum heutigen Sinner’s Day: Schauplatz ist wieder die Ethias Arena im belgischen Hasselt, ein wahrhaft bombastischer Bau, der vielleicht mit der besten Licht- und Soundanlage aufwartet, die man sich bei solch einem Event vorstellen kann. Die BĂŒhne ist riesig, eine Vielzahl von Scheinwerfern setzt die Bands –wenn gewĂŒnscht- ins perfekte Licht und der Sound ist auch bei höheren LautstĂ€rken glasklar.

Blancmange

Die LautstĂ€rke ist zu Beginn noch relativ gedĂ€mpft, als Blancmange die Ehre haben, den Sinner’s Day 2011 zu eröffnen. Die Briten waren in der ersten HĂ€lfte der Achtziger Jahre sehr aktiv, bevor sie sich 1986 auflösten. Seit dem letzten Jahr sind Blancmange wieder zurĂŒck und haben Anfang des Jahres auch ein neues Album mit dem Titel „Blanc Burn“ veröffentlicht. Von diesem kann man sich auch heute einen Eindruck machen, denn Blancmange prĂ€sentieren nicht nur ein paar Klassiker aus den Anfangstagen, sondern auch neues Material, das ebenso gut ankommt. ShowmĂ€ĂŸig gibt es nicht so viel zu vermelden, Frontmann Neil Arthur steht klar im Mittelpunkt, wĂ€hrend sich seine beiden Mitstreiter etwas zurĂŒckhalten. Dazu laufen im Hintergrund ein paar nette Videos ab, die den Synthiepop mit viel Percussioneinsatz stimmungstechnisch untermalen. FĂŒr den positiven Schlusspunkt sorgt nach einer knappen halben Stunde der Singlehit „Blind Vision“.


Gene Loves Jezebel

Etwas dunkler geht es mit Gene Loves Jezebel weiter. Das Quartett war kurz vor dem Festival fĂŒr die Psychedelic Furs eingesprungen, die wie schon vor zwei Jahren ihre Europatour absagen mussten. Auch Gene Loves Jezebel haben ihren Ursprung zu Anfang der Achtziger Jahre, als die eineiigen Zwillinge Michael und Jay Aston die Band grĂŒndeten. Interessanterweise fĂŒhren derzeit beide BrĂŒder mit jeweils unterschiedlichen Bandmitgliedern den Namen Gene Loves Jezebel weiter, was durchaus noch verrĂŒckter ist, als die Namensstreitigkeiten bei Bands wie Christian Death und Co. Aber wie dem auch sei, als Ersatz liefern diese Gene Loves Jezebel eine ordentliche Gothic Rockshow ab, an dessen Schluss mit „Desire“ ebenfalls einer ihrer grĂ¶ĂŸten Hits steht. Unsere Vorfreude auf den nĂ€chsten Act steigt indes spĂŒrbar.

 

KMFDM

Denn jetzt steht niemand anderes als KMFDM auf der BĂŒhne und die Shows des Quintetts strotzen nur so vor Energie, was natĂŒrlich insbesondere an den beiden extrovertierten Gallionsfiguren Sascha Konietzko und Lucia Cifarelli liegt. Gerade fĂŒr Letztere gilt: Einmal losgelassen, kaum noch zu bĂ€ndigen! Dass dies auch heute so sein wird zeigen die fĂŒnf gleich zu Beginn mit der aktuellen Single „Krank“ vom starken Album „WTF?“. In der Folgezeit rockt man sich durch alle möglichen Schaffensphasen der Band, schleudert den Fans Tracks wie „Ruck Zuck“ und Co um die Ohren und reißt sie mit harten Gitarrensounds irgendwo zwischen Front Line Assembly, Ministry und Hip Hop kraftvoll mit. Eine wirklich tolle Show, nach der man erst einmal durchatmen muss.

Recoil

Dazu hat man jetzt auch durchaus Gelegenheit, denn als nĂ€chstes erwartet uns ein lĂ€nglicher Tisch, hinter dem nun Ex-Depeche Mode TĂŒftler Alan Wilder und Paul Kendall aka die aktuelle Besetzung von Recoil Platz nehmen. Wir haben Recoil in den letzten Monaten schon das ein oder andere Mal gesehen und auch wenn die Songs durchweg gut sind, erinnert das Ganze trotz der gut gemachten Videoprojektionen immer eher an eine Art Diskoabend und weniger an ein Konzert. Zum Set gehören Songs aus diversen Kollaborationen mit verschiedensten KĂŒnstlern und natĂŒrlich darf auch die recoilsche Version des Depeche Mode Hits „Personal Jesus“ gegen Ende nicht fehlen, bevor das Licht ausgeht und uns ein absolutes Kontrastprogramm erwartet.

The Exploited

Denn jetzt entern die PunkurvĂ€ter The Exploited die BĂŒhne und ihre Ansage „Let’s Start A War“ (inspiriert vom 1983er Album der Band) kann dann auch mal gleich als Motto fĂŒr den Auftritt herhalten, denn jetzt geht es hart und kompromisslos zu. Auf sie geht der Spruch „Punk’s Not Dead“ zurĂŒck und dass dieser Ausspruch auch heute noch richtig ist, beweisen nicht nur sie selbst, sondern auch viele andere von dieser Zeit inspirierte Bands. Auch wenn Frontmann Wattie Buchan als vielfach umstritten gilt, hat er seine Die-Hard-Fans noch immer fest im Griff und so wird in den ersten Reihen ordentlich gefeiert, gerockt und gepogt. Zum Set gehörte natĂŒrlich auch „Sex & Violence“ bei dem es ordentlich zur Sache ging und als der Auftritt zu Ende war, brauchten einige verschwitzte Körper sichtlich eine kleine AbkĂŒhlung.

Visage

Und auch der nĂ€chste Act des Tages sorgt fĂŒr einigen GesprĂ€chsstoff und das nicht nur, weil Visage wiederum vollkommen andere Musik machen und ganz anders auftreten als The Exploited. Steve Strange ist ein schwarzer Paradiesvogel und dort oben scheint es durchaus auch mal feuchtfröhlich zuzugehen. Jedenfalls war Steve positiv ausgedrĂŒckt „bester Laune“, redete zum Teil wirklich wirres Zeug und war sichtlich daran interessiert, möglich verrĂŒckt rĂŒberzukommen. Seine Begleitband macht derweil gute Miene zum bösen Spiel und bis auf die gelangweilt wirkende, kimonotragende Schönheit grinsen alle so ĂŒbertrieben, als seien die GlĂŒcksbĂ€rchies in der Stadt. Musikalisch wird Synthiepop mit Danceeinschlag geboten was zunĂ€chst auch durchaus gefĂ€llig ist, spĂ€ter aber immer mehr abbaut und als dann endlich der von vielen ersehnte Hit „Fade To Grey“ gespielt wird, sind die meisten Zuhörer ob der insbesondere bei diesem Song suboptimalen Leistung der Band entsetzt. Das war wohl nichts, zum GlĂŒck kommen nun The Mission und von denen darf man wohl Einiges mehr erwarten.

The Mission

Und dem ist dann auch so, denn The Mission sind zurĂŒck – mal wieder! 2008 hat man sich mit einer ausgiebigen Europatour von all seinen Fans „endgĂŒltig“ verabschiedet, doch zum 25-jĂ€hrigen Bestehen sind sie nun doch wieder da. Los geht es mit „Beyond The Pale“, einem absoluten QualitĂ€tsgaranten und eine sichere Bank wenn man ĂŒberzeugen will. Und das tun sie dann auch bei den folgenden Songs wie „Hands Across The Ocean“ oder „Severina“, bei denen man ganz besonders merkt, dass The Mission das Tempo heute gehörig anziehen. Alle Songs werden deutlich schneller als ĂŒblich gespielt, was vielen durchaus gut zu Gesichte steht, sich bei einigen Songs aber auch eher AtmosphĂ€re tötend auswirkt. Dynamik ist heute das Wichtigste und so reiht sich ohne viele Pausen Track an Track, bis Wayne eine große Ansage macht: „This is probably the best song you are going to hear all day“ und dann setzt „Butterfly On A Wheel“ ein. Bescheidenheit klingt anders, aber der Song ist natĂŒrlich auch wunderschön, hĂ€tte aber mit etwas weniger Tempo wohl noch mehr Wirkung erzielt. Und auch „Wasteland“ wird fast niedergetrĂŒmmert und nur von der Einbeziehung des Publikums gerettet. Bei „Tower Of Strengh“ verpasst Wayne etwas seinen Einsatz und muss erst spĂ€ter wieder zur Band stoßen und wird zum Ende des Songs hin sogar in den Graben hinabzusteigen um seinen Fans ganz nahe zu sein. FĂŒr den umjubelten Abschluss sorgte das ebenfalls enorm schnell gespielte „Deliverance“ und die frenetisch aufgenommene Zugabe „1969“. Insgesamt ein guter, aber in meinen Augen nicht ganz ihr bester Auftritt. Bei manchen Songs wirkte die Beschleunigung tatsĂ€chlich wie ein Jungbrunnen, einige wenige litten dagegen spĂŒrbar darunter. Trotzdem haben wir unseren Spaß und feiern The Mission entsprechend ab.

Diamanda Galas

Zum Feiern ist bei Diamanda‘ Galas Performance hingegen nicht allzu vielen Leuten zu Mute. Mit knapp 15 Minuten VerspĂ€tung begibt sich die Hohepriesterin der Avantgarde an ihr Klavier und prĂ€sentiert in der nĂ€chsten knappen Stunde (inkl. Unterbrechung) die volle Bandbreite ihrer 3,5 Oktaven umfassenden Stimme. Und das ist eine Menge, zu viel fĂŒr die meisten Anwesenden, denn urplötzlich ist der Saal weitestgehend geleert; die VerkaufsstĂ€nde und Fressbuden erfreuen sich hingegen nun großen Zuspruchs. Die hier auf der BĂŒhne dargebotene Kost ist hingegen alles andere als leicht verdaulich und wohl wirklich insbesondere unter kĂŒnstlerischen Aspekten bemerkenswert; Popmusik klingt anders. Es ist wirklich unfassbar, was fĂŒr Töne Diamanda Galas mit ihrer Stimme erzeugen kann und diejenigen die verblieben sind, schwelgen nur so im Dargebotenen, denn Auftritte der Diva sind zudem höchstselten.

Patti Smith & Band

Es folgt die nĂ€chste Frau im Lineup und wieder ist es eine, bei der ich dachte, dass sie die Lager in der Halle spalten wĂŒrde. Doch Patti Smith ist trotz ihrer 65 Jahre sehr fit, weiß mit ihrer ausdrucksstarken Stimme zu gefallen und so ist das Zuschauerecho ĂŒberaus positiv. Ich dachte zuvor, sie wĂŒrde aus diesem eh schon recht heterogenen Lineup hervorstechen, aber das tut sie nicht. Irgendwie passt der Auftritt hier in Belgien -anders als es wohl bei uns der Fall wĂ€re- in den Rahmen und nur wenige Zuschauer verlassen die Halle vorzeitig, das Interesse an Pattis Songs ist wirklich groß. Sie spielt sich durch all ihre Klassiker, die erst kĂŒrzlich auf der Label ĂŒbergreifenden Best Of „Outside Society“ veröffentlicht wurden. Und natĂŒrlich darf neben „Gloria“ und „Ghost Dance“ auch ihr wohl bekanntester Song „Because The Night“ nicht fehlen, den sie auch dem Mann widmet, fĂŒr den er geschrieben wurde: Frank „Sonic“ Smith, ihrem 1994 verstorbenen Ehemann. Viele singen nun mit und der Applaus ist entsprechend groß. 1967 spielte Patti zum ersten Mal in Belgien (BrĂŒssel) und sie widmet den Song „Pissing In A River“ all denen von damals, die genau wie sie und ihre Band noch da sind. Ein wirklich guter Auftritt einer echten Ikone.

Karl Bartos

Der Name Karl Bartos geistert immer wieder durch die Szene, trotzdem wissen viele nicht viel mehr ĂŒber ihn, als dass er mal irgendwann bei Kraftwerk war. Viele Hits der Band sind gerade zwischen 1975-1990 in der Zeit mit Karl Bartos entstanden und dieser blieb der elektrischen Musik auch danach eng verbunden und sorgte mit Projekten wie „Electric Cafe“ (zusammen mit Johnny Marr und Bernard Sumner!!) oder auch Solo fĂŒr weiteres Output. Zum Sinner’s Day ist er mit Matthias Black angereist und beide finden nach Startschwierigkeiten und einem scheinbar nie enden wollenden Intro in Endlosschleife endlich ihren Platz hinter einem langen Tisch. Es folgen „Computer World“ und „The Camera“, bevor mit „The Model“ wohl einer der bekanntesten Kraftwerk-Songs ertönt. Wie schon bei Recoil ist das BĂŒhnenshow-Element auch bei Karl Bartos zu vernachlĂ€ssigen, doch auch hier sorgen interessante Videos fĂŒr etwas Kurzweil und der satte Sound der Kraftwerk-Klassiker bringt das Beste aus der tollen Soundanlage in der Ethias-Arena. Auch wenn das Ganze somit an den gleichen Problemen wie bei Recoil krankt, scheinen die Zuschauer jetzt etwas mehr mitzugehen und begrĂŒĂŸen Songs wie „The Robots“ und „Tour De France“ trotz der unspektakulĂ€ren BĂŒhnenshow mit viel Applaus.

The Cult

Als The Cult die BĂŒhne betreten fĂ€llt zunĂ€chst auf, dass Frontmann Ian Astbury etwas zugelegt hat, seiner Power tut das aber keinen Abbruch und spĂ€testens beim zweiten Song „Spiritwalker“ hat er sein Publikum fest im Griff. Auch wenn seine Ansagen zum Teil ebenfalls etwas wirr sind und lediglich seine Publikumsanimation mit dem „Alabama Song“ (The Doors) wirklich gelungen rĂŒber kommt, ist er innerhalb der Songs voll auf der Höhe und The Cult begeistern ihre Zuschauer mit vielen Klassikern und mit „Embers“ gehört auch ein neuerer Song zum Repertoire der fĂŒnf. Im nĂ€chsten Jahr soll ein neues Album erscheinen, wir sind gespannt. Bis dahin schwelgen wir aber weiter in Erinnerungen und lassen uns von Songs wie „Lil‘ Devil“, „Edie (Ciao Baby)“, „Sweet Soul Sister“ oder „Fire Woman“ durch das Set tragen, bevor es ganz zum Schluss natĂŒrlich ein Wiedersehen mit „She Sells Sanctuary“ gibt und wirklich alle Zuschauer glĂŒcklich drein schauen und sichtlich zufrieden sind.

Front 242

Dass sie dies auch beim letzten Act sein werden, daran hat heute wohl niemand Zweifel, denn fĂŒr den krönenden Abschluss des Sinner’s Day 2011 sorgen die Könige des EBM, die belgischen Lokalmatadoren Front 242. „Shout It Out“ heißt es zu Beginn und das ist es natĂŒrlich auch, was die beiden Frontleute Jean-Luc DeMeyer und Richard “23” Jonckheere immer wieder mit den Lyrics machen, mal alleine, dann wie beim zweiten Song „Body To Body“ auch immer wieder gemeinsam. Wie erhofft haben fast alle Zuschauer in der Halle ausgeharrt um bei diesem Abschluss dabei zu sein und es entwickelt sich eine ordentliche Party in der bombastischen Halle. Neben Hits wie „Headhunter“, „Im Rhythmus Bleiben“ oder „Welcome To Paradise“ darf natĂŒrlich das gerade in den letzten Wochen oft bemĂŒhte „Funkahdafi“ auch nicht fehlen und die Party bleibt so bis zum bitteren Ende im Gange. Dann, um weit nach ein Uhr, ĂŒbergeben die Belgier endgĂŒltig das Zepter an DJ Zebedeus, der die verbliebene Meute noch bis nach drei Uhr mit Klassikern aus der Konserve beglĂŒckt und dann das Licht fĂŒr dieses Jahr ausmacht.

Die Galerie SINNER’S DAY 2011:

Es war wieder einmal ein sehr interessantes Festival mit vielen Extremen und wir freuen uns schon jetzt auf die sicher im nÀchsten Jahr folgende vierte Ausgabe, zu der wir ganz sicher wieder ins benachbarte Ausland reisen werden!